Sonntag, 26. Februar 2012

Kommunisten ficken Junkies

Es gibt eine Statistik, die besagt, das 80% der Kinder drogensüchtig sind, deren Eltern Mitglied einer kommunistischen Partei in Deutschland sind. Mein Trainer sagt, ich leide unter Formschwäche. Er hat mir eine Zwangspause verordnet. Keine Ahnung, wie lang die dauert.

Freitag, 24. Februar 2012

Kein Porno, kein Koran

Ich bin Tag und Nacht auf einer anderen Baustelle. Und plötzlich fragt mich einer: Was ist das Wesentliche? Und du denkst: Fick dich! Soll ich dir jetzt die Welt erklären, oder dir meine Seele vor die Füße kotzen? Stattdessen stürze ich gegen eine Mauer und habe ein Loch im Kopf. Das letzte Mal ist mir das passiert, da war ich fünf. Da hatte ich noch einen Großvater mit Nadel und Faden, der das Loch genäht und mich getröstet hat. Jetzt stehe ich zwischen zwei Straßenlaternen, weiß nicht, ob ich gestolpert bin, mich einer geklatscht hat, warum alle um mich herum gehen und mich dabei anstarren. Wahrscheinlich wegen dem Blut. Dem Wesentlichen. In der Notaufnahme tackern sie. Das kenne ich vom Fußball. Der Riss ist fünf Zentimeter lang, über der rechten Augenbraue. Jetzt habe ich ein Markenzeichen. In einer Illustrierten entdecke ich die Ausschreibung zu einem Lyrik-Wettbewerb. Das Thema: Humanitäre Hilfe. Ich bin kein Lyriker. Die GEZ fragt, warum ich mich von der GEZ abmelden will. Sie glaubt nicht, dass ich meinen Fernseher zerstören werde. Ich schicke der GEZ mein Gedicht zum Thema Humanitäre Hilfe. Es nützt nichts. Den Wettbewerb gewinne ich auch nicht. Ständig fragen die Leute mich nach der Narbe. Bin gegen eine Wand gestürzt. Das ist das Wesentliche. Die meisten gucken ungläubig. Bedeutet ungläubig: Ich glaube nicht, oder: Ich glaube dir nicht? Kann Glaube tatsächlich etwas Grundsätzliches sein? Ich habe keine Grundsätze. Das ist meine Art, mich humanitär zu engagieren. Unter dem Reichstag gibt es einen Bunker, in dem die Hälfte der Bundestagsabgeordneten im Ernstfall drei Monate lang überleben könnte. Mehr sind sowieso nie da. Die Angestellten müssen zusehen, wo sie abbleiben. Ein Freund von mir ist für die Lagerbestände zuständig. Er behauptet, es gäbe in dem Bunker auch Opiumvorräte, Opiumpfeifen, Spritzbestecke und Heroin. Auf welche Art von Untergang bereiten die sich vor? In Afghanistan verbrennen die Hilfstruppen Bücher, weil sie die Schrift nicht lesen können und es um die Feldlagerunterhaltung nicht zum Besten steht. Alle Pornos sind schon durchgeguckt und abgewichst. Deswegen werden die Lager jetzt geräumt. Die Lager sind gegen die Wut Steine werfender Kinder nicht länger zu verteidigen. Zum Glück wurde das Opium und das Heroin für den Reichstagsbunker schon ausgeflogen. Das ist das Wesentliche. Betäubung. Deswegen kommst du auch nicht einfach aus der GEZ raus. Ich habe denen ein Video von meiner Fernseherverbrennung geschickt. Sie zweifeln die Echtheit an. Bei uns ist Wut immer ein Einzeltäter. Das machen sie dir weis. Und bauen sich Bunker. Jeden Tag eine andere Baustelle. 

