Mittwoch, 10. Oktober 2012

Wilhelm von Humboldt


Es hat vier Jahrzehnte gedauert, bis ich darauf gestoßen bin, dass Herr Humboldt mir bereits 1836 meine Welt erklärt hat.

„Keiner denkt bei dem Wort gerade und genau das, was der andere denkt, und die noch so kleine Verschiedenheit zittert, wie ein Kreis im Wasser, durch die ganze Sprache fort. Alles verstehen ist daher  immer zugleich ein Nicht-Verstehen, alle Übereinstimmung in Gedanken und Gefühlen zugleich ein Auseinandergehen.“

Dienstag, 9. Oktober 2012

Deutsche Syphilisbomben für Mitt Romney


Ich leide an keiner ansteckenden Krankheit, an keiner körperlichen oder geistigen Störung, betreibe keinen Drogenmissbrauch und bin nicht drogenabhängig. Ich wurde nicht wegen eines Delikts oder einer Straftat gegen die Sittlichkeit verhaftet. Weder jetzt noch jemals bin ich an Spionage- oder Sabotageakten, an terroristischen Aktivitäten oder an Völkermord beteiligt. Aufgrund dieser Angaben an das Electronic System for Travel Authorization bin ich vorläufig autorisiert, nach USA zu traveln. Das war nie meine Absicht. Irgendwann träumte ich pubertätsbedingt davon, von rechts nach links in einem Ford Mustang Cabriolet durch Amerika zu fahren. Ein anderer Traum, an dem ich mich nicht mehr erinnere, kam dazwischen. Danach hatte ich nie wieder das Verlangen, diesen Landstrich zu besuchen. Nun aber wurde ich autorisiert, das Ticket ist gebucht, bezahlt und ausgedruckt. Ich reise nach Chicago zu einem Filmfest. Genau genommen reise ich nach Chicago, um mir dort einen Film anzusehen, den ich selbst gedreht habe. Angela Merkel wundert sich, weil wir alle so sorglos sind. Die Frau hat keine Ahnung, was meine Sorgen betrifft, weil sie ganz andere Sorgen meint. Sie redet von Geldsorgen, Wachstumssorgen. Sie denkt, wir haben keine Angst mehr, oder wenigstens nicht genug. Sie spürt, wir haben nicht jede Minute, jede Sekunde ihres Krisenlebens Angst, und das findet sie Scheiße. Weil es nur darum geht. Wer sich nicht fürchtet, duckt sich nicht. Wer sorglos lebt, kann nicht kontrolliert werden. Ich sorge mich um meinen Arsch, der stundenlang in einem Flieger festsitzt, eingeklemmt zwischen was weiß ich was für Fleischbergen. Und dann kommst du da an und liegst nicht in einem Sarg oder schweigst oder redest einfach nur Italienisch. Ich bin total angepasst. Ich versuche ständig, mich zu benehmen. Ich habe Panikattacken. Aber nie werde ich von Angela dafür gelobt, geschweige denn belohnt. Ich bin ein Vergehen gegen die Sittlichkeit, und niemand da drüben wird es bemerken. Es bemerkt auch niemand, dass unsere Kanzlerin Syphilis hat. Ich werde durch Chicago laufen und über einen Völkermord nachdenken. (...) Hinterher werden sich alle fragen, wie es mir gelingen konnte, das Elektronische System mit ein paar gezielten Falschaussagen zu überlisten. Die US-Amerikaner werden den deutschen Behörden vorwerfen, sie seien zu sorglos im Umgang mit ihren Bürgern. Zur Entschädigung liefert Angela Waffen für den Wahlkampf, deren Einsatzort beliebig ist. Wussten Sie, dass Päckchen und Pakete, die von der Poststelle des Bundestags aus verschickt werden, keinen Zollbestimmungen unterliegen? Wussten Sie, dass Syphilis mit Penicilline kaum mehr zu behandeln ist und anders schon gar nicht? Falls mich irgendjemand zwecks eines sorgenfreien Erfahrungsaustausch in Chicago treffen möchte, ich residiere dort vom 11. Oktober bis zum 16. Oktober im JW Marriott. Abendgarderobe erwünscht.

Montag, 8. Oktober 2012

Mein Mann wohnt über mir


Über mir wohnt einer, in den könnte ich mich sofort verlieben. Jedes Mal wenn ich ihn treffe, zum Beispiel morgens beim Bäcker, will ich sagen: Wegen Dir höre ich sofort auf zu rauchen. Er raucht nämlich nicht. Er rasiert sich die Beine. Was ich echt schrecklich finde bei Männern, aber ihn würde ich trotzdem lieben. Er hört immer meine Musik. Aber er sagt nie was. Als er anfing über mir zu wohnen, hat er auch Musik gehört, die ich mitgehört habe. Ich mochte seine Musik. Aber er hat ganz plötzlich damit aufgehört. Seitdem habe ich jedes Mal ein schlechtes Gewissen, wenn ich meine Musik höre, weil sie laut ist und ich nicht weiß, ob er sie mag. Einmal habe ich zugehört, wie er mit einer Frau geschlafen hat. Ich habe die Frau gehört. Einmal, danach nie wieder. Ich frage mich immer, was passiert ist. Warum da keine anderen Frauen nachgekommen sind. Heute hat er mich beim Bäcker angegrinst. Das fand ich schön. Er hatte plötzlich einen Bart. Das würde mich überhaupt nicht stören. Er sah richtig verwegen aus. Ich bin sicher, wenn wir uns besser kennenlernen würden, bräuchten wir nur noch eine Wohnung. Es wäre auch toll, so wie es ist – ich wohne unter ihm und er über mir, aber eigentlich wohnen wir zusammen, und nur wenn einer meint, dass es für den Moment zu viel ist, geht er einfach runter, oder hoch, und wenn alles wieder gut ist, geht man einfach wieder hoch oder runter und ist oben oder unten dann wieder zusammen. Wir kennen uns nur leider überhaupt nicht. Deswegen wohnt er weiter über mir, und ich wohne unter ihm, und jedes Mal, wenn meine Musik läuft und ich über mir höre, wie er etwas umschmeißt, oder von einem Zimmer ins andere geht, denke ich, es ist wegen mir. Dann hoffe ich, dass er runter kommt, um sich zu beschweren. Aber er kommt nur runter, wenn ich ein Paket für ihn angenommen habe. Oder ich gehe hoch zu ihm, wenn er ein Päckchen von mir hat. Ich finde ihn immer wahnsinnig schön, obwohl er sich die Beine rasiert. Er trägt auch eine Brille. Genau wie ich. Er fährt schnell Rad, so richtig im Rennfahreranzug, mit einem Rennrad. Ich laufe, behaupte ich gern, obwohl es eher Joggen ist. Er läuft natürlich. Arbeiten tut er auch, ich weiß nur nicht wo oder was. Wenn er morgens mit seinem Rucksack loszieht, sehe ich ihn immer in einer Universität vor mir. Als Hilfskraft oder Doktorand. Er könnte aber auch in einem Outdoorgeschäft Verkäufer sein. Oder Zahntechniker. Viele Freunde hat er jedenfalls nicht, weil er immer zu Hause ist, wenn er nicht arbeitet. Vor allem Samstags. Abends. Da ist er fast immer zu Hause und niemand besucht ihn. Ich leider auch nicht. Ich könnte mir vorstellen, dass er keinen Alkohol trinkt und sich die Beine nur wegen dem Fahrradfahren rasiert, weil Fahrradrennfahrer das so machen. Er hat ein rotes Kapuzensweatshirt, das ihm besonders gut steht. Und wenn er zur Arbeit geht oder zur Straßenbahn, die ihn zur Arbeit bringt, dann hat er immer den Kopf leicht nach vorn gebeugt, und sein Blick ist auf den Boden geheftet, genau wie bei mir. Im Sommer ist er nie im Garten. Das wäre schön, wenn er mal in den Garten käme, weil der Garten genau bei mir vorm Fenster ist, ich nur aus dem Fenster klettern müsste, um dann zufällig auch im Garten zu sein, wo sich ja dann viel leichter ein Gespräch anfangen ließe, als morgens beim Bäcker oder beim Päckchenabholen. Das ist am schlimmsten. Die Vorstellung, dass er sich auch was zu mir denkt, und dass das gar nicht so sehr anders ist, als das, was ich denke. Und dass das noch Jahre so weiter geht, wie es schon seit Jahren geht und wir nie darüber gesprochen haben werden.

