Montag, 5. August 2013

Wu Tang Prism – Teil 2: Gysis Akte


Wir wussten, dass Gysi es über Interpol probieren würde. Seit gestern verbreiten sie die Terrorwarnung, die er aufgesetzt hat. Früher war Gysi intelligent. Jetzt agiert er so dumpf wie alle anderen. In dem Moment, wo ihre Spähprogramme auffliegen, rechtfertigen sie sich mit tödlicher Gefahr. Wenn nichts mehr hilft, hilft Terror. Die Angst. Lieber sicher überwacht, als hinterrücks kaputtgebombt, denken sie. Sie kapieren nicht, dass wir aufgehört haben, wie sie zu denken. Gysi vertraut trotzdem auf Interpol. Ihm bleibt keine Wahl. Wu Tang ortet das Fahrzeug, in dem sie Gysi die Windeln wechseln. Viktor meint, wenn ein Verräter verraten wird, verreckt zuerst sein Instinkt. Noch zehn Minuten bis zum Kontakt. Die Jungs sind angespannt. Sechs der Häftlinge aus dem al-Qaida-Netzwerk, denen NSA und Interpol die Flucht ermöglicht haben, warten am vereinbarten Treffpunkt in einem Hummer, der auf Gysis Namen zugelassen ist. Wu Tang leiht mir seinen Feldstecher. Keine Ahnung, ob er mein Zittern bemerkt. Es ist nicht wegen Gysi, der Akte, oder den al-Qaida-Häftlingen. Es ist wegen Viktor und Wu Tang. Wegen der Entscheidung, die ich treffen muss, sobald das hier vorbei ist.
Die Jungs geben das Zeichen. Es geht los. Gysis Limousine erreicht den Parkplatz hinter einer Tankstelle nahe der polnischen Grenze. Einer der Leibwächter gehörte schon früher zu Gysis Gefolgsleuten. Ganz alter Kader, bestimmt nicht mehr der Schnellste. Gysi ist jetzt schon leichenblass. Der Typ neben ihm ist irgendein Laufbursche von Interpol. Er deutet auf den Hummer, denkt, ich sitze da drin. Die Jungs nehmen die Tasche von Gysi in Empfang und treten den Rückzug an. Der Hummer rollt auf Gysi und sein Gefolge zu. Viktor gabelt die Jungs auf, als dem Bubi von Interpol endlich auffällt, dass sie verschwunden sind. Gysi läuft rot an. Drei Vermummte springen aus dem Hummer und eröffnen das Feuer. Dem Kader versagen, wie erwartet, die Reflexe. Wu Tang drückt den Zünder. Irgendwo in Polen fliegt eine Tankstelle in die Luft. Ich knipse Erinnerungsfotos. Viktor meldet sich. „Fette Beute.“, sagt er. Ich will, dass er den Jungs sagt, wie zufrieden ich bin. Dass sie den Rest des Tages frei haben. „Was ist mit mir?“, fragt Viktor. „Heute abend, zwanzig Uhr in der Villa.“ „Und Wu Tang?“ „Er wird auch da sein.“ Ich beende das Gespräch. Viktor hat die Beute, außerdem Gysis Akte, er könnte gehen. Ich würde ihn nicht daran hindern. Keine Ahnung, ob er das weiß. Ob er es darauf ankommen lässt.
Punkt Acht taucht Viktor in der Villa auf, mit Gysis Tasche und der Akte. „Hast du gedacht, ich setze mich ab?“ Er grinst. Wu Tang reagiert nicht. Wir haben ein Fabrikgebäude getunt. In der zweiten Etage des Seitenflügels sind die Arbeitsräume. Mein Loft befindet sich im obersten Stock des Hinterhauses. Alles andere, auch im Vorderhaus, ist Wohnraum, der beleuchtet und belebt wird, ohne dass einer darin wohnt. Sieht man von den Jungs ab, und von Viktor. Keiner von uns weiß, wo Wu Tang wohnt. ‚Villa’ nennen wir mein Loft; der ganze Komplex ist die Festung. Von außen betrachtet erweckt nichts irgendeinen Verdacht. Alles, was sich im Inneren abspielt, bleibt verborgen, doch uns entgeht nichts von dem, was draußen vor sich geht.
Wu Tang und Viktor sitzen sich gegenüber. Nichts trennt sie. Ich schließe die Augen. Noch hoffe ich, keinen der beiden aufgeben zu müssen. Täusche ich mich in einem von ihnen, oder in beiden, bin ich so gut wie tot. Plötzlich wünschte ich, die Jungs wären hier. Es würde nichts ändern. Ich öffne Gysis Tasche. Es sind mehr als 5 Millionen drin. So viel ist ihm seine Vergangenheit also wert. Wu Tang reicht Viktor die Hand. Ich habe mich ablenken lassen. Was habe ich versäumt? (Fortsetzung folgt)

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