Freitag, 27. Januar 2012

Boomtown Kaliningrad - Extended Version


Ihr Garten war der einzige Ort, an dem ich es mit den Großen Eltern aushielt. Auch wenn er mir nichts bedeutete, erlöste er mich doch von den Erinnerungen an das Verlorengegangene, das ihre Gegenwart besetzte. Ich habe ihre Beziehung zu diesem Garten nie verstanden. Der Blick aufs Holzhäuschen im Feld, die Trauerweide. Fremde Erde.
Ich habe die Gräber der Großen Eltern nie besucht. Ich kann mich nicht einmal erinnern, wann sie gestorben sind, einer nach dem anderen. Vom Großen Vater blieb mir eine Armbanduhr, die Schachfiguren, die er in Kriegsgefangenschaft geschnitzt hat. Mit ihnen hat er mir das königliche Spiel beigebracht. Bei den Russen hat er eingesessen, bis meine Mutter ihn nach einem halben Jahrhundert plötzlich zu den Amis nach Darmstadt verlegte. Von der Großen Mutter blieb ein Ölgemälde zurück, auf dem in düsteren Farben eine Mühle am Ufer des Pregel zu sehen ist. Sie hat es selbst gemalt. Ein letzter verbliebener Nachweis der Geschichten, die sie von ihrer Heimat zu erzählen hatte.
- Kaliningrad?
- Königsberg, ja.
Anfang September geht es los. Der Bus kommt aus Bremerhaven, lädt uns in Charlottenburg dazu und fährt dann weiter Richtung Kaliningrad. Den Blicken der Russischen Passagiere merkt man an, daß Touristen auf dieser Route ungewöhnlich sind. Lukas dokumentiert mit einer der Videokameras, die wir dabeihaben, den Kampf um unsere Plätze. Über Kopfsteinpflaster holpert der Bus quer durch Polen. Agnes ist nervös, weil sie im Bus nicht rauchen darf. Hamit tröstet sie mit Nikotinkaugummis und läßt die zweite Kamera laufen.
- Guten Morgen,
flüstert Marco mir ins Ohr. Eine alte Frau, die alle Kleider, die sie besitzt, am Körper trägt, kauert vor einem verfallenden Fachwerkhaus, fliegt an uns vorbei.
- Gibt es noch Kekse,
fragt Lukas. Nelly versorgt ihn. Über dem Haff graut der Morgen unter einer geschlossenen Wolkendecke. Wir sind alle zum ersten Mal in Rußland, auch Marco. Der Bus hält auf die Stadt zu. Am Südbahnhof nehmen uns Zigeuner mit offenen Händen in Empfang. Wir haben im Hotel Kaliningrad gebucht. Auf zwei Taxis verteilt, lassen wir uns hinfahren. Der Regen fällt so dicht, daß wir kaum etwas sehen. In der Lobby des Hotels wird die Sicht mangels Licht nicht besser. Morbider Prunk erschlägt uns. Weil der Himmel die Erde flutet, verabreden wir uns nach der Zimmerbelegung in der Hotelbar. Roter Plüsch herrscht hinter grünen Samtvorhängen. Auf den Tischen fehlen die Tänzerinnen. Lukas und Hamit etablieren sich als Kameramänner. Hamit möchte, daß jeder sich vorstellt.
Eine Gruppe junger, frischgeduschter Russen in Trainingsanzügen besetzt die Empfangshalle des Hotels.
- Fußballspieler?
Lukas zweifelt. Sie weichen aus, als er mit der Kamera auf sie zuhält. Es hat aufgehört zu regnen. Wir wagen uns raus. Die Menschen auf den Straßen sind nicht unterwegs, weil sie zur Arbeit müssen, weil sie von der Arbeit kommen, oder Geschäftstermine haben. Wenige können es sich leisten, in den Geschäften einzukaufen. Vor einem Supermarkt hocken Frauen und Männer auf Schemeln, die Gesichter von der Landarbeit zerfurcht. Sie bieten drei Bünde Karotten, zehn Kartoffeln, oder ein paar Feldblumensträußchen an. Stunden später haben sie noch einen Bund Karotten, fünf Kartoffeln und ein paar Feldblumensträußchen im Angebot.
Jeder zweite trägt eine Flasche Bier bei sich. Nirgends ein Lächeln. Niemand lacht. Keiner ist dem anderen etwas wert. Agnes ist die einzige von uns, die hier nicht auffällt. Es liegt an ihrer blaßen Haut. Die Luft stinkt. Ein gelblicher Schleier umhüllt die Stadt.
- Wenn man bedenkt,
- Sprich in die Kamera, Nelly.
- Im Krieg wurde hier beinah alles zerstört und das, was übrigblieb, haben sie ein paar Jahre später plattgewalzt. Damit nichts an die Vergangenheit erinnert, oder. Da ist es doch erstaunlich, daß heute alles so zerstört aussieht. Überall nur bröckelnde Fassaden. Ich will mir gar nicht vorstellen, was sich dahinter verbirgt.
In einem Pavillon vor dem Eingang zum Volkspark bestellen wir Hamburger und Coca-Cola. Hamit sieht uns beim Essen zu. Außer ihm glaubt keiner, daß es sich um Schweinefleisch handelt. Wir sind die einzigen Gäste. Es gibt kaum ein Café, Kneipen oder Restaurants. Und wenn man ein Lokal entdeckt, hat es geschlossen, oder niemand sitzt drin. Dafür gibt es alle fünfzig Meter einen Kiosk und jeder zweite hat eine Bierbank dabei. Auch im Volkspark ballen sich die Kioske mit den Trinkern auf den Bänken.
Auf öffentlichen Plätzen und in den verwilderten Grünanlagen versammeln sich die Kinder und Jugendlichen, die kein Geld für Bier am Kiosk haben. Sie schnüffeln Klebstoff, trinken in Hinterhöfen gebrannten und vertriebenen Wodka. Sie wehren sich nicht, gefilmt zu werden. Sie posieren vor dem Schillerdenkmal und machen sich über uns lustig. Einige sprechen ein paar Worte Deutsch. Agnes raucht mit den Kindern, die für sie Ringe blasen.
Wir lassen den Dom links liegen und erobern den Zentralen Platz. Früher stand dort ein Schloß. Wir stehen zwischen zwei Reihen von Wellblechhütten. Es werden Lederjacken, Kurzwaren, Tee, Kuchen und Mobiltelefone angeboten. Nirgends ein Lächeln. Niemand lacht. Hinter den Containern ragt die Bauruine eines Rätehauses auf. Ein von rostigen Stahlstreben zusammengehaltener, graubrauner Betonquader. Zweiundzwanzig Stockwerke, die schon während der Bauzeit baufällig waren, kleben unter dem wütenden Himmel. Ein Mahnmal der Zukunft, das uns Ehrfurcht einflößt. Lukas verweist auf einen Skulpturengarten nahe des Doms. Sein Reiseführer dient ihm als Brille. Die Wolken brechen. Wir flüchten in die Nacht, in unsere Zimmer, um Abstand zu gewinnen. Elsa und Cedric. Hamit und Agnes. Marco und ich. Nelly und Lukas.
Wir gehen am Schloßteich entlang in Richtung Norden, verdauen ein unverdauliches Frühstück. Ölige, mit Fleisch gefüllte Teigtaschen, Würste aus Fett. Die Fußballspieler tafelten mit Obst, Müsli, Saft, Croissants. Auch auf Nachfrage enthielt man uns das vor, zeigte sich aber bereit, den wässrigen kalten Kaffee gegen lauwarmen einzutauschen. Hamit kauft jedem von uns einen Schokoriegel an einem der Kioske am Teich. Am gegenüberliegenden Ufer zerfällt ein roter Backsteinbau. Wahrscheinlich ein ehemaliges Krankenhaus. Einige Fenster sind mit Brettern zugenagelt, an den Mauern bunte Graffittis; meist ein großes A im Kreis. Aus einem Fenster hängt eine Totenkopffahne. Von den Hausbesetzern gibt es kein Lebenszeichen.
Am Oberteich auf einmal historische Bauten. Roßgärter Tor und Dohnaturm, in dem sich ein Bernsteinmuseum befindet. Bernstein ist der einzige Schatz, den die Region vorzuweisen und zu verarbeiten hat. In Kioskzelten wird Touristen Schmuck angeboten. Wir sitzen auf Bierbänken vor der roten Backsteinmauer, die Dohnaturm und Roßgärter Tor verbindet. Die Sonne wärmt uns. Hamit richtet die Kamera auf mich.
