Dienstag, 21. Februar 2012

Systemabsturzkoordinator


„Am Ende steht immer der Wald, du Arschloch.“ Keine Ahnung, was er meint. Wir stehen vor einer Bar, und Vitali schlägt um sich, trifft aber niemanden. Dann sagt er, er will nach Singapur. Da haben sie ihm was als Liftboy in einer Gated Community angeboten. 48 Stockwerke in 10 Sekunden. Immer häufiger gehen Europäer nach Singapur für Jobs, die sie hier mit dem Arsch nicht anfassen würden. In der Gated Community kann Vitali auch wohnen. Da gibt es einen Pool für alle, der wird jeden Tag gereinigt, sagt er. Keiner geht rein, und keiner kommt raus. Wir denken immer, es sind die Asiaten, deren Leben davon abhängt, das Gesicht zu wahren. Bestenfalls haben Türken von dieser Manie noch was abbekommen, oder Spanier und Italiener. Bei denen beschränkt sich Überlebensstrategie allerdings mehr auf die eingebildete Größe ihrer Eier. Man erkennt am Gang, ob einer mit Volleybällen jonglieren kann. Frauen kommen nicht vor. Die verschleiern höchstens, obwohl das ja auch eine Form der Gesichtswahrung ist. Wer sein Gesicht verliert, verliert was? Die Ehre, den Respekt, den Selbstwert. Das sind alles Werte, die in Deutschland nicht vorkommen. Wie kann es sein, dass die Leute hier plötzlich reihenweise ihr Gesicht verlieren? Was passiert dann mit denen? Die tauchen frisch rasiert wieder auf, haben sich irgendwo gepimpt und sind auf Vernichtung getrimmt. Auf Rache. Die ist identitätsstiftend. Hier hält es keiner lange in der Versenkung auf, und die, die ihr Gesicht nicht wiederfinden, segeln mit den Apothekerwolken. In Singapur stehen wir auf der Terrasse und atmen Schnee, der vom Dach rieselt. Wir haben gute Kontakte. Wir investieren auch im Kaukasus. Das Gebirge ist unglaublich. Vitali kennt sich mit den Transportwegen aus. Termingeschäfte. Ich hätte nie gedacht, dass meine Persönlichkeit ausreicht, um in der Wirtschaft mitzumischen. In diesen Zwischenwelten der Legalität, wo ein Gesicht mehr zählt, als ein Gesetz, ein Handschlag mehr, als Zollpapiere. Hängt davon ab, was in der Hand liegt. Meine Mutter sagt, ich soll mir von meinem neuen Reichtum nichts anmerken lassen. So wie die Paten in Kalabrien. Keine Ahnung, wo sie das her hat. Saviano hat sie bestimmt nicht gelesen. Sie sagt, ich soll in Gold anlegen. Vitali ist für Seltene Erden. Wir machen beides. Manchmal frage ich mich, ob ich mein altes Leben zurück will. Ob es jemanden gibt, vor dem ich mich schäme. Vor dem ich das Gesicht verliere. Jemand aus der Vergangenheit, die mir vielleicht mal etwas bedeutet hat. Vitali dressiert Raben. Er denkt nicht nach und hat keine Vergangenheit. Irgendwo in Anatolien verticken sie Brieftauben in Garagen. Und wenn du nichts mehr zu fressen hast, schlachtest du die letzte Verbindung, die du noch zur Menschheit hast. Mir war nie klar, wie weit diese Tauben fliegen können. Ich schlage meiner Mutter vor, Deutschland zu verlassen. Damit sie auch was hat von den Erträgen, die ich einfahre. Hier interessiert es keinen, wie viel ich habe. Sie will nicht. Sie lässt sich auch nichts überweisen. Zu auffällig, meint sie. Und wahrt ihr Gesicht für mich. „Am Ende steht immer der Wald, du Arschloch.“ Vitali. Ist nur eine Frage der Zeit, bis er mich verrät. Es wird Zeit, sich zu verselbstständigen. Ich koordiniere seinen Absturz, und er merkt es nicht. Oder ich bin schon seit zwei Jahren zwei Schritte zurück. Er hat das Zeichen längst gegeben, und ich bin tot, ohne dass einer was merkt.

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