Sonntag, 7. Oktober 2012

Spirituelle Beschneidung ODER Warum Death Metal auch am Tag des Herrn erlaubt ist


Du schläfst neun Stunden. Du schläfst sonst nie neun Stunden. Du willst nicht aufstehen. Du stehst trotzdem auf. Du stellst die Anlage an, setzt die Kopfhörer auf und drückst auf Play. Gojira. Dazu trinkst du Kaffee. Und überlegst, ob du nicht lieber gleich das Saufen anfängst. Ein Kamikazesperling attackiert deine Fensterscheibe. Davon wird er sich bestimmt nicht erholen. Den Sänger von Gojira würde meine Mutter niemals als Sänger akzeptieren. Tamer hört gern Death Metal. Ich frage mich, was Death Metal mit Hass zu tun haben soll. Tamer betrachtet Hass als Motor. Das mach mal jemandem klar. Dass Hass was Positives sein kann. Ist doch besser, du nutzt den Hass für deine Kunst, als ihn auf der Straße an Sperlingen und Ungarn auszuleben. Aber Claudia meint, Hass geht gar nicht. Deswegen hört Claudia auch keinen Death Metal, was für mich überhaupt nicht logisch ist. Claudia sagt, Hass ist ein abnormes Gefühl und deshalb therapiebedürftig. Da, wo ich lebe, hasst jeder Zweite, aber keiner hat den Mut, sich dazu zu bekennen. Also wird therapiert. Oder wegmassiert. Spirituelle Arbeit mit Kindern. Da lande ich immer wieder. Bei der spirituellen Arbeit mit Kindern. Die siehst du alle mit Teppichmessern durch die Gegend laufen. Aber sobald sie ihrer Therapie entwachsen sind, bevorzugen sie Jagdmesser. Mit denen kann man dem eben erlegten Wild auch noch die Haut abziehen. Ich schweife ab. Das heutige Thema lautet: - . Ich habe nicht die geringste Ahnung. Du wachst morgens auf, und es ist Sonntag. Darauf bist du nicht vorbereitet. Du hast nicht damit gerechnet, dass die Armee der Geister in dir schon seit Stunden auf dem Kriegspfad wandert. Du rufst den Weckdienst Telekom an, der dreht für dich die Zeit zurück. Um das bezahlen zu können, versetzt du die Brillianten deiner Mutter. Hallo, Mutter. In meiner zurückgedrehten Zeit bin ich ein Kind auf der Suche nach einer spirituellen Erfahrung. Die Erfahrung beginnt mit meinem Großvater, als der meinen Pimmel zwischen seine Finger genommen und die Haut da vorne hoch und runter gezogen hat. Meine Mutter hatte nichts dagegen. Sie hat mich sogar in ein Krankenhaus gebracht. Da kam ich in ein Bett mit Gittern an der Seite, damit ich nicht raus konnte aus dem Bett. Sie haben mir eine blaue Duschhaube auf den Kopf gesetzt, da waren weder meine Mutter, noch mein Großvater anwesend. Ich dann auch nicht mehr, also bewusstseinsmäßig nicht, weil ich und mein Bewusstsein weggespritzt wurden. Als ich wieder aufgewacht bin, hat mein Pimmel mehr gebrannt als je zuvor. Aber die Vorhaut, an der mein Großvater immer rumgezogen hat, die war nicht mehr da. Meine Großmutter hat mich dann im Krankenhaus besucht und mir eine Kinderbibel mitgebracht. Da waren Bilder von Menschen drin, die andere Menschen mit Speeren durchbohrten. Meine Großmutter meinte, ich hätte ja noch Glück gehabt. Das geht mir heute noch so, dass mein Pimmel zu brennen anfängt, sobald ich irgendwo eine Bibel sehe. Seitdem denke ich auch, dass mein Pimmel bestimmt weiter gewachsen wäre, wenn sie nicht an ihm rumgeschnippelt hätten. Der Rest von mir ist ja auch immer größer geworden. Death Metal. Gott ruft uns mit seinen Bimmeln zum Dienst. Bei der Telekom ist ständig besetzt, und meine Mutter behauptet, sie hätte ihre Brillianten längst selbst versetzt. Es ist immer noch Sonntag. Es wird mir also nichts anderes übrig bleiben, als rauszugehen und ein bisschen mit den Jungs und ihren Messern rumzuzspielen.

Samstag, 6. Oktober 2012

Mein Held ter Stegen


Die Häuser haben Gelenke. Sie sind kaum größer als Hochsitze und völlig ungeeignet für Gehbehinderte, die die Leitern nicht hochkommen. An den Trägern sind also Gelenke, die das Haus im Wind wiegen, falls ein Wind weht. Oder im Sturm. Nach dem Sturm fangen die Vögel nicht mehr an zu singen. Nach dem Sturm hat der Himmel sich verkleinert. Für die Verräter gibt es kein Vor und kein Zurück. Nur die Löcher im Himmel, durch sie fliehen. Die Löcher werden immer größer und der Himmel immer kleiner. Die Zurückgebliebenen tanzen mit den Vögeln um die Wette. Keiner weiß mehr, was es zu gewinnen gibt. Und dann kommst du. Dann bist plötzlich du an der Reihe. Und du fragst dich: Wo bin ich? Weil du davon gar nichts mitbekommen hast, dass du auf einmal ganz woanders bist. Und du hast keine Ahnung, wie du da hingekommen bist, aber alle erwarten das von dir. Dass du jetzt endlich dieses verdammte Tor aufmachst. Du sollst sie endlich reinlassen, und zwar alle. Du denkst: Scheiße! Ich hab nur Gummistiefel an. Ich hab sonst nie Gummistiefel an. Ich hab sonst überhaupt nichts an. Nur diese Gummistiefel. Und das Tor kriegst du auch nicht auf, bloß weil du denkst: Ich muss das Scheißtor aufkriegen. Du stehst in diesem Scheißtor. In Gummistiefeln. Und alle rufen: Marc! Dir ist sofort klar, dass du das bist. Du bist Marc-André ter Stegen und hast nur Gummistiefel an. Im Stadion toben die Türken, und dann verändert der Rhein ohne Vorwarnung die Laufrichtung. Dieser Laufweg wurde überhaupt nie einstudiert. Die Tore öffnen sich; der Rhein strömt ins Stadion; die Türken fliehen durch die Himmelslöcher, und du denkst nur: Zum Glück hab ich die Gummistiefel an. Später begegnest du in den Katakomben einer Grundschullehrerin, die dir die Mengenlehre nahebrachte. Sie ist unglaublich wütend. Die Gelenke an den Trägern ihres Hauses sind im Moment der Rheinumkehr verrostet. Ihr Haus stürzte augenblicklich ab. Sie behauptet, du hättest es besser warten müssen. Erst dann fällt ihr auf, dass du außer den Gummistiefeln nichts anhast. Du hast dich mittlerweile daran gewöhnt, aber sie hat ein Déjà-vu und bekommt einen Herzkasper. Sie klammert sich an einen Türken, der die Katakomben mit dem Himmel verwechselt hat, und bittet ihn um ein Eheversprechen, aber das Stadion macht die Tore dicht. Kein Pfarrer kommt da noch durch, nur du. Du bist längst auf dem Parkplatz und suchst nach deinem Auto, das aber der Rhein beschlagnahmt hat. Deine Mutter kann dich auch nicht abholen, weil sie ihrem Wellensittich gerade die Knötchen von den Stimmbändern entfernt. Von irgendwoher rufen sie wieder: Marc! Du hast endgültig genug von dieser Scheiße und diesen Gummistiefeln, aber ohne Hilfe wirst du die nicht los. Also erinnerst du dich an deinen Lieblingsfilm und versuchst ihn nachzuspielen, was aber auch nichts nützt, weil keiner außer dir diesen Film kennt. Alle starren nur auf deine Gummistiefel. Niemand, der dir wenigstens ein Handtuch oder einen Reiseführer reicht. Das ist der Moment, auf den ich schon den ganzen Tag gewartet habe. Jetzt komme ich. Ich trete in Aktion. Ich bin dein Retter. Ich rette Marc-André ter Stegen. Und niemand sieht hin. Später sitzen wir auf einem Teppich, den wir aus deinem Hochsitz retten konnten, am Ufer des Rheins und trinken Kölsch aus der Flasche. Wir beschließen, unseren Enkeln davon zu erzählen. Wir wissen nur nicht, woher wir diese Enkel nehmen sollen. 

Mittwoch, 7. März 2012

Der schwule Diktator

Meine Mentalplanung läuft schief. Ich bin immer noch schwul, aber nach wie vor kein Diktator. Das kann sich ändern, sobald sie das schwul-Gen finden. Da kannst du dich dann vor deiner Geburt schwul machen lassen, und sobald du da bist, setzen deine Leute alles daran, dich zum Diktator zu machen. Oder du machst eine Banklehre und kannst es dir nach zwei Jahren auf dem freien Markt leisten, dir einen Chip einsetzen zu lassen, der dich zum Diktator transformiert. Entweder werden Diktatoren vollkommen überbewertet, oder sie sind die Zukunft. Da besteht dann die Gefahr, dass es zu viele gibt. Wie in einer Demokratie. Da wimmelt es ja nur so von Mininazidiktatoren. Man muss nur mal auf einen Bundespresseball gehen. Da werden überall Kotztüten verteilt, und dann kotzen die Gäste Miniaturabbilder ihrer selbst in diese Tüten. Später verramschen sie die Scheiße als Eilmeldung im Live-Ticker. Was passiert eigentlich, wenn Information anfängt sich zu materialisieren? Coffee-to-go zum Beispiel soll sonderbesteuert werden, wegen den Tonnen von Bechermüll, der die öffentlichen Eimer zusätzlich belastet. Angeblich bauen sie schon eine Straße zum Mond mit den Bechern. Und jetzt die Information. Wenn die gegenständlich wird, wo führt uns dieser Müll dann hin? Zur Erde 2 im nächsten Universum, behaupten Leute der Max-Planck-Gesellschaft, die gerade der Frau Schavan und ihrem Bondagelover Dr. Töchterle den Sommerurlaub organisieren. Meine Schwester lebt in Österreich und meint, es sei unvorstellbar, dass da irgendeine Wissenschaft den Fortschritt organisiert. Seit über zehn Jahren versucht meine Schwester Tirolerisch zu sprechen. Ihr Pseudodialekt klingt natürlich furchtbar und stigmatisiert sie automatisch als völlig integrationsuntauglich. Kein Wunder, dass sie für den Fremdenverkehr tätig ist. Die haben kein Problem mit Frauen. Herr Brommarius hat sich heute in der Berliner Zeitung für ausländische, behinderte, homosexuelle Frauen stark gemacht, aber vergessen, die Minderheit der Diktatoren zu erwähnen. Die werden ja mittlerweile auch mehr oder minder systematisch ausgegrenzt. Der im Iran soll sogar von einem seiner Nachbarn weggebombt werden. Weil er nicht schwul ist und kurz davor ist, seine Informationen zu materialisieren. Das Konfliktbarometer hat 2011 als kriegsreichstes Jahr seit 1945 ausgewiesen. Angesichts des weltweiten Ideals der Wachstumsbeschleunigung kann man trotz der Krisen nur hoffen, dass wir da 2012 noch mal einen draufsetzen können. Das wäre auch gut für die soziale Hygiene. Die ist ja auch ein Markt. Mein Mentalplanung lässt sich trotzdem nicht mehr korrigieren. Egal wie schwul ich mich als Diktator gebärde, sie verweigern mir den Eingliederungszuschuss. Bleibt nur noch die Geschlechtsumwandlung. Na gut. Mach das.