Wir ziehen weiter Richtung Markt. In engen Gassen, auf matschigem Lehm, sind die Stände mit schwarzen Plastikplanen überdacht. Es gibt Eisenwaren, Motoren, Werkzeug, dann Kleidung, Schuhe und Stoffe. Lukas und Hamit lassen sich von Nelly und Agnes führen, eine Hand auf deren Schultern, in der anderen die Kamera. Wir manövrieren so gut es geht durch das Gedränge. Die kleinen Jungs in Tarnanzügen, die Wache an den Ständen ihrer Väter halten, blicken finster, sind zunächst skeptisch wegen der Kameras. Sie fürchten, daß wir ihr Angebot auf Herkunft untersuchen. Dank ihrer Improvisationskunst und einiger Worte Russisch, die sie von Marco gelernt hat, gelingt es Nelly, die Jungs für sich einzunehmen. Auf einmal fangen diese Kinder an, uns marktschreierisch ihre Waren anzupreisen. Sie spielen für uns. Die Älteren, die nicht älter als zwanzig sind, reden ernst, glauben, daß Nelly Interviews führt, flirten mit ihr und Agnes, die ihre Zigaretten mit ihnen teilt.
Wir stoßen auf eine riesige Halle mit Tischen voll Früchten, Eiern, Kräutern, Blumen, Honig in Gläsern und Eimern. Allmählich verstehen wir, wo man in Kaliningrad einkauft. Wo ein Leben jenseits der Kioskbiere existiert. Jedes Gramm wird verhandelt. Käufer und Verkäufer rechnen ums Überleben. Entlang der Halle führt eine Straße mit Läden, in denen gibt es Fisch, roh, ausgenommen, geräuchert oder getrocknet, Backwaren, Fleisch, darüber Fliegenschwärme. Wir zweifeln nicht mehr daran, daß fünfhunderttausend Menschen die Stadt bevölkern. Hinter der Halle reihen sich Buden mit Drogerieartikeln, Haushaltswaren, Musikkassetten, Hi-Fi-Geräten, Mobiltelefonen und Raubkopien von Markenkleidung aneinander. Wir erwerben nichts. Wir nehmen auf. Nirgends ein Lächeln. Niemand lacht. In einer Grünanlage zwischen Markt und Nordbahnhof richten sich die illegalen Händler ein, wildern die Kinder, die nicht beschäftigt werden. Sie schnüffeln Klebstoff, den sie aus dem Sortiment der Konkurrenten ihrer Väter haben mitgehen lassen.
Hinter dem Bahnhof ist ein Zoo. Elsa weigert sich, hineinzugehen. Sie will sich nicht einmal vorstellen, wie welche Tiere dort gehalten werden. Wir sind erschöpft. Hinter dem Stadthaus essen wir, Hamit ausgenommen,  Grillfleisch und trinken Bier auf den Bänken. Irgendwo muß es ein Ghetto geben, in dem die Reichen leben. Die Priviligierten, die es wagen, sich zu zeigen, sitzen in einer Eisdiele oder auf der Terrasse davor. Oder sie warten auf der Treppe eines Lichtspielhauses auf die Mittagsvorstellung von Fluch der Karibik.

Wir arrangieren ein Gruppenbild mit Immanuel Kant, im Hintergrund die Universität, vor uns Stufen, die ins Bunkermuseum führen. Die Betondecke drückt auf die Köpfe. Wir stehen in einem schmalen Gang, von dem die einzelnen Räume abgehen. Die Luft ist stickig. Mir rinnt der Schweiß. Vor uns eine Frau mit strohblondgefärbten, dünnen, aufgelockten Haaren, knallrotgemalten Lippen, Wimpern, an denen die Tusche klumpt. Sie trägt eine froschgrüne, tiefausgeschnittene Bluse über einem verflusten, schwarzen Rock und Filzpantoffeln. Ludmila. Sie eröffnet ein stimmliches Sperrfeuer, nachdem wir ihre Führung gebucht haben, scheucht uns von Raum zu Raum, deutet mit einem Zeigestock auf Bilder, Texttafeln und Pappmachénachbauten der Schlacht um Königsberg. Erlaubt uns einen Blick in die Kommandozentrale, die mit einem schweren, dunklen Holztisch, einem ledergepolsterten Stuhl und einem Telefon ausgestattet ist. Ludmila führt ein strenges Regiment; wir wagen kaum zu flüstern. Wahrscheinlich sind die deutschen Worte des auswendig gelernten Vortragstexts die einzigen, die sie beherrscht, doch Nelly und Lukas halten sich nicht zurück und haken nach. Unsere Führerin bewahrt die Fassung, schnappt Schlagworte auf und zweigt gekonnt zu einem der Exkurse ihres Manuskripts ab. Sie hat es eilig, duldet kein Verweilen. An Widerspruch ist nicht zu denken. Sie entläßt uns mit einem Bismarckzitat. Der Russe braucht lang, um das Pferd vor den Wagen zu spannen, aber wenn er erst einmal fährt, fährt er schnell. Die Russen in der Exklave Kaliningrad haben Pferde, aber ihnen fehlen die Wagen. Marco ist aufmerksam. Ich drohe umzukippen. Mit Elsas Hilfe bringt er mich nach oben, nach draußen. Die anderen nutzen den Freigang durch die Austellungsräume.
