Mittwoch, 7. März 2012

Der schwule Diktator

Meine Mentalplanung läuft schief. Ich bin immer noch schwul, aber nach wie vor kein Diktator. Das kann sich ändern, sobald sie das schwul-Gen finden. Da kannst du dich dann vor deiner Geburt schwul machen lassen, und sobald du da bist, setzen deine Leute alles daran, dich zum Diktator zu machen. Oder du machst eine Banklehre und kannst es dir nach zwei Jahren auf dem freien Markt leisten, dir einen Chip einsetzen zu lassen, der dich zum Diktator transformiert. Entweder werden Diktatoren vollkommen überbewertet, oder sie sind die Zukunft. Da besteht dann die Gefahr, dass es zu viele gibt. Wie in einer Demokratie. Da wimmelt es ja nur so von Mininazidiktatoren. Man muss nur mal auf einen Bundespresseball gehen. Da werden überall Kotztüten verteilt, und dann kotzen die Gäste Miniaturabbilder ihrer selbst in diese Tüten. Später verramschen sie die Scheiße als Eilmeldung im Live-Ticker. Was passiert eigentlich, wenn Information anfängt sich zu materialisieren? Coffee-to-go zum Beispiel soll sonderbesteuert werden, wegen den Tonnen von Bechermüll, der die öffentlichen Eimer zusätzlich belastet. Angeblich bauen sie schon eine Straße zum Mond mit den Bechern. Und jetzt die Information. Wenn die gegenständlich wird, wo führt uns dieser Müll dann hin? Zur Erde 2 im nächsten Universum, behaupten Leute der Max-Planck-Gesellschaft, die gerade der Frau Schavan und ihrem Bondagelover Dr. Töchterle den Sommerurlaub organisieren. Meine Schwester lebt in Österreich und meint, es sei unvorstellbar, dass da irgendeine Wissenschaft den Fortschritt organisiert. Seit über zehn Jahren versucht meine Schwester Tirolerisch zu sprechen. Ihr Pseudodialekt klingt natürlich furchtbar und stigmatisiert sie automatisch als völlig integrationsuntauglich. Kein Wunder, dass sie für den Fremdenverkehr tätig ist. Die haben kein Problem mit Frauen. Herr Brommarius hat sich heute in der Berliner Zeitung für ausländische, behinderte, homosexuelle Frauen stark gemacht, aber vergessen, die Minderheit der Diktatoren zu erwähnen. Die werden ja mittlerweile auch mehr oder minder systematisch ausgegrenzt. Der im Iran soll sogar von einem seiner Nachbarn weggebombt werden. Weil er nicht schwul ist und kurz davor ist, seine Informationen zu materialisieren. Das Konfliktbarometer hat 2011 als kriegsreichstes Jahr seit 1945 ausgewiesen. Angesichts des weltweiten Ideals der Wachstumsbeschleunigung kann man trotz der Krisen nur hoffen, dass wir da 2012 noch mal einen draufsetzen können. Das wäre auch gut für die soziale Hygiene. Die ist ja auch ein Markt. Mein Mentalplanung lässt sich trotzdem nicht mehr korrigieren. Egal wie schwul ich mich als Diktator gebärde, sie verweigern mir den Eingliederungszuschuss. Bleibt nur noch die Geschlechtsumwandlung. Na gut. Mach das.

Donnerstag, 1. März 2012

Google Earth und die Euro-Krise

Ich wohne Erdgeschoss. Hinterhaus. Da ist so hell wie vierter Stock. Weil vor meinen Fenstern ein Garten ist. Der Garten ist so groß wie die Hälfte einer Hälfte eines Fußballfeldes, und hinter dem Garten sind die Gärten anderer Häuser. Da wo unser Garten ist, zeigt Google Earth einen grauen Kasten, der ein Haus darstellt. Warum weiß Google Earth vor allen anderen, wo Häuser gebaut werden? Vor ein paar Tagen war ich auf einer Party, die war im 14. Stockwerk eines Hochhauses, das bei Google Earth gepixelt ist. Es gab eine Dachterrasse, auf der auch gefeiert wurde. Es waren sehr viele Menschen da, und es kamen immer mehr. Irgendwann war es so voll, dass man es kaum mehr von der Dachterrasse nach drinnen geschafft hat. Dann gab es Streit. Ich war draußen, in der Nähe der Brüstung. In der Nähe des Streits. Einige wurden gegen das Geländer gedrückt. Wir haben gerufen, dass sie aufhören sollen. Es war wie im Heysel-Stadion 1985. Damals hat Eberhard Figgemeier gesagt, er würde nie wieder ein Fußballspiel kommentieren. Hat er dann natürlich doch gemacht. Angeblich erholt man sich von jedem Schock. Ich schlage um mich und die anderen auch. Aber sie drücken und schieben uns immer wieder zurück. Und dann hören wir den Schrei. Es ist der Schrei einer Frau. Ich kannte sie nicht. Der Schrei entfernt sich, fällt nach unten. Irgendwie ist sie übers Geländer abgegangen. Niemand konnte sie halten. Der Schrei frisst sich in uns alle, bevor er abrupt verstummt. Plötzlich sind alle ruhig und niemand schiebt oder drückt oder schlägt mehr. Plötzlich ist genug Platz. Das Gedränge löst sich wie selbstverständlich auf. Ich kann nicht nach unten gucken. Keiner konnte sie halten. Keiner überlebt einen Sturz aus dem 14. Stock eines Hochhauses, selbst wenn er unterwegs denkt: Bisher lief’s noch ganz gut.