Dienstag, 31. Januar 2012

Contergan made in Ungarn

In dem Film Contergan gibt es einen Planeten, der heißt Contergan, und der wird in der Galaxie Grünenthal von Sonnenstürmen bedroht. Also machen sich einige auserwählte Contergankrieger- und Wissenschaftler auf den Weg, um Ausschau nach einem geeignetem Planeten für die Evakuierung zu halten. Natürlich entdecken sie dabei die Erde. Da töten die Conterganier alle Menschen, nur nicht die Contergan-Geschädigten, weil sie die für welche von ihnen halten. Oder Heilige. Oder so. Keine Frage, ein paar Menschen überleben im Untergrund, und als der erste große Flüchtlingsstrom vom Planeten Contergan eintrifft, kommt es zu einer Entscheidungsschlacht, bei der die Conterganmenschen sich entscheiden müssen, auf welcher Seite sie kämpfen – auf der der Menschen oder der der Conterganier. Der Film ist so schmutzig, dass er nicht mal übers Internet vertrieben wird. Die DVDs kommen aus Ungarn. Hier steht der Streifen auf dem Index, und ich bedauere, dass meine Freundin Elisabeth mich gezwungen hat, den Film zu gucken. Ihr Freund ist Ungar und vertickt die DVDs auf Tauschbörsen. Mir ist nicht klar, ob es ein ungarischer Film ist. Jedenfalls sprechen sowohl die Conterganier als auch die Menschen in eigentümlichen Zungen. László hat sich tot gelacht, als ich gefragt habe, ob das Ungarisch ist. Elisabeth hat auch gelacht, aber eher, weil sie neuerdings permanent lacht. Das ist wie ein Tick bei ihr. Es gab Untertitel in Deutsch. Das würde mich auch interessieren, wer so etwas dann untertitelt. Elisabeth hat sich sehr verändert, seitdem sie mit László zusammen ist. Sie ist dünner geworden und dümmer. Sie lacht eigenartig, um genau zu sein: Sie lacht, als wäre sie völlig debil. Und zwar in völlig ungeeigneten Momenten. Elisabeth hat bis vor kurzem an der TU Berlin am Institut für Bionik und Evolutionstechnik gearbeitet. Sie kannte sich mit Mechanik, Biologie und Philosophie aus, und ich fand es immer sehr aufregend, ihren Spinnereien zuzuhören. Weil man das Gefühl hatte, dass sich in diesem Land doch noch Menschen mit einer Zukunft, die über sie hinausweist, beschäftigen. Aber wenn man Elisabeth jetzt mit László über Bionik sprechen hört, hört sich das so an, als hätte László Teile von Elisabeths Gehirn absorbiert, die er im Schleudergang mit seinem Hirn zu verbinden sucht. Wohingegen Elisabeth sich im Labyrinth ihrer Leerstellen zu verlaufen scheint. László sieht natürlich ungeheuer gut aus. Darauf weist mich Elisabeth auch immer wieder hin. Sie versteht nicht, warum die TU ihr gekündigt hat, vor allem: Es stört sie nicht. Sie arbeitet zukünftig als Filialleiterin einer Chemischen Reinigung. Sie meint, da gebe es feste Arbeitszeit, so dass mehr Raum für László bliebe. Ich glaube der Contergan-Film ist noch das Harmloseste, das László vertickt. Ich glaube auch, dass Elisabeth ihm nicht sonderlich viel bedeutet. Er redet mit ihr wie mit einem Hund. Jetzt hat er mich gefragt, ob ich ihn nach Ungarn begleiten wolle. Ihm ist daran gelegen, dass ich seine Heimat kennenlerne. Elisabeth darf nicht mit. Natürlich sage ich ja.