Lukas überredet uns, das Nachtleben zu erforschen. Sein Büchlein weist einen ehemaligen Bunker als Tanzlokal und beliebten Treff der Jugend aus. Die Suche führt uns durch ein Wohngebiet ohne Straßenbeleuchtung. Die Straßen sind nicht asphaltiert. Wir fallen auf, doch wir sind zuviele, um den rauchenden Gaffern und streunenden Schatten ein Angriffsziel zu bieten.
Im Kentaur empfängt uns eine runzlige Garderobenfrau. Elsas, Cedrics, meinen Impuls, sofort umzukehren, erstickt sie im Keim. Die Tische im roten Backsteingewölbe stehen in Nischen. Am Kopfende des Gemäuers sind ein Keyboard und eine Gesangsanlage aufgebaut. Wir sind die einzigen Gäste. Nur an einer Tafel mitten im Raum sitzen sechs Männer, die sich auf Kosten des Hauses nichts entgehen lassen. Champagner, Wodka, Schnurrbärte und Rolexuhren. Goldkettchen und Kaviar. Wir zwängen uns unter einen der Rundbögen und enttäuschen die Kellnerin, weil wir nicht essen wollen, nur Bier, Wein, Wasser und Cola bestellen. Auf einmal ist sie dankbar, weil wir überhaupt etwas möchten. Lukas blättert irritiert im Reiseführer. Cedric macht uns darauf aufmerksam, daß wir flüstern. Die Musiker lassen für den Rest des Abends auf sich warten.
Auf dem Nachhauseweg treffen wir Teile der Jugend biertrinkend hinter einer Bushaltestelle in einem Wellblechhüttenspätverkauf. Auf einem Stuhl schläft ein Soldat in Kampfmontur. Er beschützt seine Freundin, die Verkäuferin. Einige der Jugendlichen sind Punks. Sie schwärmen in die Nacht aus. Keiner weiß wohin. Nirgends ein Lächeln. Niemand lacht.

Neidisch beobachten wir beim Frühstück die Sportler. Dann brechen wir zum Dom auf. Der Pregel umfließt die Dominsel. Das Wasser ist schwarz; ein öliger, gelbviolettschimmernder Film liegt darauf. Der Pregel stinkt. Ein Geruchsgemisch aus Buttersäure, verbranntem Gummi und Essig.
Die Domkirche ist das einzige Gebäude, an dem man Wiederaufbau übt. Sie ist aus rotem Backstein. Hinter dem Portal studieren Sängerinnen und Sänger in einem kleinen Raum einen Choral ein. Das Mittelschiff ist wegen der Restaurierungsarbeiten für Publikumsverkehr geschlossen. Über eine hölzerne Wendeltreppe erreichen wir Austellungsräume in einem der zwei Türme. Im Verbindungsgang spielt ein Junge Harmonium. Texttafeln erklären, Deutsche finanzieren den Wiederaufbau. Das Wort Vertriebene taucht nicht auf. Wir werden aufgefordert, zu spenden. Mit Hilfe von Fotografien, Stichen und Radierungen können wir uns ein Bild von Königsberg erschließen. Ich hätte dort leben wollen. Marco stimmt mir zu. Cedric blickt aus einem der Fenster auf die Insel, den Park, den Fluß, die Plattenbauten. Er hat Tränen in den Augen.