Donnerstag, 1. März 2012

Google Earth und die Euro-Krise

Ich wohne Erdgeschoss. Hinterhaus. Da ist so hell wie vierter Stock. Weil vor meinen Fenstern ein Garten ist. Der Garten ist so groß wie die Hälfte einer Hälfte eines Fußballfeldes, und hinter dem Garten sind die Gärten anderer Häuser. Da wo unser Garten ist, zeigt Google Earth einen grauen Kasten, der ein Haus darstellt. Warum weiß Google Earth vor allen anderen, wo Häuser gebaut werden? Vor ein paar Tagen war ich auf einer Party, die war im 14. Stockwerk eines Hochhauses, das bei Google Earth gepixelt ist. Es gab eine Dachterrasse, auf der auch gefeiert wurde. Es waren sehr viele Menschen da, und es kamen immer mehr. Irgendwann war es so voll, dass man es kaum mehr von der Dachterrasse nach drinnen geschafft hat. Dann gab es Streit. Ich war draußen, in der Nähe der Brüstung. In der Nähe des Streits. Einige wurden gegen das Geländer gedrückt. Wir haben gerufen, dass sie aufhören sollen. Es war wie im Heysel-Stadion 1985. Damals hat Eberhard Figgemeier gesagt, er würde nie wieder ein Fußballspiel kommentieren. Hat er dann natürlich doch gemacht. Angeblich erholt man sich von jedem Schock. Ich schlage um mich und die anderen auch. Aber sie drücken und schieben uns immer wieder zurück. Und dann hören wir den Schrei. Es ist der Schrei einer Frau. Ich kannte sie nicht. Der Schrei entfernt sich, fällt nach unten. Irgendwie ist sie übers Geländer abgegangen. Niemand konnte sie halten. Der Schrei frisst sich in uns alle, bevor er abrupt verstummt. Plötzlich sind alle ruhig und niemand schiebt oder drückt oder schlägt mehr. Plötzlich ist genug Platz. Das Gedränge löst sich wie selbstverständlich auf. Ich kann nicht nach unten gucken. Keiner konnte sie halten. Keiner überlebt einen Sturz aus dem 14. Stock eines Hochhauses, selbst wenn er unterwegs denkt: Bisher lief’s noch ganz gut.

Sonntag, 26. Februar 2012

Kommunisten ficken Junkies

Es gibt eine Statistik, die besagt, das 80% der Kinder drogensüchtig sind, deren Eltern Mitglied einer kommunistischen Partei in Deutschland sind. Mein Trainer sagt, ich leide unter Formschwäche. Er hat mir eine Zwangspause verordnet. Keine Ahnung, wie lang die dauert.

Freitag, 24. Februar 2012

Kein Porno, kein Koran

Ich bin Tag und Nacht auf einer anderen Baustelle. Und plötzlich fragt mich einer: Was ist das Wesentliche? Und du denkst: Fick dich! Soll ich dir jetzt die Welt erklären, oder dir meine Seele vor die Füße kotzen? Stattdessen stürze ich gegen eine Mauer und habe ein Loch im Kopf. Das letzte Mal ist mir das passiert, da war ich fünf. Da hatte ich noch einen Großvater mit Nadel und Faden, der das Loch genäht und mich getröstet hat. Jetzt stehe ich zwischen zwei Straßenlaternen, weiß nicht, ob ich gestolpert bin, mich einer geklatscht hat, warum alle um mich herum gehen und mich dabei anstarren. Wahrscheinlich wegen dem Blut. Dem Wesentlichen. In der Notaufnahme tackern sie. Das kenne ich vom Fußball. Der Riss ist fünf Zentimeter lang, über der rechten Augenbraue. Jetzt habe ich ein Markenzeichen. In einer Illustrierten entdecke ich die Ausschreibung zu einem Lyrik-Wettbewerb. Das Thema: Humanitäre Hilfe. Ich bin kein Lyriker. Die GEZ fragt, warum ich mich von der GEZ abmelden will. Sie glaubt nicht, dass ich meinen Fernseher zerstören werde. Ich schicke der GEZ mein Gedicht zum Thema Humanitäre Hilfe. Es nützt nichts. Den Wettbewerb gewinne ich auch nicht. Ständig fragen die Leute mich nach der Narbe. Bin gegen eine Wand gestürzt. Das ist das Wesentliche. Die meisten gucken ungläubig. Bedeutet ungläubig: Ich glaube nicht, oder: Ich glaube dir nicht? Kann Glaube tatsächlich etwas Grundsätzliches sein? Ich habe keine Grundsätze. Das ist meine Art, mich humanitär zu engagieren. Unter dem Reichstag gibt es einen Bunker, in dem die Hälfte der Bundestagsabgeordneten im Ernstfall drei Monate lang überleben könnte. Mehr sind sowieso nie da. Die Angestellten müssen zusehen, wo sie abbleiben. Ein Freund von mir ist für die Lagerbestände zuständig. Er behauptet, es gäbe in dem Bunker auch Opiumvorräte, Opiumpfeifen, Spritzbestecke und Heroin. Auf welche Art von Untergang bereiten die sich vor? In Afghanistan verbrennen die Hilfstruppen Bücher, weil sie die Schrift nicht lesen können und es um die Feldlagerunterhaltung nicht zum Besten steht. Alle Pornos sind schon durchgeguckt und abgewichst. Deswegen werden die Lager jetzt geräumt. Die Lager sind gegen die Wut Steine werfender Kinder nicht länger zu verteidigen. Zum Glück wurde das Opium und das Heroin für den Reichstagsbunker schon ausgeflogen. Das ist das Wesentliche. Betäubung. Deswegen kommst du auch nicht einfach aus der GEZ raus. Ich habe denen ein Video von meiner Fernseherverbrennung geschickt. Sie zweifeln die Echtheit an. Bei uns ist Wut immer ein Einzeltäter. Das machen sie dir weis. Und bauen sich Bunker. Jeden Tag eine andere Baustelle. 

Dienstag, 21. Februar 2012

Systemabsturzkoordinator


„Am Ende steht immer der Wald, du Arschloch.“ Keine Ahnung, was er meint. Wir stehen vor einer Bar, und Vitali schlägt um sich, trifft aber niemanden. Dann sagt er, er will nach Singapur. Da haben sie ihm was als Liftboy in einer Gated Community angeboten. 48 Stockwerke in 10 Sekunden. Immer häufiger gehen Europäer nach Singapur für Jobs, die sie hier mit dem Arsch nicht anfassen würden. In der Gated Community kann Vitali auch wohnen. Da gibt es einen Pool für alle, der wird jeden Tag gereinigt, sagt er. Keiner geht rein, und keiner kommt raus. Wir denken immer, es sind die Asiaten, deren Leben davon abhängt, das Gesicht zu wahren. Bestenfalls haben Türken von dieser Manie noch was abbekommen, oder Spanier und Italiener. Bei denen beschränkt sich Überlebensstrategie allerdings mehr auf die eingebildete Größe ihrer Eier. Man erkennt am Gang, ob einer mit Volleybällen jonglieren kann. Frauen kommen nicht vor. Die verschleiern höchstens, obwohl das ja auch eine Form der Gesichtswahrung ist. Wer sein Gesicht verliert, verliert was? Die Ehre, den Respekt, den Selbstwert. Das sind alles Werte, die in Deutschland nicht vorkommen. Wie kann es sein, dass die Leute hier plötzlich reihenweise ihr Gesicht verlieren? Was passiert dann mit denen? Die tauchen frisch rasiert wieder auf, haben sich irgendwo gepimpt und sind auf Vernichtung getrimmt. Auf Rache. Die ist identitätsstiftend. Hier hält es keiner lange in der Versenkung auf, und die, die ihr Gesicht nicht wiederfinden, segeln mit den Apothekerwolken. In Singapur stehen wir auf der Terrasse und atmen Schnee, der vom Dach rieselt. Wir haben gute Kontakte. Wir investieren auch im Kaukasus. Das Gebirge ist unglaublich. Vitali kennt sich mit den Transportwegen aus. Termingeschäfte. Ich hätte nie gedacht, dass meine Persönlichkeit ausreicht, um in der Wirtschaft mitzumischen. In diesen Zwischenwelten der Legalität, wo ein Gesicht mehr zählt, als ein Gesetz, ein Handschlag mehr, als Zollpapiere. Hängt davon ab, was in der Hand liegt. Meine Mutter sagt, ich soll mir von meinem neuen Reichtum nichts anmerken lassen. So wie die Paten in Kalabrien. Keine Ahnung, wo sie das her hat. Saviano hat sie bestimmt nicht gelesen. Sie sagt, ich soll in Gold anlegen. Vitali ist für Seltene Erden. Wir machen beides. Manchmal frage ich mich, ob ich mein altes Leben zurück will. Ob es jemanden gibt, vor dem ich mich schäme. Vor dem ich das Gesicht verliere. Jemand aus der Vergangenheit, die mir vielleicht mal etwas bedeutet hat. Vitali dressiert Raben. Er denkt nicht nach und hat keine Vergangenheit. Irgendwo in Anatolien verticken sie Brieftauben in Garagen. Und wenn du nichts mehr zu fressen hast, schlachtest du die letzte Verbindung, die du noch zur Menschheit hast. Mir war nie klar, wie weit diese Tauben fliegen können. Ich schlage meiner Mutter vor, Deutschland zu verlassen. Damit sie auch was hat von den Erträgen, die ich einfahre. Hier interessiert es keinen, wie viel ich habe. Sie will nicht. Sie lässt sich auch nichts überweisen. Zu auffällig, meint sie. Und wahrt ihr Gesicht für mich. „Am Ende steht immer der Wald, du Arschloch.“ Vitali. Ist nur eine Frage der Zeit, bis er mich verrät. Es wird Zeit, sich zu verselbstständigen. Ich koordiniere seinen Absturz, und er merkt es nicht. Oder ich bin schon seit zwei Jahren zwei Schritte zurück. Er hat das Zeichen längst gegeben, und ich bin tot, ohne dass einer was merkt.