Freitag, 27. Januar 2012

Boomtown Kaliningrad - Extended Version


Ihr Garten war der einzige Ort, an dem ich es mit den Großen Eltern aushielt. Auch wenn er mir nichts bedeutete, erlöste er mich doch von den Erinnerungen an das Verlorengegangene, das ihre Gegenwart besetzte. Ich habe ihre Beziehung zu diesem Garten nie verstanden. Der Blick aufs Holzhäuschen im Feld, die Trauerweide. Fremde Erde.
Ich habe die Gräber der Großen Eltern nie besucht. Ich kann mich nicht einmal erinnern, wann sie gestorben sind, einer nach dem anderen. Vom Großen Vater blieb mir eine Armbanduhr, die Schachfiguren, die er in Kriegsgefangenschaft geschnitzt hat. Mit ihnen hat er mir das königliche Spiel beigebracht. Bei den Russen hat er eingesessen, bis meine Mutter ihn nach einem halben Jahrhundert plötzlich zu den Amis nach Darmstadt verlegte. Von der Großen Mutter blieb ein Ölgemälde zurück, auf dem in düsteren Farben eine Mühle am Ufer des Pregel zu sehen ist. Sie hat es selbst gemalt. Ein letzter verbliebener Nachweis der Geschichten, die sie von ihrer Heimat zu erzählen hatte.
- Kaliningrad?
- Königsberg, ja.
Anfang September geht es los. Der Bus kommt aus Bremerhaven, lädt uns in Charlottenburg dazu und fährt dann weiter Richtung Kaliningrad. Den Blicken der Russischen Passagiere merkt man an, daß Touristen auf dieser Route ungewöhnlich sind. Lukas dokumentiert mit einer der Videokameras, die wir dabeihaben, den Kampf um unsere Plätze. Über Kopfsteinpflaster holpert der Bus quer durch Polen. Agnes ist nervös, weil sie im Bus nicht rauchen darf. Hamit tröstet sie mit Nikotinkaugummis und läßt die zweite Kamera laufen.
- Guten Morgen,
flüstert Marco mir ins Ohr. Eine alte Frau, die alle Kleider, die sie besitzt, am Körper trägt, kauert vor einem verfallenden Fachwerkhaus, fliegt an uns vorbei.
- Gibt es noch Kekse,
fragt Lukas. Nelly versorgt ihn. Über dem Haff graut der Morgen unter einer geschlossenen Wolkendecke. Wir sind alle zum ersten Mal in Rußland, auch Marco. Der Bus hält auf die Stadt zu. Am Südbahnhof nehmen uns Zigeuner mit offenen Händen in Empfang. Wir haben im Hotel Kaliningrad gebucht. Auf zwei Taxis verteilt, lassen wir uns hinfahren. Der Regen fällt so dicht, daß wir kaum etwas sehen. In der Lobby des Hotels wird die Sicht mangels Licht nicht besser. Morbider Prunk erschlägt uns. Weil der Himmel die Erde flutet, verabreden wir uns nach der Zimmerbelegung in der Hotelbar. Roter Plüsch herrscht hinter grünen Samtvorhängen. Auf den Tischen fehlen die Tänzerinnen. Lukas und Hamit etablieren sich als Kameramänner. Hamit möchte, daß jeder sich vorstellt.
Eine Gruppe junger, frischgeduschter Russen in Trainingsanzügen besetzt die Empfangshalle des Hotels.
- Fußballspieler?
Lukas zweifelt. Sie weichen aus, als er mit der Kamera auf sie zuhält. Es hat aufgehört zu regnen. Wir wagen uns raus. Die Menschen auf den Straßen sind nicht unterwegs, weil sie zur Arbeit müssen, weil sie von der Arbeit kommen, oder Geschäftstermine haben. Wenige können es sich leisten, in den Geschäften einzukaufen. Vor einem Supermarkt hocken Frauen und Männer auf Schemeln, die Gesichter von der Landarbeit zerfurcht. Sie bieten drei Bünde Karotten, zehn Kartoffeln, oder ein paar Feldblumensträußchen an. Stunden später haben sie noch einen Bund Karotten, fünf Kartoffeln und ein paar Feldblumensträußchen im Angebot.
Jeder zweite trägt eine Flasche Bier bei sich. Nirgends ein Lächeln. Niemand lacht. Keiner ist dem anderen etwas wert. Agnes ist die einzige von uns, die hier nicht auffällt. Es liegt an ihrer blaßen Haut. Die Luft stinkt. Ein gelblicher Schleier umhüllt die Stadt.
- Wenn man bedenkt,
- Sprich in die Kamera, Nelly.
- Im Krieg wurde hier beinah alles zerstört und das, was übrigblieb, haben sie ein paar Jahre später plattgewalzt. Damit nichts an die Vergangenheit erinnert, oder. Da ist es doch erstaunlich, daß heute alles so zerstört aussieht. Überall nur bröckelnde Fassaden. Ich will mir gar nicht vorstellen, was sich dahinter verbirgt.
In einem Pavillon vor dem Eingang zum Volkspark bestellen wir Hamburger und Coca-Cola. Hamit sieht uns beim Essen zu. Außer ihm glaubt keiner, daß es sich um Schweinefleisch handelt. Wir sind die einzigen Gäste. Es gibt kaum ein Café, Kneipen oder Restaurants. Und wenn man ein Lokal entdeckt, hat es geschlossen, oder niemand sitzt drin. Dafür gibt es alle fünfzig Meter einen Kiosk und jeder zweite hat eine Bierbank dabei. Auch im Volkspark ballen sich die Kioske mit den Trinkern auf den Bänken.
Auf öffentlichen Plätzen und in den verwilderten Grünanlagen versammeln sich die Kinder und Jugendlichen, die kein Geld für Bier am Kiosk haben. Sie schnüffeln Klebstoff, trinken in Hinterhöfen gebrannten und vertriebenen Wodka. Sie wehren sich nicht, gefilmt zu werden. Sie posieren vor dem Schillerdenkmal und machen sich über uns lustig. Einige sprechen ein paar Worte Deutsch. Agnes raucht mit den Kindern, die für sie Ringe blasen.
Wir lassen den Dom links liegen und erobern den Zentralen Platz. Früher stand dort ein Schloß. Wir stehen zwischen zwei Reihen von Wellblechhütten. Es werden Lederjacken, Kurzwaren, Tee, Kuchen und Mobiltelefone angeboten. Nirgends ein Lächeln. Niemand lacht. Hinter den Containern ragt die Bauruine eines Rätehauses auf. Ein von rostigen Stahlstreben zusammengehaltener, graubrauner Betonquader. Zweiundzwanzig Stockwerke, die schon während der Bauzeit baufällig waren, kleben unter dem wütenden Himmel. Ein Mahnmal der Zukunft, das uns Ehrfurcht einflößt. Lukas verweist auf einen Skulpturengarten nahe des Doms. Sein Reiseführer dient ihm als Brille. Die Wolken brechen. Wir flüchten in die Nacht, in unsere Zimmer, um Abstand zu gewinnen. Elsa und Cedric. Hamit und Agnes. Marco und ich. Nelly und Lukas.
Wir gehen am Schloßteich entlang in Richtung Norden, verdauen ein unverdauliches Frühstück. Ölige, mit Fleisch gefüllte Teigtaschen, Würste aus Fett. Die Fußballspieler tafelten mit Obst, Müsli, Saft, Croissants. Auch auf Nachfrage enthielt man uns das vor, zeigte sich aber bereit, den wässrigen kalten Kaffee gegen lauwarmen einzutauschen. Hamit kauft jedem von uns einen Schokoriegel an einem der Kioske am Teich. Am gegenüberliegenden Ufer zerfällt ein roter Backsteinbau. Wahrscheinlich ein ehemaliges Krankenhaus. Einige Fenster sind mit Brettern zugenagelt, an den Mauern bunte Graffittis; meist ein großes A im Kreis. Aus einem Fenster hängt eine Totenkopffahne. Von den Hausbesetzern gibt es kein Lebenszeichen.
Am Oberteich auf einmal historische Bauten. Roßgärter Tor und Dohnaturm, in dem sich ein Bernsteinmuseum befindet. Bernstein ist der einzige Schatz, den die Region vorzuweisen und zu verarbeiten hat. In Kioskzelten wird Touristen Schmuck angeboten. Wir sitzen auf Bierbänken vor der roten Backsteinmauer, die Dohnaturm und Roßgärter Tor verbindet. Die Sonne wärmt uns. Hamit richtet die Kamera auf mich.
Wir ziehen weiter Richtung Markt. In engen Gassen, auf matschigem Lehm, sind die Stände mit schwarzen Plastikplanen überdacht. Es gibt Eisenwaren, Motoren, Werkzeug, dann Kleidung, Schuhe und Stoffe. Lukas und Hamit lassen sich von Nelly und Agnes führen, eine Hand auf deren Schultern, in der anderen die Kamera. Wir manövrieren so gut es geht durch das Gedränge. Die kleinen Jungs in Tarnanzügen, die Wache an den Ständen ihrer Väter halten, blicken finster, sind zunächst skeptisch wegen der Kameras. Sie fürchten, daß wir ihr Angebot auf Herkunft untersuchen. Dank ihrer Improvisationskunst und einiger Worte Russisch, die sie von Marco gelernt hat, gelingt es Nelly, die Jungs für sich einzunehmen. Auf einmal fangen diese Kinder an, uns marktschreierisch ihre Waren anzupreisen. Sie spielen für uns. Die Älteren, die nicht älter als zwanzig sind, reden ernst, glauben, daß Nelly Interviews führt, flirten mit ihr und Agnes, die ihre Zigaretten mit ihnen teilt.
Wir stoßen auf eine riesige Halle mit Tischen voll Früchten, Eiern, Kräutern, Blumen, Honig in Gläsern und Eimern. Allmählich verstehen wir, wo man in Kaliningrad einkauft. Wo ein Leben jenseits der Kioskbiere existiert. Jedes Gramm wird verhandelt. Käufer und Verkäufer rechnen ums Überleben. Entlang der Halle führt eine Straße mit Läden, in denen gibt es Fisch, roh, ausgenommen, geräuchert oder getrocknet, Backwaren, Fleisch, darüber Fliegenschwärme. Wir zweifeln nicht mehr daran, daß fünfhunderttausend Menschen die Stadt bevölkern. Hinter der Halle reihen sich Buden mit Drogerieartikeln, Haushaltswaren, Musikkassetten, Hi-Fi-Geräten, Mobiltelefonen und Raubkopien von Markenkleidung aneinander. Wir erwerben nichts. Wir nehmen auf. Nirgends ein Lächeln. Niemand lacht. In einer Grünanlage zwischen Markt und Nordbahnhof richten sich die illegalen Händler ein, wildern die Kinder, die nicht beschäftigt werden. Sie schnüffeln Klebstoff, den sie aus dem Sortiment der Konkurrenten ihrer Väter haben mitgehen lassen.
Hinter dem Bahnhof ist ein Zoo. Elsa weigert sich, hineinzugehen. Sie will sich nicht einmal vorstellen, wie welche Tiere dort gehalten werden. Wir sind erschöpft. Hinter dem Stadthaus essen wir, Hamit ausgenommen,  Grillfleisch und trinken Bier auf den Bänken. Irgendwo muß es ein Ghetto geben, in dem die Reichen leben. Die Priviligierten, die es wagen, sich zu zeigen, sitzen in einer Eisdiele oder auf der Terrasse davor. Oder sie warten auf der Treppe eines Lichtspielhauses auf die Mittagsvorstellung von Fluch der Karibik.

