Donnerstag, 9. Februar 2012

Kotze auf dem Roten Teppich - Westerland goes to Berlinale


Wir spielen jetzt international, meint Christian Wulff. Irgendein irrer Filmemakler hat ihn gespritzt. Wulff besteht darauf, dass ich ihm meine Karte für den roten Teppich der Eröffnungsgala der Berlinale schenke. Schließlich hätte ich ihm ja auch den Sylt-Aufenthalt bezahlt. Meine Mutter versteht nicht, warum der Bundespräsident nicht automatisch eingeladen wird. Ich erzähle ihr, dass ich einen Anzug gekauft habe, taubenblau, das findet sie toll. Sie hatte schon befürchtet, ich würde so wie immer rumlaufen. Die Frage, die wir uns stellen, also meine Mutter, Jesus und ich: Wie werden Jesus und ich unsere Jacken los, bevor wir auf den Teppich steigen? Eigentlich geht man in eine Tiefgarage, in der Limousinen bereit stehen, und dann fährt man in der Limousine aus der Tiefgarage raus und zweihundert Meter vor, bis zum roten Teppich, steigt da aus und läuft drüber. Hostessen haben deine Jacke inzwischen aus der Tiefgarage zur Garderobe transferiert. Aber Jesus und ich sind für die Limos nicht vorgesehen, da fehlt uns der Status für. Ich könnte die Jacke Christian geben, also Jesus und ich, wir ziehen unsere Jacken draußen unauffällig aus, geben sie dem Bundespräsidenten, und der schmuggelt sie und sich dann rein, während ich meinen neuen, taubenblauen Anzug über den Teppich führe und mich bemühe, irgendeine 3sat-Kamera zu erwischen, um meiner Mutter zuzuwinken. Gestern war ich mit Jesus und Cem im Radio und habe bei einer Frage, auf die ich keine Lust hatte,  gesagt: Die wird rausgeschnitten. Der Moderator war verblüfft und hat ‚Beep’ gesagt. Keine Ahnung, ob er das rausschneidet oder nicht. Jedenfalls war ich übellaunig, und das wird jetzt wieder meinen Chef aufbringen, weil der gesagt hat, ich soll auf alles höflich antworten, nur nicht auf die Fragen und dabei soll ich immer lächeln. Immer lächeln findet er das Wichtigste. Das ist das Problem. Ich lächele überhaupt nie. Es sei denn, einer bringt mich zum Lächeln. Oder zum Lachen. Dann lache ich auch. Ich bin total reaktionär. Das ist meine Natur: Ich reagiere. Auf Menschen. Und Situationen. Das kann ich nicht steuern. Jemand, der auf mich zukommt und mich anspricht, wird sofort von mir gescannt. Sofort sind da chemische Reaktionen, die sich nicht beeinflussen lassen. Wenn ich die Gewalt über mich verwalten will, komme ich immer zu spät. Der, der die Reaktion auslöst, merkt sofort, dass mit mir etwas nicht stimmt. Also wenn ich denke: Lächeln – und ich lächele nicht. Ich rotze oder kotze den Leuten stattdessen vor die Füße, im übertragenen Sinn. Das ist meine Aura. Ich wäre ein super Iran. Weil ich bei der Reaktion einen Schutzschild um mich baue, der absolut abstoßend wirkt. Cem behauptet vor der Radiokabine, dass Israel jetzt den Iran angreift, also morgen oder nächste Woche oder so. Er meint 0,1 Prozent Glaube an die Bombe würde Israel reichen und die 0,1 Prozent seien endgültig erreicht. Er weiß das von seiner Freundin, einer iranischen Ninja-Kämpferin, die für den Mossad arbeitet. Ein Journalist fragt, warum ich mich als Studierter und Künstler mehr für Proletarier als für meine Kaste interessiere, das sei doch ungewöhnlich. Mir wird bewusst, dass ich das Wort ‚reaktionär’ falsch verwende. Mein Chef hat mir wegen dieser Radiogeschichten komische Pillen angedreht, die mein Verhalten optionieren sollen. Mal sehen, ob sie wirken.

1 Kommentar: