Donnerstag, 10. Oktober 2013

Die Jagdtrophäen von Wladimir Putin – Teil 4: Schnullerschwänze


Wladimir Putin hörte das Rauschen des Flusses, aber er konnte nichts sehen. Der Bär trieb auf die Stromschnellen zu. Der Gestank der Gedärme machte Wladimir Wladimirowitsch Putin bewusst, dass er im Inneren des Bären steckte. Rita musste ihn hineingestopft und dann die Bauchdecke des Bären zugenäht haben. Putin schrie und übergab sich. So hatte er sich seinen Tod nicht vorgestellt. Er hatte sich seinen Tod überhaupt nie vorgestellt. Владимир Владимирович Путин wollte nicht sterben. Er musste einfach ewig sein. Das Fettgewebe fing die Stöße der Stromschnellen ab, zwischen denen sein Bären-U-Boot hin und hergeschleudert wurde. Wladimir versuchte, bei Bewusstsein zu bleiben. Das Tosen verhieß nichts Gutes. Ein Wasserfall. Die Haut des Bären würde beim Aufprall zerplatzen und dann – war er entweder frei oder das Unvorstellbare würde eintreten. Wer war diese Frau? Rita. Ihr hatte er seine chronische Analfissur zu verdanken. Regelmäßig musste das vernarbende Gewebe operativ entfernt werden. Bei jedem Schnitt dachte Waldimir Waldimirowitsch an Rita. Sie war die letzte, die er mit einem Umschnalldildo an sich herangelassen hatte. Er wollte dieses Gefühl einfach nicht vergessen, auch wenn er die Frau vergessen hatte, Rita. Und nun war sie wieder da, hatte ihn in vor einem Bären beschützt und dann .... wo waren seine Jungs gewesen? Putin bemühte sich, nicht an dem Gemisch von Kotze und Innereien zu ersticken, bevor er den Wasserfall hinunterstürzte. Er wimmerte, dachte an dicke, fette, unberührte Schwänze. Die benutzte er gern als Schnuller, wenn er nicht mehr weiter wusste. Dimitri Borodin hatte sie ihm besorgt. Sie durften allerdings nie älter als vierzehn sein. Putin verlieh Dimitri Borodin den diplomatischen Status, sorgte also für seine Immunität und schickte Borodin dann vornehmlich durch Europa auf Rekrutierungsreise. Der Bär stürzte mit Putin in die Tiefe und in Wladimir Waldimirowitsch hallte das höhnische Gelächter nach, das sein Blumenimportverbot verursacht hatte. Was war nur aus ihm geworden? Adrenalin kochte auf. Borodin spielte mit 5-Jährigen, die Holländer verletzten seine Immunität. Das hatte er nicht ignorieren können. Wladimir Putin schrie auf. Es durften keine Blumen mehr aus Holland importiert werden. War ihm wirklich nichts anderes dazu eingefallen? Blumen? Der Bär traf auf; die Bauchdecke zersprengte. Waldimir Wladimirowitsch wurde aus dem Leichnam herausgeschleudert. Immer noch angetrieben vom Adrenalin, das er den Gedanken an den Genossen Borodin verdankte, köpperte Putin unter dem Wasserfall ins Auffangbecken, tat ein paar Züge unter Wasser, tauchte auf und zog sich völlig erschöpft ans Ufer. „Ich bin in Sicherheit.“, dachte er. Duke konnte es in seinem Gesicht lesen. Soll er sich in Sicherheit wiegen, dachte Duke. Verbissen versuchte Rita, Dukes Verband zu wechseln, während Владимир Владимирович Путин sich zu vergewissern suchte, ob seine Eier noch vorhanden waren. Er verlangte nach seinen Leibwächtern, doch niemand ließ sich blicken. Wenigstens seine Eier waren noch da, auch wenn Wladimir Wladimirowitsch keine Ahnung hatte, was er, ganz auf sich allein gestellt, mit ihnen anfangen sollte. (Fortsetzung folgt) 

Donnerstag, 26. September 2013

Grenzgänger 3


Die meisten Wohnungen wurden verkauft. Der Mieteraltbestand endgültig rausgekehrt, damit die neuen Besitzer, die von überall her kamen, weiter aufwerten konnten. Viele Häuser wuchsen. Weil ein Penthouse mit Dachgarten und Whirlpool darauf kam, das dann für zwei Millionen verkauft werden konnte. Mischa saß draußen vor seiner Gaststätte, schlürfte Weißwein und wunderte sich über die neuen Gesichter. Und vermisste die alten. Die Neuen grüßten nicht. Die Neuen wunderten sich genauso. Das Wohnzimmer entsprach nicht ihrem Stil. Es passte nicht ins Bild. Denen, die das Wohnzimmer weiterhin besuchten, war klar, sie waren aus dem Bild endgültig herausgefallen. Nur solange sie im Wohnzimmer waren, bemerkten sie es nicht. Sobald sie auf die Straße kamen, waren sie unerwünscht und sahen zu, dass sie so schnell wie möglich verschwanden. Mischa war einer der wenigen, die blieben. Aber auf dem Weg vom Wohnzimmer zu seinem Balkon wurde er zum Fremden. Nur an das Wohnzimmer kamen die Neuen nicht heran. Weil es Mischa gehörte. Dort konnte er machen, was er wollte, genauso wie die Neuen auf den Dachterrassen in ihren Whirlpools. Zumindest dachte Mischa das. Saß mit seiner Schiebermütze auf dem Kopf an einem Tisch, trank Weißweinschorle, empfing seine Gäste und unterhielt sie. Und ahnte nicht, was vor sich ging.
Heute ist Mischa 67 Jahre alt. Sein Balkon ist bepflanzt. Aber nicht von Mischa. Von der Haushälterin des Ehepaars, das in Mischas Wohnung wohnt, weil es sie gekauft hat. Die Rollläden vom Wohnzimmer sind heruntergelassen. Seit Wochen schon. Der Eingang ist versiegelt. Es darf keiner mehr rein. Wenn die Versiegelung aufbricht, weiß die Polizei, dass einer drin war und hat das Recht, denjenigen zu verhaften. So wie Mischa. Den haben sie auch verhaftet. Deswegen wurde das Wohnzimmer versiegelt. Weil es ein Beweisstück ist. Schwer vorstellbar, dass ein ganzes Lokal als Beweisstück dienen soll. Wie will man eine Gaststätte in einer Asservatenkammer unterbringen? Vielleicht ist es auch nur der Tatort, der versiegelt wurde, und ehe der nicht zu Ende untersucht ist, bleibt es eben ein Tatort, den kein Unbefugter betreten darf. Nur dass da schon seit Wochen nichts mehr untersucht wird. Die Untersuchungen sind offiziell längst abgeschlossen. Als sie kamen, war Mischa gerade in ein Gespräch vertieft. Er hat sie nicht kommen sehen. Dann ging alles ganz schnell. Mischa hat sich nicht gewehrt. Sie haben ihm trotzdem die Hände mit Handschellen hinter dem Rücken verbunden. Wir konnten nichts machen. Unsere Personalien wurden aufgenommen, dann mussten wir das Wohnzimmer verlassen. Draußen fuhr Mischa in einer Wanne davon. Man hat nur noch die Schiebermütze hinter der vergitterten Panzerglasscheibe gesehen. Es gab keinen Abschied. Alle haben sich verdrückt. Die Rollläden wurden heruntergelassen und dann versiegelt. Auf der anderen Straßenseite standen die Schaulustigen. Oder sie hingen in den Fenstern, standen auf den Balkonen. Man hörte Korken knallen und den hellen Klang von Champagnerflöten, die aneinanderstießen. Die Neuen, die sich vorbeischoben, hatten plötzlich ein Lächeln auf den Lippen
Jede Woche kommt einer zu Mischa in die Vollzugsanstalt, der unser Wohnzimmer kaufen will. Die Neuen wollen einfach nicht kapieren, dass eine Verurteilung mit anschließender Haftstraße nicht automatisch zum Verlust von Eigentum führt. Ihr Verrat bleibt lediglich ein Teilerfolg. Auf ihrem Bild ist nach wie vor ein Fleck. Mischas Anwalt sagt, sie können den Laden nicht länger unter Verschluss halten. Wenn man Mischa fragt, was daraus werden soll, schiebt er sich die Schiebermütze in die Stirn und sagt nichts. Er sagt überhaupt nie was, wenn man ihn besucht. Ist irgendwoanders mit seinen Gedanken. Schon immer ist Mischa zwischen Welten gewandelt. Nur diesmal kommt er aus der einen nicht mehr raus. Vielleicht lässt er einen deshalb in die andere, die in seinem Kopf, nicht mehr rein. Ich fahre trotzdem jede Woche zu ihm. Irgendwann kommt er zurück, da bin ich sicher.