Wir arrangieren ein Gruppenbild mit Immanuel Kant, im Hintergrund die Universität, vor uns Stufen, die ins Bunkermuseum führen. Die Betondecke drückt auf die Köpfe. Wir stehen in einem schmalen Gang, von dem die einzelnen Räume abgehen. Die Luft ist stickig. Mir rinnt der Schweiß. Vor uns eine Frau mit strohblondgefärbten, dünnen, aufgelockten Haaren, knallrotgemalten Lippen, Wimpern, an denen die Tusche klumpt. Sie trägt eine froschgrüne, tiefausgeschnittene Bluse über einem verflusten, schwarzen Rock und Filzpantoffeln. Ludmila. Sie eröffnet ein stimmliches Sperrfeuer, nachdem wir ihre Führung gebucht haben, scheucht uns von Raum zu Raum, deutet mit einem Zeigestock auf Bilder, Texttafeln und Pappmachénachbauten der Schlacht um Königsberg. Erlaubt uns einen Blick in die Kommandozentrale, die mit einem schweren, dunklen Holztisch, einem ledergepolsterten Stuhl und einem Telefon ausgestattet ist. Ludmila führt ein strenges Regiment; wir wagen kaum zu flüstern. Wahrscheinlich sind die deutschen Worte des auswendig gelernten Vortragstexts die einzigen, die sie beherrscht, doch Nelly und Lukas halten sich nicht zurück und haken nach. Unsere Führerin bewahrt die Fassung, schnappt Schlagworte auf und zweigt gekonnt zu einem der Exkurse ihres Manuskripts ab. Sie hat es eilig, duldet kein Verweilen. An Widerspruch ist nicht zu denken. Sie entläßt uns mit einem Bismarckzitat. Der Russe braucht lang, um das Pferd vor den Wagen zu spannen, aber wenn er erst einmal fährt, fährt er schnell. Die Russen in der Exklave Kaliningrad haben Pferde, aber ihnen fehlen die Wagen. Marco ist aufmerksam. Ich drohe umzukippen. Mit Elsas Hilfe bringt er mich nach oben, nach draußen. Die anderen nutzen den Freigang durch die Austellungsräume.
Lukas überredet uns, das Nachtleben zu erforschen. Sein Büchlein weist einen ehemaligen Bunker als Tanzlokal und beliebten Treff der Jugend aus. Die Suche führt uns durch ein Wohngebiet ohne Straßenbeleuchtung. Die Straßen sind nicht asphaltiert. Wir fallen auf, doch wir sind zuviele, um den rauchenden Gaffern und streunenden Schatten ein Angriffsziel zu bieten.
Im Kentaur empfängt uns eine runzlige Garderobenfrau. Elsas, Cedrics, meinen Impuls, sofort umzukehren, erstickt sie im Keim. Die Tische im roten Backsteingewölbe stehen in Nischen. Am Kopfende des Gemäuers sind ein Keyboard und eine Gesangsanlage aufgebaut. Wir sind die einzigen Gäste. Nur an einer Tafel mitten im Raum sitzen sechs Männer, die sich auf Kosten des Hauses nichts entgehen lassen. Champagner, Wodka, Schnurrbärte und Rolexuhren. Goldkettchen und Kaviar. Wir zwängen uns unter einen der Rundbögen und enttäuschen die Kellnerin, weil wir nicht essen wollen, nur Bier, Wein, Wasser und Cola bestellen. Auf einmal ist sie dankbar, weil wir überhaupt etwas möchten. Lukas blättert irritiert im Reiseführer. Cedric macht uns darauf aufmerksam, daß wir flüstern. Die Musiker lassen für den Rest des Abends auf sich warten.
Auf dem Nachhauseweg treffen wir Teile der Jugend biertrinkend hinter einer Bushaltestelle in einem Wellblechhüttenspätverkauf. Auf einem Stuhl schläft ein Soldat in Kampfmontur. Er beschützt seine Freundin, die Verkäuferin. Einige der Jugendlichen sind Punks. Sie schwärmen in die Nacht aus. Keiner weiß wohin. Nirgends ein Lächeln. Niemand lacht.

