Montag, 23. Januar 2012

Der Russe kommt von hinten I

Ist doch komisch, wenn sich einer seine eigene Unterschrift auf den Arsch tätowiert. Seltsamerweise findet das außer mir niemand komisch, aber alle starren auf diesen Arsch. Natürlich ist das ungewöhnlich, wenn einer im Winter nackt durch die Gegend läuft, nur ein Gewehr auf dem Rücken und ein Arsch mit Unterschrift. Als gäbe es ein Telefon-Voting rufen alle gleichzeitig an und melden den Nackten mit Gewehr. Ich laufe lieber eine Weile neben ihm her, frage, ob er sich bei mir aufwärmen möchte. Es stellt sich heraus, es ist ein Russe. Könnte natürlich auch ein Bulgare sein, weil ich Russisch und Bulgarisch so schlecht auseinanderhalten kann. Als wir das Blaulicht auf uns zukommen sehen, fängt er an zu rennen, lässt das Gewehr aber vorerst auf seinem Rücken. Er läuft auf das Blaulicht zu. Ich bin in Sorge, dass zuerst auf ihn geschossen wird. Bevor man mit ihm redet. Aber als ich um die Ecke biege, hinter der er verschwunden ist, kann ich weder ihn noch die Bullen entdecken. Der Showdown findet woanders statt. Heute ist Showdown-Tag. Irgendein Radiosender hat den ausrufen lassen. Der beste Showdown gewinnt einen Tag im Radio. Dokumentiert wird mit Handy. Wie werden Handy-Filme im Radio ausgewertet? Scheiß auf Showdown. Neben mir wohnt neuerdings ein House-Freak. Hört den ganzen Tag über House-Musik. Bei der Musik wartest du auch ständig darauf, dass endlich mal irgendetwas passiert. Dass da wenigstens am Ende mal was explodiert. Jetzt stell dir vor, du verbringst einen ganzen Tag im Radio. Mit einem Russen. Der nackt ist. Und du hast das Gewehr. Mein Freund Pavel meint, ich soll mehr Wodka trinken. Ich muss für ihn mittrinken. Pavel ist Fußballprofi und darf nicht trinken. Obwohl Pavel meint, es gebe genug Profi-Alkoholiker im Fußball. Aber die bleiben unsichtbar, weil Alkohol kein Doping ist, und sie testen eben nur Sachen auf der Dopingliste. Ich frage Pavel, ob das mit dem Wodka nicht ein ewiges Klischee sei. Er meint, Klischee bedeutet Wahrheit. Er spricht ganz gut Deutsch, deshalb glaube ich, dass er das so meint, wie er es sagt. Auf Pavels Arsch ist kein Tattoo. Als er 20 war, hat er für Kaliningrad gekickt. Das verbindet uns, weil meine Großeltern da herkommen. Aus Königsberg. So haben Pavel und ich uns auch kennengelernt. Weil wir uns beide für bessere Lebensbedingungen für die Tiere im Kaliningrader Zoo engagieren. Wenn du durch Kaliningrad läufst und dir dann auf einmal bewusst wird, es gibt da einen Zoo, dann willst du gar nicht wissen, wie die Tiere da leben. Pavel hat in Kaliningrad 2. oder 3. Liga gespielt, was wahrscheinlich auch nicht besser als Zoo war, aber er war der Star. Und hat trotzdem was für Tiere übrig. Das mag ich an ihm. Keine Ahnung, was er an mir mag.

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