Sonntag, 4. August 2013

Wu Tang Prism – Teil 1: Seehofers Fall


Der Typ sitzt vor mir, zwischen uns mein Tisch. Er merkt nicht, dass die Kameras ihn scannen. Die Jungs in seinem Rücken halten still. Ich seh’s auf dem Bildschirm. Er reibt den Siegelring, den er am kleinen Finger trägt. Aus der Brusttasche seines Jacketts holt er einen stinknormalen Kugelschreiber. Der Typ schwitzt. Etwas stimmt nicht mit dem Ring oder dem Kugelschreiber. Ich sage, ich werde über sein Angebot nachdenken. Er ist nur der Bote. Er legt den Kugelschreiber auf den Tisch und sagt: „Das ist die Nummer.“ Ich sage, er soll draußen warten. Die Jungs begleiten ihn. Der Kuli bleibt auf dem Tisch liegen. Er ist sauber, meint Viktor. Ich zeige ihm die Bilder. Viktor zuckt nur mit den Schultern. Ich will, dass er diese verschissene Nummer anruft und den Wagen da klarmacht. Eine halbe Stunde später steht ein 500er SL im Hof. Es dauert keine drei Minuten, bis die Jungs das Paket entdeckt haben. Sie wissen nicht, wie die Scheiße zündet. „Du hattest recht.“, meint Viktor. Keine Ahnung, ob das eine Entschuldigung sein soll. Die Jungs wollen wissen, was sie jetzt machen sollen. Wir müssen das Paket entsorgen. Danach kümmern wir uns um den Absender. Er wird enttäuscht sein, nehme ich an.
Es sind nicht viele, die aus der Kirche kommen. Seehofer ist einer der letzten. Seine Frau ist dabei. Keine Ahnung, was für einen Deal sie am Laufen haben. Wenn er sie zum Kirchgang begleitet, darf er – was glaubst du, was du ihm erlaubst, du Blindschleiche? Wu Tang sitzt neben mir. Er war dagegen, dass ich mitkomme. Seehofer übergibt seine Alte an die Security. Niemand bemerkt Wu Tang. Ich seh’s an Seehofers Augen. Die Überraschung. Das Selbstmitleid. Er weiß sofort bescheid. Er kann nichts dagegen tun. Niemand hilft ihm. Unsere Blicke treffen sich. In dem Moment sackt er zusammen. Es ist der Pfarrer, der ihn auffängt. Ein schönes Bild. Lautlos entfernt Wu Tang uns daraus. Keine Ahnung, wann wir uns zuerst begegnet sind. Das beunruhigt mich immer wieder. Dass er Zugriff auf meine Erinnerungen hat. Dass er selbst bei mir darauf bedacht ist, seine Spuren zu verwischen.
Viktor ruft Gysi an und wiegt ihn in Sicherheit. Gysi ist zu lange im Geschäft, um sich auf Viktor zu verlassen, aber er hat keine Wahl. Gysi brüllt rum. Er besteht darauf, mich endlich persönlich zu treffen. Die Jungs hören zu und sind kurz davor, die Leitung auseinanderzunehmen. Viktor hält Gysi hin. Wu Tang bringt mir seine Akte aus dem Safe. Ich schlage sie blind auf. Viktor wirft eine kurzen Blick darauf, grinst, und liefert Gysi ein Stichwort. Wu Tang schließt die Akte wieder weg. Gysi hat aufgehört zu brüllen. Kurz bevor man fürchten könnte, er hätte auch aufgehört zu atmen, teilt Viktor ihm mit, dass ich nun bereit sei, ihn zu treffen. Gysi schluckt den Köder. Wenn du Angst hast, machst du Fehler, egal, wie lange du schon im Geschäft bist. Viktor sagt: „Morgen.“ Er gibt den Jungs ein Zeichen, und sie machen sich los, um alles vorzubereiten. Viktor wartet darauf, dass ich noch irgendwas sage. Ich sage, dass er gehen kann. Dass Wu Tang mich nach Hause bringt. Nur ich kann aus Viktor die Zweifel herauslesen. Er traut Wu Tang nicht. Nie würde er zugeben, dass in Wirklichkeit ich es bin, an dem er zweifelt. Sobald die Sache mit Gysi gelaufen ist, werden wir das klären müssen. (Fortsetzung folgt)

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