Mittwoch, 25. September 2013

Grenzgänger 2


Als die vom Amt Mischa die Maßnahme Computer verordneten, meinte Mischa nur: Computer kann ich schon. Diese Maßnahme hatte er längst selbst ergriffen. Trotzdem war er dankbar. Weil er so auf die Idee kam, dass man auch andere Maßnahmen für sich selbst ergreifen konnte. Im world-wide-web stieß er schließlich auf den Begriff ‚Entrepreneurship’. Der Gedanke, unabhängig ein Unternehmen zu gründen, gefiel ihm. Angeblich musste man niemanden um Erlaubnis fragen, wenn man das Kapitalrisiko einfach selbst trug. Angeblich benötigte man kaum Startkapital. Wenn die Idee und ihr Design stimmte, konnte man ohne bürokratischen Aufwand einfach loslegen. Mischa fragte sich: Was kann ich anbieten, das besser und günstiger ist als das, was andere anbieten? Wie kann ich mich möglicher Trittbrettfahrer erwehren? Was ist mein Alleinstellungsmerkmal? Mischa konnte besser denken, wenn er dabei rauchte. Besonders gut dachte er, wenn er Haschisch rauchte. Er bevorzugte Zero, die zweite, ungestreckte Siebung des Harzes. Und da kam er auf den Gedanken: Wie kann ich Zero ohne Zwischenlieferanten beziehen? Denn wenn ich direkt von der Quelle beziehe, verbürgt das die Qualität und mindert zugleich den Preis, so dass ich selbst beste Qualität günstig verkaufen kann. Mischa wusste: So denkt ein Entrepreneur. Also gründete Mischa ein Unternehmen, wobei er sich von Anfang an darüber im Klaren war, dass seine Kundschaft überschaubar bleiben musste. Freunde und Freunde von Freunden; Leute, die eine Empfehlung vorzuweisen hatten, oder denen er aufgrund eines Blicks oder ein paar Worten vertraute. Seine Menschenkenntnis würde ihm das erlauben. Wichtig war nur, dass die Konkurrenz nicht auf ihn aufmerksam wurde, denn als Konkurrent verstanden, hatte er keinerlei Überlebenschance. Als das Plastinat eines Entepreneuers in einer Wanderausstellung wollte er nicht enden. Ein Vertrauter organisierte Mischa die entscheidende Reise, deklarierte sie als Erholungsmaßnahme, vermittelte Kontakte. Mischa münzte die Erholungsreise vor Ort unbemerkt in eine Dienstreise um, während der er sich mit einem Produzenten einig wurde und den Transportweg sicherte. Wieder zuhause in seinem Wohnzimmer war klar, er braucht auch keine Bürosoftware oder Verkaufsräume, sofern der Wohnzimmerbetreiber eingeweiht und einverstanden sein würde. Da dieser Betreiber zugleich auch das Haus besaß und somit nicht nur der Vermieter von Mischas Balkon sondern außerdem sein Freund war, stand Mischas Unternehmen nichts mehr im Weg. Niemand verlangte einen Businessplan oder eine Rentabilitätsvorschau oder erklärte Mischas Existenz für nicht gründungsfähig. Das Amt hielt keine weiteren Maßnahmen bereit, weil Mischas Existenz als grundlegend gescheitert galt.
Wer etwas kaufen wollte, ohne Mischa zu kennen, erkannte Mischa an seiner Schiebermütze. Wer etwas kaufen wollte, kam ins Wohnzimmer. Wer nichts davon wusste, bemerkte nichts. Mischa war der Patron der Gaststätte. Er war immer da. Nicht vermittelbar, aber mit eigenem Unternehmen im Nachgrenzland. Dort hielt er Hof. Die Leute setzten sich zu ihm, und Mischa redete mit ihnen. Oder sie redeten mit Mischa. Wie gesagt, er hatte zu allem etwas Gehaltvolles zu sagen. Die Warenübergabe war Teil des Gesprächs, ein Teil der Gestik, der man nichts weiter als die Untermalung eines Gesprächs entnehmen konnte, ganz sicher keinen Tauschhandel. Am Wochenende war der Platz an Mischas Tisch besonders begehrt; seine Gesprächspartner wechselten ununterbrochen. Niemand wunderte sich. Mischa war der Wunderheiler. Die Seele des Wohnzimmers. Und das Wohnzimmer war eine Bastion der Ruhe, die sich der Flut der Veränderungen, die sich draußen abspielten, stand hielt.
Die Häuser fingen an, sich zu verändern. Wohnraum wurde aufgewertet. Das bedeutete, dass viele ihren Wohnraum verlassen mussten, um für andere Platz zu machen, die sich den Wohnraum zu den neuen Konditionen leisten konnten. Nur die Gäste im Wohnzimmer blieben die gleichen, auch wenn sie neuerdings anreisen mussten. Ihre Heimat schrumpfte immer mehr zusammen, bis sie nur noch aus einem Wohnzimmer bestand. Und aus dem Heimatschützer Mischa. Hinter der Theke arbeitete weiterhin Amélie; sie hatte eine 8-jährige Tochter und sonst keine Arbeit. Außerdem Hannes, der war schon immer grau im Gesicht gewesen, und Hendrik, der träumte von einem Motorrad, das zu seiner Kutte passte. Ihnen gab die Heimat Arbeit, sie waren angewiesen auf ihre Heimat, genauso wie Mischas Unternehmen. Nur der Hausbesitzer fand für sich heraus, dass Heimat nicht ortsgebunden sein musste. Er verkaufte das Haus, um die Welt bereisen zu können. Der Käufer hatte eine andere Vorstellung von Heimat. Das Wohnzimmer passte nicht in sein Konzept. Das Wohnzimmer war nicht zeitgemäß, befand er. Mischas Angebote wurden ignoriert. Das Wohnzimmer war Geschichte. Mischa stand zwar immer noch auf seinem Balkon, aber seine Kundschaft stand auf der Straße, genau wie Amélie, Hannes und Hendrik. Das konnte Mischa nicht zulassen, nicht nur, weil ihm diese Entwicklung überhaupt nicht gefiel, sondern weil sie auch den Unterhalt seines Balkons gefährdete. Mischa entschloss sich, seine Fähigkeiten als Entrepreneur für ein Social Business einzusetzen. Er investierte die Gewinne seines Unternehmens und kaufte ein gerade freigeräumtes Lokal ein paar Häuser weiter. Das Wohnzimmer wurde umgesiedelt, ohne die gewohnte Umgebung verlassen zu müssen. Amélie, Hendrik und Hannes blieben fortbildende Maßnahmen erspart. Mischa konnte weiter als Gesprächspartner dienen. Nur Mischa wusste, wie schmal der Grat war, auf dem er wandelte. Dass er doch noch anfing, über einem Abgrund zu balancieren. Das Wohnzimmer allein trug sich nicht. Er konnte seiner Verantwortung für die Gäste und das Personal nur  gerecht werden, solange sein Unternehmen erfolgreich blieb. Niemand war in der Lage, diese Verantwortung zu teilen. Wahrscheinlich wollte es auch niemand. Es war einfacher, sich auf Mischa zu verlassen und alles andere zu verdrängen. Zunächst lief es gut. Ziemlich lange lief das so. Dann kam die zweite Welle. Mit der hatte niemand gerechnet. Selbst Mischa nicht. (Fortsetzung folgt)

