Mittwoch, 10. Oktober 2012

Wilhelm von Humboldt


Es hat vier Jahrzehnte gedauert, bis ich darauf gestoßen bin, dass Herr Humboldt mir bereits 1836 meine Welt erklärt hat.

„Keiner denkt bei dem Wort gerade und genau das, was der andere denkt, und die noch so kleine Verschiedenheit zittert, wie ein Kreis im Wasser, durch die ganze Sprache fort. Alles verstehen ist daher  immer zugleich ein Nicht-Verstehen, alle Übereinstimmung in Gedanken und Gefühlen zugleich ein Auseinandergehen.“

Dienstag, 9. Oktober 2012

Deutsche Syphilisbomben für Mitt Romney


Ich leide an keiner ansteckenden Krankheit, an keiner körperlichen oder geistigen Störung, betreibe keinen Drogenmissbrauch und bin nicht drogenabhängig. Ich wurde nicht wegen eines Delikts oder einer Straftat gegen die Sittlichkeit verhaftet. Weder jetzt noch jemals bin ich an Spionage- oder Sabotageakten, an terroristischen Aktivitäten oder an Völkermord beteiligt. Aufgrund dieser Angaben an das Electronic System for Travel Authorization bin ich vorläufig autorisiert, nach USA zu traveln. Das war nie meine Absicht. Irgendwann träumte ich pubertätsbedingt davon, von rechts nach links in einem Ford Mustang Cabriolet durch Amerika zu fahren. Ein anderer Traum, an dem ich mich nicht mehr erinnere, kam dazwischen. Danach hatte ich nie wieder das Verlangen, diesen Landstrich zu besuchen. Nun aber wurde ich autorisiert, das Ticket ist gebucht, bezahlt und ausgedruckt. Ich reise nach Chicago zu einem Filmfest. Genau genommen reise ich nach Chicago, um mir dort einen Film anzusehen, den ich selbst gedreht habe. Angela Merkel wundert sich, weil wir alle so sorglos sind. Die Frau hat keine Ahnung, was meine Sorgen betrifft, weil sie ganz andere Sorgen meint. Sie redet von Geldsorgen, Wachstumssorgen. Sie denkt, wir haben keine Angst mehr, oder wenigstens nicht genug. Sie spürt, wir haben nicht jede Minute, jede Sekunde ihres Krisenlebens Angst, und das findet sie Scheiße. Weil es nur darum geht. Wer sich nicht fürchtet, duckt sich nicht. Wer sorglos lebt, kann nicht kontrolliert werden. Ich sorge mich um meinen Arsch, der stundenlang in einem Flieger festsitzt, eingeklemmt zwischen was weiß ich was für Fleischbergen. Und dann kommst du da an und liegst nicht in einem Sarg oder schweigst oder redest einfach nur Italienisch. Ich bin total angepasst. Ich versuche ständig, mich zu benehmen. Ich habe Panikattacken. Aber nie werde ich von Angela dafür gelobt, geschweige denn belohnt. Ich bin ein Vergehen gegen die Sittlichkeit, und niemand da drüben wird es bemerken. Es bemerkt auch niemand, dass unsere Kanzlerin Syphilis hat. Ich werde durch Chicago laufen und über einen Völkermord nachdenken. (...) Hinterher werden sich alle fragen, wie es mir gelingen konnte, das Elektronische System mit ein paar gezielten Falschaussagen zu überlisten. Die US-Amerikaner werden den deutschen Behörden vorwerfen, sie seien zu sorglos im Umgang mit ihren Bürgern. Zur Entschädigung liefert Angela Waffen für den Wahlkampf, deren Einsatzort beliebig ist. Wussten Sie, dass Päckchen und Pakete, die von der Poststelle des Bundestags aus verschickt werden, keinen Zollbestimmungen unterliegen? Wussten Sie, dass Syphilis mit Penicilline kaum mehr zu behandeln ist und anders schon gar nicht? Falls mich irgendjemand zwecks eines sorgenfreien Erfahrungsaustausch in Chicago treffen möchte, ich residiere dort vom 11. Oktober bis zum 16. Oktober im JW Marriott. Abendgarderobe erwünscht.

