Samstag, 6. Oktober 2012

Mein Held ter Stegen


Die Häuser haben Gelenke. Sie sind kaum größer als Hochsitze und völlig ungeeignet für Gehbehinderte, die die Leitern nicht hochkommen. An den Trägern sind also Gelenke, die das Haus im Wind wiegen, falls ein Wind weht. Oder im Sturm. Nach dem Sturm fangen die Vögel nicht mehr an zu singen. Nach dem Sturm hat der Himmel sich verkleinert. Für die Verräter gibt es kein Vor und kein Zurück. Nur die Löcher im Himmel, durch sie fliehen. Die Löcher werden immer größer und der Himmel immer kleiner. Die Zurückgebliebenen tanzen mit den Vögeln um die Wette. Keiner weiß mehr, was es zu gewinnen gibt. Und dann kommst du. Dann bist plötzlich du an der Reihe. Und du fragst dich: Wo bin ich? Weil du davon gar nichts mitbekommen hast, dass du auf einmal ganz woanders bist. Und du hast keine Ahnung, wie du da hingekommen bist, aber alle erwarten das von dir. Dass du jetzt endlich dieses verdammte Tor aufmachst. Du sollst sie endlich reinlassen, und zwar alle. Du denkst: Scheiße! Ich hab nur Gummistiefel an. Ich hab sonst nie Gummistiefel an. Ich hab sonst überhaupt nichts an. Nur diese Gummistiefel. Und das Tor kriegst du auch nicht auf, bloß weil du denkst: Ich muss das Scheißtor aufkriegen. Du stehst in diesem Scheißtor. In Gummistiefeln. Und alle rufen: Marc! Dir ist sofort klar, dass du das bist. Du bist Marc-André ter Stegen und hast nur Gummistiefel an. Im Stadion toben die Türken, und dann verändert der Rhein ohne Vorwarnung die Laufrichtung. Dieser Laufweg wurde überhaupt nie einstudiert. Die Tore öffnen sich; der Rhein strömt ins Stadion; die Türken fliehen durch die Himmelslöcher, und du denkst nur: Zum Glück hab ich die Gummistiefel an. Später begegnest du in den Katakomben einer Grundschullehrerin, die dir die Mengenlehre nahebrachte. Sie ist unglaublich wütend. Die Gelenke an den Trägern ihres Hauses sind im Moment der Rheinumkehr verrostet. Ihr Haus stürzte augenblicklich ab. Sie behauptet, du hättest es besser warten müssen. Erst dann fällt ihr auf, dass du außer den Gummistiefeln nichts anhast. Du hast dich mittlerweile daran gewöhnt, aber sie hat ein Déjà-vu und bekommt einen Herzkasper. Sie klammert sich an einen Türken, der die Katakomben mit dem Himmel verwechselt hat, und bittet ihn um ein Eheversprechen, aber das Stadion macht die Tore dicht. Kein Pfarrer kommt da noch durch, nur du. Du bist längst auf dem Parkplatz und suchst nach deinem Auto, das aber der Rhein beschlagnahmt hat. Deine Mutter kann dich auch nicht abholen, weil sie ihrem Wellensittich gerade die Knötchen von den Stimmbändern entfernt. Von irgendwoher rufen sie wieder: Marc! Du hast endgültig genug von dieser Scheiße und diesen Gummistiefeln, aber ohne Hilfe wirst du die nicht los. Also erinnerst du dich an deinen Lieblingsfilm und versuchst ihn nachzuspielen, was aber auch nichts nützt, weil keiner außer dir diesen Film kennt. Alle starren nur auf deine Gummistiefel. Niemand, der dir wenigstens ein Handtuch oder einen Reiseführer reicht. Das ist der Moment, auf den ich schon den ganzen Tag gewartet habe. Jetzt komme ich. Ich trete in Aktion. Ich bin dein Retter. Ich rette Marc-André ter Stegen. Und niemand sieht hin. Später sitzen wir auf einem Teppich, den wir aus deinem Hochsitz retten konnten, am Ufer des Rheins und trinken Kölsch aus der Flasche. Wir beschließen, unseren Enkeln davon zu erzählen. Wir wissen nur nicht, woher wir diese Enkel nehmen sollen. 

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