Dienstag, 21. Februar 2012

Systemabsturzkoordinator


„Am Ende steht immer der Wald, du Arschloch.“ Keine Ahnung, was er meint. Wir stehen vor einer Bar, und Vitali schlägt um sich, trifft aber niemanden. Dann sagt er, er will nach Singapur. Da haben sie ihm was als Liftboy in einer Gated Community angeboten. 48 Stockwerke in 10 Sekunden. Immer häufiger gehen Europäer nach Singapur für Jobs, die sie hier mit dem Arsch nicht anfassen würden. In der Gated Community kann Vitali auch wohnen. Da gibt es einen Pool für alle, der wird jeden Tag gereinigt, sagt er. Keiner geht rein, und keiner kommt raus. Wir denken immer, es sind die Asiaten, deren Leben davon abhängt, das Gesicht zu wahren. Bestenfalls haben Türken von dieser Manie noch was abbekommen, oder Spanier und Italiener. Bei denen beschränkt sich Überlebensstrategie allerdings mehr auf die eingebildete Größe ihrer Eier. Man erkennt am Gang, ob einer mit Volleybällen jonglieren kann. Frauen kommen nicht vor. Die verschleiern höchstens, obwohl das ja auch eine Form der Gesichtswahrung ist. Wer sein Gesicht verliert, verliert was? Die Ehre, den Respekt, den Selbstwert. Das sind alles Werte, die in Deutschland nicht vorkommen. Wie kann es sein, dass die Leute hier plötzlich reihenweise ihr Gesicht verlieren? Was passiert dann mit denen? Die tauchen frisch rasiert wieder auf, haben sich irgendwo gepimpt und sind auf Vernichtung getrimmt. Auf Rache. Die ist identitätsstiftend. Hier hält es keiner lange in der Versenkung auf, und die, die ihr Gesicht nicht wiederfinden, segeln mit den Apothekerwolken. In Singapur stehen wir auf der Terrasse und atmen Schnee, der vom Dach rieselt. Wir haben gute Kontakte. Wir investieren auch im Kaukasus. Das Gebirge ist unglaublich. Vitali kennt sich mit den Transportwegen aus. Termingeschäfte. Ich hätte nie gedacht, dass meine Persönlichkeit ausreicht, um in der Wirtschaft mitzumischen. In diesen Zwischenwelten der Legalität, wo ein Gesicht mehr zählt, als ein Gesetz, ein Handschlag mehr, als Zollpapiere. Hängt davon ab, was in der Hand liegt. Meine Mutter sagt, ich soll mir von meinem neuen Reichtum nichts anmerken lassen. So wie die Paten in Kalabrien. Keine Ahnung, wo sie das her hat. Saviano hat sie bestimmt nicht gelesen. Sie sagt, ich soll in Gold anlegen. Vitali ist für Seltene Erden. Wir machen beides. Manchmal frage ich mich, ob ich mein altes Leben zurück will. Ob es jemanden gibt, vor dem ich mich schäme. Vor dem ich das Gesicht verliere. Jemand aus der Vergangenheit, die mir vielleicht mal etwas bedeutet hat. Vitali dressiert Raben. Er denkt nicht nach und hat keine Vergangenheit. Irgendwo in Anatolien verticken sie Brieftauben in Garagen. Und wenn du nichts mehr zu fressen hast, schlachtest du die letzte Verbindung, die du noch zur Menschheit hast. Mir war nie klar, wie weit diese Tauben fliegen können. Ich schlage meiner Mutter vor, Deutschland zu verlassen. Damit sie auch was hat von den Erträgen, die ich einfahre. Hier interessiert es keinen, wie viel ich habe. Sie will nicht. Sie lässt sich auch nichts überweisen. Zu auffällig, meint sie. Und wahrt ihr Gesicht für mich. „Am Ende steht immer der Wald, du Arschloch.“ Vitali. Ist nur eine Frage der Zeit, bis er mich verrät. Es wird Zeit, sich zu verselbstständigen. Ich koordiniere seinen Absturz, und er merkt es nicht. Oder ich bin schon seit zwei Jahren zwei Schritte zurück. Er hat das Zeichen längst gegeben, und ich bin tot, ohne dass einer was merkt.