Neidisch beobachten wir beim Frühstück die Sportler. Dann brechen wir zum Dom auf. Der Pregel umfließt die Dominsel. Das Wasser ist schwarz; ein öliger, gelbviolettschimmernder Film liegt darauf. Der Pregel stinkt. Ein Geruchsgemisch aus Buttersäure, verbranntem Gummi und Essig.
Die Domkirche ist das einzige Gebäude, an dem man Wiederaufbau übt. Sie ist aus rotem Backstein. Hinter dem Portal studieren Sängerinnen und Sänger in einem kleinen Raum einen Choral ein. Das Mittelschiff ist wegen der Restaurierungsarbeiten für Publikumsverkehr geschlossen. Über eine hölzerne Wendeltreppe erreichen wir Austellungsräume in einem der zwei Türme. Im Verbindungsgang spielt ein Junge Harmonium. Texttafeln erklären, Deutsche finanzieren den Wiederaufbau. Das Wort Vertriebene taucht nicht auf. Wir werden aufgefordert, zu spenden. Mit Hilfe von Fotografien, Stichen und Radierungen können wir uns ein Bild von Königsberg erschließen. Ich hätte dort leben wollen. Marco stimmt mir zu. Cedric blickt aus einem der Fenster auf die Insel, den Park, den Fluß, die Plattenbauten. Er hat Tränen in den Augen.
Auf den Holzbänken zwischen Dom und Fluß wird geschnüffelt, getrunken und geküßt. Die Touristen schielen indigniert daran vorbei. Die Domkirche und das Grab von Kant sind alles, was sie festzuhalten bereit sind. Die meisten sind Heimatsucher, die nichts wiederfinden und abreisen, ehe sie angekommen sind. Obwohl vorgewarnt, stehen sie unter Schock. Ich schaue immer wieder Richtung Hafen. Lukas fordert eine zweite Chance. Olsztyn, beliebter Treff der Jugend, auch tagsüber. Am Eingang werden wir vom Sicherheitspersonal abgetastet. Kameras, Taschen und Rucksäcke nehmen sie uns ab. Einer führt uns zum Restaurant im zweiten Stock. Es gibt keine Fenster. Achtziger-Jahre-Interieur im Dschungelstil. Die weißen Tischdecken passen nicht. In der Mitte des achteckigen Raums ist eine Tanzfläche. Auf eine Leinwand projiziert ein Videobeamer MTV-Konserven. Wir sind die einzigen Gäste. Uns wird ein Tisch vor einer riesigen, spiegelnden, schwarzen Scheibe zugewiesen. Es ist so dunkel, daß wir die dreisprachige Speisekarte kaum lesen können. Es riecht nach Wunderbäumen. An der Bar rauchen drei wie Animierdamen uniformierte Kellnerinnen. Sie leisten dem Barkeeper Gesellschaft, der die wenigen verdreckten Gläser der letzten Nacht spült.
Nelly, Elsa, Agnes und Lukas begleiten Cedric, der sich für den Komsomolzen-Park interessiert. Ich mache mich mit Hamit und Marco auf den Weg zum Hafen. Die beiden möchten ins U-Bootmuseum. Ich gehe weiter zum Hafenbecken. Kräne verladen Container, die wie Kioskhütten aussehen. Auf den Marineschiffen langweilen sich die Soldatenmatrosen. Die Hafenarbeiter sind nicht in Eile. Nirgends ein Lächeln. Niemand lacht. Hier hat der Große Vater seinem Bruder hinterhergewunken. Jahrzehnte später war ich der Prinz von Königsberg, übernachtete im Prinzenbett der Großen Eltern. An mich knüpfte die Große Mutter ihre Hoffnung auf die Rückeroberung der Heimat. Der Prinz von Königsberg blickt vom Ufer einer ausradierten Heimat hinaus aufs Meer und meldet keinen Anspruch an. Die einzige Verbindung, der nachzuspüren er noch bereit ist, führt zu einem anderen Kontinent.
Die Fußballer schlurfen in blauen Shorts und Badelatschen durch die Halle zur Hotelbar. Oder umgekehrt. Sie wirken unruhig, wie vor einem Spiel. Ihnen fehlen die Damen für den letzten Abend. Auch wir wollen am nächsten Morgen fahren. Wir verabschieden die Stadt am Schloßteich, sitzen unter Lampions an den Tischen bei den Buden, trinken Bier und Cola. Das Rätehaus eine Lücke im Sternenhimmel.
In der Schalter- und Wartehalle des Südbahnhofs sitzen wir auf hintereinandergereihten Holzbänken. Anstelle einer Kanzel sieht man auf eine riesige Uhr, deren Zeiger sich träge vorwärtsschleppen. Hamit filmt die Gesichter der reglos Wartenden. Draußen die Bettler zwischen den Händlern, die schwer an ihren Bauchläden tragen. Die Schüler zwischen den Kindern, die den Weg zur Schule nicht mehr finden. Diebe zwischen Soldaten, die über die Diebe hinwegsehen. Nirgends ein Lächeln. Niemand lacht. Unser Zug fährt ab, nach Svetlogorsk, Rauschen, damals. Sobald die poröse Betonwüste hinter uns liegt, färbt sich der Himmel so blau, daß es wehtut. Die Gräser auf den Wiesen sind grün und gelb und grau. Dazwischen leuchten rote und blaue Feldblumen. Häuschen aus klobigen, weißen Steinen grenzen an große Obst- und Gemüsegärten. Inselartige Wäldchen und große Teiche liegen zwischen sanften Hügelketten. Pappeln säumen die Alleen. Vertraut erscheint mir die Landschaft. Ich sehe den Garten der Großen Eltern.
Wir hören das Meer rauschen, die Möwen lachen, suchen nach einer Möglichkeit, die überflutete Hauptstraße zu überqueren. Marco fragt uns zum Hotel Universal durch. Eingetaucht in grünes Licht taucht der Neubau zwischen alten Datschas aus dem Mischwald auf. Hier haben sie gewartet; hier haben sie gehofft, die Große Mutter mit den Töchtern. Hier warten sie noch immer. Nur sieht man keinen mehr, der hofft.
Eine Treppe führt die Steilküste hinab zur Uferpromenade. Indische Matrosen auf Landgang bemühen sich, ihre Zigaretten anzuzünden. Der Himmel tobt und peitscht das Meer auf. Am Strand wühlen Schatzsucher im angespülten Seetang und im Sand nach versteinertem Harz. Wir mitten unter ihnen. Lächeln. Lachen.

Donnerstag, 26. Januar 2012

Kaliningrad I (Der Russe kommt von hinten III)


Ein Frosch pisst mir auf den Kopf. Im künstlichen Tümpel meiner Großeltern. Wir spielen Gott Segen bei Cohn, auch Schlesische Lotterie genannt. Mein Großvater singt von wilden Gesellen, die der Sturmwind durchweht und trinkt Schnaps zwischen den Strophen. Wir schaukeln auf einer Hollywood-Schaukel, und ich verliere. Mein Freund Pavel meint, ich soll aufhören, mich zu erinnern. Gerade tätowiere ich mir seine Unterschrift auf meinen Arsch, und er meint, mir Vorschriften machen zu können. Ich bin kein Tätowierer. Eine ehemalige Mitschülerin hat ein Studio. Früher mochte sie niemand, weil ihre Handinnenflächen orange waren, sie X-Beine hatte, grundunglücklich und deshalb sehr anhänglich war. Es war eher so, dass wir sie mochten, sie aber einfach nicht normal genug war. Zu der Zeit wollte ich eine Frisur wie Rudi Cerne haben. Der war damals noch Eiskunstläufer, und sie hat mir dann so eine Frisur geschnitten. Die sah scheiße aus. Darüber hätte ich froh sein sollen! Im Nachhinein betrachtet ist das Meiste, was man mal gemacht hat, Bullshit. Deshalb sammele ich auch keine Fotos. Pavel findet das zum Kotzen. Weil er keine meiner Aussagen überprüfen kann. Sag deiner Mutter mal, du liebst einen russischen Fußballprofi, aber kein Mensch darf wissen, dass das auf Gegenseitigkeit beruht. Das hält meine Mutter nicht aus. Sie erzählt es ihren Hundefreundinnen, und dann kannst du Wetten auf die nächsten Spiele von Pavel setzen, die du garantiert gewinnst. Wie bei der Schlesischen Lotterie. Woum! Wilde Gesellen! Versenkt! An den Wochenenden werde ich normalerweise vorübergehend verrückt. Ich registriere mich mit Foto in der Blauen Welt. Pavel hasst mich dafür. Als würde sich da irgendetwas für mich ändern. Er kennt mich nicht, nicht wirklich, so viel steht fest. Allein das Wort CHAT führt bei mir zum Stromausfall. Keine Chance. Sag doch mal, was wirklich dein Anliegen ist. Wie kommst du da heil raus, ohne dass die ganze Welt weiß, worum es dir tatsächlich geht? Und was ist so schlimm daran, wenn sie es weiß? Ja, genau, Pavel. Was ist so schlimm, wenn man Bescheid weiß? Ich weiß es nicht. Ich lösche mein Profil. Woum! Egal, welche Realität, ich habe kein Ticket für den Eintritt. Spätestens jetzt sollte Pavel bemerkt haben, was mir an ihm liegt, schließlich weiß er über alles Bescheid. Aber er ist Russe. Und Profi-Fußballer. Und ... und was? Ich erzähle Pavel von Marco. Von damals. Als ich mit Marco und den anderen in Kaliningrad war. (Fortsetzung folgt)

Mittwoch, 25. Januar 2012

Kill Your Darlings! (Der Russe kommt von hinten III)