Samstag, 18. Februar 2012

Christian Wulff und die Schwuchtel-Mafia vom Tempelhof

Christian Wulff und seine Frau wurden schwer verletzt. Die Sanitäter kommen zu spät. Überall säufst du umsonst, wenn du Film bist in Berlin, nur nicht bei den Schwuchteln. Die Schwuchteln ziehen dich ab. Du musst saufen, weil Schwuchteln ohne Alkohol nicht zu ertragen sind, was die Schwuchteln hinter den Tresen natürlich wissen. Deshalb ziehen sie dich ab. Flughafen Tempelhof. Christian ist nicht da. Er ist verletzt. Und Frauchen auch. Von hier aus fliegst du nirgends mehr hin. Eine Woche lang waren alle herzlich zu mir. Dann kamen die Schwuchteln mit ihrem Versprechen, die coolste Party der Festspiele zu veranstalten. Weil sie so cool sind in ihrer Abflughalle, fliegen ihre Fressen hinter den Theken vor dir in den Himmel. Von da oben rotzen sie dir ins Gesicht, weil sie so cool sind. Für ihre Rotze lassen sie dich blechen, und Christian ist nicht da und Bettina auch nicht, und irgendwie muss ich mich trösten, weil der Anblick ihrer Wunden und die Tatsache, dass ich als Schwuchtel inmitten dieser ganzen Scheiße rumirre, inmitten dieser ganzen Schwuchteln, die alles auf den Kopf stellen, was dich eine Woche lang beglückt hat, die keine Ahnung haben, dass das unser Präsident war, der hier für nichts bezahlen kann, weil unser Präsident kein Präsident mehr ist, sondern schwer verletzt und auf der Flucht und keine Ahnung, wo der jetzt hin ist, weil ich die Blutspur nicht finde. Weil da nur die Schleimspur der Rotzfressen ist, und Bettina, die alles dafür gegeben hätte, mit uns Schwuchteln rumszuspielen, umsonst natürlich, aber stattdessen schwer verletzt die Wunden leckt, und da landest du ja immer wieder: bei der Verletzung. Den Wunden. Den Schwuchteln. Der Abzocke. UND NATÜRLICH STEHE ICH DA VOLLKOMMEN DRÜBER!!!! Der Typ ist Schauspieler und heißt Michael, und irgendwie ist er scharf auf eine Rolle, egal in welchem Film, Hauptsache Film, und da denkt man natürlich an Bettina und Christian, die wollten ja auch in den Film, egal wie, und natürlich bin ich nicht Groenewold und Michael ist nicht Christian, aber Michael spielt Ohnesorg-Theater und träumt vom Notruf Hafenkante. Das ist durchaus vorstellbar, dass unser Präsident genau da landet. Alles wächst zusammen, und ich bilde mir ein, Michael ist zu allem bereit, weil ich der Regisseur bin und er die Rolle, die er will, also schleppe ich ihn aufs Rollfeld zu den Schwuchteln, genauso wie der Groenewold den Wulff, oder der Wulff den Groenewold – wo haben die sich eigentlich gegenseitig hingeschleppt? Wie soll ich die Scheiße hier beseitigen, wenn überall Verletzte im Weg rumliegen? Ficki Ficki. Also wie geht jetzt Ficki Ficki mit Michael oder Christian oder Bettina, wenn du einfach nicht genug auf Tasche hast, wenn du einfach nicht besoffen wirst, egal wie viel die Schwuchteln dir aus der Tasche ziehen und dir dabei in die Fresse rotzen, weil sie die Coolsten der Stadt sind, so wie der Präsident. Der rotzt uns allen seit Wochen in die Fresse, und jetzt ist er schwer verletzt und kein Mensch weiß, wie er seine Wunden heilen soll, weil sich kein Schwanz für eine Schwuchtel interessiert, die rumheult. Die kein Präsident mehr ist. Ein Stahlgewitter vergisst man nicht in einem Jahr, das vergesse ich in fünf Minuten. Fünf Minuten nachdem du abgetreten bist, bist du vergessen, Arschloch. Fünf Minuten nachdem du weg bist, Michael, habe ich dich schon vergessen, Christian. Was bleibt sind Stahlgewitter und Adolf, mein Oberhaupt und Tröster. Sauerland bleibt unverletzt. Wo ist der jetzt? Wo bin ich hier? Das ist die Ambulanz, und auf der Bahre neben mir liegen Christian und Bettina und Adolf, und natürlich stehe ich da vollkommen drüber!

Mittwoch, 15. Februar 2012

BERLINALE HEUTE: Westerland - Welturaufführung


Ich habe mal gehört, dass es sieben Himmel und sieben Erden gibt. Und dass die Bewohner der zweiten Erde fast andauernd unter Melancholie leiden. Und wenn sie mal nicht traurig sind, bekriegen sie sich. Manchmal sind Höhere Wesen der siebten Erde zu Besuch gekommen und wollten helfen. Aber sobald sie auf der zweiten Erde waren, litten sie unter Gedächtnisschwund und wussten nicht mehr, wer sie waren. Aus kosmischer Sicht ist die Erde ein schlechter Ort.


Dienstag, 14. Februar 2012

SNACKBAR


Berlinale-Empfehlung:
Snackbar von Meral Uslu, Niederlande 2012
So        19.02.       15:00        Haus der Kulturen der Welt Kino 1

Montag, 13. Februar 2012

Opferselektionskriterien

Hier haben sie eine Dogge auf offener Straße geschlachtet. Die war bekannt für ihre riesigen Scheißhaufen. Das Frauchen haben sie an einer Laterne aufgehängt; es hat von oben zugesehen. Die Sitten werden rauer. Schweigen wird zur Überlebensstrategie. Der Preis: Kein Arsch weiß, wer du bist. Wenn du kein Opfer sein willst, brauchst du Opferselektionskriterien. Die musst du in die Tat umsetzen. Macht! Da redest du dich nicht mit deinem Geschlecht raus, bloß weil dein Geschlecht denkt, dass Macht immer noch gechlechtsgesteuert ist. Ein Meer von Produktionsfirmen. Alle, die die Schnauze voll haben von Beschneidung, Quote, Hüttenkäse, Nichtbeachtung und Doggen, gründen jetzt eigene Produktionsfirmen. Und alles wird besser! Da lässt sich niemand mehr, von was auch immer, korrumpieren. Klar. Da werden jetzt ganz eigene, neue Opferselektionskriterien erstellt. Korrumpiere dein Hirn! Da ist kein Hirn mehr. Hauptsache, du glaubst. Das liegt ganz oben auf meinem Schreibtisch: der Glaube. Ich habe einen zweiten Körper beantragt. Für die Repräsentation. Einen für mich zu Hause und einen für draußen, für die anderen. Den kann ich von Zuhause aus steuern. Vielleicht beherrsche ich dann das Spiel. Sie geben mir kein zweites Hirn. Ich bekomme den zweiten Körper, den Repräsentationskörper, aber ich bekomme kein Hirn dazu. Gut. Ich steuere das mit dem anderen, kein Problem. Hauptsache ich muss nicht berühren. Ich will von niemandem mehr berührt werden. Ja, gut. Mach das. Pollesch steht am Buffet und sagt, er hätte mein Profil in der blauen Welt entdeckt. Und einen Moment später wäre es schon wieder weg gewesen. Das war auch eine Zweitkörperrepräsentationserfahrung. Da war der zweite Körper virtuell und tauchte im Netzwerk auf. Dabei wurde das Hirn zu Hause beschädigt. Daraufhin wurde aufgrund der zuvor aufgestellten Opferselektionskriterien das Wesen aus dem Netzwerk entfernt. Das war auch Ich, mein Repräsentant, aber ich habe das überlebt, also das Ich, das ich zu Hause produziere. Der neue Ansatz ist gefährlicher. Der mit dem echten zweiten Körper und nur einem Hirn. Du verhandelst die Idee deines Lebens und bist nicht dabei. Oder eben doch. Und wenn du versagst, stirbst du. Egal, wie oft es dich gibt, wie gut du reparierst wirst: Du stirbst immer wieder. Immer mit dem selben Hirn. Egal. Wähle ein neues Hirn. Benutze Chemie. Neue Produktion. Ich bin die Firma. Mein altes Ich ist pleite. Ich werde besser. Alles andere wird schlechter. Ich erwerbe die Macht. Ich schlachte meinen Hund und hänge mich auf. Ich hab’s geschafft. Ich bin dabei. Ich selektiere. Ich bin mehr als ich. Ich bin alle. Ich hänge an einem Seil von einer Autobahnbrücke, mit einem Schild um meinen Hals: Vorsicht Bombe! Und dann explodiere ich.