Samstag, 18. Februar 2012

Christian Wulff und die Schwuchtel-Mafia vom Tempelhof

Christian Wulff und seine Frau wurden schwer verletzt. Die Sanitäter kommen zu spät. Überall säufst du umsonst, wenn du Film bist in Berlin, nur nicht bei den Schwuchteln. Die Schwuchteln ziehen dich ab. Du musst saufen, weil Schwuchteln ohne Alkohol nicht zu ertragen sind, was die Schwuchteln hinter den Tresen natürlich wissen. Deshalb ziehen sie dich ab. Flughafen Tempelhof. Christian ist nicht da. Er ist verletzt. Und Frauchen auch. Von hier aus fliegst du nirgends mehr hin. Eine Woche lang waren alle herzlich zu mir. Dann kamen die Schwuchteln mit ihrem Versprechen, die coolste Party der Festspiele zu veranstalten. Weil sie so cool sind in ihrer Abflughalle, fliegen ihre Fressen hinter den Theken vor dir in den Himmel. Von da oben rotzen sie dir ins Gesicht, weil sie so cool sind. Für ihre Rotze lassen sie dich blechen, und Christian ist nicht da und Bettina auch nicht, und irgendwie muss ich mich trösten, weil der Anblick ihrer Wunden und die Tatsache, dass ich als Schwuchtel inmitten dieser ganzen Scheiße rumirre, inmitten dieser ganzen Schwuchteln, die alles auf den Kopf stellen, was dich eine Woche lang beglückt hat, die keine Ahnung haben, dass das unser Präsident war, der hier für nichts bezahlen kann, weil unser Präsident kein Präsident mehr ist, sondern schwer verletzt und auf der Flucht und keine Ahnung, wo der jetzt hin ist, weil ich die Blutspur nicht finde. Weil da nur die Schleimspur der Rotzfressen ist, und Bettina, die alles dafür gegeben hätte, mit uns Schwuchteln rumszuspielen, umsonst natürlich, aber stattdessen schwer verletzt die Wunden leckt, und da landest du ja immer wieder: bei der Verletzung. Den Wunden. Den Schwuchteln. Der Abzocke. UND NATÜRLICH STEHE ICH DA VOLLKOMMEN DRÜBER!!!! Der Typ ist Schauspieler und heißt Michael, und irgendwie ist er scharf auf eine Rolle, egal in welchem Film, Hauptsache Film, und da denkt man natürlich an Bettina und Christian, die wollten ja auch in den Film, egal wie, und natürlich bin ich nicht Groenewold und Michael ist nicht Christian, aber Michael spielt Ohnesorg-Theater und träumt vom Notruf Hafenkante. Das ist durchaus vorstellbar, dass unser Präsident genau da landet. Alles wächst zusammen, und ich bilde mir ein, Michael ist zu allem bereit, weil ich der Regisseur bin und er die Rolle, die er will, also schleppe ich ihn aufs Rollfeld zu den Schwuchteln, genauso wie der Groenewold den Wulff, oder der Wulff den Groenewold – wo haben die sich eigentlich gegenseitig hingeschleppt? Wie soll ich die Scheiße hier beseitigen, wenn überall Verletzte im Weg rumliegen? Ficki Ficki. Also wie geht jetzt Ficki Ficki mit Michael oder Christian oder Bettina, wenn du einfach nicht genug auf Tasche hast, wenn du einfach nicht besoffen wirst, egal wie viel die Schwuchteln dir aus der Tasche ziehen und dir dabei in die Fresse rotzen, weil sie die Coolsten der Stadt sind, so wie der Präsident. Der rotzt uns allen seit Wochen in die Fresse, und jetzt ist er schwer verletzt und kein Mensch weiß, wie er seine Wunden heilen soll, weil sich kein Schwanz für eine Schwuchtel interessiert, die rumheult. Die kein Präsident mehr ist. Ein Stahlgewitter vergisst man nicht in einem Jahr, das vergesse ich in fünf Minuten. Fünf Minuten nachdem du abgetreten bist, bist du vergessen, Arschloch. Fünf Minuten nachdem du weg bist, Michael, habe ich dich schon vergessen, Christian. Was bleibt sind Stahlgewitter und Adolf, mein Oberhaupt und Tröster. Sauerland bleibt unverletzt. Wo ist der jetzt? Wo bin ich hier? Das ist die Ambulanz, und auf der Bahre neben mir liegen Christian und Bettina und Adolf, und natürlich stehe ich da vollkommen drüber!