In Kaliningrad haben sie ein ähnliches Schlossproblem wie in Berlin. Da, wo es mal stand, steht es nicht mehr, aber unbedingt soll es wieder da stehen, wo es mal stand. Aus Berlin ist keine Hilfe zu erwarten, weil die Berliner schon den Kaliningrader Dom mit aufbauen. Und solange das Haus der Räte in Kaliningrad nicht abgerissen wird, so wie es Berlin mit dem Palast der Republik so hübsch vorgemacht hat, ist von Berlin aus überhaupt nichts zu erwarten, was natürlich eine wundervolle Ausrede ist, weil die Bauruine Haus der Räte ein Denkmal ist, das nur Idioten abreißen würden. Russen sind keine Idioten, selbst wenn sie in Kaliningrad leben, was kein Russe je zu Russland zugehörig erklären würde. Ich lebe trotzdem in Kaliningrad. Demnächst zumindest, soviel steht fest. Pavel will noch 3-4 Jahre professionell Fußball spielen. Er glaubt, danach kommen wir dann richtig zusammen, egal wo. Ich habe Kaliningrad gewählt. Weil ich das kenne. (Demnächst in Staffels Welt). Aber dann kommt der Moment, wo du sagst: Ich will nicht mehr berührt werden! Bis du das jetzt, oder bin ich das? Wer spricht hier über welche Art der Berührung? Sobald man öffentlich wird, sagt man: du. Oder: man. Obwohl man Ich meint. Ich meine gar nichts, Pavel. Ich scheiße auf Du oder Man. Auf mich scheiße ich auch, weil das erforderlich ist, solange man dich ernst nehmen soll. Das war ein Exkurs. Also noch mal von vorne: Es war ein Hochzeitstisch bei Kaufhof, der das alles losgetreten hat. Du heiratest und irgendwer organisiert die Beschenkung. Voraussetzung: Alle kaufen bei Kaufhof. Geht aber auch bei Karstadt oder im Kaufhaus des Westens oder so. Da wird alles aufgetischt, was du dir wünschst, und die, die schenken wollen, können da hin gehen, sich etwas aussuchen, und das ist dann weg. So verhindert man, dass etwas doppelt geschenkt wird. Du freust dich natürlich. Sofern du derjenige bist, der verheiratet wird. Ich freue mich nicht! Wer heiratet mich? Du? Man? Entschuldigung. Ich will weder romantisch noch sentimental werden. Neulich war ich im Theater, und meine Freundin C. fand den Abend romantisch. Ich fand ihn sentimental. Der Autor, der auch der Regisseur war, fand beide Auslegungen unangemessen. Das ist natürlich sein gutes Recht. Wenn man mal was fühlt, sollte man das besser für sich behalten, zumindest gegenüber den Gefühlsproduzenten. Meine Freundin C. und ich sprechen jetzt auch nicht mehr darüber. Wahrscheinlich weil wir uns dumm fühlen, obwohl wir ja beide so schön gefühlt hatten. Kill Your Darlings hieß der Abend. Da darf man schon fragen, ob du das jetzt auf den Moment oder dein Leben beziehen sollst. Ich setze dieses Prinzip jetzt absolut für mich. Da bin auch wieder Ich. Kill your darlings. Die kommen gar nicht mehr vor, und dann kannst du oder ich oder man, wir können dann auf einmal völlig angstfrei leben. Ich lebe gerade total angstfrei, weil du weder jemals wirklich da warst, noch irgendjemand in Zukunft da sein wird. Zumindest niemals so, wie du oder ich es erwarten. Ich fange gerade zum wiederholten Mal an, mich zu mögen. Also Kaliningrad. Mit oder ohne Pavel. (Fortsetzung folgt)

Dienstag, 24. Januar 2012

Der Russe kommt von hinten II

Pavel fragt, warum ich mich nicht tätowieren lasse. Ich würde mir seinen Namen ja sonst wohin tätowieren, wenn sich dieser Profi-Arsch mal zu irgendwas bekennen würde. Sein nackter Landsmann, der mit dem Gewehr auf dem Rücken am Showdown-Tag durch Berlin gelaufen ist, wurde mittlerweile wegen Geringfügigkeit des öffentlichen Ärgernisses wieder auf freien Fuß gesetzt. Seine Waffe haben sie einbehalten, obwohl man mit der bestenfalls Pekinesen hätte töten können. Pavel fragt, warum ich nicht in seine Nähe ziehe. Schließlich sei ich ja ungebunden. Fick dich, Pavel. Ich konkurriere nicht mit Spielerfrauen. Und Spielerfrau werde ich auch nicht. Wenn du mitleiderregend bist, heißt das noch lange nicht, dass das ausreicht, um von irgendjemandem sympathisch gefunden zu werden. Wer hat denn mit wem Mitleid, Pavel? Er ist jedes Mal enttäuscht, wenn wir uns sehen. Weil wir uns nur kurz und zudem ausgesprochen selten sehen. Weil er ja Profi-Fußballer ist, und ich nicht seine Spielerfrau bin. Im Sommer wird er Deutschland ohnehin verlassen und ganz sicher nicht zurück nach Kaliningrad gehen. Das ist das Problem. Meine Zukunft liegt in Kaliningrad. (Fortsetzung folgt)

Montag, 23. Januar 2012

Der Russe kommt von hinten I

Ist doch komisch, wenn sich einer seine eigene Unterschrift auf den Arsch tätowiert. Seltsamerweise findet das außer mir niemand komisch, aber alle starren auf diesen Arsch. Natürlich ist das ungewöhnlich, wenn einer im Winter nackt durch die Gegend läuft, nur ein Gewehr auf dem Rücken und ein Arsch mit Unterschrift. Als gäbe es ein Telefon-Voting rufen alle gleichzeitig an und melden den Nackten mit Gewehr. Ich laufe lieber eine Weile neben ihm her, frage, ob er sich bei mir aufwärmen möchte. Es stellt sich heraus, es ist ein Russe. Könnte natürlich auch ein Bulgare sein, weil ich Russisch und Bulgarisch so schlecht auseinanderhalten kann. Als wir das Blaulicht auf uns zukommen sehen, fängt er an zu rennen, lässt das Gewehr aber vorerst auf seinem Rücken. Er läuft auf das Blaulicht zu. Ich bin in Sorge, dass zuerst auf ihn geschossen wird. Bevor man mit ihm redet. Aber als ich um die Ecke biege, hinter der er verschwunden ist, kann ich weder ihn noch die Bullen entdecken. Der Showdown findet woanders statt. Heute ist Showdown-Tag. Irgendein Radiosender hat den ausrufen lassen. Der beste Showdown gewinnt einen Tag im Radio. Dokumentiert wird mit Handy. Wie werden Handy-Filme im Radio ausgewertet? Scheiß auf Showdown. Neben mir wohnt neuerdings ein House-Freak. Hört den ganzen Tag über House-Musik. Bei der Musik wartest du auch ständig darauf, dass endlich mal irgendetwas passiert. Dass da wenigstens am Ende mal was explodiert. Jetzt stell dir vor, du verbringst einen ganzen Tag im Radio. Mit einem Russen. Der nackt ist. Und du hast das Gewehr. Mein Freund Pavel meint, ich soll mehr Wodka trinken. Ich muss für ihn mittrinken. Pavel ist Fußballprofi und darf nicht trinken. Obwohl Pavel meint, es gebe genug Profi-Alkoholiker im Fußball. Aber die bleiben unsichtbar, weil Alkohol kein Doping ist, und sie testen eben nur Sachen auf der Dopingliste. Ich frage Pavel, ob das mit dem Wodka nicht ein ewiges Klischee sei. Er meint, Klischee bedeutet Wahrheit. Er spricht ganz gut Deutsch, deshalb glaube ich, dass er das so meint, wie er es sagt. Auf Pavels Arsch ist kein Tattoo. Als er 20 war, hat er für Kaliningrad gekickt. Das verbindet uns, weil meine Großeltern da herkommen. Aus Königsberg. So haben Pavel und ich uns auch kennengelernt. Weil wir uns beide für bessere Lebensbedingungen für die Tiere im Kaliningrader Zoo engagieren. Wenn du durch Kaliningrad läufst und dir dann auf einmal bewusst wird, es gibt da einen Zoo, dann willst du gar nicht wissen, wie die Tiere da leben. Pavel hat in Kaliningrad 2. oder 3. Liga gespielt, was wahrscheinlich auch nicht besser als Zoo war, aber er war der Star. Und hat trotzdem was für Tiere übrig. Das mag ich an ihm. Keine Ahnung, was er an mir mag.