Sonntag, 12. Februar 2012

Mobben im Ritz-Carlton


Gestern waren alle da, die bei der Kantinenveranstaltung der Eröffnung nicht dabei waren. Das bedeutet: alle. Keine Ahnung, wie ich meiner Mutter erklären soll, dass ich den Anzug nicht anhatte. Wir sind auf einem Laufband im Ritz-Carlton an Fotografen vorbeigeschwebt, die „Westerland“ gerufen haben. Das bedeutete: Guck mich an! Mich war die Kamera. Es gab auch Zigarettenhostessen. Natürlich musste ich Bier transportieren, und jedes Mal sah ich mich mit den Biergläsern über die 4 cm hohe Teppichkante stolpern. Ich erinnere mich nicht daran, wann Uschi Glas zuletzt in einem Kinofilm mitgespielt hat, aber ich erinnere mich an Uschi Glas. Damals war ich fünf und in Uschi Glas verliebt. Bevor ich mich dann in Katja Ebstein verliebt habe. Manchmal verwechsele ich auch Kino und Fernsehen. Ein Schauspieler war im Ritz Carlton, der hat vergessen seine Rolle zu spielen. Der hatte wie alle anderen auch Alkohol getrunken, nur hat der bei ihm auch gewirkt, und er hat aufgehört zu spielen. Das war auffällig, weil er laut war und ehrlich, und ständig Menschen, die er tatsächlich mochte auch wirklich umarmt hat. Das wurde nicht gern gesehen. Das haben die Kollegen ihn spüren lassen. Daraufhin wurde er noch ein bisschen lauter und ehrlicher, und wir hatten plötzlich unglaublich viel Platz um uns rum. Dann mussten wir eine ziemlich lange Schlosstreppe runter zum Ausgang, und oben im Rang hingen sie über dem Geländer und haben gegafft und ihrem Kollegen, der immer wieder „Westerland!“ und meinen Namen gerufen hat, ihre Verachtung hinterhergeschickt. In Wahrheit war das ein Gemisch aus Neid und Sehnsucht. Bei denen, die noch irgendwas merken. Die mit der echten Verachtung hängen alle an der Nadel. Auf einer anderen Party habe ich weiter Bier getrunken, und jetzt gehe ich gleich zu einem Sektempfang. Zwischendurch träume ich in Jump cuts. Bis eben wusste ich nicht, dass das geht. Ich wusste allerdings auch nicht, dass ich schlafe. Das habe ich an den Jump cuts gemerkt. Ich bekomme eine Ahnung davon, was ich alles gesagt habe gestern. Wenn man nichts zu sagen hat und ich viel trinke, endet es immer damit, dass ich alles sage, was es zu sagen gibt. Einem, den ich attraktiv finde, habe ich gesagt: Du siehst aus wie Stan Laurel. Er hat das nicht als Kompliment aufgefasst. Da war nichts mehr zu retten. Das verstehe ich nicht. In Kliptown/Soweto haben mich alle Mr. Bean genannt. Ich habe das als Ehre aufgefasst – irgendwann. Jump! Ein Illegaler aus Botswana fährt den Bentley vor und brüllt: Who let the dogs out? Cut!

Samstag, 11. Februar 2012

Homs 3-D


Du wachst morgens auf und Unbehagen. Schlechtes Gewissen, denkst du, was ist das? Du stellst dir Guido Westerwelle in Homs vor. Mit seinem Hamster im Arsch. Du rufst Christian an, willst endlich deine Festplatte zurück, aber der Bundespräsident ist immer noch beleidigt. Du spürst den Draht um deinen Hals. Gewissen, was ist das? Ein Bauchschuss. In Griechenland bin ich verfolgt worden. Von Griechen, die waren minderjährig. Die haben mich als Schwuchtel beschimpft und mit Steinen nach mir geworfen. In meinem Rücken. Ein Fahrrad flog und meine Achillessehne ist gerissen. Keine Lüge. Hören Sie zu, Frau Merkel? Okay, noch mal von vorn. Du wachst morgens auf und erlebst nichts. Du bist völlig erlebnislos, seitdem der Bundespräsident deinen Computer überwacht. Seit zwei Tagen hacken sie auch mein Telefon. Das ist Berlin, sagt meine Mutter, komm nach Hause. Geht nicht. Muschibusch ist wieder in, sagt die Frau, die im Kino neben mir sitzt. Sie sieht wie Kristina Schröder aus und riecht auch so. Kristina Schröder war in der Sauna, bevor sie zu den Filmfestspielen ist, und bei den Filmfestspielen erzählt sie ihrer Freundin, dass Muschibusch wieder in ist, weil sie die einzige Skin in der Sauna war. Vor meinen Augen erscheint ein Hakenkreuztattoo. Vielleicht lasse ich’s mir auch mal wieder wachsen, sagt Frau Schröder. Als der Film läuft, wird mir klar, so kann man keine Filme mehr machen. Man darf einfach nur noch 3-D drehen. 3-D fernsehen. Wenn du Leute triffst, die du nur zweidimensional kanntest, so wie die Familienministerin, wenn die auf einmal physisch real neben dir sitzt und über ihren nicht vorhandenen Muschibusch spricht, ist das ein Schock. 3-D löst das Problem, im Fernsehen, im Film – du wirst besser auf die Realität vorbereitet. Warum arbeitet diese Frau nicht? Warum ist die erst in der Sauna und danach im Kino? Die hat ein Kind. Und eine Aufgabe. Jetzt klebt mir ihre Stimme im Ohr: Muschibusch. Ich muss mir immer alles vorstellen. Wie stelle ich mein Gehirn auf 3-D um? Dass ich mir alles in 3-D vorstellen kann? Guido Westerwelle sucht unter seinen syrischen Freunden nach einem neuem Hamster und versichert allen unsere Solidarität. Der Markt blüht. Journalisten sterben aus. Die, die noch leben, ziehen die Beweiskraft von YouTube-Filmen in Zweifel. Vor allem, wenn sie aus Syrien kommen. Du wachst trotzdem morgens auf. Spürst den Draht um deinen Hals. Kein 3-D. Das Fest geht weiter. 

Freitag, 10. Februar 2012

Migranten und andere Kulturstaatsminister


Jake Gyllenhaal war nicht auf der Party. Auf der Party waren nur Menschen, die das nötig haben. So wie ich zum Beispiel. Anke Engelke war auch nicht da, weil sie Jake abgreifen wollte. Es wird ihr nicht gelungen sein. Lea Seydoux war auch nicht auf der Party, obwohl sie die Hauptrolle im Eröffnungsfilm gespielt hat. Als der zu Ende war und sie auf die Bühne musste, war kein Zuschauer mehr da. Das lag nicht an Lea Seydoux, sondern am Buffet. Das war wichtiger. Das lag auch an Diane Kruger. Die war Marie-Antoinette. Sie hat so gespielt, als wäre es die Abschlussprüfung an einer Schauspielschule. Der Mann, der neben mir saß, hat sie mit einer Zeitverzögerung von zwei Sekunden nachgespielt, was lustig war, aber zu Lachern geführt hat, die nicht zum Film passten. Bei der Gala vorher sahen Bühne und Licht aus, als wäre der Gestalter außer Stande die 70iger, 80iger und 90iger Jahre des letzten Jahrtausends voneinander zu unterscheiden. Wahrscheinlich war das zeitgemäß. Alle Raucher werden eine Lungenentzündung haben, weil man nur draußen rauchen konnte, und da waren die Heizpilze kaputt. Unser Kulturstaatsminister Herr Neumann kann nicht sprechen. Dauernd spricht er Worte falsch aus oder benutzt nicht die richtigen. Das war ein interessanter Beitrag zum Thema Integration und Deutsche Sprache. Er hat genauso ins Mikro gebrüllt wie Klaus Wowereit. Der wird es nicht gewohnt sein, dass ihm so viele Menschen zuhören. Ich habe unfassbar viel Weißwein getrunken und neben Volker Schlöndorff gestanden. Ich habe noch mehr Weißwein getrunken und Thomas Brussig gegrüßt. Ich habe nicht mehr aufgehört zu trinken und bin durch ein Foto mit Christine Neubauer gelaufen. Leider konnte ich nicht so viel trinken, um Jake Gyllenhaal oder Lea Seydoux zu begegnen. Stattdessen hatte ich viel Kontakt mit Security-Beamten. Keiner von denen konnte Karate. Die konnten nur einmal zuschlagen. Wenn sie dann keinen Treffer hatten, waren sie im Arsch. Ich habe mich mit einem jungen Mann unterhalten, der hat Armbänder an Raucher verteilt, damit die wieder rein durften, wenn sie von draußen kamen. Die durften nur wieder rein, weil man sie am Armband erkannt hat. Der junge Mann mit den Bändern wurde von seinem Vorgesetzten lautstark zurechtgewiesen. Ich habe mich bei ihm entschuldigt. Und weitergetrunken. Meine Mutter wird sehr enttäuscht sein von mir. Ich war in keiner Kamera, trotz taubenblauem Anzug. Auf der Nachhausefahrt hat Jesus über seine Einstellung zur Liebe gesprochen. Das hat mir gefallen, obwohl ich dauernd darauf achten musste, nicht ins Taxi zu kotzen. Das hatte weder was mit Jesus, noch mit der Liebe, sondern ausschließlich mit dem Weißwein zu tun. Ich hoffe, Jesus nimmt mir das nicht übel.