Mittwoch, 15. Februar 2012

BERLINALE HEUTE: Westerland - Welturaufführung


Ich habe mal gehört, dass es sieben Himmel und sieben Erden gibt. Und dass die Bewohner der zweiten Erde fast andauernd unter Melancholie leiden. Und wenn sie mal nicht traurig sind, bekriegen sie sich. Manchmal sind Höhere Wesen der siebten Erde zu Besuch gekommen und wollten helfen. Aber sobald sie auf der zweiten Erde waren, litten sie unter Gedächtnisschwund und wussten nicht mehr, wer sie waren. Aus kosmischer Sicht ist die Erde ein schlechter Ort.


Dienstag, 14. Februar 2012

SNACKBAR


Berlinale-Empfehlung:
Snackbar von Meral Uslu, Niederlande 2012
So        19.02.       15:00        Haus der Kulturen der Welt Kino 1

Montag, 13. Februar 2012

Opferselektionskriterien

Hier haben sie eine Dogge auf offener Straße geschlachtet. Die war bekannt für ihre riesigen Scheißhaufen. Das Frauchen haben sie an einer Laterne aufgehängt; es hat von oben zugesehen. Die Sitten werden rauer. Schweigen wird zur Überlebensstrategie. Der Preis: Kein Arsch weiß, wer du bist. Wenn du kein Opfer sein willst, brauchst du Opferselektionskriterien. Die musst du in die Tat umsetzen. Macht! Da redest du dich nicht mit deinem Geschlecht raus, bloß weil dein Geschlecht denkt, dass Macht immer noch gechlechtsgesteuert ist. Ein Meer von Produktionsfirmen. Alle, die die Schnauze voll haben von Beschneidung, Quote, Hüttenkäse, Nichtbeachtung und Doggen, gründen jetzt eigene Produktionsfirmen. Und alles wird besser! Da lässt sich niemand mehr, von was auch immer, korrumpieren. Klar. Da werden jetzt ganz eigene, neue Opferselektionskriterien erstellt. Korrumpiere dein Hirn! Da ist kein Hirn mehr. Hauptsache, du glaubst. Das liegt ganz oben auf meinem Schreibtisch: der Glaube. Ich habe einen zweiten Körper beantragt. Für die Repräsentation. Einen für mich zu Hause und einen für draußen, für die anderen. Den kann ich von Zuhause aus steuern. Vielleicht beherrsche ich dann das Spiel. Sie geben mir kein zweites Hirn. Ich bekomme den zweiten Körper, den Repräsentationskörper, aber ich bekomme kein Hirn dazu. Gut. Ich steuere das mit dem anderen, kein Problem. Hauptsache ich muss nicht berühren. Ich will von niemandem mehr berührt werden. Ja, gut. Mach das. Pollesch steht am Buffet und sagt, er hätte mein Profil in der blauen Welt entdeckt. Und einen Moment später wäre es schon wieder weg gewesen. Das war auch eine Zweitkörperrepräsentationserfahrung. Da war der zweite Körper virtuell und tauchte im Netzwerk auf. Dabei wurde das Hirn zu Hause beschädigt. Daraufhin wurde aufgrund der zuvor aufgestellten Opferselektionskriterien das Wesen aus dem Netzwerk entfernt. Das war auch Ich, mein Repräsentant, aber ich habe das überlebt, also das Ich, das ich zu Hause produziere. Der neue Ansatz ist gefährlicher. Der mit dem echten zweiten Körper und nur einem Hirn. Du verhandelst die Idee deines Lebens und bist nicht dabei. Oder eben doch. Und wenn du versagst, stirbst du. Egal, wie oft es dich gibt, wie gut du reparierst wirst: Du stirbst immer wieder. Immer mit dem selben Hirn. Egal. Wähle ein neues Hirn. Benutze Chemie. Neue Produktion. Ich bin die Firma. Mein altes Ich ist pleite. Ich werde besser. Alles andere wird schlechter. Ich erwerbe die Macht. Ich schlachte meinen Hund und hänge mich auf. Ich hab’s geschafft. Ich bin dabei. Ich selektiere. Ich bin mehr als ich. Ich bin alle. Ich hänge an einem Seil von einer Autobahnbrücke, mit einem Schild um meinen Hals: Vorsicht Bombe! Und dann explodiere ich.

