Donnerstag, 26. Januar 2012

Kaliningrad I (Der Russe kommt von hinten III)


Ein Frosch pisst mir auf den Kopf. Im künstlichen Tümpel meiner Großeltern. Wir spielen Gott Segen bei Cohn, auch Schlesische Lotterie genannt. Mein Großvater singt von wilden Gesellen, die der Sturmwind durchweht und trinkt Schnaps zwischen den Strophen. Wir schaukeln auf einer Hollywood-Schaukel, und ich verliere. Mein Freund Pavel meint, ich soll aufhören, mich zu erinnern. Gerade tätowiere ich mir seine Unterschrift auf meinen Arsch, und er meint, mir Vorschriften machen zu können. Ich bin kein Tätowierer. Eine ehemalige Mitschülerin hat ein Studio. Früher mochte sie niemand, weil ihre Handinnenflächen orange waren, sie X-Beine hatte, grundunglücklich und deshalb sehr anhänglich war. Es war eher so, dass wir sie mochten, sie aber einfach nicht normal genug war. Zu der Zeit wollte ich eine Frisur wie Rudi Cerne haben. Der war damals noch Eiskunstläufer, und sie hat mir dann so eine Frisur geschnitten. Die sah scheiße aus. Darüber hätte ich froh sein sollen! Im Nachhinein betrachtet ist das Meiste, was man mal gemacht hat, Bullshit. Deshalb sammele ich auch keine Fotos. Pavel findet das zum Kotzen. Weil er keine meiner Aussagen überprüfen kann. Sag deiner Mutter mal, du liebst einen russischen Fußballprofi, aber kein Mensch darf wissen, dass das auf Gegenseitigkeit beruht. Das hält meine Mutter nicht aus. Sie erzählt es ihren Hundefreundinnen, und dann kannst du Wetten auf die nächsten Spiele von Pavel setzen, die du garantiert gewinnst. Wie bei der Schlesischen Lotterie. Woum! Wilde Gesellen! Versenkt! An den Wochenenden werde ich normalerweise vorübergehend verrückt. Ich registriere mich mit Foto in der Blauen Welt. Pavel hasst mich dafür. Als würde sich da irgendetwas für mich ändern. Er kennt mich nicht, nicht wirklich, so viel steht fest. Allein das Wort CHAT führt bei mir zum Stromausfall. Keine Chance. Sag doch mal, was wirklich dein Anliegen ist. Wie kommst du da heil raus, ohne dass die ganze Welt weiß, worum es dir tatsächlich geht? Und was ist so schlimm daran, wenn sie es weiß? Ja, genau, Pavel. Was ist so schlimm, wenn man Bescheid weiß? Ich weiß es nicht. Ich lösche mein Profil. Woum! Egal, welche Realität, ich habe kein Ticket für den Eintritt. Spätestens jetzt sollte Pavel bemerkt haben, was mir an ihm liegt, schließlich weiß er über alles Bescheid. Aber er ist Russe. Und Profi-Fußballer. Und ... und was? Ich erzähle Pavel von Marco. Von damals. Als ich mit Marco und den anderen in Kaliningrad war. (Fortsetzung folgt)

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