Montag, 8. Oktober 2012

Mein Mann wohnt über mir


Über mir wohnt einer, in den könnte ich mich sofort verlieben. Jedes Mal wenn ich ihn treffe, zum Beispiel morgens beim Bäcker, will ich sagen: Wegen Dir höre ich sofort auf zu rauchen. Er raucht nämlich nicht. Er rasiert sich die Beine. Was ich echt schrecklich finde bei Männern, aber ihn würde ich trotzdem lieben. Er hört immer meine Musik. Aber er sagt nie was. Als er anfing über mir zu wohnen, hat er auch Musik gehört, die ich mitgehört habe. Ich mochte seine Musik. Aber er hat ganz plötzlich damit aufgehört. Seitdem habe ich jedes Mal ein schlechtes Gewissen, wenn ich meine Musik höre, weil sie laut ist und ich nicht weiß, ob er sie mag. Einmal habe ich zugehört, wie er mit einer Frau geschlafen hat. Ich habe die Frau gehört. Einmal, danach nie wieder. Ich frage mich immer, was passiert ist. Warum da keine anderen Frauen nachgekommen sind. Heute hat er mich beim Bäcker angegrinst. Das fand ich schön. Er hatte plötzlich einen Bart. Das würde mich überhaupt nicht stören. Er sah richtig verwegen aus. Ich bin sicher, wenn wir uns besser kennenlernen würden, bräuchten wir nur noch eine Wohnung. Es wäre auch toll, so wie es ist – ich wohne unter ihm und er über mir, aber eigentlich wohnen wir zusammen, und nur wenn einer meint, dass es für den Moment zu viel ist, geht er einfach runter, oder hoch, und wenn alles wieder gut ist, geht man einfach wieder hoch oder runter und ist oben oder unten dann wieder zusammen. Wir kennen uns nur leider überhaupt nicht. Deswegen wohnt er weiter über mir, und ich wohne unter ihm, und jedes Mal, wenn meine Musik läuft und ich über mir höre, wie er etwas umschmeißt, oder von einem Zimmer ins andere geht, denke ich, es ist wegen mir. Dann hoffe ich, dass er runter kommt, um sich zu beschweren. Aber er kommt nur runter, wenn ich ein Paket für ihn angenommen habe. Oder ich gehe hoch zu ihm, wenn er ein Päckchen von mir hat. Ich finde ihn immer wahnsinnig schön, obwohl er sich die Beine rasiert. Er trägt auch eine Brille. Genau wie ich. Er fährt schnell Rad, so richtig im Rennfahreranzug, mit einem Rennrad. Ich laufe, behaupte ich gern, obwohl es eher Joggen ist. Er läuft natürlich. Arbeiten tut er auch, ich weiß nur nicht wo oder was. Wenn er morgens mit seinem Rucksack loszieht, sehe ich ihn immer in einer Universität vor mir. Als Hilfskraft oder Doktorand. Er könnte aber auch in einem Outdoorgeschäft Verkäufer sein. Oder Zahntechniker. Viele Freunde hat er jedenfalls nicht, weil er immer zu Hause ist, wenn er nicht arbeitet. Vor allem Samstags. Abends. Da ist er fast immer zu Hause und niemand besucht ihn. Ich leider auch nicht. Ich könnte mir vorstellen, dass er keinen Alkohol trinkt und sich die Beine nur wegen dem Fahrradfahren rasiert, weil Fahrradrennfahrer das so machen. Er hat ein rotes Kapuzensweatshirt, das ihm besonders gut steht. Und wenn er zur Arbeit geht oder zur Straßenbahn, die ihn zur Arbeit bringt, dann hat er immer den Kopf leicht nach vorn gebeugt, und sein Blick ist auf den Boden geheftet, genau wie bei mir. Im Sommer ist er nie im Garten. Das wäre schön, wenn er mal in den Garten käme, weil der Garten genau bei mir vorm Fenster ist, ich nur aus dem Fenster klettern müsste, um dann zufällig auch im Garten zu sein, wo sich ja dann viel leichter ein Gespräch anfangen ließe, als morgens beim Bäcker oder beim Päckchenabholen. Das ist am schlimmsten. Die Vorstellung, dass er sich auch was zu mir denkt, und dass das gar nicht so sehr anders ist, als das, was ich denke. Und dass das noch Jahre so weiter geht, wie es schon seit Jahren geht und wir nie darüber gesprochen haben werden.