Sonntag, 12. Februar 2012

Mobben im Ritz-Carlton


Gestern waren alle da, die bei der Kantinenveranstaltung der Eröffnung nicht dabei waren. Das bedeutet: alle. Keine Ahnung, wie ich meiner Mutter erklären soll, dass ich den Anzug nicht anhatte. Wir sind auf einem Laufband im Ritz-Carlton an Fotografen vorbeigeschwebt, die „Westerland“ gerufen haben. Das bedeutete: Guck mich an! Mich war die Kamera. Es gab auch Zigarettenhostessen. Natürlich musste ich Bier transportieren, und jedes Mal sah ich mich mit den Biergläsern über die 4 cm hohe Teppichkante stolpern. Ich erinnere mich nicht daran, wann Uschi Glas zuletzt in einem Kinofilm mitgespielt hat, aber ich erinnere mich an Uschi Glas. Damals war ich fünf und in Uschi Glas verliebt. Bevor ich mich dann in Katja Ebstein verliebt habe. Manchmal verwechsele ich auch Kino und Fernsehen. Ein Schauspieler war im Ritz Carlton, der hat vergessen seine Rolle zu spielen. Der hatte wie alle anderen auch Alkohol getrunken, nur hat der bei ihm auch gewirkt, und er hat aufgehört zu spielen. Das war auffällig, weil er laut war und ehrlich, und ständig Menschen, die er tatsächlich mochte auch wirklich umarmt hat. Das wurde nicht gern gesehen. Das haben die Kollegen ihn spüren lassen. Daraufhin wurde er noch ein bisschen lauter und ehrlicher, und wir hatten plötzlich unglaublich viel Platz um uns rum. Dann mussten wir eine ziemlich lange Schlosstreppe runter zum Ausgang, und oben im Rang hingen sie über dem Geländer und haben gegafft und ihrem Kollegen, der immer wieder „Westerland!“ und meinen Namen gerufen hat, ihre Verachtung hinterhergeschickt. In Wahrheit war das ein Gemisch aus Neid und Sehnsucht. Bei denen, die noch irgendwas merken. Die mit der echten Verachtung hängen alle an der Nadel. Auf einer anderen Party habe ich weiter Bier getrunken, und jetzt gehe ich gleich zu einem Sektempfang. Zwischendurch träume ich in Jump cuts. Bis eben wusste ich nicht, dass das geht. Ich wusste allerdings auch nicht, dass ich schlafe. Das habe ich an den Jump cuts gemerkt. Ich bekomme eine Ahnung davon, was ich alles gesagt habe gestern. Wenn man nichts zu sagen hat und ich viel trinke, endet es immer damit, dass ich alles sage, was es zu sagen gibt. Einem, den ich attraktiv finde, habe ich gesagt: Du siehst aus wie Stan Laurel. Er hat das nicht als Kompliment aufgefasst. Da war nichts mehr zu retten. Das verstehe ich nicht. In Kliptown/Soweto haben mich alle Mr. Bean genannt. Ich habe das als Ehre aufgefasst – irgendwann. Jump! Ein Illegaler aus Botswana fährt den Bentley vor und brüllt: Who let the dogs out? Cut!