Dienstag, 24. September 2013

Grenzgänger 1


‚Mischa’ nennen ihn alle. Früher hat er auf die Grenze gespuckt. Beim Erde umgraben. Oder beim Pflanzensetzen. Mischa war Landschaftsgärtner bevor die Grenze überflüssig wurde. Mischa spuckte nicht länger auf die Grenze, aber Landschaftsgärtner war er auch keiner mehr. Hat sich verändert, die Landschaft. Ohne Grenze gab’s keinen Bedarf mehr für Gärtner von drüben. Von drüben war man immer noch, auch ohne Garten, ohne Grenze. Mischa stand auf seinem Balkon, hat auf die Straße runtergeguckt und sich gefragt, was er jetzt machen soll. Ob er aufs Balkongeländer steigen und darauf balancieren soll. Er hat sich gefragt, ob das auch zwei Welten sind, die zwei Seiten, auf die er fallen konnte. Sein Balkon und die Welt darunter, die Straße, auf der dann irgendetwas zu Ende gegangen wäre. Etwas, das sein Leben war, wahrscheinlich. Mischa hatte keine Lust über einem Abgrund zu balancieren. Mischa stand einfach so auf seinem Balkon, hat sich aufs Geländer gestützt, Weißweinschorle geschlürft, sich Kippen gedreht, eine nach der anderen geraucht und dabei nachgedacht. Mit der Schiebermütze auf dem Kopf. Die hat er damals schon immer aufgehabt. Die Schiebermütze.
Auf der Straße unter mir ist irgendwas anders, dachte Mischa. Da waren jetzt viele, für die er einer von drüben war. Zogen umher und besetzten die Erdgeschosse, um darin zu feiern. Wenn jemand kam, um auf sein Besitzrecht zu pochen, zogen sie weiter ins nächste. Das Erdgeschoss von Mischas Haus konnten sie nicht besetzen. Da gab es schon Gastronomie. Die war schon zu Grenzzeiten legal gewesen und blieb es auch danach. Für Mischa und die Leute aus dem Kiez war das Lokal ein Wohnzimmer. Mischas Platz war auf einem Hocker an der Theke oder in einem der Sessel am Fenster. Es gab auch Sofas und Stühle, Schach, Zeitschriften und Bücher. Außerdem wurde jeden Tag ein Tagesgericht gekocht. Gulasch oder Nudeln oder Kohlrouladen. Man konnte schon mittags Bier oder Kaffee trinken und neuerdings von den Tischen auf dem Gehweg aus Touristen gucken. Mischa mochte Perspektivwechsel. Er wanderte zwischen Balkon und Wohnzimmer hin und her.
Irgendwann standen auf der Straße die ersten Umzugswagen. Und Bauschuttcontainer. Für Mischa gab’s Maßnahmen. Niemanden interessierte es, dass Mischa noch weiter nachdenken wollte. Dass er die Veränderungen seiner vertrauten Umgebung von seinem Balkon aus kartografierte. Für Mischa hieß es: runter von dem Balkon, ab in die Chemie. Die erste Maßnahme sah seinen Einsatz in einer Chemiefabrik vor. Mischa musste nach Spandau raus, jeden morgen erst Straßenbahn und dann mit der Stadtbahn in den Westen raus. Da haben sie Polyesterharze produziert. Mischa hat sie nie zu sehen bekommen, aber gerochen hat er sie. Brauchte man für Lacke, die Harze. Und für die Griffe von Bügeleisen oder Kochtöpfen. Mischa konnte keinen Topf mit Kunststoffgriffen mehr sehen, ohne zu denken: Das bin ich. Dabei war er nur Hilfsarbeiter. Einer von drüben. Abends an der Theke vom Wohnzimmer war er wieder einer von hier, also von dort, wo er hingehörte. Aber den Geruch von drüben, den wurde er nicht los. Die Polyesterharze. Einer erzählte ihm, dass man damit auch Leichen präparieren konnte. Die Harze zur Konservierung statt Wasser in die Körper füllte. Und dass so die Körper dann ausgestellt werden konnten. Also die Leichen. Damit jeder sehen konnte, wie ein Körper von innen aussieht, also in echt. Die Chemiemaßnahme griff bei Mischa nicht länger. Lieber überlegte er, ob er seinen Balkon bepflanzen sollte. Stattdessen schickten sie ihn aber in den Tierpark Ost. Schließlich war er ja Gärtner. Im Tierpark gab es genug Grünflächen, um die man sich kümmern musste. Mischa fuhr jeden morgen mit der Stadtbahn raus nach Friedrichsfelde. Musste immer an Plastination denken, wenn er die Tiere sah. Wie ein Nashorn oder ein Flamingo wohl aussehen würden, von innen, wenn einer Polyesterharz in sie hineinfüllte. Als er noch an einer Grenze entlanggegärtnert hatte, war sich Mischa nie bewusst gewesen, dass man sich Tiere wie im Museum angucken kann, auch wenn die Tiere noch leben. Wenn man nicht zu den Tieren reisen konnte, mussten die Tiere eben rangeschafft werden. Und damit sie blieben, wurden sie eingezäunt. Wie Mischa früher. Jetzt war die Grenze weg, aber die Leute kamen erst recht, um einen anzustarren. Mischa kam nicht damit zurecht, mit den Freiflächen zwischen den Käfigen, mit dieser Exillandschaft, die er zum Vergnügen anderer zu bewirtschaften hatte. Auch diese Maßnahme musste abgebrochen werden. Mischa landete wieder auf seinem Balkon, ging runter ins Wohnzimmer, setzte sich an die Theke und bestellte eine Weißweinschorle. Er drehte sich eine Zigarette und rauchte, die Schiebermütze tief in die Stirn geschoben. Um ihn herum saßen Studenten, Malermeister und Elektroinstallateure. Kartenabreißer aus dem Theater und Journalisten, die selbst eine Maßnahme ergriffen und anfingen, ihre Memoiren zu dichten. Mischa kannte alle. Und alle kannten Mischa, weil Mischa immer da war. Und sich alles anhörte, was man ihm erzählte. Und auch zu allem etwas zu sagen hatte. Sachen, auf die kein anderer je gekommen wäre. Niemand wusste, wie alt Mischa war. Aber alle hielten ihn für weise. Die Schiebermütze verdeckte seine grauen Haare. (Fortsetzung folgt)

Samstag, 24. August 2013

Die Jagdtropghäen von Wladimir Putin – Teil 3: Piercings


Den Bär hatte niemand kommen sehen, auch Rita nicht. Als der Schuss fiel, hatten Duke und Rita ihre Masken bereits aufgesetzt. Woher Rita das Blasrohr hatte, wusste Duke nicht. Sie hatte es nie erwähnt. Die Fotografen kippten als erste um, dann folgten zwei von Putins Leibwächtern und schließlich Putin selbst. Eben hatte er sich noch beim Herumfuchteln mit seiner Angel einen Haken in die Nase gestochen, jetzt plumpste er mit verdrehten Augen kopfüber ins Wasser. Prompt sprangen die Lachse. Duke und Rita blieb nicht viel Zeit. Wladimir Waldimirowitsch Putin durfte auf keinen Fall ertrinken, und sie mussten ihn hier weggeschafft haben, bevor Putins Entourage wieder erwachte. Rita benutzte kein tödliches Gift für ihre Pfeile, so viel hatte Duke auch ohne zu fragen verstanden. Was er nicht verstand, war, woher der Bär gekommen war, der sich zwischen Putin, ihn und Rita drängte. Rita sprang furchtlos auf den Bären zu. Duke betrachtete sein Fischmesser. Er riss sich die Maske vom Kopf und brüllte alle Wut, allen Zorn und allen Schmerz aus sich heraus. Der Bär erstarrte. Rita lächelte. Duke folgte ihr. (Fortsetzung folgt)

Freitag, 23. August 2013

Die Jagdtrophäen von Wladimir Putin – Teil 2: Die kaputte Seele von Seeed


Wladimir Wladimirowitsch Putin zog sein Hemd aus und stieg zu den Lachsen ins Wasser. Seine Entourage plantschte am Ufer, seine Boys staksten hinter Wladimir her, schleppten die Ruten und Köder. Im Schilf am anderen Ufer verbargen sich Rita und Duke. Noch vor einer halben Stunde hatten sie gestritten. Duke bestand darauf, die Fischmesser einzusetzen. Von Gewehren hatte er noch nie viel gehalten. Obwohl er es mochte, wenn Rita fliegende Lachse schoss. Es erinnerte Duke an Tontaubenschießen, ließ ihn vom schottischen Hochland träumen, seiner Heimat, in die er höchstwahrscheinlich nie zurückkehren würde. Wenigstens gehen wir zusammen unter, dachte Duke. Putins praller Oberkörper glänzte in der Spätnachmittagssonne. Die Fotografen gingen in Stellung. Genau wie Rita. Vielleicht würde einer sie abschießen, sie irgendwann auf diesem Bild entdecken, das eigentlich etwas ganz anderes zeigen sollte. Putin schrie auf. Er war in einen Mückenschwarm geraten. Rita konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Vögel schreckten hoch. Die Leibwächter drehten hektisch ihre Köpfe hin und her. Für einen Moment schien das Flusswasser rückwärts zu fließen. Waldimir Wladimirowitsch verlangte nach einem Handtuch. Ein weißes Handtuch flog auf ihn zu. Ritas Finger am Abzug, das Fischmesser zwischen Dukes Zähnen. „Nein“, zischte er. Zur gleichen Zeit flog ein weißes Handtuch von der Freilichtbühne der Berliner Wuhlheide. Duke meinte die Musik zu hören. Rita hielt inne. Die Bässe massierten ihr Herz. Das konnte nicht sein. Nicht jetzt. Bitte nicht, dachte Rita. Seeed spielte auf. Sie waren zurückgekommen, die Menge strömte ihnen begeistert zu, doch schon nach den ersten Takten war klar, Seeed hatten ihre Seele verkauft. 17 000 klatschten unentwegt den Beat mit und spürten die Kälte nicht, kapierten nicht, dass sie es waren, die dafür aufzukommen hatten. Für die Seele, die Schulden, wer wusste schon, wofür die Band sich wieder zusammengeschweißt hatte. Musik war es nicht. Peter Fox schwenkte ein weißes Handtuch nach dem anderen und warf sie dann in die Menge. Niemand wollte sie haben. So leicht waren selbst die Jünger nicht zu überlisten. Putin kreischte. Die Lachse wollten nicht springen. Sein rechter Gummistiefel steckte im Schlamm fest. Putin begann zu schwanken. Mütter tanzten mit ihren Kindern, deren Großväter in die Hände klatschten, während Seeed auf der Bühne ihre vorgefertigten Sounds abspielen ließen. In Amsterdam hatte das angeblich besser funktioniert. In Amsterdam hatte die Masse sich den falschen Bewegungen der Band bereitwilliger hingegeben. Die Wuhlheide ließ sich nicht so leicht vereinnahmen. Oder doch? Rita schloss die Augen. Duke griff nach ihrem Arm. Was ging hier vor? Putin erstarrte, seinen Blick auf Rita und Duke gerichtet. Er konnte sie nicht sehen. Das war unmöglich. In der Wuhlheide verließen Seeed! die Bühne. Es waren gerade einmal 75 Minuten vergangen. Eine Sicherheitskraft zog seine Waffe. Niemand hörte den Schuss. Doch dann ging alles ganz schnell. Es war nicht aufzuhalten. (Fortsetzung folgt)

