Dienstag, 24. September 2013

Grenzgänger 1


‚Mischa’ nennen ihn alle. Früher hat er auf die Grenze gespuckt. Beim Erde umgraben. Oder beim Pflanzensetzen. Mischa war Landschaftsgärtner bevor die Grenze überflüssig wurde. Mischa spuckte nicht länger auf die Grenze, aber Landschaftsgärtner war er auch keiner mehr. Hat sich verändert, die Landschaft. Ohne Grenze gab’s keinen Bedarf mehr für Gärtner von drüben. Von drüben war man immer noch, auch ohne Garten, ohne Grenze. Mischa stand auf seinem Balkon, hat auf die Straße runtergeguckt und sich gefragt, was er jetzt machen soll. Ob er aufs Balkongeländer steigen und darauf balancieren soll. Er hat sich gefragt, ob das auch zwei Welten sind, die zwei Seiten, auf die er fallen konnte. Sein Balkon und die Welt darunter, die Straße, auf der dann irgendetwas zu Ende gegangen wäre. Etwas, das sein Leben war, wahrscheinlich. Mischa hatte keine Lust über einem Abgrund zu balancieren. Mischa stand einfach so auf seinem Balkon, hat sich aufs Geländer gestützt, Weißweinschorle geschlürft, sich Kippen gedreht, eine nach der anderen geraucht und dabei nachgedacht. Mit der Schiebermütze auf dem Kopf. Die hat er damals schon immer aufgehabt. Die Schiebermütze.
Auf der Straße unter mir ist irgendwas anders, dachte Mischa. Da waren jetzt viele, für die er einer von drüben war. Zogen umher und besetzten die Erdgeschosse, um darin zu feiern. Wenn jemand kam, um auf sein Besitzrecht zu pochen, zogen sie weiter ins nächste. Das Erdgeschoss von Mischas Haus konnten sie nicht besetzen. Da gab es schon Gastronomie. Die war schon zu Grenzzeiten legal gewesen und blieb es auch danach. Für Mischa und die Leute aus dem Kiez war das Lokal ein Wohnzimmer. Mischas Platz war auf einem Hocker an der Theke oder in einem der Sessel am Fenster. Es gab auch Sofas und Stühle, Schach, Zeitschriften und Bücher. Außerdem wurde jeden Tag ein Tagesgericht gekocht. Gulasch oder Nudeln oder Kohlrouladen. Man konnte schon mittags Bier oder Kaffee trinken und neuerdings von den Tischen auf dem Gehweg aus Touristen gucken. Mischa mochte Perspektivwechsel. Er wanderte zwischen Balkon und Wohnzimmer hin und her.
Irgendwann standen auf der Straße die ersten Umzugswagen. Und Bauschuttcontainer. Für Mischa gab’s Maßnahmen. Niemanden interessierte es, dass Mischa noch weiter nachdenken wollte. Dass er die Veränderungen seiner vertrauten Umgebung von seinem Balkon aus kartografierte. Für Mischa hieß es: runter von dem Balkon, ab in die Chemie. Die erste Maßnahme sah seinen Einsatz in einer Chemiefabrik vor. Mischa musste nach Spandau raus, jeden morgen erst Straßenbahn und dann mit der Stadtbahn in den Westen raus. Da haben sie Polyesterharze produziert. Mischa hat sie nie zu sehen bekommen, aber gerochen hat er sie. Brauchte man für Lacke, die Harze. Und für die Griffe von Bügeleisen oder Kochtöpfen. Mischa konnte keinen Topf mit Kunststoffgriffen mehr sehen, ohne zu denken: Das bin ich. Dabei war er nur Hilfsarbeiter. Einer von drüben. Abends an der Theke vom Wohnzimmer war er wieder einer von hier, also von dort, wo er hingehörte. Aber den Geruch von drüben, den wurde er nicht los. Die Polyesterharze. Einer erzählte ihm, dass man damit auch Leichen präparieren konnte. Die Harze zur Konservierung statt Wasser in die Körper füllte. Und dass so die Körper dann ausgestellt werden konnten. Also die Leichen. Damit jeder sehen konnte, wie ein Körper von innen aussieht, also in echt. Die Chemiemaßnahme griff bei Mischa nicht länger. Lieber überlegte er, ob er seinen Balkon bepflanzen sollte. Stattdessen schickten sie ihn aber in den Tierpark Ost. Schließlich war er ja Gärtner. Im Tierpark gab es genug Grünflächen, um die man sich kümmern musste. Mischa fuhr jeden morgen mit der Stadtbahn raus nach Friedrichsfelde. Musste immer an Plastination denken, wenn er die Tiere sah. Wie ein Nashorn oder ein Flamingo wohl aussehen würden, von innen, wenn einer Polyesterharz in sie hineinfüllte. Als er noch an einer Grenze entlanggegärtnert hatte, war sich Mischa nie bewusst gewesen, dass man sich Tiere wie im Museum angucken kann, auch wenn die Tiere noch leben. Wenn man nicht zu den Tieren reisen konnte, mussten die Tiere eben rangeschafft werden. Und damit sie blieben, wurden sie eingezäunt. Wie Mischa früher. Jetzt war die Grenze weg, aber die Leute kamen erst recht, um einen anzustarren. Mischa kam nicht damit zurecht, mit den Freiflächen zwischen den Käfigen, mit dieser Exillandschaft, die er zum Vergnügen anderer zu bewirtschaften hatte. Auch diese Maßnahme musste abgebrochen werden. Mischa landete wieder auf seinem Balkon, ging runter ins Wohnzimmer, setzte sich an die Theke und bestellte eine Weißweinschorle. Er drehte sich eine Zigarette und rauchte, die Schiebermütze tief in die Stirn geschoben. Um ihn herum saßen Studenten, Malermeister und Elektroinstallateure. Kartenabreißer aus dem Theater und Journalisten, die selbst eine Maßnahme ergriffen und anfingen, ihre Memoiren zu dichten. Mischa kannte alle. Und alle kannten Mischa, weil Mischa immer da war. Und sich alles anhörte, was man ihm erzählte. Und auch zu allem etwas zu sagen hatte. Sachen, auf die kein anderer je gekommen wäre. Niemand wusste, wie alt Mischa war. Aber alle hielten ihn für weise. Die Schiebermütze verdeckte seine grauen Haare. (Fortsetzung folgt)

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