Sonntag, 7. Oktober 2012

Spirituelle Beschneidung ODER Warum Death Metal auch am Tag des Herrn erlaubt ist


Du schläfst neun Stunden. Du schläfst sonst nie neun Stunden. Du willst nicht aufstehen. Du stehst trotzdem auf. Du stellst die Anlage an, setzt die Kopfhörer auf und drückst auf Play. Gojira. Dazu trinkst du Kaffee. Und überlegst, ob du nicht lieber gleich das Saufen anfängst. Ein Kamikazesperling attackiert deine Fensterscheibe. Davon wird er sich bestimmt nicht erholen. Den Sänger von Gojira würde meine Mutter niemals als Sänger akzeptieren. Tamer hört gern Death Metal. Ich frage mich, was Death Metal mit Hass zu tun haben soll. Tamer betrachtet Hass als Motor. Das mach mal jemandem klar. Dass Hass was Positives sein kann. Ist doch besser, du nutzt den Hass für deine Kunst, als ihn auf der Straße an Sperlingen und Ungarn auszuleben. Aber Claudia meint, Hass geht gar nicht. Deswegen hört Claudia auch keinen Death Metal, was für mich überhaupt nicht logisch ist. Claudia sagt, Hass ist ein abnormes Gefühl und deshalb therapiebedürftig. Da, wo ich lebe, hasst jeder Zweite, aber keiner hat den Mut, sich dazu zu bekennen. Also wird therapiert. Oder wegmassiert. Spirituelle Arbeit mit Kindern. Da lande ich immer wieder. Bei der spirituellen Arbeit mit Kindern. Die siehst du alle mit Teppichmessern durch die Gegend laufen. Aber sobald sie ihrer Therapie entwachsen sind, bevorzugen sie Jagdmesser. Mit denen kann man dem eben erlegten Wild auch noch die Haut abziehen. Ich schweife ab. Das heutige Thema lautet: - . Ich habe nicht die geringste Ahnung. Du wachst morgens auf, und es ist Sonntag. Darauf bist du nicht vorbereitet. Du hast nicht damit gerechnet, dass die Armee der Geister in dir schon seit Stunden auf dem Kriegspfad wandert. Du rufst den Weckdienst Telekom an, der dreht für dich die Zeit zurück. Um das bezahlen zu können, versetzt du die Brillianten deiner Mutter. Hallo, Mutter. In meiner zurückgedrehten Zeit bin ich ein Kind auf der Suche nach einer spirituellen Erfahrung. Die Erfahrung beginnt mit meinem Großvater, als der meinen Pimmel zwischen seine Finger genommen und die Haut da vorne hoch und runter gezogen hat. Meine Mutter hatte nichts dagegen. Sie hat mich sogar in ein Krankenhaus gebracht. Da kam ich in ein Bett mit Gittern an der Seite, damit ich nicht raus konnte aus dem Bett. Sie haben mir eine blaue Duschhaube auf den Kopf gesetzt, da waren weder meine Mutter, noch mein Großvater anwesend. Ich dann auch nicht mehr, also bewusstseinsmäßig nicht, weil ich und mein Bewusstsein weggespritzt wurden. Als ich wieder aufgewacht bin, hat mein Pimmel mehr gebrannt als je zuvor. Aber die Vorhaut, an der mein Großvater immer rumgezogen hat, die war nicht mehr da. Meine Großmutter hat mich dann im Krankenhaus besucht und mir eine Kinderbibel mitgebracht. Da waren Bilder von Menschen drin, die andere Menschen mit Speeren durchbohrten. Meine Großmutter meinte, ich hätte ja noch Glück gehabt. Das geht mir heute noch so, dass mein Pimmel zu brennen anfängt, sobald ich irgendwo eine Bibel sehe. Seitdem denke ich auch, dass mein Pimmel bestimmt weiter gewachsen wäre, wenn sie nicht an ihm rumgeschnippelt hätten. Der Rest von mir ist ja auch immer größer geworden. Death Metal. Gott ruft uns mit seinen Bimmeln zum Dienst. Bei der Telekom ist ständig besetzt, und meine Mutter behauptet, sie hätte ihre Brillianten längst selbst versetzt. Es ist immer noch Sonntag. Es wird mir also nichts anderes übrig bleiben, als rauszugehen und ein bisschen mit den Jungs und ihren Messern rumzuzspielen.