Mittwoch, 21. August 2013

Die Jagdtrophäen von Wladimir Wladimirowitsch Putin – Teil 1: Der Umschnalldildo (Владимир Владимирович Путин - хрен)


Duke saß am Fenster und rauchte. Das hatte er schon ewig nicht mehr gemacht. Morgen würde er 50 Jahre alt werden. So alt war er noch nie geworden. Die Alterswarzen sprachen eine andere Sprache. Sein Hautarzt hatte sich zunächst geweigert, sie zu vereisen. Dann blätterte Duke die Scheine hin. 50 würde er trotzdem werden. Der Hautarzt hörte nicht mehr auf zu lächeln. Ich hätte Mediziner werden sollen, dachte Duke. So wie sein Großvater. Der hatte an seinem Pimmel rumgezogen und ihm dann die Vorhaut abgeschnitten. Das war lange her. Duke reiste nicht gern zurück, doch manchmal ließ es sich nicht vermeiden. Zum Glück kam Rita pünktlich. „Was ist los, Duke?“ „Nichts.“ Er war froh, dass es endlich losging. Seit Monaten arbeiteten sie daran. Jetzt war es soweit. Angelruten und Jagdgewehre waren im Kofferraum von Ritas Van, außerdem das Zelt und die Schlafsäcke. Ein paar Flaschen Rum waren auch dabei. Putin würde sich nie weiter als 50 Meter von seinen Leibwächtern entfernen, das war ihnen klar. Putin konnte sich nicht einmal allein in einem Raum aufhalten, geschweige denn allein auf die Toilette gehen. Rita konnte ein Lied davon singen. Ein einziges Mal hatte sie Putin ohne Begleitschutz gevögelt, sich den Schwanz umgebunden, den er ihr mitgebracht hatte und ihn Putin solange in den Arsch gerammt, bis ihm sein Prostataorgasmus beinahe um den Verstand gebracht hätte. Die Schreie waren in ganz Moskau nicht zu überhören gewesen. Sofort waren die Leibschützer ins Zimmer gestürmt und hatten Rita aus Putin herausgezerrt, der nicht mehr in der Lage war, Rita vor ihnen zu schützen. Sie würde es nie vergessen. Nicht solange sie nicht ihre Angst in Putins Fresse eingraviert hatte. Deswegen waren sie hier. Deswegen hatte Duke alles aufgegeben. Nicht unbedingt für oder wegen Rita. Er hatte seine eigenen Rechnungen mit Waldimir Wladimirowitsch zu begleichen. (Fortsetzung folgt)

Dienstag, 6. August 2013

Aus den geheimen Tagebüchern Angela Merkels – Django Sauer (Wahlkampf 2013)

Angela           Du siehst diese Leute fünf Tage die Woche, manchmal sechs. Du erzählst von ihnen, wenn du nach Hause kommst, du denkst an sie, wenn du dir morgens von mir dein Frühstück servieren lässt, warum also sollte ich jetzt auf eine Party wollen, wo all diese Leute sind? Und dann auch noch eine Mottoparty. Ich bitte dich. Was, sagtest du gleich, ist das Motto?
Joachim         Ich sagte gar nichts. Du kennst die Einladung, also was soll das?
Angela           Sag es, los.
Joachim         Django.
Angela           Wie schreibt man das?
Joachim         D. J. A. N. G. O. Das D ist stumm.
Angela           Ja. Das D ist stumm. Wie stellen sie sich das vor? Wo wollen sie die Neger her kriegen?
Joachim         Bitte, Angela.
Angela           Was? Neger. N. E. G.E. R. Sie feiern ihre Sklavenparty wohl kaum ohne Neger. Entschuldige. Ohne Sklaven. Also was ist? Möchtest du, dass ich als deine Sklavin auf der Party erscheine? Soll ich mich schwarz anmalen? Wusstest du, dass es verboten ist, sich als Weißer schwarz anzumalen, wenn es um Negerrollen geht? Entschuldige. Um Sklavenrollen. Nein, tut mir leid. Um Schwarze. Ein Weißer, der sich schwarz anmalt, darf keinen schwarzen Präsidenten verkörpern, wusstest du das? Also, was schlägst du vor, Joachim? Als was willst du bei deinen Kollegen bei ihrer Mottoparty aufwarten?
Joachim         Was weiß ich. Warum denken wir nicht darüber nach, wenn es so weit ist?
Angela           Ich denke darüber überhaupt nicht nach, Liebling. Ich werde nicht hingehen. Du wirst dir morgen Abend eine Ausrede einfallen lassen müssen.
Joachim         Morgen Abend?
Angela           Ich dachte, du kennst die Einladung.
Joachim         Und wo soll ich bis morgen Abend ein Kostüm herbekommen?
Angela           Woher soll ich das wissen?
Joachim         Du besorgst uns was Passendes.
Angela           Ich sagte doch, ich komme nicht mit.
Joachim         Angela, hör auf.
Angela           Was?
Joachim Sauer tritt ab. Angela ruft ihre Freundin Ursula an.
Angela           Wenn ich es doch sage. Django Unchained. Joachim hat den Film damals nicht mal gesehen, glaube ich. Er sagt, wenn ich nicht mitkomme, wird das Konsequenzen für ihn haben. Als hinge sein Job von meinem Erscheinen auf einem Sklavenmarkt ab.
(Fortsetzung folgt)

