Freitag, 20. Januar 2012

Christian Wulff und die Stricher aus Kasachstan


Früher war in dem Kiosk immer ein Mann mit schulterlangen, grauen, sehr gepflegten Haaren. Als würde er sich im Hinterzimmer stündlich föhnen. Der Mann war auch viel zu groß für den Kiosk, ein Schlauch, in dem man kaum wenden konnte. Gestern bin ich wieder rein. Der Kioskmann ist da, aber auch irgendwie nicht. Seine Haare sind kürzer. Er trägt ein Muskelshirt und schwitzt, weil er Eisenhanteln stemmt, mindestens zehn Kilo pro Hand. Hinter dem Tresen. Er beachtet mich nicht. Dann geht die Tür zum Hinterzimmer auf. Da sind lauter Kasachen, schätze ich mal. Teenager, die pumpen. Ich vergesse, was ich will, Kippen, Fahrkarten, keine Ahnung. Jedenfalls will ich wieder raus. Das geht aber nicht. Weil der Kioskmann den Rollladen vor der Tür runtergelassen hat, während ich die Kasachen angestarrt habe. Vier Stunden vorher: Ich gehe bei Rot über die Ampel. Auf der anderen Seite steht eine zweihundert Kilo Frau mit Kinderwagen, einem weiteren Kind an der Hand und Kippe im Maul. „He, du Arschloch! Es ist Rot. Hier sind Kinder auf der Straße. He! Ich rede mit dir, du Wichser!“ Ich rede aber nicht mit ihr. Ich glaube, sie ist so fett, dass sie nicht mehr von allein über die Straße kommt und das an anderen auslässt. Ich glaube, wenn ich da morgen wieder langgehe, steht sie immer noch da und blökt. Kann ich aber nicht. Kasachstan. Zwei Stunden zuvor: Bundespräsident Wulff fliegt freier, isst besser, fährt schneller, wohnt schöner und so weiter, schon klar, und ich wundere mich, dass alle glauben, nur er macht das. Hat er ja selbst erklärt im Fernseher, dass es keine Politiker mehr gäbe, wenn Politiker keine Freunde mehr haben dürften. Ich bin kein Politiker und habe trotzdem keine Freunde, aber das ist egal. Alle machen das so, ist klar, aber er ist der Bundespräsident, meint einer, und Bundespräsidenten machen so etwas nicht. Ich weiß, was Bundespräsidenten machen: Sie veranlassen Hausdurchsuchungen. Christian Wulff hat mich angezeigt, darauf hin wurde meine Wohnung durchsucht und meine Festplatte konfisziert. Weil ich ein Blogger bin, der wahnsinnige zehn Mitglieder beherbergt. Die durchwühlen einfach alles, deshalb bin ich zum Kiosk, weil ich Kippen holen wollte. Aber da sind die Kasachen und der mutierte Kioskmann, und natürlich wird man paranoid, wenn der Bundespräsident einen anzeigt und beschlagnahmt. Deshalb glaube ich, dass die Kasachen was mit ihm zu tun haben. Dass Herr Wulff versucht, das außergerichtlich mit mir zu klären. Sie sind zu viert, dazu der Kioskmann. Ich meine, vor kurzem war ich noch beim Bundespräsidenten im Bellevue, habe Häppchen serviert bekommen und seine Selbstmitleidsarien über mich ergehen lassen müssen. Der hat mir einfach alles anvertraut, und jetzt zeigt er mich an. Und schickt mir seinen Schlägertrupp auf den Hals. Ein echtes Upgrade, ehrlich. Ich schäme mich wahnsinnig für diesen Mann, aber darüber kann ich mit den Kasachen nicht reden. Ich kann denen auch kein Angebot machen. Es gibt da einfach überhaupt keine Verhandlungsbasis. Zwei Stunden später: Einer der Kasachen ist jetzt mein Freund. Wir sind zusammen in der Notaufnahme. Timur, mein kasachischer Freund, hat keine Krankenversicherung. Er meint, ich soll ihn heiraten. Damit er bleiben kann. Ich würde lieber mit ihm nach Kasachstan auswandern. Timur lacht. Er sagt, ich träume. Kein Mensch mit gebrochenem Kiefer träumt.

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