Samstag, 6. Oktober 2012

Mein Held ter Stegen


Die Häuser haben Gelenke. Sie sind kaum größer als Hochsitze und völlig ungeeignet für Gehbehinderte, die die Leitern nicht hochkommen. An den Trägern sind also Gelenke, die das Haus im Wind wiegen, falls ein Wind weht. Oder im Sturm. Nach dem Sturm fangen die Vögel nicht mehr an zu singen. Nach dem Sturm hat der Himmel sich verkleinert. Für die Verräter gibt es kein Vor und kein Zurück. Nur die Löcher im Himmel, durch sie fliehen. Die Löcher werden immer größer und der Himmel immer kleiner. Die Zurückgebliebenen tanzen mit den Vögeln um die Wette. Keiner weiß mehr, was es zu gewinnen gibt. Und dann kommst du. Dann bist plötzlich du an der Reihe. Und du fragst dich: Wo bin ich? Weil du davon gar nichts mitbekommen hast, dass du auf einmal ganz woanders bist. Und du hast keine Ahnung, wie du da hingekommen bist, aber alle erwarten das von dir. Dass du jetzt endlich dieses verdammte Tor aufmachst. Du sollst sie endlich reinlassen, und zwar alle. Du denkst: Scheiße! Ich hab nur Gummistiefel an. Ich hab sonst nie Gummistiefel an. Ich hab sonst überhaupt nichts an. Nur diese Gummistiefel. Und das Tor kriegst du auch nicht auf, bloß weil du denkst: Ich muss das Scheißtor aufkriegen. Du stehst in diesem Scheißtor. In Gummistiefeln. Und alle rufen: Marc! Dir ist sofort klar, dass du das bist. Du bist Marc-André ter Stegen und hast nur Gummistiefel an. Im Stadion toben die Türken, und dann verändert der Rhein ohne Vorwarnung die Laufrichtung. Dieser Laufweg wurde überhaupt nie einstudiert. Die Tore öffnen sich; der Rhein strömt ins Stadion; die Türken fliehen durch die Himmelslöcher, und du denkst nur: Zum Glück hab ich die Gummistiefel an. Später begegnest du in den Katakomben einer Grundschullehrerin, die dir die Mengenlehre nahebrachte. Sie ist unglaublich wütend. Die Gelenke an den Trägern ihres Hauses sind im Moment der Rheinumkehr verrostet. Ihr Haus stürzte augenblicklich ab. Sie behauptet, du hättest es besser warten müssen. Erst dann fällt ihr auf, dass du außer den Gummistiefeln nichts anhast. Du hast dich mittlerweile daran gewöhnt, aber sie hat ein Déjà-vu und bekommt einen Herzkasper. Sie klammert sich an einen Türken, der die Katakomben mit dem Himmel verwechselt hat, und bittet ihn um ein Eheversprechen, aber das Stadion macht die Tore dicht. Kein Pfarrer kommt da noch durch, nur du. Du bist längst auf dem Parkplatz und suchst nach deinem Auto, das aber der Rhein beschlagnahmt hat. Deine Mutter kann dich auch nicht abholen, weil sie ihrem Wellensittich gerade die Knötchen von den Stimmbändern entfernt. Von irgendwoher rufen sie wieder: Marc! Du hast endgültig genug von dieser Scheiße und diesen Gummistiefeln, aber ohne Hilfe wirst du die nicht los. Also erinnerst du dich an deinen Lieblingsfilm und versuchst ihn nachzuspielen, was aber auch nichts nützt, weil keiner außer dir diesen Film kennt. Alle starren nur auf deine Gummistiefel. Niemand, der dir wenigstens ein Handtuch oder einen Reiseführer reicht. Das ist der Moment, auf den ich schon den ganzen Tag gewartet habe. Jetzt komme ich. Ich trete in Aktion. Ich bin dein Retter. Ich rette Marc-André ter Stegen. Und niemand sieht hin. Später sitzen wir auf einem Teppich, den wir aus deinem Hochsitz retten konnten, am Ufer des Rheins und trinken Kölsch aus der Flasche. Wir beschließen, unseren Enkeln davon zu erzählen. Wir wissen nur nicht, woher wir diese Enkel nehmen sollen.