Montag, 5. August 2013

Wu Tang Prism – Teil 2: Gysis Akte


Wir wussten, dass Gysi es über Interpol probieren würde. Seit gestern verbreiten sie die Terrorwarnung, die er aufgesetzt hat. Früher war Gysi intelligent. Jetzt agiert er so dumpf wie alle anderen. In dem Moment, wo ihre Spähprogramme auffliegen, rechtfertigen sie sich mit tödlicher Gefahr. Wenn nichts mehr hilft, hilft Terror. Die Angst. Lieber sicher überwacht, als hinterrücks kaputtgebombt, denken sie. Sie kapieren nicht, dass wir aufgehört haben, wie sie zu denken. Gysi vertraut trotzdem auf Interpol. Ihm bleibt keine Wahl. Wu Tang ortet das Fahrzeug, in dem sie Gysi die Windeln wechseln. Viktor meint, wenn ein Verräter verraten wird, verreckt zuerst sein Instinkt. Noch zehn Minuten bis zum Kontakt. Die Jungs sind angespannt. Sechs der Häftlinge aus dem al-Qaida-Netzwerk, denen NSA und Interpol die Flucht ermöglicht haben, warten am vereinbarten Treffpunkt in einem Hummer, der auf Gysis Namen zugelassen ist. Wu Tang leiht mir seinen Feldstecher. Keine Ahnung, ob er mein Zittern bemerkt. Es ist nicht wegen Gysi, der Akte, oder den al-Qaida-Häftlingen. Es ist wegen Viktor und Wu Tang. Wegen der Entscheidung, die ich treffen muss, sobald das hier vorbei ist.
Die Jungs geben das Zeichen. Es geht los. Gysis Limousine erreicht den Parkplatz hinter einer Tankstelle nahe der polnischen Grenze. Einer der Leibwächter gehörte schon früher zu Gysis Gefolgsleuten. Ganz alter Kader, bestimmt nicht mehr der Schnellste. Gysi ist jetzt schon leichenblass. Der Typ neben ihm ist irgendein Laufbursche von Interpol. Er deutet auf den Hummer, denkt, ich sitze da drin. Die Jungs nehmen die Tasche von Gysi in Empfang und treten den Rückzug an. Der Hummer rollt auf Gysi und sein Gefolge zu. Viktor gabelt die Jungs auf, als dem Bubi von Interpol endlich auffällt, dass sie verschwunden sind. Gysi läuft rot an. Drei Vermummte springen aus dem Hummer und eröffnen das Feuer. Dem Kader versagen, wie erwartet, die Reflexe. Wu Tang drückt den Zünder. Irgendwo in Polen fliegt eine Tankstelle in die Luft. Ich knipse Erinnerungsfotos. Viktor meldet sich. „Fette Beute.“, sagt er. Ich will, dass er den Jungs sagt, wie zufrieden ich bin. Dass sie den Rest des Tages frei haben. „Was ist mit mir?“, fragt Viktor. „Heute abend, zwanzig Uhr in der Villa.“ „Und Wu Tang?“ „Er wird auch da sein.“ Ich beende das Gespräch. Viktor hat die Beute, außerdem Gysis Akte, er könnte gehen. Ich würde ihn nicht daran hindern. Keine Ahnung, ob er das weiß. Ob er es darauf ankommen lässt.
Punkt Acht taucht Viktor in der Villa auf, mit Gysis Tasche und der Akte. „Hast du gedacht, ich setze mich ab?“ Er grinst. Wu Tang reagiert nicht. Wir haben ein Fabrikgebäude getunt. In der zweiten Etage des Seitenflügels sind die Arbeitsräume. Mein Loft befindet sich im obersten Stock des Hinterhauses. Alles andere, auch im Vorderhaus, ist Wohnraum, der beleuchtet und belebt wird, ohne dass einer darin wohnt. Sieht man von den Jungs ab, und von Viktor. Keiner von uns weiß, wo Wu Tang wohnt. ‚Villa’ nennen wir mein Loft; der ganze Komplex ist die Festung. Von außen betrachtet erweckt nichts irgendeinen Verdacht. Alles, was sich im Inneren abspielt, bleibt verborgen, doch uns entgeht nichts von dem, was draußen vor sich geht.
Wu Tang und Viktor sitzen sich gegenüber. Nichts trennt sie. Ich schließe die Augen. Noch hoffe ich, keinen der beiden aufgeben zu müssen. Täusche ich mich in einem von ihnen, oder in beiden, bin ich so gut wie tot. Plötzlich wünschte ich, die Jungs wären hier. Es würde nichts ändern. Ich öffne Gysis Tasche. Es sind mehr als 5 Millionen drin. So viel ist ihm seine Vergangenheit also wert. Wu Tang reicht Viktor die Hand. Ich habe mich ablenken lassen. Was habe ich versäumt? (Fortsetzung folgt)

Sonntag, 4. August 2013

Wu Tang Prism – Teil 1: Seehofers Fall


Der Typ sitzt vor mir, zwischen uns mein Tisch. Er merkt nicht, dass die Kameras ihn scannen. Die Jungs in seinem Rücken halten still. Ich seh’s auf dem Bildschirm. Er reibt den Siegelring, den er am kleinen Finger trägt. Aus der Brusttasche seines Jacketts holt er einen stinknormalen Kugelschreiber. Der Typ schwitzt. Etwas stimmt nicht mit dem Ring oder dem Kugelschreiber. Ich sage, ich werde über sein Angebot nachdenken. Er ist nur der Bote. Er legt den Kugelschreiber auf den Tisch und sagt: „Das ist die Nummer.“ Ich sage, er soll draußen warten. Die Jungs begleiten ihn. Der Kuli bleibt auf dem Tisch liegen. Er ist sauber, meint Viktor. Ich zeige ihm die Bilder. Viktor zuckt nur mit den Schultern. Ich will, dass er diese verschissene Nummer anruft und den Wagen da klarmacht. Eine halbe Stunde später steht ein 500er SL im Hof. Es dauert keine drei Minuten, bis die Jungs das Paket entdeckt haben. Sie wissen nicht, wie die Scheiße zündet. „Du hattest recht.“, meint Viktor. Keine Ahnung, ob das eine Entschuldigung sein soll. Die Jungs wollen wissen, was sie jetzt machen sollen. Wir müssen das Paket entsorgen. Danach kümmern wir uns um den Absender. Er wird enttäuscht sein, nehme ich an.
Es sind nicht viele, die aus der Kirche kommen. Seehofer ist einer der letzten. Seine Frau ist dabei. Keine Ahnung, was für einen Deal sie am Laufen haben. Wenn er sie zum Kirchgang begleitet, darf er – was glaubst du, was du ihm erlaubst, du Blindschleiche? Wu Tang sitzt neben mir. Er war dagegen, dass ich mitkomme. Seehofer übergibt seine Alte an die Security. Niemand bemerkt Wu Tang. Ich seh’s an Seehofers Augen. Die Überraschung. Das Selbstmitleid. Er weiß sofort bescheid. Er kann nichts dagegen tun. Niemand hilft ihm. Unsere Blicke treffen sich. In dem Moment sackt er zusammen. Es ist der Pfarrer, der ihn auffängt. Ein schönes Bild. Lautlos entfernt Wu Tang uns daraus. Keine Ahnung, wann wir uns zuerst begegnet sind. Das beunruhigt mich immer wieder. Dass er Zugriff auf meine Erinnerungen hat. Dass er selbst bei mir darauf bedacht ist, seine Spuren zu verwischen.
Viktor ruft Gysi an und wiegt ihn in Sicherheit. Gysi ist zu lange im Geschäft, um sich auf Viktor zu verlassen, aber er hat keine Wahl. Gysi brüllt rum. Er besteht darauf, mich endlich persönlich zu treffen. Die Jungs hören zu und sind kurz davor, die Leitung auseinanderzunehmen. Viktor hält Gysi hin. Wu Tang bringt mir seine Akte aus dem Safe. Ich schlage sie blind auf. Viktor wirft eine kurzen Blick darauf, grinst, und liefert Gysi ein Stichwort. Wu Tang schließt die Akte wieder weg. Gysi hat aufgehört zu brüllen. Kurz bevor man fürchten könnte, er hätte auch aufgehört zu atmen, teilt Viktor ihm mit, dass ich nun bereit sei, ihn zu treffen. Gysi schluckt den Köder. Wenn du Angst hast, machst du Fehler, egal, wie lange du schon im Geschäft bist. Viktor sagt: „Morgen.“ Er gibt den Jungs ein Zeichen, und sie machen sich los, um alles vorzubereiten. Viktor wartet darauf, dass ich noch irgendwas sage. Ich sage, dass er gehen kann. Dass Wu Tang mich nach Hause bringt. Nur ich kann aus Viktor die Zweifel herauslesen. Er traut Wu Tang nicht. Nie würde er zugeben, dass in Wirklichkeit ich es bin, an dem er zweifelt. Sobald die Sache mit Gysi gelaufen ist, werden wir das klären müssen. (Fortsetzung folgt)

