Donnerstag, 26. September 2013

Grenzgänger 3


Die meisten Wohnungen wurden verkauft. Der Mieteraltbestand endgültig rausgekehrt, damit die neuen Besitzer, die von überall her kamen, weiter aufwerten konnten. Viele Häuser wuchsen. Weil ein Penthouse mit Dachgarten und Whirlpool darauf kam, das dann für zwei Millionen verkauft werden konnte. Mischa saß draußen vor seiner Gaststätte, schlürfte Weißwein und wunderte sich über die neuen Gesichter. Und vermisste die alten. Die Neuen grüßten nicht. Die Neuen wunderten sich genauso. Das Wohnzimmer entsprach nicht ihrem Stil. Es passte nicht ins Bild. Denen, die das Wohnzimmer weiterhin besuchten, war klar, sie waren aus dem Bild endgültig herausgefallen. Nur solange sie im Wohnzimmer waren, bemerkten sie es nicht. Sobald sie auf die Straße kamen, waren sie unerwünscht und sahen zu, dass sie so schnell wie möglich verschwanden. Mischa war einer der wenigen, die blieben. Aber auf dem Weg vom Wohnzimmer zu seinem Balkon wurde er zum Fremden. Nur an das Wohnzimmer kamen die Neuen nicht heran. Weil es Mischa gehörte. Dort konnte er machen, was er wollte, genauso wie die Neuen auf den Dachterrassen in ihren Whirlpools. Zumindest dachte Mischa das. Saß mit seiner Schiebermütze auf dem Kopf an einem Tisch, trank Weißweinschorle, empfing seine Gäste und unterhielt sie. Und ahnte nicht, was vor sich ging.
Heute ist Mischa 67 Jahre alt. Sein Balkon ist bepflanzt. Aber nicht von Mischa. Von der Haushälterin des Ehepaars, das in Mischas Wohnung wohnt, weil es sie gekauft hat. Die Rollläden vom Wohnzimmer sind heruntergelassen. Seit Wochen schon. Der Eingang ist versiegelt. Es darf keiner mehr rein. Wenn die Versiegelung aufbricht, weiß die Polizei, dass einer drin war und hat das Recht, denjenigen zu verhaften. So wie Mischa. Den haben sie auch verhaftet. Deswegen wurde das Wohnzimmer versiegelt. Weil es ein Beweisstück ist. Schwer vorstellbar, dass ein ganzes Lokal als Beweisstück dienen soll. Wie will man eine Gaststätte in einer Asservatenkammer unterbringen? Vielleicht ist es auch nur der Tatort, der versiegelt wurde, und ehe der nicht zu Ende untersucht ist, bleibt es eben ein Tatort, den kein Unbefugter betreten darf. Nur dass da schon seit Wochen nichts mehr untersucht wird. Die Untersuchungen sind offiziell längst abgeschlossen. Als sie kamen, war Mischa gerade in ein Gespräch vertieft. Er hat sie nicht kommen sehen. Dann ging alles ganz schnell. Mischa hat sich nicht gewehrt. Sie haben ihm trotzdem die Hände mit Handschellen hinter dem Rücken verbunden. Wir konnten nichts machen. Unsere Personalien wurden aufgenommen, dann mussten wir das Wohnzimmer verlassen. Draußen fuhr Mischa in einer Wanne davon. Man hat nur noch die Schiebermütze hinter der vergitterten Panzerglasscheibe gesehen. Es gab keinen Abschied. Alle haben sich verdrückt. Die Rollläden wurden heruntergelassen und dann versiegelt. Auf der anderen Straßenseite standen die Schaulustigen. Oder sie hingen in den Fenstern, standen auf den Balkonen. Man hörte Korken knallen und den hellen Klang von Champagnerflöten, die aneinanderstießen. Die Neuen, die sich vorbeischoben, hatten plötzlich ein Lächeln auf den Lippen
Jede Woche kommt einer zu Mischa in die Vollzugsanstalt, der unser Wohnzimmer kaufen will. Die Neuen wollen einfach nicht kapieren, dass eine Verurteilung mit anschließender Haftstraße nicht automatisch zum Verlust von Eigentum führt. Ihr Verrat bleibt lediglich ein Teilerfolg. Auf ihrem Bild ist nach wie vor ein Fleck. Mischas Anwalt sagt, sie können den Laden nicht länger unter Verschluss halten. Wenn man Mischa fragt, was daraus werden soll, schiebt er sich die Schiebermütze in die Stirn und sagt nichts. Er sagt überhaupt nie was, wenn man ihn besucht. Ist irgendwoanders mit seinen Gedanken. Schon immer ist Mischa zwischen Welten gewandelt. Nur diesmal kommt er aus der einen nicht mehr raus. Vielleicht lässt er einen deshalb in die andere, die in seinem Kopf, nicht mehr rein. Ich fahre trotzdem jede Woche zu ihm. Irgendwann kommt er zurück, da bin ich sicher.

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