Donnerstag, 9. Februar 2012

Kotze auf dem Roten Teppich - Westerland goes to Berlinale


Wir spielen jetzt international, meint Christian Wulff. Irgendein irrer Filmemakler hat ihn gespritzt. Wulff besteht darauf, dass ich ihm meine Karte für den roten Teppich der Eröffnungsgala der Berlinale schenke. Schließlich hätte ich ihm ja auch den Sylt-Aufenthalt bezahlt. Meine Mutter versteht nicht, warum der Bundespräsident nicht automatisch eingeladen wird. Ich erzähle ihr, dass ich einen Anzug gekauft habe, taubenblau, das findet sie toll. Sie hatte schon befürchtet, ich würde so wie immer rumlaufen. Die Frage, die wir uns stellen, also meine Mutter, Jesus und ich: Wie werden Jesus und ich unsere Jacken los, bevor wir auf den Teppich steigen? Eigentlich geht man in eine Tiefgarage, in der Limousinen bereit stehen, und dann fährt man in der Limousine aus der Tiefgarage raus und zweihundert Meter vor, bis zum roten Teppich, steigt da aus und läuft drüber. Hostessen haben deine Jacke inzwischen aus der Tiefgarage zur Garderobe transferiert. Aber Jesus und ich sind für die Limos nicht vorgesehen, da fehlt uns der Status für. Ich könnte die Jacke Christian geben, also Jesus und ich, wir ziehen unsere Jacken draußen unauffällig aus, geben sie dem Bundespräsidenten, und der schmuggelt sie und sich dann rein, während ich meinen neuen, taubenblauen Anzug über den Teppich führe und mich bemühe, irgendeine 3sat-Kamera zu erwischen, um meiner Mutter zuzuwinken. Gestern war ich mit Jesus und Cem im Radio und habe bei einer Frage, auf die ich keine Lust hatte,  gesagt: Die wird rausgeschnitten. Der Moderator war verblüfft und hat ‚Beep’ gesagt. Keine Ahnung, ob er das rausschneidet oder nicht. Jedenfalls war ich übellaunig, und das wird jetzt wieder meinen Chef aufbringen, weil der gesagt hat, ich soll auf alles höflich antworten, nur nicht auf die Fragen und dabei soll ich immer lächeln. Immer lächeln findet er das Wichtigste. Das ist das Problem. Ich lächele überhaupt nie. Es sei denn, einer bringt mich zum Lächeln. Oder zum Lachen. Dann lache ich auch. Ich bin total reaktionär. Das ist meine Natur: Ich reagiere. Auf Menschen. Und Situationen. Das kann ich nicht steuern. Jemand, der auf mich zukommt und mich anspricht, wird sofort von mir gescannt. Sofort sind da chemische Reaktionen, die sich nicht beeinflussen lassen. Wenn ich die Gewalt über mich verwalten will, komme ich immer zu spät. Der, der die Reaktion auslöst, merkt sofort, dass mit mir etwas nicht stimmt. Also wenn ich denke: Lächeln – und ich lächele nicht. Ich rotze oder kotze den Leuten stattdessen vor die Füße, im übertragenen Sinn. Das ist meine Aura. Ich wäre ein super Iran. Weil ich bei der Reaktion einen Schutzschild um mich baue, der absolut abstoßend wirkt. Cem behauptet vor der Radiokabine, dass Israel jetzt den Iran angreift, also morgen oder nächste Woche oder so. Er meint 0,1 Prozent Glaube an die Bombe würde Israel reichen und die 0,1 Prozent seien endgültig erreicht. Er weiß das von seiner Freundin, einer iranischen Ninja-Kämpferin, die für den Mossad arbeitet. Ein Journalist fragt, warum ich mich als Studierter und Künstler mehr für Proletarier als für meine Kaste interessiere, das sei doch ungewöhnlich. Mir wird bewusst, dass ich das Wort ‚reaktionär’ falsch verwende. Mein Chef hat mir wegen dieser Radiogeschichten komische Pillen angedreht, die mein Verhalten optionieren sollen. Mal sehen, ob sie wirken.

Freitag, 3. Februar 2012

Ich war der Hehler von Christian Wulff


Sie haben mich in den Jugendknast in Charlottenburg gesteckt, weil nichts anderes frei war. Ich bin da aufgewacht, kann mich an die Verurteilung nicht erinnern. Totales Blackout. Hehlerei, klar, aber wie bin ich da reingerutscht? Die Kids im Knast nehmen mich nicht wahr. Alles sehr großzügig hier, mehr wie eine Jugendherberge. Wir sind zu acht in den Zimmern, können uns tagsüber frei bewegen. Das Essen zerstört meinen Magen-Darmtrakt. Die scheißen hier auf Laktose-Intoleranz. Ich will nicht verhungern. Die Kids spielen den ganzen Tag Karten oder starren in die Glotze. Es fehlt überall Licht. Am Anfang dachte ich: wie Urlaub. Seit ein paar Stunden spüre ich die Angst hochkriechen. Meine Beine sind schon fast taub. Ich habe versucht ins Zimmer zu kommen, aber den Weg nicht gefunden. Das kann ich nicht sagen. Aber es wird schlimmer. Der Kopf will schon gegen die Wand. Das Herz wird eingekreist von der Panik. Ich kenne das. Wenn du denkst, das Herz hört auf. Ich finde dieses Scheißzimmer nicht. Ich muss was sagen. Aber kein Scheißwärter taucht auf. Die Kids blicken durch mich hindurch. Sag es den Kids, und du bist tot. Sag es dem Wärter, und er fickt dich. Ich probiere, es in den Griff zu bekommen. Nicht dran denken. Nur nicht dran denken. Aber sobald du denkst, du sollst nicht dran denken, denkst du dran. Ich finde mich in einem Bett wieder. Ist nicht meins. Ist also nur eine Frage der Zeit, bis sie merken, dass ich mich nicht mehr rühren kann. Dass die Panik da ist. Herzneurose. Irgendwann hört es dann wirklich auf. Ich mache die Augen zu. Warten. Ich finde mich auf einem der Gänge wieder, ein Wärter. Frage, ob es einen Arzt gibt. Wofür, will er wissen. Wenn ich es sage, komme ich hier nie mehr raus. Was, wenn ich ihn verrate? Entscheide dich. Jetzt.

Dienstag, 31. Januar 2012

Contergan made in Ungarn

In dem Film Contergan gibt es einen Planeten, der heißt Contergan, und der wird in der Galaxie Grünenthal von Sonnenstürmen bedroht. Also machen sich einige auserwählte Contergankrieger- und Wissenschaftler auf den Weg, um Ausschau nach einem geeignetem Planeten für die Evakuierung zu halten. Natürlich entdecken sie dabei die Erde. Da töten die Conterganier alle Menschen, nur nicht die Contergan-Geschädigten, weil sie die für welche von ihnen halten. Oder Heilige. Oder so. Keine Frage, ein paar Menschen überleben im Untergrund, und als der erste große Flüchtlingsstrom vom Planeten Contergan eintrifft, kommt es zu einer Entscheidungsschlacht, bei der die Conterganmenschen sich entscheiden müssen, auf welcher Seite sie kämpfen – auf der der Menschen oder der der Conterganier. Der Film ist so schmutzig, dass er nicht mal übers Internet vertrieben wird. Die DVDs kommen aus Ungarn. Hier steht der Streifen auf dem Index, und ich bedauere, dass meine Freundin Elisabeth mich gezwungen hat, den Film zu gucken. Ihr Freund ist Ungar und vertickt die DVDs auf Tauschbörsen. Mir ist nicht klar, ob es ein ungarischer Film ist. Jedenfalls sprechen sowohl die Conterganier als auch die Menschen in eigentümlichen Zungen. László hat sich tot gelacht, als ich gefragt habe, ob das Ungarisch ist. Elisabeth hat auch gelacht, aber eher, weil sie neuerdings permanent lacht. Das ist wie ein Tick bei ihr. Es gab Untertitel in Deutsch. Das würde mich auch interessieren, wer so etwas dann untertitelt. Elisabeth hat sich sehr verändert, seitdem sie mit László zusammen ist. Sie ist dünner geworden und dümmer. Sie lacht eigenartig, um genau zu sein: Sie lacht, als wäre sie völlig debil. Und zwar in völlig ungeeigneten Momenten. Elisabeth hat bis vor kurzem an der TU Berlin am Institut für Bionik und Evolutionstechnik gearbeitet. Sie kannte sich mit Mechanik, Biologie und Philosophie aus, und ich fand es immer sehr aufregend, ihren Spinnereien zuzuhören. Weil man das Gefühl hatte, dass sich in diesem Land doch noch Menschen mit einer Zukunft, die über sie hinausweist, beschäftigen. Aber wenn man Elisabeth jetzt mit László über Bionik sprechen hört, hört sich das so an, als hätte László Teile von Elisabeths Gehirn absorbiert, die er im Schleudergang mit seinem Hirn zu verbinden sucht. Wohingegen Elisabeth sich im Labyrinth ihrer Leerstellen zu verlaufen scheint. László sieht natürlich ungeheuer gut aus. Darauf weist mich Elisabeth auch immer wieder hin. Sie versteht nicht, warum die TU ihr gekündigt hat, vor allem: Es stört sie nicht. Sie arbeitet zukünftig als Filialleiterin einer Chemischen Reinigung. Sie meint, da gebe es feste Arbeitszeit, so dass mehr Raum für László bliebe. Ich glaube der Contergan-Film ist noch das Harmloseste, das László vertickt. Ich glaube auch, dass Elisabeth ihm nicht sonderlich viel bedeutet. Er redet mit ihr wie mit einem Hund. Jetzt hat er mich gefragt, ob ich ihn nach Ungarn begleiten wolle. Ihm ist daran gelegen, dass ich seine Heimat kennenlerne. Elisabeth darf nicht mit. Natürlich sage ich ja.