Samstag, 3. August 2013

Am Ende der Nacht gibt es kein Morgen mehr


Komm, kill kill Baby, kill. Völlig egal, an welcher Tankstelle du in die Luft fliegst. Wir treffen uns dort nach dieser Nacht auf der Straße. Die Dörfer schlafen noch; irgendwo draußen haben wir gefeiert, kann sein, dass wir über die Grenze sind, aber jetzt sind wir hier, an dieser Tankstelle, die aussieht wie jede Tankstelle, egal auf welcher Seite der Grenze du bist. Die Sonne fliegt, die Hitze kommt. Es gibt kein Vor und kein Zurück. Der Pole lächelt das hässlichste Lächeln der Welt. Eine Narbe sprengt sein Gesicht in drei Teile. Bambi Bushido macht sich ins Höschen, naja, beinahe. Sie rennt ins Gebüsch, weil sie die Schlüssel für die Toilette nicht rausrücken. Weil sie versuchen, zu telefonieren, ohne dass wir’s merken. Weil sie sich in die Hose scheißen. Und Bambi Bushido pullert ins Gebüsch; der Pole lächelt; du spielst mit deinem Feuerzeug, und ich überlege, ob ich beten soll, wenn ich schon mal hier bin. Bambi Bushido hatte dieselbe Idee. Sie hockt auf ihren Knie und sucht die Sonne, ruft irgendwas, keine Ahnung, ob es ein Gebet ist. Die von der Tankstelle blockieren die Tür, und der Pole rastet aus, weil er nichts mehr zu trinken bekommt. Wir sollten aufbrechen. Du zuckst nur mit den Schultern. Ja, wohin, darüber könnte man streiten. Warum erinnere ich mich an den Namen von diesem Polen nicht? Möglicherweise ist es kein Pole. Bambi Bushido rappelt sich langsam wieder hoch, die Absätze machen ihr zu schaffen. Nicht zum ersten Mal pirscht sich der Pole an sie ran. Bambi Bushido holt mit ihrer Handtasche aus, verfehlt ihn aber, knickt stattdessen um, einer der Absätze bricht ab, doch der Pole fängt sie auf und lächelt. Von mir aus soll Bambi Bushido hier bleiben, mit dem Polen abziehen, Hauptsache, du beruhigst dich endlich und steckst dein Feuer ein. Es ist erstaunlich, dass wir die Einzigen hier sind. Ich meine, wir sind hier wirklich allein, so still ist es. Kein Auto fährt, kein Fernfahrer fällt aus seiner Koje, nicht mal die Wölfe heulen. Würde Bambi Bushido nicht abwechselnd rülpsen oder schluchzen, könnte man meinen, wir sind im Inneren der Explosion, da, wo sie nicht an einen heranreicht. Der Pole stöhnt. Bambi jammert nicht, sie lutscht ihm den Schwanz. Du lachst. Das Feuerzeug ist aus deiner Hand verschwunden. Du kannst mir nicht mehr in die Augen sehen. Du zielst zwischen meine Augen. Aus der Entfernung würde selbst ich treffen. Du blinzelst, aber deine Hand ist ganz ruhig. Ich an deiner Stelle würde zittern. Aber ich bin nicht an deiner Stelle. Ich gehe rückwärts, langsam. Schritt für Schritt vergrößere ich die Distanz zwischen uns, verkleinere das Ziel. Deine Hand bleibt ruhig, aber du verschwimmst vor meinen Augen. Ich drehe mich um, irgendeine Richtung, bin an der Straße, gehe weiter, keine Ahnung, welche Richtung. Ist mir egal, wenn du jetzt abdrückst. Ich komme nicht zurück. Jemand ruft meinen Namen. Bambi Bushido. Sie hat ihren Job erledigt, schreit rum, weil sie nicht kapiert, wo ich hinwill. Ich will nirgends hin. Ich höre den Schuss. Bambi Bushido hat aufgehört zu schreien. Ich komme trotzdem nicht zurück zu dir. Nie mehr. Egal, wo ich landen werde, ich drehe nicht um. Diesmal nicht.

Freitag, 2. August 2013

Vibratoralarm - Razzia bei Bambi Bushido


Da fährt einer in die Karibik, und du bleibst zurück und gießt seine Blumen oder Pflanzen oder Kakteen und reißt dir die Nagelhaut vom rechten Mittelfinger auf, während du die Post aus seinem Briefkasten fingerst, weil der Schlüssel von dem Kasten auch in der Karibik gelandet ist. Draußen ist es schwül, heiß, feucht, und du fährst da mit dem Fahrrad hin, und schon bevor du da bist, bist du nassgeschwitzt, und dann noch die Treppen in den 5. Stock hoch, und in der Wohnung ist es stickig. Selbst wenn du die Fenster aufmachst ändert sich nichts daran, also bist du immer noch nass und blutest aus dem Finger, als du wieder runterkommst, aufs Fahrrad steigst, und das Wetter plötzlich umschlägt, während du auf deinem Rad fährst. Auf einmal bläst dir eiskalter Wind entgegen, es regnet und so hast du dir das immer auf dem Mont Ventoux vorgestellt. Wenn du da oben ankommst, halb tot, und dann hast du die Zeitung vergessen, die du dir unters Trikot schieben musst, wenn du wieder runter fährst, weil der Fahrtwind dich sonst umbringt. Dir ist klar, du bist hier nicht auf dem Mont Ventoux und trotzdem ahnst du, das überlebst du nicht, und zwei Tage später ist es soweit. Alles ist vereitert, und deine Arme und deine Beine lassen sich kaum noch bewegen. Draußen brütet der Sommer, und du brütest in dir drin, bist elend und wirst verrückt, weil das nicht sein darf, nicht jetzt, denkst du. Sind da jetzt die Pflanzen oder die Karibik dran schuld? Oder kannst du nicht Radfahren, bist du ne Pussi oder sowieso verkeimt? Ich rufe Bambi Bushido an, damit sie mir ne Hühnersuppe oder sowas kocht, weil man das so macht bei Grippe oder Erkältung oder was das jetzt ist, das in mir wütet. Aber Bambi Bushido meint, sie nisch kochen Suppe, weil Wohnung is voll durchwühlt und sie muss erst mal Chaos aufräumen. Auf einmal bin ich froh, dass wir nicht mehr zusammenwohnen. Die Bullen waren bei ihr zu Hause und dann in der Firma, die ihre Artikel vertreibt. ‚Ne äscht rischtche Razzia’, meint Bambi Bushido, die ihren Deoroller nicht mehr finden kann und einen der Beamten verdächtigt, auch einen ihrer Vibratoren, den mit den kleinen Katzen drauf, widerrechtlich beschlagnahmt zu haben. Das waren mehr so Trophäenjäger, meint Bambi Bushido. Aus der Firma haben sie lauter Platten von ihr mitgehen lassen, wahrscheinlich für ihre Kinder, damit die zu Hause endlich mal Ruhe geben. Bambi Bushido meint, das hätte sie jetzt mit dem Cavaliere Berlusconi gemeinsam, weil der sei ja jetzt auch Märtyrer geworden. Ich komme noch mal auf die Hühnersuppe zu sprechen, aber Bambi Bushido findet es äscht Scheiße von mir, dass ich immer nur an mich denke. ‚Isch leg auf jetzt, Mann’, sagt Bambi noch. Wenn sie schmollt, dauert das. Wer kümmert sich denn jetzt um mich? In diese Karibikwohnung kann ich auch nicht zurück, weil da auf einmal Franzosen hausen, die sich einen Scheiß um Pflanzen oder sonstwas kümmern, und am Ende bin ich dann dran schuld, wenn da alles verkümmert und verkommt. Das Fieberthermometer zeigt mittlerweile 39,7 Grad Celsius an. Das ist auf keinen Fall normal. Ich wünschte, Bambi Bushido wäre bei mir. Sicher sitzt sie auf ihrem Handy und hat den Vibrationsalarm eingestellt. Das kann jetzt ewig gehen. Ich tue ihr trotzdem den Gefallen und rufe immer wieder an. Zu allem anderen fehlt mir sowieso die Kraft.

Sonntag, 28. Juli 2013

Im Kreuzfeuer der Energiewende


Ich kann nicht aus dem Haus. Jemand hat Fenster und Türen mit Dämmplatten aus Styropor und Mineralwolle verbarrikadiert. Durch sämtliche Ritzen quillt Hartschaum. Da kommt jetzt keine Energie mehr rein oder raus. Ich bin mit meiner gesamten Energie eingesperrt. Die muss sich aber jetzt entladen. Sofort fangen Styropor und Schaum, Fenster und Türen an zu brennen. Jetzt kann ich nicht aus dem Haus raus, weil es brennt. Meine gesamte Energie ist verbraucht. Ich habe sie mir offenbar falsch eingeteilt. Jetzt brenne ich, aber ein feuchter Traum von einem Feuerwehrmann bringt mich zum Lachen. Das ist komisch, wenn du dich lachen hörst, während du stirbst. Während ein Feuerwehrmann sein Leben riskiert, um durch diese Energiewände durchzudringen, die alles verbrennen. Ich bin nur noch ein Wurm in einer Badewanne. Ich würde springen, wäre da ein Absatz, von dem ich springen könnte. Es wäre die einfachste Lösung für einen, der im Erdgeschoss wohnt. Nur ist man hier selbst ebenerdig isoliert. Der Feuerwehrmann schlägt erfolglos mit einer Axt um sich. Das ist die Wende, hoffe ich. Wenigstens ein bisschen Musik zum Abschied wäre schön. Die Feuerwehrkapelle spielt auf. Ich reise in die Karibik. Es ist schön, sich wegzuträumen, wenn man nichts mehr zu verlieren hat. Bevor ich abreise, versteigere ich meine Solarzellen zum Discount-Preis an irgendeinen Chinesen, der seit Jahren davon träumt, die Aufnahmeprüfung der Freiwilligen Feuerwehr zu bestehen. Wenn man sich aufgegeben hat, scheint alles möglich zu sein. In Mexico-City habe ich einmal wider Erwarten einen Giftanschlag der einheimischen Drehbuchautorenvereinigung überlebt. Eine Freundin hat in Mexico-City drei Wochen lang ihr fensterloses Hotelzimmer nicht verlassen und stattdessen die Raufasertapete abgepaust. Niemand wählt sein Schicksal. Ich spare Strom. Meine Energie ist aufgebraucht. Der Feuerwehrmann heißt Igor Sanchez. Mir wird endgültig schwarz vor Augen. Igor meint, ich soll mich nicht aufregen und kotzt mir seine Lunge vor die Füße. So kommen wir hier nie raus.