Sonntag, 22. Januar 2012

Sido ist kein Armenier

Eine Freundin erzählt mir von einem erotischen Traum. Sie glaubt, der Traum wäre erotisch gewesen, aber sie erinnert sich nicht, wer dabei war. Hoffentlich nicht Sido, denke ich. Gerade als sie sich alles zusammensetzen will, ruft ihre Mutter an. Meine Freundin kann sich danach erst recht nicht mehr erinnern, aber dann ist sie zum Bäcker runter, und als der Mann hinter der Brottheke fragt, was es sein darf, wird meine Freundin puterrot. Weil ihr da auffällt, dass er das in ihrem Traum war. Der Brotverkäufer. Bei mir verkaufen Armenier Brot. Keine Ahnung ob sie Vater und Sohn sind oder Brüder. Sie lernen noch. Von Türkinnen. Wobei die eine schon immer da ist und weiß, wie es geht. Die andere weiß es eigentlich auch, hat aber Kundenangst. Wenn einer was bestellt, guckt sie so erschrocken, als würde der gleich ne Knarre oder nen Baseballschläger rausholen. Dafür sind ihre Nägel vom Nagelstudio. Sie hat bei einer Philippina auf dem Stuhl gesessen, die ganz filigran die Muster auf ihre Nägel gepinselt hat, die sie beim Münzeneinsammeln wie Schaufeln einsetzt. Die beiden Armenier haben keine Angst, aber sie sprechen kein Deutsch. Sie verstehen „Laugenstange“ oder „Finnenbrötchen“. Sie verstehen auch „Latte“, aber dann stehen sie vor der Maschine oder der Kaffeemühle und verstehen die Knöpfe und Hebel nicht. Oder sie verstehen „Schokocroissant“ und „Pizzazunge“, packen den Scheiß in eine Tüte, und dann stehen sie vor der Kasse, wo die Zahlen sie endgültig aus der Fassung bringen. Wenn du versuchst, ihnen vorzurechnen, bringt das auch nichts, weil das ganze Scheißgebäck Codes auf der Kasse hat, die du mit deiner Besserwisserei natürlich auch nicht knackst. Irgendwann bekommen auch die Armenier Angst, und eine Türkin muss sie retten. Der Türke, dem der Laden gehört, hat sich schon seit Wochen nicht mehr blicken lassen, weil er irgendwo eine Filiale eröffnet. Was hat der mit den Armeniern zu schaffen?  Der eine hat dicke Muskeln und eine kindliche Unschuldsmiene. Der andere ist das Gleiche in grau und dick, nur traut man seiner Unschuld nicht. Sie müssen türkisfarbene T-Shirts tragen und lächeln neuerdings, wenn man den Laden betritt. Ich kannte mal einen Armenier, der wollte Stuntman werden, was ihm auch gelungen ist. Armenier haben gute Turnergene. Mein Bekannter ist eine zeitlang bei einem Open-Air-Theater als Pirat aufgetreten. Heute ist er Rapper. Er rappt auf Armenisch und macht Gesangs-Refrains, die er selbst singt, nicht so wie Sido, der beim Singen nur die Lippen bewegt und das nicht mal synchron. Sido ist einfach total unmusikalisch. Vielleicht weil er kein Armenier ist. Mein armenischer Bekannter rappt vor allem im Internet und bei armenischen Hochzeiten. Beides sehr erfolgreich. Ich habe Sido gestern ein paar seiner Clips vorgespielt, und Sido meinte danach, es gäbe ein echt hohes Ausländeraufkommen hier. Das müsse einfach besser koordiniert werden. Keine Ahnung, wie er sich das vorstellt.

Freitag, 20. Januar 2012

Christian Wulff und die Stricher aus Kasachstan


Früher war in dem Kiosk immer ein Mann mit schulterlangen, grauen, sehr gepflegten Haaren. Als würde er sich im Hinterzimmer stündlich föhnen. Der Mann war auch viel zu groß für den Kiosk, ein Schlauch, in dem man kaum wenden konnte. Gestern bin ich wieder rein. Der Kioskmann ist da, aber auch irgendwie nicht. Seine Haare sind kürzer. Er trägt ein Muskelshirt und schwitzt, weil er Eisenhanteln stemmt, mindestens zehn Kilo pro Hand. Hinter dem Tresen. Er beachtet mich nicht. Dann geht die Tür zum Hinterzimmer auf. Da sind lauter Kasachen, schätze ich mal. Teenager, die pumpen. Ich vergesse, was ich will, Kippen, Fahrkarten, keine Ahnung. Jedenfalls will ich wieder raus. Das geht aber nicht. Weil der Kioskmann den Rollladen vor der Tür runtergelassen hat, während ich die Kasachen angestarrt habe. Vier Stunden vorher: Ich gehe bei Rot über die Ampel. Auf der anderen Seite steht eine zweihundert Kilo Frau mit Kinderwagen, einem weiteren Kind an der Hand und Kippe im Maul. „He, du Arschloch! Es ist Rot. Hier sind Kinder auf der Straße. He! Ich rede mit dir, du Wichser!“ Ich rede aber nicht mit ihr. Ich glaube, sie ist so fett, dass sie nicht mehr von allein über die Straße kommt und das an anderen auslässt. Ich glaube, wenn ich da morgen wieder langgehe, steht sie immer noch da und blökt. Kann ich aber nicht. Kasachstan. Zwei Stunden zuvor: Bundespräsident Wulff fliegt freier, isst besser, fährt schneller, wohnt schöner und so weiter, schon klar, und ich wundere mich, dass alle glauben, nur er macht das. Hat er ja selbst erklärt im Fernseher, dass es keine Politiker mehr gäbe, wenn Politiker keine Freunde mehr haben dürften. Ich bin kein Politiker und habe trotzdem keine Freunde, aber das ist egal. Alle machen das so, ist klar, aber er ist der Bundespräsident, meint einer, und Bundespräsidenten machen so etwas nicht. Ich weiß, was Bundespräsidenten machen: Sie veranlassen Hausdurchsuchungen. Christian Wulff hat mich angezeigt, darauf hin wurde meine Wohnung durchsucht und meine Festplatte konfisziert. Weil ich ein Blogger bin, der wahnsinnige zehn Mitglieder beherbergt. Die durchwühlen einfach alles, deshalb bin ich zum Kiosk, weil ich Kippen holen wollte. Aber da sind die Kasachen und der mutierte Kioskmann, und natürlich wird man paranoid, wenn der Bundespräsident einen anzeigt und beschlagnahmt. Deshalb glaube ich, dass die Kasachen was mit ihm zu tun haben. Dass Herr Wulff versucht, das außergerichtlich mit mir zu klären. Sie sind zu viert, dazu der Kioskmann. Ich meine, vor kurzem war ich noch beim Bundespräsidenten im Bellevue, habe Häppchen serviert bekommen und seine Selbstmitleidsarien über mich ergehen lassen müssen. Der hat mir einfach alles anvertraut, und jetzt zeigt er mich an. Und schickt mir seinen Schlägertrupp auf den Hals. Ein echtes Upgrade, ehrlich. Ich schäme mich wahnsinnig für diesen Mann, aber darüber kann ich mit den Kasachen nicht reden. Ich kann denen auch kein Angebot machen. Es gibt da einfach überhaupt keine Verhandlungsbasis. Zwei Stunden später: Einer der Kasachen ist jetzt mein Freund. Wir sind zusammen in der Notaufnahme. Timur, mein kasachischer Freund, hat keine Krankenversicherung. Er meint, ich soll ihn heiraten. Damit er bleiben kann. Ich würde lieber mit ihm nach Kasachstan auswandern. Timur lacht. Er sagt, ich träume. Kein Mensch mit gebrochenem Kiefer träumt.