Samstag, 11. Februar 2012

Homs 3-D


Du wachst morgens auf und Unbehagen. Schlechtes Gewissen, denkst du, was ist das? Du stellst dir Guido Westerwelle in Homs vor. Mit seinem Hamster im Arsch. Du rufst Christian an, willst endlich deine Festplatte zurück, aber der Bundespräsident ist immer noch beleidigt. Du spürst den Draht um deinen Hals. Gewissen, was ist das? Ein Bauchschuss. In Griechenland bin ich verfolgt worden. Von Griechen, die waren minderjährig. Die haben mich als Schwuchtel beschimpft und mit Steinen nach mir geworfen. In meinem Rücken. Ein Fahrrad flog und meine Achillessehne ist gerissen. Keine Lüge. Hören Sie zu, Frau Merkel? Okay, noch mal von vorn. Du wachst morgens auf und erlebst nichts. Du bist völlig erlebnislos, seitdem der Bundespräsident deinen Computer überwacht. Seit zwei Tagen hacken sie auch mein Telefon. Das ist Berlin, sagt meine Mutter, komm nach Hause. Geht nicht. Muschibusch ist wieder in, sagt die Frau, die im Kino neben mir sitzt. Sie sieht wie Kristina Schröder aus und riecht auch so. Kristina Schröder war in der Sauna, bevor sie zu den Filmfestspielen ist, und bei den Filmfestspielen erzählt sie ihrer Freundin, dass Muschibusch wieder in ist, weil sie die einzige Skin in der Sauna war. Vor meinen Augen erscheint ein Hakenkreuztattoo. Vielleicht lasse ich’s mir auch mal wieder wachsen, sagt Frau Schröder. Als der Film läuft, wird mir klar, so kann man keine Filme mehr machen. Man darf einfach nur noch 3-D drehen. 3-D fernsehen. Wenn du Leute triffst, die du nur zweidimensional kanntest, so wie die Familienministerin, wenn die auf einmal physisch real neben dir sitzt und über ihren nicht vorhandenen Muschibusch spricht, ist das ein Schock. 3-D löst das Problem, im Fernsehen, im Film – du wirst besser auf die Realität vorbereitet. Warum arbeitet diese Frau nicht? Warum ist die erst in der Sauna und danach im Kino? Die hat ein Kind. Und eine Aufgabe. Jetzt klebt mir ihre Stimme im Ohr: Muschibusch. Ich muss mir immer alles vorstellen. Wie stelle ich mein Gehirn auf 3-D um? Dass ich mir alles in 3-D vorstellen kann? Guido Westerwelle sucht unter seinen syrischen Freunden nach einem neuem Hamster und versichert allen unsere Solidarität. Der Markt blüht. Journalisten sterben aus. Die, die noch leben, ziehen die Beweiskraft von YouTube-Filmen in Zweifel. Vor allem, wenn sie aus Syrien kommen. Du wachst trotzdem morgens auf. Spürst den Draht um deinen Hals. Kein 3-D. Das Fest geht weiter. 