Freitag, 27. Januar 2012

Boomtown Kaliningrad - Extended Version


Ihr Garten war der einzige Ort, an dem ich es mit den Großen Eltern aushielt. Auch wenn er mir nichts bedeutete, erlöste er mich doch von den Erinnerungen an das Verlorengegangene, das ihre Gegenwart besetzte. Ich habe ihre Beziehung zu diesem Garten nie verstanden. Der Blick aufs Holzhäuschen im Feld, die Trauerweide. Fremde Erde.
Ich habe die Gräber der Großen Eltern nie besucht. Ich kann mich nicht einmal erinnern, wann sie gestorben sind, einer nach dem anderen. Vom Großen Vater blieb mir eine Armbanduhr, die Schachfiguren, die er in Kriegsgefangenschaft geschnitzt hat. Mit ihnen hat er mir das königliche Spiel beigebracht. Bei den Russen hat er eingesessen, bis meine Mutter ihn nach einem halben Jahrhundert plötzlich zu den Amis nach Darmstadt verlegte. Von der Großen Mutter blieb ein Ölgemälde zurück, auf dem in düsteren Farben eine Mühle am Ufer des Pregel zu sehen ist. Sie hat es selbst gemalt. Ein letzter verbliebener Nachweis der Geschichten, die sie von ihrer Heimat zu erzählen hatte.
- Kaliningrad?
- Königsberg, ja.
Anfang September geht es los. Der Bus kommt aus Bremerhaven, lädt uns in Charlottenburg dazu und fährt dann weiter Richtung Kaliningrad. Den Blicken der Russischen Passagiere merkt man an, daß Touristen auf dieser Route ungewöhnlich sind. Lukas dokumentiert mit einer der Videokameras, die wir dabeihaben, den Kampf um unsere Plätze. Über Kopfsteinpflaster holpert der Bus quer durch Polen. Agnes ist nervös, weil sie im Bus nicht rauchen darf. Hamit tröstet sie mit Nikotinkaugummis und läßt die zweite Kamera laufen.
- Guten Morgen,
flüstert Marco mir ins Ohr. Eine alte Frau, die alle Kleider, die sie besitzt, am Körper trägt, kauert vor einem verfallenden Fachwerkhaus, fliegt an uns vorbei.
- Gibt es noch Kekse,
fragt Lukas. Nelly versorgt ihn. Über dem Haff graut der Morgen unter einer geschlossenen Wolkendecke. Wir sind alle zum ersten Mal in Rußland, auch Marco. Der Bus hält auf die Stadt zu. Am Südbahnhof nehmen uns Zigeuner mit offenen Händen in Empfang. Wir haben im Hotel Kaliningrad gebucht. Auf zwei Taxis verteilt, lassen wir uns hinfahren. Der Regen fällt so dicht, daß wir kaum etwas sehen. In der Lobby des Hotels wird die Sicht mangels Licht nicht besser. Morbider Prunk erschlägt uns. Weil der Himmel die Erde flutet, verabreden wir uns nach der Zimmerbelegung in der Hotelbar. Roter Plüsch herrscht hinter grünen Samtvorhängen. Auf den Tischen fehlen die Tänzerinnen. Lukas und Hamit etablieren sich als Kameramänner. Hamit möchte, daß jeder sich vorstellt.
Eine Gruppe junger, frischgeduschter Russen in Trainingsanzügen besetzt die Empfangshalle des Hotels.
- Fußballspieler?
Lukas zweifelt. Sie weichen aus, als er mit der Kamera auf sie zuhält. Es hat aufgehört zu regnen. Wir wagen uns raus. Die Menschen auf den Straßen sind nicht unterwegs, weil sie zur Arbeit müssen, weil sie von der Arbeit kommen, oder Geschäftstermine haben. Wenige können es sich leisten, in den Geschäften einzukaufen. Vor einem Supermarkt hocken Frauen und Männer auf Schemeln, die Gesichter von der Landarbeit zerfurcht. Sie bieten drei Bünde Karotten, zehn Kartoffeln, oder ein paar Feldblumensträußchen an. Stunden später haben sie noch einen Bund Karotten, fünf Kartoffeln und ein paar Feldblumensträußchen im Angebot.
Jeder zweite trägt eine Flasche Bier bei sich. Nirgends ein Lächeln. Niemand lacht. Keiner ist dem anderen etwas wert. Agnes ist die einzige von uns, die hier nicht auffällt. Es liegt an ihrer blaßen Haut. Die Luft stinkt. Ein gelblicher Schleier umhüllt die Stadt.
- Wenn man bedenkt,
- Sprich in die Kamera, Nelly.
- Im Krieg wurde hier beinah alles zerstört und das, was übrigblieb, haben sie ein paar Jahre später plattgewalzt. Damit nichts an die Vergangenheit erinnert, oder. Da ist es doch erstaunlich, daß heute alles so zerstört aussieht. Überall nur bröckelnde Fassaden. Ich will mir gar nicht vorstellen, was sich dahinter verbirgt.
In einem Pavillon vor dem Eingang zum Volkspark bestellen wir Hamburger und Coca-Cola. Hamit sieht uns beim Essen zu. Außer ihm glaubt keiner, daß es sich um Schweinefleisch handelt. Wir sind die einzigen Gäste. Es gibt kaum ein Café, Kneipen oder Restaurants. Und wenn man ein Lokal entdeckt, hat es geschlossen, oder niemand sitzt drin. Dafür gibt es alle fünfzig Meter einen Kiosk und jeder zweite hat eine Bierbank dabei. Auch im Volkspark ballen sich die Kioske mit den Trinkern auf den Bänken.
Auf öffentlichen Plätzen und in den verwilderten Grünanlagen versammeln sich die Kinder und Jugendlichen, die kein Geld für Bier am Kiosk haben. Sie schnüffeln Klebstoff, trinken in Hinterhöfen gebrannten und vertriebenen Wodka. Sie wehren sich nicht, gefilmt zu werden. Sie posieren vor dem Schillerdenkmal und machen sich über uns lustig. Einige sprechen ein paar Worte Deutsch. Agnes raucht mit den Kindern, die für sie Ringe blasen.
Wir lassen den Dom links liegen und erobern den Zentralen Platz. Früher stand dort ein Schloß. Wir stehen zwischen zwei Reihen von Wellblechhütten. Es werden Lederjacken, Kurzwaren, Tee, Kuchen und Mobiltelefone angeboten. Nirgends ein Lächeln. Niemand lacht. Hinter den Containern ragt die Bauruine eines Rätehauses auf. Ein von rostigen Stahlstreben zusammengehaltener, graubrauner Betonquader. Zweiundzwanzig Stockwerke, die schon während der Bauzeit baufällig waren, kleben unter dem wütenden Himmel. Ein Mahnmal der Zukunft, das uns Ehrfurcht einflößt. Lukas verweist auf einen Skulpturengarten nahe des Doms. Sein Reiseführer dient ihm als Brille. Die Wolken brechen. Wir flüchten in die Nacht, in unsere Zimmer, um Abstand zu gewinnen. Elsa und Cedric. Hamit und Agnes. Marco und ich. Nelly und Lukas.
Wir gehen am Schloßteich entlang in Richtung Norden, verdauen ein unverdauliches Frühstück. Ölige, mit Fleisch gefüllte Teigtaschen, Würste aus Fett. Die Fußballspieler tafelten mit Obst, Müsli, Saft, Croissants. Auch auf Nachfrage enthielt man uns das vor, zeigte sich aber bereit, den wässrigen kalten Kaffee gegen lauwarmen einzutauschen. Hamit kauft jedem von uns einen Schokoriegel an einem der Kioske am Teich. Am gegenüberliegenden Ufer zerfällt ein roter Backsteinbau. Wahrscheinlich ein ehemaliges Krankenhaus. Einige Fenster sind mit Brettern zugenagelt, an den Mauern bunte Graffittis; meist ein großes A im Kreis. Aus einem Fenster hängt eine Totenkopffahne. Von den Hausbesetzern gibt es kein Lebenszeichen.
Am Oberteich auf einmal historische Bauten. Roßgärter Tor und Dohnaturm, in dem sich ein Bernsteinmuseum befindet. Bernstein ist der einzige Schatz, den die Region vorzuweisen und zu verarbeiten hat. In Kioskzelten wird Touristen Schmuck angeboten. Wir sitzen auf Bierbänken vor der roten Backsteinmauer, die Dohnaturm und Roßgärter Tor verbindet. Die Sonne wärmt uns. Hamit richtet die Kamera auf mich.
Wir ziehen weiter Richtung Markt. In engen Gassen, auf matschigem Lehm, sind die Stände mit schwarzen Plastikplanen überdacht. Es gibt Eisenwaren, Motoren, Werkzeug, dann Kleidung, Schuhe und Stoffe. Lukas und Hamit lassen sich von Nelly und Agnes führen, eine Hand auf deren Schultern, in der anderen die Kamera. Wir manövrieren so gut es geht durch das Gedränge. Die kleinen Jungs in Tarnanzügen, die Wache an den Ständen ihrer Väter halten, blicken finster, sind zunächst skeptisch wegen der Kameras. Sie fürchten, daß wir ihr Angebot auf Herkunft untersuchen. Dank ihrer Improvisationskunst und einiger Worte Russisch, die sie von Marco gelernt hat, gelingt es Nelly, die Jungs für sich einzunehmen. Auf einmal fangen diese Kinder an, uns marktschreierisch ihre Waren anzupreisen. Sie spielen für uns. Die Älteren, die nicht älter als zwanzig sind, reden ernst, glauben, daß Nelly Interviews führt, flirten mit ihr und Agnes, die ihre Zigaretten mit ihnen teilt.
Wir stoßen auf eine riesige Halle mit Tischen voll Früchten, Eiern, Kräutern, Blumen, Honig in Gläsern und Eimern. Allmählich verstehen wir, wo man in Kaliningrad einkauft. Wo ein Leben jenseits der Kioskbiere existiert. Jedes Gramm wird verhandelt. Käufer und Verkäufer rechnen ums Überleben. Entlang der Halle führt eine Straße mit Läden, in denen gibt es Fisch, roh, ausgenommen, geräuchert oder getrocknet, Backwaren, Fleisch, darüber Fliegenschwärme. Wir zweifeln nicht mehr daran, daß fünfhunderttausend Menschen die Stadt bevölkern. Hinter der Halle reihen sich Buden mit Drogerieartikeln, Haushaltswaren, Musikkassetten, Hi-Fi-Geräten, Mobiltelefonen und Raubkopien von Markenkleidung aneinander. Wir erwerben nichts. Wir nehmen auf. Nirgends ein Lächeln. Niemand lacht. In einer Grünanlage zwischen Markt und Nordbahnhof richten sich die illegalen Händler ein, wildern die Kinder, die nicht beschäftigt werden. Sie schnüffeln Klebstoff, den sie aus dem Sortiment der Konkurrenten ihrer Väter haben mitgehen lassen.
Hinter dem Bahnhof ist ein Zoo. Elsa weigert sich, hineinzugehen. Sie will sich nicht einmal vorstellen, wie welche Tiere dort gehalten werden. Wir sind erschöpft. Hinter dem Stadthaus essen wir, Hamit ausgenommen,  Grillfleisch und trinken Bier auf den Bänken. Irgendwo muß es ein Ghetto geben, in dem die Reichen leben. Die Priviligierten, die es wagen, sich zu zeigen, sitzen in einer Eisdiele oder auf der Terrasse davor. Oder sie warten auf der Treppe eines Lichtspielhauses auf die Mittagsvorstellung von Fluch der Karibik.