Freitag, 13. Januar 2012

Das traurige Leben der Gloria S.

Gehen Sie ins Kino. Schauen Sie sich "Das traurige Leben der Gloria S." an. Amüsieren Sie sich. Aber trinken Sie danach nicht so viel Bier wie ich.



Donnerstag, 12. Januar 2012

Konfrontationstherapie - Berlin 3-D


Sie machen den Himmel nicht mehr auf. Die Katzen laufen nur noch in Rudeln, weil sie Angst vor den Vögeln haben, die völlig verrückt spielen. Die ersten Nebelkrähen greifen Menschen an, womit ich einverstanden bin. Es gibt auch immer mehr Typen, die mit 3-D-Brillen rumlaufen. Also die haben die einfach dabei, weil: Man kann ja nie wissen. Nicht dass sie denken: Ich gehe heute vielleicht noch ins Kino. Die denken, dass sich da draußen, wo sie den Himmel dicht gemacht haben, auf einmal der Schalter umlegt, und du ohne so eine Brille nicht mehr klar kommst. Jedenfalls rempelt mich so einer an, und ich will ausweichen, aber er ist auf Krawall aus. Eine Stunde vorher hat mir ein Freund noch gesagt, ich soll mit Boxen anfangen. Also so richtig ins Training gehen. Konfrontationstherapie hat bei mir noch nie funktioniert. Er meinte: Scheiß drauf. Da interessiert sich keiner dafür, was du kannst oder nicht kannst, oder für sonst irgendeinen deiner Komplexe. Ich stehe auch nicht auf Gruppenduschen, aber das hat auch nicht gezogen – da duschen viele nicht nach dem Training, meint mein Freund. Fuck! Ich bin kein Boxer. Und jetzt rempelt mich dieser Vollidiot an und belässt es nicht dabei. Was ich von ihm wolle. Und stößt mich mit einer Hand Richtung Schaufenster, und gleicht ist klar: Der ist stark. Aber aus dieser Fresse kommt nichts raus, also er sagt einfach nicht, was sein Problem ist. Weg kann ich auch nicht, dann ist er hinter mir, und so einen willst du nicht in deinem Rücken haben. Mein Boxer-Freund ist natürlich nicht mal in der Nähe, und natürlich kümmert sich kein Arsch um diese dreckige Angelegenheit, die sich Alltag nennt, und letztlich keiner Erwähnung wert wäre, wenn ich nicht, also keine Ahnung, wie das passiert ist. Ich bin auf den Typ zu, der von Nahem betrachtet mehr die Sorte Schwiegersohn, Eigentumswohnung im Prenzlauer Berg war. Ich bin ganz nah ran und habe nur: Was! gesagt. Und dann habe ich mich an so einen Griff an die Eier erinnert. Den hat jeder schon hundert mal im Film gesehen, und auf einmal konnte ich den. Also eine Bewegung und sofort hatte ich alles im Griff und konnte schrauben. Der Typ knickt natürlich sofort ein und winselt, aber ich habe keine Lust, ihn wieder los zu lassen. Plötzlich fingert er in seiner Jackentasche rum, als ich ihm wieder etwas Luft verschaffe, hat plötzlich eine 3-D-Brille in der Hand. Ob ich die haben will. Er setzt sie sich selbst auf und sagt: Ich habe noch eine zweite. Und will sie mir geben. Mittlerweile stehen doch einige Leute um uns rum. Es ist mir peinlich, so einem Typen mit ner 3-D-Brille auf der Nase an die Eier zu grabschen. Ich lasse los, und langsam richtet er sich halbwegs wieder auf, stammelt was von: Wir können doch Freunde sein. Schiebt die Scheißbrille auf seiner Nase zurecht, und da kommt es über mich. Konfrontationstherapie. Ich balle eine Faust und lasse sie nach vorne schnellen. So was habe ich noch nie gemacht. Und natürlich tut das scheiße weh. Die paar Gaffer um uns rum fangen doch noch an, zu murren. Also verpisse ich mich, woran mich keiner hindert, und allmählich beruhige ich mich wieder und frage mich: Was ist bloß los mit mir?