Freitag, 10. Februar 2012

Migranten und andere Kulturstaatsminister


Jake Gyllenhaal war nicht auf der Party. Auf der Party waren nur Menschen, die das nötig haben. So wie ich zum Beispiel. Anke Engelke war auch nicht da, weil sie Jake abgreifen wollte. Es wird ihr nicht gelungen sein. Lea Seydoux war auch nicht auf der Party, obwohl sie die Hauptrolle im Eröffnungsfilm gespielt hat. Als der zu Ende war und sie auf die Bühne musste, war kein Zuschauer mehr da. Das lag nicht an Lea Seydoux, sondern am Buffet. Das war wichtiger. Das lag auch an Diane Kruger. Die war Marie-Antoinette. Sie hat so gespielt, als wäre es die Abschlussprüfung an einer Schauspielschule. Der Mann, der neben mir saß, hat sie mit einer Zeitverzögerung von zwei Sekunden nachgespielt, was lustig war, aber zu Lachern geführt hat, die nicht zum Film passten. Bei der Gala vorher sahen Bühne und Licht aus, als wäre der Gestalter außer Stande die 70iger, 80iger und 90iger Jahre des letzten Jahrtausends voneinander zu unterscheiden. Wahrscheinlich war das zeitgemäß. Alle Raucher werden eine Lungenentzündung haben, weil man nur draußen rauchen konnte, und da waren die Heizpilze kaputt. Unser Kulturstaatsminister Herr Neumann kann nicht sprechen. Dauernd spricht er Worte falsch aus oder benutzt nicht die richtigen. Das war ein interessanter Beitrag zum Thema Integration und Deutsche Sprache. Er hat genauso ins Mikro gebrüllt wie Klaus Wowereit. Der wird es nicht gewohnt sein, dass ihm so viele Menschen zuhören. Ich habe unfassbar viel Weißwein getrunken und neben Volker Schlöndorff gestanden. Ich habe noch mehr Weißwein getrunken und Thomas Brussig gegrüßt. Ich habe nicht mehr aufgehört zu trinken und bin durch ein Foto mit Christine Neubauer gelaufen. Leider konnte ich nicht so viel trinken, um Jake Gyllenhaal oder Lea Seydoux zu begegnen. Stattdessen hatte ich viel Kontakt mit Security-Beamten. Keiner von denen konnte Karate. Die konnten nur einmal zuschlagen. Wenn sie dann keinen Treffer hatten, waren sie im Arsch. Ich habe mich mit einem jungen Mann unterhalten, der hat Armbänder an Raucher verteilt, damit die wieder rein durften, wenn sie von draußen kamen. Die durften nur wieder rein, weil man sie am Armband erkannt hat. Der junge Mann mit den Bändern wurde von seinem Vorgesetzten lautstark zurechtgewiesen. Ich habe mich bei ihm entschuldigt. Und weitergetrunken. Meine Mutter wird sehr enttäuscht sein von mir. Ich war in keiner Kamera, trotz taubenblauem Anzug. Auf der Nachhausefahrt hat Jesus über seine Einstellung zur Liebe gesprochen. Das hat mir gefallen, obwohl ich dauernd darauf achten musste, nicht ins Taxi zu kotzen. Das hatte weder was mit Jesus, noch mit der Liebe, sondern ausschließlich mit dem Weißwein zu tun. Ich hoffe, Jesus nimmt mir das nicht übel.

Donnerstag, 9. Februar 2012

Kotze auf dem Roten Teppich - Westerland goes to Berlinale


Wir spielen jetzt international, meint Christian Wulff. Irgendein irrer Filmemakler hat ihn gespritzt. Wulff besteht darauf, dass ich ihm meine Karte für den roten Teppich der Eröffnungsgala der Berlinale schenke. Schließlich hätte ich ihm ja auch den Sylt-Aufenthalt bezahlt. Meine Mutter versteht nicht, warum der Bundespräsident nicht automatisch eingeladen wird. Ich erzähle ihr, dass ich einen Anzug gekauft habe, taubenblau, das findet sie toll. Sie hatte schon befürchtet, ich würde so wie immer rumlaufen. Die Frage, die wir uns stellen, also meine Mutter, Jesus und ich: Wie werden Jesus und ich unsere Jacken los, bevor wir auf den Teppich steigen? Eigentlich geht man in eine Tiefgarage, in der Limousinen bereit stehen, und dann fährt man in der Limousine aus der Tiefgarage raus und zweihundert Meter vor, bis zum roten Teppich, steigt da aus und läuft drüber. Hostessen haben deine Jacke inzwischen aus der Tiefgarage zur Garderobe transferiert. Aber Jesus und ich sind für die Limos nicht vorgesehen, da fehlt uns der Status für. Ich könnte die Jacke Christian geben, also Jesus und ich, wir ziehen unsere Jacken draußen unauffällig aus, geben sie dem Bundespräsidenten, und der schmuggelt sie und sich dann rein, während ich meinen neuen, taubenblauen Anzug über den Teppich führe und mich bemühe, irgendeine 3sat-Kamera zu erwischen, um meiner Mutter zuzuwinken. Gestern war ich mit Jesus und Cem im Radio und habe bei einer Frage, auf die ich keine Lust hatte,  gesagt: Die wird rausgeschnitten. Der Moderator war verblüfft und hat ‚Beep’ gesagt. Keine Ahnung, ob er das rausschneidet oder nicht. Jedenfalls war ich übellaunig, und das wird jetzt wieder meinen Chef aufbringen, weil der gesagt hat, ich soll auf alles höflich antworten, nur nicht auf die Fragen und dabei soll ich immer lächeln. Immer lächeln findet er das Wichtigste. Das ist das Problem. Ich lächele überhaupt nie. Es sei denn, einer bringt mich zum Lächeln. Oder zum Lachen. Dann lache ich auch. Ich bin total reaktionär. Das ist meine Natur: Ich reagiere. Auf Menschen. Und Situationen. Das kann ich nicht steuern. Jemand, der auf mich zukommt und mich anspricht, wird sofort von mir gescannt. Sofort sind da chemische Reaktionen, die sich nicht beeinflussen lassen. Wenn ich die Gewalt über mich verwalten will, komme ich immer zu spät. Der, der die Reaktion auslöst, merkt sofort, dass mit mir etwas nicht stimmt. Also wenn ich denke: Lächeln – und ich lächele nicht. Ich rotze oder kotze den Leuten stattdessen vor die Füße, im übertragenen Sinn. Das ist meine Aura. Ich wäre ein super Iran. Weil ich bei der Reaktion einen Schutzschild um mich baue, der absolut abstoßend wirkt. Cem behauptet vor der Radiokabine, dass Israel jetzt den Iran angreift, also morgen oder nächste Woche oder so. Er meint 0,1 Prozent Glaube an die Bombe würde Israel reichen und die 0,1 Prozent seien endgültig erreicht. Er weiß das von seiner Freundin, einer iranischen Ninja-Kämpferin, die für den Mossad arbeitet. Ein Journalist fragt, warum ich mich als Studierter und Künstler mehr für Proletarier als für meine Kaste interessiere, das sei doch ungewöhnlich. Mir wird bewusst, dass ich das Wort ‚reaktionär’ falsch verwende. Mein Chef hat mir wegen dieser Radiogeschichten komische Pillen angedreht, die mein Verhalten optionieren sollen. Mal sehen, ob sie wirken.