Samstag, 27. Juli 2013

Der Winter naht – Monkey 47


Zu viel Monkey 47. Zu heiß. Kein Sex. Sommer ist schwierig. McFit geht auf die Straße. In den Badeseen strampeln Hunde sich zu Tode. Mein Bauch geht fremd. Postkarten aus der Karibik werden falsch adressiert. Kassierer tropfen auf die Waage; der Preis schnellt in die Höhe. Ein armenischer Turmspringer stürzt ab. In Nordkorea füllen sie Wasser in die Auffangbecken. Der Winter naht. Die Anderen sind auf dem Weg. Morgens um 6 im Park schlachten Nebelkrähen die Reste der Nacht. Die Unentwegten trinken weiter Bier. Bis die Krähen ihnen totes Fleisch aus den Gesichtern ziehen. Wer keinen Grill hat, flieht. TrinityRoots spielen ein Konzert im Mauerpark. ‚Ist doch nur Karaoke’, nörgelt ein Leierkastenmann. Ein Mann, der leere Flaschen sammelt, streitet mit einem Mann, der volle Flaschen verkauft. Sie balgen sich um einen schattigen Lagerplatz. Der eine lebt vom anderen und bemerkt es nicht. Schließlich stürzen zwei Leiterwagen einen Abhang hinunter. Eine Frau aus Tunesien wird überrollt. Das Militär greift ein. Die Zuschauer lechzen nach Eis. Ein See wird ausgerollt. Hochzeitsgäste zwängen sich zwischen Panzern hindurch. Soldaten werden ohnmächtig. Zylinder fliegen den Schatten entgegen. Blumenkleider zerreißen. Der Eismann hat kein Eis mehr. Anwohner beschweren sich über den Lärm vor seinem Laden. Die Preise werden erhöht. Die Nachbarn kassieren ab. Eine Junge rennt in einer Bleiweste im Kreis. Sein Vater feuert ihn an. Der Winter naht. Die Anderen kommen über die Mauer. Wochenende. Eiszeit. 

Freitag, 26. Juli 2013

Angela Merkel, die Flut und Der Fliegende Holländer – Wahlkampf 2013


Drei Schwäne brennen auf der Spree. Ein Biogastransporter kommt von der Fahrbahn ab. Die Bewohner mehrerer Straßenzüge werden evakuiert. Meine Tochter möchte ein Eis. Eine Frau besucht die Überschwemmungsgebiete. Wie viel zerstört sei, möchte sie wissen. „Achtzig Prozent.“, sagt ein Bürgermeister. „Achtzig Prozent?“ Die Frau möchte erstaunt klingen, ein wenig entsetzt, ehrlich aufgebracht. Achtzig Prozent sind viel, so soll es klingen, viel zu viel. Achtzig Prozent sind ein riesiger Verlust. So etwas erfordert achtzig Prozent Mitgefühl. Die Frau weiß das. Sie gibt sich Mühe. Die Kameras laufen. Sie weiß das. Die Kameras verfolgen sie schon den ganzen Tag. Sie weiß, auf diesen einen Moment kommt es an. Sie hat es so oft geübt. Sie hat es schon so oft richtig und gut gemacht. Aber heute, in dieser Hitze, sie ist seit Stunden unterwegs in dieser untergegangenen Landschaft, die zu nichts mehr taugt. Häuser, Straßen, Felder – alles unbrauchbar. Dann fängt man eben wieder von vorne an, denkt die Frau. Irgendwie geht es weiter, immer weiter. Sie steigt aus dem Auto, und die Menschen jubeln vorsichtig. Die Sonne sticht, die Hände, die sich ihr entgegenstrecken, sind schwitzig. Sie schüttelt sie trotzdem. Sich nur nichts anmerken lassen, denkt sie, lass dir nichts anmerken. Du bist für sie da. Sei für sie da. Was denken diese Leute sich? Was wollen sie von mir hören? Ganz sicher nicht einfach nur ein erschöpftes ‚achtzig Prozent’. Wenn ich Gefühle verkaufe, muss ich zuerst welche haben. Ich muss lernen, Gefühle zu simulieren. Ich darf mir keine Gefühle erlauben. Ich erinnere mich nicht an meine Gefühle. Die Frau spürt, wie ihre Kräfte schwinden. In den Beinen merkt sie es, sie hätte einen Hut tragen sollen, die sengende Sonne lässt sie schwindeln. Morgen Abend eröffnet Bayreuth, denkt sie, während sie den Spuren der Flut folgt, die Stimmen hört, die ihr die Not erklären. Was gibt es da zu erklären? Der fliegende Holländer eröffnet die Festspiele. Mit ihm fühlt sie mit. So, wie er, kommt sie sich in ihrem Leben vor. Als wäre sie der Ewigkeit versprochen, ohne Aussicht auf Erlösung. Sie umsegelt die Welt, doch was bleibt am Ende, wenn ein Ende nicht in Sicht ist? Alle vier Jahre geht sie an Land, so wie jetzt. Alle vier Jahre begegnet sie den Menschen, die sie zu dem verdammen, was sie ist. Die, sobald die Frau an Land gegangen ist, all ihre Sorgen bei ihr abladen, sie ausplündern, ihr Vermögen, ihre Zuversicht. Ein einfaches ‚Ja’. Achtzig Prozent, die nichts anderes als ein ganzes Leben von ihr haben wollen. Oder Hoffnung, wenigstens. Wie erbärmlich ihr das erscheint – sich der Hoffnung zu überlassen. Als gäbe es nichts Wichtigeres. Sie möchte nicht für eine Hoffnung stehen, die sie selbst nicht hat. Welches Kleid soll sie auf dem grünen Hügel tragen? Ihn hat das Wasser nicht erreicht. Das ist wichtig, denkt sie. Sie schüttelt weiter die Hände, lauscht den Schadensberichten, klammert sich an die Aussicht auf ein Glas Champagner vor der Ouvertüre. Morgen. Halte durch bis morgen, sagt sie sich, und winkt zum Abschied. Treue bis in den Tod sollen die Liebenden ihr schwören. Verstehen sie denn nicht? Nur dann fährt sie in den sicheren Hafen ein, erlöst von einer Ewigkeit, die sie nicht selbst gewählt hat. Möchte ich das, fragt sie sich – trage ich nicht reich an meinem Schicksal? Ist es nicht Liebe, die sie in die Welt ausschickt? Ich diene, sagt sie. Ich halte die Welt zusammen. Was wiegt da ein überschwemmtes Feld, ein unbewohnbares Haus? Alle vier Jahre an Land soll sie mitten unter diesen Menschen einer von ihnen sein, soll um die Liebe derer kämpfen, die sie erlösen könnten. Die Frau schließt die Augen. Ich brauche keine Erlösung, denkt sie. Musik erklingt. Der Vorhang öffnet sich. Die Spiele beginnen. Die Todgeweihten grüßen dich. Ein Land geht unter. Die Welt dreht weiter. Die Frau nimmt ihren Schlussapplaus entgegen.

