Mittwoch, 25. September 2013

Grenzgänger 2


Als die vom Amt Mischa die Maßnahme Computer verordneten, meinte Mischa nur: Computer kann ich schon. Diese Maßnahme hatte er längst selbst ergriffen. Trotzdem war er dankbar. Weil er so auf die Idee kam, dass man auch andere Maßnahmen für sich selbst ergreifen konnte. Im world-wide-web stieß er schließlich auf den Begriff ‚Entrepreneurship’. Der Gedanke, unabhängig ein Unternehmen zu gründen, gefiel ihm. Angeblich musste man niemanden um Erlaubnis fragen, wenn man das Kapitalrisiko einfach selbst trug. Angeblich benötigte man kaum Startkapital. Wenn die Idee und ihr Design stimmte, konnte man ohne bürokratischen Aufwand einfach loslegen. Mischa fragte sich: Was kann ich anbieten, das besser und günstiger ist als das, was andere anbieten? Wie kann ich mich möglicher Trittbrettfahrer erwehren? Was ist mein Alleinstellungsmerkmal? Mischa konnte besser denken, wenn er dabei rauchte. Besonders gut dachte er, wenn er Haschisch rauchte. Er bevorzugte Zero, die zweite, ungestreckte Siebung des Harzes. Und da kam er auf den Gedanken: Wie kann ich Zero ohne Zwischenlieferanten beziehen? Denn wenn ich direkt von der Quelle beziehe, verbürgt das die Qualität und mindert zugleich den Preis, so dass ich selbst beste Qualität günstig verkaufen kann. Mischa wusste: So denkt ein Entrepreneur. Also gründete Mischa ein Unternehmen, wobei er sich von Anfang an darüber im Klaren war, dass seine Kundschaft überschaubar bleiben musste. Freunde und Freunde von Freunden; Leute, die eine Empfehlung vorzuweisen hatten, oder denen er aufgrund eines Blicks oder ein paar Worten vertraute. Seine Menschenkenntnis würde ihm das erlauben. Wichtig war nur, dass die Konkurrenz nicht auf ihn aufmerksam wurde, denn als Konkurrent verstanden, hatte er keinerlei Überlebenschance. Als das Plastinat eines Entepreneuers in einer Wanderausstellung wollte er nicht enden. Ein Vertrauter organisierte Mischa die entscheidende Reise, deklarierte sie als Erholungsmaßnahme, vermittelte Kontakte. Mischa münzte die Erholungsreise vor Ort unbemerkt in eine Dienstreise um, während der er sich mit einem Produzenten einig wurde und den Transportweg sicherte. Wieder zuhause in seinem Wohnzimmer war klar, er braucht auch keine Bürosoftware oder Verkaufsräume, sofern der Wohnzimmerbetreiber eingeweiht und einverstanden sein würde. Da dieser Betreiber zugleich auch das Haus besaß und somit nicht nur der Vermieter von Mischas Balkon sondern außerdem sein Freund war, stand Mischas Unternehmen nichts mehr im Weg. Niemand verlangte einen Businessplan oder eine Rentabilitätsvorschau oder erklärte Mischas Existenz für nicht gründungsfähig. Das Amt hielt keine weiteren Maßnahmen bereit, weil Mischas Existenz als grundlegend gescheitert galt.
Wer etwas kaufen wollte, ohne Mischa zu kennen, erkannte Mischa an seiner Schiebermütze. Wer etwas kaufen wollte, kam ins Wohnzimmer. Wer nichts davon wusste, bemerkte nichts. Mischa war der Patron der Gaststätte. Er war immer da. Nicht vermittelbar, aber mit eigenem Unternehmen im Nachgrenzland. Dort hielt er Hof. Die Leute setzten sich zu ihm, und Mischa redete mit ihnen. Oder sie redeten mit Mischa. Wie gesagt, er hatte zu allem etwas Gehaltvolles zu sagen. Die Warenübergabe war Teil des Gesprächs, ein Teil der Gestik, der man nichts weiter als die Untermalung eines Gesprächs entnehmen konnte, ganz sicher keinen Tauschhandel. Am Wochenende war der Platz an Mischas Tisch besonders begehrt; seine Gesprächspartner wechselten ununterbrochen. Niemand wunderte sich. Mischa war der Wunderheiler. Die Seele des Wohnzimmers. Und das Wohnzimmer war eine Bastion der Ruhe, die sich der Flut der Veränderungen, die sich draußen abspielten, stand hielt.
Die Häuser fingen an, sich zu verändern. Wohnraum wurde aufgewertet. Das bedeutete, dass viele ihren Wohnraum verlassen mussten, um für andere Platz zu machen, die sich den Wohnraum zu den neuen Konditionen leisten konnten. Nur die Gäste im Wohnzimmer blieben die gleichen, auch wenn sie neuerdings anreisen mussten. Ihre Heimat schrumpfte immer mehr zusammen, bis sie nur noch aus einem Wohnzimmer bestand. Und aus dem Heimatschützer Mischa. Hinter der Theke arbeitete weiterhin Amélie; sie hatte eine 8-jährige Tochter und sonst keine Arbeit. Außerdem Hannes, der war schon immer grau im Gesicht gewesen, und Hendrik, der träumte von einem Motorrad, das zu seiner Kutte passte. Ihnen gab die Heimat Arbeit, sie waren angewiesen auf ihre Heimat, genauso wie Mischas Unternehmen. Nur der Hausbesitzer fand für sich heraus, dass Heimat nicht ortsgebunden sein musste. Er verkaufte das Haus, um die Welt bereisen zu können. Der Käufer hatte eine andere Vorstellung von Heimat. Das Wohnzimmer passte nicht in sein Konzept. Das Wohnzimmer war nicht zeitgemäß, befand er. Mischas Angebote wurden ignoriert. Das Wohnzimmer war Geschichte. Mischa stand zwar immer noch auf seinem Balkon, aber seine Kundschaft stand auf der Straße, genau wie Amélie, Hannes und Hendrik. Das konnte Mischa nicht zulassen, nicht nur, weil ihm diese Entwicklung überhaupt nicht gefiel, sondern weil sie auch den Unterhalt seines Balkons gefährdete. Mischa entschloss sich, seine Fähigkeiten als Entrepreneur für ein Social Business einzusetzen. Er investierte die Gewinne seines Unternehmens und kaufte ein gerade freigeräumtes Lokal ein paar Häuser weiter. Das Wohnzimmer wurde umgesiedelt, ohne die gewohnte Umgebung verlassen zu müssen. Amélie, Hendrik und Hannes blieben fortbildende Maßnahmen erspart. Mischa konnte weiter als Gesprächspartner dienen. Nur Mischa wusste, wie schmal der Grat war, auf dem er wandelte. Dass er doch noch anfing, über einem Abgrund zu balancieren. Das Wohnzimmer allein trug sich nicht. Er konnte seiner Verantwortung für die Gäste und das Personal nur  gerecht werden, solange sein Unternehmen erfolgreich blieb. Niemand war in der Lage, diese Verantwortung zu teilen. Wahrscheinlich wollte es auch niemand. Es war einfacher, sich auf Mischa zu verlassen und alles andere zu verdrängen. Zunächst lief es gut. Ziemlich lange lief das so. Dann kam die zweite Welle. Mit der hatte niemand gerechnet. Selbst Mischa nicht. (Fortsetzung folgt)

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