Freitag, 3. Februar 2012

Ich war der Hehler von Christian Wulff


Sie haben mich in den Jugendknast in Charlottenburg gesteckt, weil nichts anderes frei war. Ich bin da aufgewacht, kann mich an die Verurteilung nicht erinnern. Totales Blackout. Hehlerei, klar, aber wie bin ich da reingerutscht? Die Kids im Knast nehmen mich nicht wahr. Alles sehr großzügig hier, mehr wie eine Jugendherberge. Wir sind zu acht in den Zimmern, können uns tagsüber frei bewegen. Das Essen zerstört meinen Magen-Darmtrakt. Die scheißen hier auf Laktose-Intoleranz. Ich will nicht verhungern. Die Kids spielen den ganzen Tag Karten oder starren in die Glotze. Es fehlt überall Licht. Am Anfang dachte ich: wie Urlaub. Seit ein paar Stunden spüre ich die Angst hochkriechen. Meine Beine sind schon fast taub. Ich habe versucht ins Zimmer zu kommen, aber den Weg nicht gefunden. Das kann ich nicht sagen. Aber es wird schlimmer. Der Kopf will schon gegen die Wand. Das Herz wird eingekreist von der Panik. Ich kenne das. Wenn du denkst, das Herz hört auf. Ich finde dieses Scheißzimmer nicht. Ich muss was sagen. Aber kein Scheißwärter taucht auf. Die Kids blicken durch mich hindurch. Sag es den Kids, und du bist tot. Sag es dem Wärter, und er fickt dich. Ich probiere, es in den Griff zu bekommen. Nicht dran denken. Nur nicht dran denken. Aber sobald du denkst, du sollst nicht dran denken, denkst du dran. Ich finde mich in einem Bett wieder. Ist nicht meins. Ist also nur eine Frage der Zeit, bis sie merken, dass ich mich nicht mehr rühren kann. Dass die Panik da ist. Herzneurose. Irgendwann hört es dann wirklich auf. Ich mache die Augen zu. Warten. Ich finde mich auf einem der Gänge wieder, ein Wärter. Frage, ob es einen Arzt gibt. Wofür, will er wissen. Wenn ich es sage, komme ich hier nie mehr raus. Was, wenn ich ihn verrate? Entscheide dich. Jetzt.