Donnerstag, 25. Juli 2013

Renate Künast spielt Buhlschaft bei Jedermann-Festspielen in Bangladesch – Wahlkampf 2013


Renate Künast hat einen neuen Wahlkreis – Bangladesch. Als erfahrene Verbraucherschützerin weist sie die Verbraucher an, nur noch das zu verbrauchen, was dort niemandem schadet. Das ist sehr vernünftig und hilfreich. Verbraucher global zu schützen und zwar durch die Verbraucher selbst. Wer schützt einen aber vor Verbrauchern, deren Verbrauchsgewohnheiten niemanden schützen? Deren Recht auf Schutz bleibt dennoch erhalten. Alle wollen sicher leben. Aber was geschieht mit einem, der verbraucht ist? Was geschieht mit einer Kultur, über die Recht gesprochen wird? Was haben Jonathan Meese und Bushido gemeinsam? Die Mutter. Der eine macht Kunst und der andere nicht. Oder umgekehrt. Beide stehen unter Anklage. Die Mutter kann nicht helfen. Kunst ist Kunst, entartet oder nicht. Jonathan Meese ist artig und macht Art. Heil Jonathan. Bushido ist unartig und fördert so den Jugendschutz. Das Recht steht über dem Gesetz. Oder: Warum Verbraucherschutz ein Gesetz ist, das selbst unsere Kultur am Leben erhält. Eine Kultur des Widerstands. Wir leisten Widerstand. Wir stürmen die Staatskanzlei. Wir stürmen Bangladesch. Würden die in Bangladesch mehr in Kultur investieren, bräuchten wir hier nicht so billig einzukaufen. Klaus Wowereit verkauft den Reichstag an Jonathan Meese. Zur Eröffnung der Ausstellung ‚Ödipus ist meine Mutter – oder Das Gehirn meines Schwanzes’ singt Bushidi Bambi die deutsche Nationalhymne. Renate Künast inszeniert auf den Stufen des Berliner Doms ‚Des Kaisers neue Kleider’. Sie selbst spielt die Buhlschaft, weil sie das Stück verwechselt hat, aber trotzdem unbedingt einmal in ihrem Leben nackt in einem Lustgarten auftreten wollte. Schirmherrin Wowi applaudiert notgedrungen aber angewidert. Bushidi Bambis Seilschaft verheddert sich in ihrem viel zu billigen Abendkleid. Renate Künast verliert noch während des Schlussvorhangs ihren Wahlkreis, weil irgendjemandem in Bangladesch aufgefallen ist, dass sie da überhaupt nicht wohnt und außerdem kein Mann ist. Renate ist schockiert. Nach Meinung ihrer Ärzte war die Operation angeblich ein Erfolg. Das können Jonathan Meese und Bushido von sich nicht behaupten. Irgendwas bei ihrer Gehirntransplantation ist schiefgelaufen. Ihre Fans laufen Amok. Obwohl das alles nur Performance ist, ist alles auf einmal so real! 

Mittwoch, 24. Juli 2013

Bushidi Bambi und das Wowi


Als Gangsta bist du draußen, wenn dich auf einmal ein goldenes Reh fickt. Wenn du plötzlich auf einem Integrations-Bambi sitzt, dann bist du mittendrin. Dann bist du in der Mitte der Gesellschaft, also einer Gesellschaft, die der Star ist, egal ob Bambi, oder goldenes Lenkrad. Du bist der Gangsta, aber hast ein Scheißbambi am Arsch und alle feiern dich, weil es sich gut feiern lässt mit einer, die so viele Menschen erreicht. Bushidi Bambi kann gar nichts dafür. Musik kann sie nicht und Rappen auch nicht, also flow oder so was, das geht gar nicht. Fehlt ihr das Talent für. Aber Texten geht. Texten geht bei Alphabetinnen immer. Bushidi Bambi prügelt sich die Scheiße aus dem Arsch, oder dem Hirn, oder dem Hirn im Arsch, und wenn sie dann von sich sagt: Ich bin eine Staatsfeindin! dann wird sie natürlich sofort zur Nummer 1. Weil Bushidi Bambi durch so eine Selbstauskunft natürlich viel verkaufsträchtiger ist, als würde irgendein Innenausschuss oder Nachrichtendienst behaupten: Bushidi, du bist eine Staatsfeindin! Deswegen sagen die lieber: Du bist eine Schlampe! Du bist Integration! Das finden nämlich alle echt beachtlich, dass Bushidi Bambi immer noch unter uns weilt. Eine repräsentative Umfrage der Bild-Zeitung hat ergeben, dass 95% der ‚Stress ohne Grund’-Hörer überhaupt nicht wissen, von wem die Rede ist, wenn Bushidi Bambi von einem Wowereit, einer Roth oder einem Tören singt. Die restlichen 5% heißen Roth, Tören oder Wowereit. Von Wowereit haben vor allem Menschen gehört, die sich statt Integrations-Rehen Flugzeuge in den Arsch schieben. Wir landen im Trauma! Traumawillkommensland. Wenn ein ehemaliger Aufsichtsratsvorsitzender  von sich behauptet, als Aufsichtsratsvorsitzender trage er keinerlei Verantwortung für etwas, das er beaufsichtigt, vor allem deshalb nicht, weil er ja über überhaupt nichts informiert gewesen sei – dann ist das eine gute Nachricht für 100% der Befragten, auch wenn sie keine Bild-Zeitung lesen. Denn traumatisiert sind wir alle! Das verbindet uns! Der ehemalige Aufsichtsratsvorsitzende und jetzige Regierende Bürgermeister und Kulturverwalter Berlins, Klaus Wowereit, der den Integrationsspitznamen Wowi trägt, wirft ein völlig neues Licht auf unsere Unternehmenskultur. Endlich dürfen Unternehmen wieder traumatisiert werden! Und niemand verklagt sie! Arbeiten Sie für einen traumatisierten Konzern! Fliegen Sie zusammen mit Bushidi Bambi durchs Wowiland. Machen Sie Traumaurlaub! Gehen Sie direkt über Porno. Wir sind alle miteinander verbunden. Bushidi Bambi will das Wowi, und wir sind dabei. Wir sind mittendrin in ihrem Fick! Claudia Roth und Serkan Tören fummeln in der letzten Reihe und verteilen Hundekotbeutel. Machen auch Sie Wahlkampf. Wählen Sie sich selbst. Bushidi Bambi will das Wowi, und ich will Bushido! Ich hätte echt gute Chancen bei Bushido, sagen seine Freunde. Weil er nur beschnittene Schwänze lutscht, meinen die Gangsta. Und sich selbst lutschen kann er nicht. Dazu fehlt ihm die Beweglichkeit, oder das Talent, oder beides. Trauma! Bringt mir den Schwanz von Bushido! Zwei Staatsanwälte haben sich schon geweigert. Niemand weiß, auf wen er sich noch verlassen kann. Nur das Wowi und Bushidi Bambi wissen, was sie aneinander haben. Und vögeln sich gegenseitig die Seele aus dem Leib.

Dienstag, 23. Juli 2013

Das neue Gesicht der NSU - Wahlkampf 2013


Staffels Welt! Weltempfänger! Diese Wahl ist überflüssig. Der Gegner tritt nicht an. Die Empörung ob des Ausspähens beschränkt sich auf die Späher, die aufgeflogen sind. Niemand, der sich je länger als drei Minuten im weltweiten Netz aufgehalten hat, wundert sich darüber, dass er überwacht wird. Diejenigen, die unentdeckt bleiben wollen, bleiben unentdeckt. Das ist wie Doping. Die Doper sind schneller. Die Anti-Doper hinken hinterher. Kein User ist so langsam wie die NSU. Oder die NSA. Warum wusste die NSA nichts von der NSU? Welcher Steinbrück oder Steinmeier, welche Merkel oder Künast, welcher Nobelpreisträger hat diese Daten zurückgehalten? Warum steht niemand bei mir vor der Tür, wenn ich auf allen Servern der Welt ein Kopfgeld für die Lieferung des linken großen Zehs Barack Obamas auslobe? Erst kürzlich lag der linke große Zeh einer vietnamesischen Gemüseverkäuferin vor meiner Haustür. Viele in der Straßen machen seitdem einen großen Bogen um mich herum. Ich wurde also gewarnt. Nur von wem? Vor wem? Wen soll ich wählen? Wer oder was wird denn eigentlich gewählt. Die Regierung wird ins Amt gewählt. Aber da ist sie doch schon! Wozu dieser Aufwand? Die Medien schreiben sich wund und niemand bemerkt es. Und das hat nichts mit Politikverdrossenheit zu tun. Ein Politiker ist schließlich kein Garant für Politik. Ich interessiere mich schließlich auch nicht für die Personalstruktur bei Nestlé oder der Deutschen Bank. Da kämpfen sie auch nur um ihre Jobs. Das ist ein Grundgesetz. Arbeit steht jedem zu. Nur hängt sich nicht jeder überall hin, bloß weil er auf ein Kreuz aus ist. Wer bringt mir den Zeh von Angela Merkel? Niemand! Bring mir den Kopf der NSA! Na gut, mach das. Ich löse Renate Künast ab und bin das neue Gesicht der NSU. Nur ist die im Untergrund. Also bin ich abgetaucht. Was macht ein Nachrichtendienst, wenn ein User einfach verschwindet? Er bringt mir den Kopf von Osama bin Laden! Wählen Sie ihr Land! Lassen Sie sich nicht länger in Ihrer Wahlkabine überwachen. Wehren Sie sich. Schaffen Sie diese Wahl ab. Und denken Sie über Trauma nach. Denn darum geht es hier ab heute. Um den Aufruf zum Trauma. Seien Sie eine traumatisierte Gesellschaft. Bestellen Sie Ihr ganz persönliches Trauma. Bewaffnen Sie sich. Wir sind im Wahlkampf! Wir sind Renate!