Auf den Holzbänken zwischen Dom und Fluß wird geschnüffelt, getrunken und geküßt. Die Touristen schielen indigniert daran vorbei. Die Domkirche und das Grab von Kant sind alles, was sie festzuhalten bereit sind. Die meisten sind Heimatsucher, die nichts wiederfinden und abreisen, ehe sie angekommen sind. Obwohl vorgewarnt, stehen sie unter Schock. Ich schaue immer wieder Richtung Hafen. Lukas fordert eine zweite Chance. Olsztyn, beliebter Treff der Jugend, auch tagsüber. Am Eingang werden wir vom Sicherheitspersonal abgetastet. Kameras, Taschen und Rucksäcke nehmen sie uns ab. Einer führt uns zum Restaurant im zweiten Stock. Es gibt keine Fenster. Achtziger-Jahre-Interieur im Dschungelstil. Die weißen Tischdecken passen nicht. In der Mitte des achteckigen Raums ist eine Tanzfläche. Auf eine Leinwand projiziert ein Videobeamer MTV-Konserven. Wir sind die einzigen Gäste. Uns wird ein Tisch vor einer riesigen, spiegelnden, schwarzen Scheibe zugewiesen. Es ist so dunkel, daß wir die dreisprachige Speisekarte kaum lesen können. Es riecht nach Wunderbäumen. An der Bar rauchen drei wie Animierdamen uniformierte Kellnerinnen. Sie leisten dem Barkeeper Gesellschaft, der die wenigen verdreckten Gläser der letzten Nacht spült.
Nelly, Elsa, Agnes und Lukas begleiten Cedric, der sich für den Komsomolzen-Park interessiert. Ich mache mich mit Hamit und Marco auf den Weg zum Hafen. Die beiden möchten ins U-Bootmuseum. Ich gehe weiter zum Hafenbecken. Kräne verladen Container, die wie Kioskhütten aussehen. Auf den Marineschiffen langweilen sich die Soldatenmatrosen. Die Hafenarbeiter sind nicht in Eile. Nirgends ein Lächeln. Niemand lacht. Hier hat der Große Vater seinem Bruder hinterhergewunken. Jahrzehnte später war ich der Prinz von Königsberg, übernachtete im Prinzenbett der Großen Eltern. An mich knüpfte die Große Mutter ihre Hoffnung auf die Rückeroberung der Heimat. Der Prinz von Königsberg blickt vom Ufer einer ausradierten Heimat hinaus aufs Meer und meldet keinen Anspruch an. Die einzige Verbindung, der nachzuspüren er noch bereit ist, führt zu einem anderen Kontinent.
Die Fußballer schlurfen in blauen Shorts und Badelatschen durch die Halle zur Hotelbar. Oder umgekehrt. Sie wirken unruhig, wie vor einem Spiel. Ihnen fehlen die Damen für den letzten Abend. Auch wir wollen am nächsten Morgen fahren. Wir verabschieden die Stadt am Schloßteich, sitzen unter Lampions an den Tischen bei den Buden, trinken Bier und Cola. Das Rätehaus eine Lücke im Sternenhimmel.
In der Schalter- und Wartehalle des Südbahnhofs sitzen wir auf hintereinandergereihten Holzbänken. Anstelle einer Kanzel sieht man auf eine riesige Uhr, deren Zeiger sich träge vorwärtsschleppen. Hamit filmt die Gesichter der reglos Wartenden. Draußen die Bettler zwischen den Händlern, die schwer an ihren Bauchläden tragen. Die Schüler zwischen den Kindern, die den Weg zur Schule nicht mehr finden. Diebe zwischen Soldaten, die über die Diebe hinwegsehen. Nirgends ein Lächeln. Niemand lacht. Unser Zug fährt ab, nach Svetlogorsk, Rauschen, damals. Sobald die poröse Betonwüste hinter uns liegt, färbt sich der Himmel so blau, daß es wehtut. Die Gräser auf den Wiesen sind grün und gelb und grau. Dazwischen leuchten rote und blaue Feldblumen. Häuschen aus klobigen, weißen Steinen grenzen an große Obst- und Gemüsegärten. Inselartige Wäldchen und große Teiche liegen zwischen sanften Hügelketten. Pappeln säumen die Alleen. Vertraut erscheint mir die Landschaft. Ich sehe den Garten der Großen Eltern.
Wir hören das Meer rauschen, die Möwen lachen, suchen nach einer Möglichkeit, die überflutete Hauptstraße zu überqueren. Marco fragt uns zum Hotel Universal durch. Eingetaucht in grünes Licht taucht der Neubau zwischen alten Datschas aus dem Mischwald auf. Hier haben sie gewartet; hier haben sie gehofft, die Große Mutter mit den Töchtern. Hier warten sie noch immer. Nur sieht man keinen mehr, der hofft.
Eine Treppe führt die Steilküste hinab zur Uferpromenade. Indische Matrosen auf Landgang bemühen sich, ihre Zigaretten anzuzünden. Der Himmel tobt und peitscht das Meer auf. Am Strand wühlen Schatzsucher im angespülten Seetang und im Sand nach versteinertem Harz. Wir mitten unter ihnen. Lächeln. Lachen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen