Dienstag, 31. Januar 2012

Contergan made in Ungarn

In dem Film Contergan gibt es einen Planeten, der heißt Contergan, und der wird in der Galaxie Grünenthal von Sonnenstürmen bedroht. Also machen sich einige auserwählte Contergankrieger- und Wissenschaftler auf den Weg, um Ausschau nach einem geeignetem Planeten für die Evakuierung zu halten. Natürlich entdecken sie dabei die Erde. Da töten die Conterganier alle Menschen, nur nicht die Contergan-Geschädigten, weil sie die für welche von ihnen halten. Oder Heilige. Oder so. Keine Frage, ein paar Menschen überleben im Untergrund, und als der erste große Flüchtlingsstrom vom Planeten Contergan eintrifft, kommt es zu einer Entscheidungsschlacht, bei der die Conterganmenschen sich entscheiden müssen, auf welcher Seite sie kämpfen – auf der der Menschen oder der der Conterganier. Der Film ist so schmutzig, dass er nicht mal übers Internet vertrieben wird. Die DVDs kommen aus Ungarn. Hier steht der Streifen auf dem Index, und ich bedauere, dass meine Freundin Elisabeth mich gezwungen hat, den Film zu gucken. Ihr Freund ist Ungar und vertickt die DVDs auf Tauschbörsen. Mir ist nicht klar, ob es ein ungarischer Film ist. Jedenfalls sprechen sowohl die Conterganier als auch die Menschen in eigentümlichen Zungen. László hat sich tot gelacht, als ich gefragt habe, ob das Ungarisch ist. Elisabeth hat auch gelacht, aber eher, weil sie neuerdings permanent lacht. Das ist wie ein Tick bei ihr. Es gab Untertitel in Deutsch. Das würde mich auch interessieren, wer so etwas dann untertitelt. Elisabeth hat sich sehr verändert, seitdem sie mit László zusammen ist. Sie ist dünner geworden und dümmer. Sie lacht eigenartig, um genau zu sein: Sie lacht, als wäre sie völlig debil. Und zwar in völlig ungeeigneten Momenten. Elisabeth hat bis vor kurzem an der TU Berlin am Institut für Bionik und Evolutionstechnik gearbeitet. Sie kannte sich mit Mechanik, Biologie und Philosophie aus, und ich fand es immer sehr aufregend, ihren Spinnereien zuzuhören. Weil man das Gefühl hatte, dass sich in diesem Land doch noch Menschen mit einer Zukunft, die über sie hinausweist, beschäftigen. Aber wenn man Elisabeth jetzt mit László über Bionik sprechen hört, hört sich das so an, als hätte László Teile von Elisabeths Gehirn absorbiert, die er im Schleudergang mit seinem Hirn zu verbinden sucht. Wohingegen Elisabeth sich im Labyrinth ihrer Leerstellen zu verlaufen scheint. László sieht natürlich ungeheuer gut aus. Darauf weist mich Elisabeth auch immer wieder hin. Sie versteht nicht, warum die TU ihr gekündigt hat, vor allem: Es stört sie nicht. Sie arbeitet zukünftig als Filialleiterin einer Chemischen Reinigung. Sie meint, da gebe es feste Arbeitszeit, so dass mehr Raum für László bliebe. Ich glaube der Contergan-Film ist noch das Harmloseste, das László vertickt. Ich glaube auch, dass Elisabeth ihm nicht sonderlich viel bedeutet. Er redet mit ihr wie mit einem Hund. Jetzt hat er mich gefragt, ob ich ihn nach Ungarn begleiten wolle. Ihm ist daran gelegen, dass ich seine Heimat kennenlerne. Elisabeth darf nicht mit. Natürlich sage ich ja.

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