Mittwoch, 11. Januar 2012

Bettina Wulff erschießt einen indischen Gott

Zwei Tage lang bin ich auf einem Elefanten nach Darmstadt geritten. Dort steuerten wir direkt den Schlossgarten an, wo sich unglaublich viele Polen aufhalten, die da grillen und zelten, obwohl Winter ist. Die meisten haben sich vor meinem Elefanten zuerst gefürchtet, der ungeheuer durstig war. Mein Arsch ist wund vom Reiten, weil ich das nicht gewöhnt bin, so weit auf einem Elefanten zu reiten. Zwei Polen reden auf mich ein, dass ich Polnisch lernen soll, aber ich bin nur an Wundsalbe oder Eis interessiert. Aus dem Schloss kommt die Frau von Christian Wulff getorkelt, die da als Schirmherrin irgendeine Charity-Veranstaltung begleitet. Mein Elefant hat sofort Angst, und Bettina Wulff auch, also gibt sie den Schießbefehl, weil sie findet, ein Elefant gehört in den Zoo und nicht in einen Schlossgarten, in dem sie besoffen rumtorkelt. Die erste Frau von Christian Wulff, Christiane, mag Elefanten lieber, glaube ich. Mit ihr war ich in Indien. Ich war wegen Ganesha da. Ganesha ist der Gott der Dichter und sieht aus wie ein Elefant. Christiane ist nach Poona in einen Ashram, weil sie dachte, danach hält sie es besser mit Christian aus, aber der hatte danach dann Bettina. Seitdem ich wieder zurück bin, züchte ich Elefanten, auch wenn ich als Dichter eine Niete bleibe. Dafür lieben mich die Tiere. Und Bettina Wulff schießt jetzt auf eins der Tiere. Das erklärt jedoch nicht, was ich eigentlich in Darmstadt verloren habe. Einige der Polen erkenne ich allerdings wieder. Ich wollte mal einen Film machen, in dem nur Polen vorkommen, die behaupten, sie seien Deutsche. David Groenewold wollte das produzieren, aber der bekommt das Geld für seine Filme nur von Investoren, die garantierte Rendite für ihre Abschreibungen verlangen. Aber weil David die Polen-Idee so gut gefiel, dachten wir, wir fragen den Wulff und seine Frau, weil die ja auch so tierlieb ist, aber das war die erste, und nicht Bettina. Der Christian hat dem David trotzdem viel Geld versprochen für den Film, nur dass der dann nie zustande kam, weil der Groenewold plötzlich kein Interesse mehr an Polen hatte, wahrscheinlich wegen Bettina, und deshalb ist das ganze Geld auch irgendwie wieder zurück an die Wulffs geflossen. Naja. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wie Geldwäsche funktioniert. Meinem Elefanten geht es wieder gut, weil Bettina nur mit Betäubungspfeilen geschossen hat und natürlich eine miserable Schützin ist. Es scheint unklar, ob wir jetzt erst mal in Darmstadt bleiben. Meine Rechnungen habe ich woanders offen, und die Polen sagen, sie würden überall mit hin kommen, um mir dabei zu helfen, sie zu begleichen.

Montag, 9. Januar 2012

Christian Wulff ruft bei Kai Diekmann an


Es gibt sicher viele Menschen, die dem Chefredakteur der Bild-Zeitung, Kai Diekmann, mal die Meinung sagen möchten, so wie Christian Wulff auch. Und der macht das jetzt möglich. Wie ist das möglich?
Kurioserweise gehörte ich aufgrund meiner Blog-Aktivitäten zu einer Auswahl von fünfzehn Bürgern, die der Bundespräsident gestern Abend zu sich ins Schloss Bellevue eingeladen hat. Es gab Häppchen mit Hering, Pflaumentörtchen und wer wollte, durfte Bier trinken. Es ging irgendwie den ganzen Abend lang um Bürgernähe. Am Ende hat Christian Wulff mir Kai Diekmanns Nummer zugesteckt. Exklusiv für die Leser von ‚Staffels Welt’. Irre. Und das Lächeln des Präsidenten ist live genauso lurchig wie im Fernsehen.
Rufen Sie Kai Diekmann an. Sagen sie Bild, was Sie Bild schon immer sagen wollten. Sagen Sie Kai Diekmann, was Sie ihm schon immer sagen wollten. Exklusiv in ‚Staffels Welt’ – die Handynummer von Kai Diekmann:
0171 – 549 11  72
Vielen Dank an Christian Wulff – für das Vertrauen, dass er uns durch die  Bekanntgabe dieser Nummer schenkt.
Nutzen Sie die Gelegenheit. Rufen Sie an!

Donnerstag, 5. Januar 2012

Bellevue der Schwanzlutscher

Aus Quellen, die nicht genannt werden dürfen, ist zu erfahren, dass heute morgen um 8.30 h Giovanni di Lorenzo im Schloss Bellevue eingefahren ist, um gemeinsam mit dem Bundespräsidenten Christian Wulff an einem Interviewbuch zu arbeiten. Die Frau des Bundespräsidenten ist dabei nicht zugelassen, so dass es ihrer Fantasie überlassen bleibt, was sich zwischen den beiden Männern tatsächlich abspielen wird. 
Horst Köhler ist ja gegangen, weil er gesagt hat, dass man heute Kriege auch aus ökonomischen Gründe führt, zum Beispiel in Afghanistan, und daraufhin von der vereinigten Presse, den Linken, den Grünen, den Christen, den Freien und den Sozialen öffentlich gesteinigt wurde. Für mich waren Köhlers Aussagen das Ehrlichste, was in den letzten 10 Jahren von einem deutschen Politiker zu hören war, weshalb ich auch auf immer ein Fan von ihm bleiben werde, aber: Schon nach Köhler habe ich mich um das Amt des Bundespräsidenten beworben und hiermit erneuere ich diese Bewerbung. ICH WILL BUNDESPRÄSIDENT SEIN! Unterstützen Sie das gefälligst. Danke.

Sonntag, 1. Januar 2012

Der beste Anfang des Jahres

Das ist die andere Seite der Geschichte. Jake is off. Straßenlaternen explodieren. Irgendein Fucker bietet dir für Terrordrom II 50.000 Euro Vorschuss, und du sagst: Nein! Irgendein Fucker bietet dir für deine Wohnung 30.000 Euro, und du sagst: Mehr! Schon vor Sylvester war der Garten vollgekotzt, der Weg dahin auch, die Kotze mit Pappe abgedeckt. Die Frau mit Dogge lässt ihre Dogge vor die Haustür scheißen, und das ist ein Riesenhaufen, der schlimmer stinkt als Altmännerkacke. Zum ersten Mal alten Mann habe ich in der Umkleidekabine eines Tennisvereins gerochen. Hat gedauert, bis ich kapiert habe, dass es das Alter ist, das so riecht. Dass der Alte einfach keine Chance hatte. Ich war ein schlechter Tennisspieler. Meine Eltern haben sich krumm gelegt, damit sie sich das leisten konnten. War gut fürs Prestige – Wir können noch! Nur ich war halt nicht gut. Habe mich deshalb auch mehr für die Körper als die Schläge interessiert. Einmal war eine finnische Jugendmannschaft zu Gast. Einer hatte die schönsten Beine der Welt. Da habe ich bereut, dass ich ein schlechter Spieler bin. Heute spiele ich anders. Heute gehe ich auf die Straße und spiele. Sobald du draußen bist, spielst du. Mit jedem Scheißton, den du von dir gibst, machst du den anderen was vor. 60.000 Euro und eine Garantie für Terrordrom III. Fick dich! Ich mochte den Fischer-Verlag noch nie. Die EU hat die Legalitätsgrenze für Schwarzpulvergehalt in Sprengkörpern von 300 auf 500 Gramm erhöht. Kein Wunder dass die Türkenkinder und Prenzlbergfötzchen mit Dynamit um sich werfen. Und am Ende sind es doch wieder die Sinti und Roma, die dein Kinderwagenparkhaus in die Luft sprengen. Willkommen auf der Wache. Neujahr auf der Wache von Polizeiabschnitt 57, Friedenstraße 31. Das war nicht vorgesehen. Zum Glück ist direkt gegenüber ein Vivantes-Klinikum. Man weiß ja nie. Wenigstens haben sie mir Notizbuch und Stift gelassen, so dass ich diese Neujahrsgrüße verfassen kann, während ich gegen den Schlaf ankämpfe. Hier darfst du nicht schlafen. In dieser Zelle bist du nicht allein. In dieser Zelle wachst du nicht mehr auf, wenn du einschläfst. Ich werde das Neujahrsspringen in Garmisch versäumen. Ich werde meine Unschuld verlieren. Endlich.