Wir arrangieren ein Gruppenbild mit Immanuel Kant, im Hintergrund die Universität, vor uns Stufen, die ins Bunkermuseum führen. Die Betondecke drückt auf die Köpfe. Wir stehen in einem schmalen Gang, von dem die einzelnen Räume abgehen. Die Luft ist stickig. Mir rinnt der Schweiß. Vor uns eine Frau mit strohblondgefärbten, dünnen, aufgelockten Haaren, knallrotgemalten Lippen, Wimpern, an denen die Tusche klumpt. Sie trägt eine froschgrüne, tiefausgeschnittene Bluse über einem verflusten, schwarzen Rock und Filzpantoffeln. Ludmila. Sie eröffnet ein stimmliches Sperrfeuer, nachdem wir ihre Führung gebucht haben, scheucht uns von Raum zu Raum, deutet mit einem Zeigestock auf Bilder, Texttafeln und Pappmachénachbauten der Schlacht um Königsberg. Erlaubt uns einen Blick in die Kommandozentrale, die mit einem schweren, dunklen Holztisch, einem ledergepolsterten Stuhl und einem Telefon ausgestattet ist. Ludmila führt ein strenges Regiment; wir wagen kaum zu flüstern. Wahrscheinlich sind die deutschen Worte des auswendig gelernten Vortragstexts die einzigen, die sie beherrscht, doch Nelly und Lukas halten sich nicht zurück und haken nach. Unsere Führerin bewahrt die Fassung, schnappt Schlagworte auf und zweigt gekonnt zu einem der Exkurse ihres Manuskripts ab. Sie hat es eilig, duldet kein Verweilen. An Widerspruch ist nicht zu denken. Sie entläßt uns mit einem Bismarckzitat. Der Russe braucht lang, um das Pferd vor den Wagen zu spannen, aber wenn er erst einmal fährt, fährt er schnell. Die Russen in der Exklave Kaliningrad haben Pferde, aber ihnen fehlen die Wagen. Marco ist aufmerksam. Ich drohe umzukippen. Mit Elsas Hilfe bringt er mich nach oben, nach draußen. Die anderen nutzen den Freigang durch die Austellungsräume.
Lukas überredet uns, das Nachtleben zu erforschen. Sein Büchlein weist einen ehemaligen Bunker als Tanzlokal und beliebten Treff der Jugend aus. Die Suche führt uns durch ein Wohngebiet ohne Straßenbeleuchtung. Die Straßen sind nicht asphaltiert. Wir fallen auf, doch wir sind zuviele, um den rauchenden Gaffern und streunenden Schatten ein Angriffsziel zu bieten.
Im Kentaur empfängt uns eine runzlige Garderobenfrau. Elsas, Cedrics, meinen Impuls, sofort umzukehren, erstickt sie im Keim. Die Tische im roten Backsteingewölbe stehen in Nischen. Am Kopfende des Gemäuers sind ein Keyboard und eine Gesangsanlage aufgebaut. Wir sind die einzigen Gäste. Nur an einer Tafel mitten im Raum sitzen sechs Männer, die sich auf Kosten des Hauses nichts entgehen lassen. Champagner, Wodka, Schnurrbärte und Rolexuhren. Goldkettchen und Kaviar. Wir zwängen uns unter einen der Rundbögen und enttäuschen die Kellnerin, weil wir nicht essen wollen, nur Bier, Wein, Wasser und Cola bestellen. Auf einmal ist sie dankbar, weil wir überhaupt etwas möchten. Lukas blättert irritiert im Reiseführer. Cedric macht uns darauf aufmerksam, daß wir flüstern. Die Musiker lassen für den Rest des Abends auf sich warten.
Auf dem Nachhauseweg treffen wir Teile der Jugend biertrinkend hinter einer Bushaltestelle in einem Wellblechhüttenspätverkauf. Auf einem Stuhl schläft ein Soldat in Kampfmontur. Er beschützt seine Freundin, die Verkäuferin. Einige der Jugendlichen sind Punks. Sie schwärmen in die Nacht aus. Keiner weiß wohin. Nirgends ein Lächeln. Niemand lacht.

Neidisch beobachten wir beim Frühstück die Sportler. Dann brechen wir zum Dom auf. Der Pregel umfließt die Dominsel. Das Wasser ist schwarz; ein öliger, gelbviolettschimmernder Film liegt darauf. Der Pregel stinkt. Ein Geruchsgemisch aus Buttersäure, verbranntem Gummi und Essig.
Die Domkirche ist das einzige Gebäude, an dem man Wiederaufbau übt. Sie ist aus rotem Backstein. Hinter dem Portal studieren Sängerinnen und Sänger in einem kleinen Raum einen Choral ein. Das Mittelschiff ist wegen der Restaurierungsarbeiten für Publikumsverkehr geschlossen. Über eine hölzerne Wendeltreppe erreichen wir Austellungsräume in einem der zwei Türme. Im Verbindungsgang spielt ein Junge Harmonium. Texttafeln erklären, Deutsche finanzieren den Wiederaufbau. Das Wort Vertriebene taucht nicht auf. Wir werden aufgefordert, zu spenden. Mit Hilfe von Fotografien, Stichen und Radierungen können wir uns ein Bild von Königsberg erschließen. Ich hätte dort leben wollen. Marco stimmt mir zu. Cedric blickt aus einem der Fenster auf die Insel, den Park, den Fluß, die Plattenbauten. Er hat Tränen in den Augen.
Auf den Holzbänken zwischen Dom und Fluß wird geschnüffelt, getrunken und geküßt. Die Touristen schielen indigniert daran vorbei. Die Domkirche und das Grab von Kant sind alles, was sie festzuhalten bereit sind. Die meisten sind Heimatsucher, die nichts wiederfinden und abreisen, ehe sie angekommen sind. Obwohl vorgewarnt, stehen sie unter Schock. Ich schaue immer wieder Richtung Hafen. Lukas fordert eine zweite Chance. Olsztyn, beliebter Treff der Jugend, auch tagsüber. Am Eingang werden wir vom Sicherheitspersonal abgetastet. Kameras, Taschen und Rucksäcke nehmen sie uns ab. Einer führt uns zum Restaurant im zweiten Stock. Es gibt keine Fenster. Achtziger-Jahre-Interieur im Dschungelstil. Die weißen Tischdecken passen nicht. In der Mitte des achteckigen Raums ist eine Tanzfläche. Auf eine Leinwand projiziert ein Videobeamer MTV-Konserven. Wir sind die einzigen Gäste. Uns wird ein Tisch vor einer riesigen, spiegelnden, schwarzen Scheibe zugewiesen. Es ist so dunkel, daß wir die dreisprachige Speisekarte kaum lesen können. Es riecht nach Wunderbäumen. An der Bar rauchen drei wie Animierdamen uniformierte Kellnerinnen. Sie leisten dem Barkeeper Gesellschaft, der die wenigen verdreckten Gläser der letzten Nacht spült.
Nelly, Elsa, Agnes und Lukas begleiten Cedric, der sich für den Komsomolzen-Park interessiert. Ich mache mich mit Hamit und Marco auf den Weg zum Hafen. Die beiden möchten ins U-Bootmuseum. Ich gehe weiter zum Hafenbecken. Kräne verladen Container, die wie Kioskhütten aussehen. Auf den Marineschiffen langweilen sich die Soldatenmatrosen. Die Hafenarbeiter sind nicht in Eile. Nirgends ein Lächeln. Niemand lacht. Hier hat der Große Vater seinem Bruder hinterhergewunken. Jahrzehnte später war ich der Prinz von Königsberg, übernachtete im Prinzenbett der Großen Eltern. An mich knüpfte die Große Mutter ihre Hoffnung auf die Rückeroberung der Heimat. Der Prinz von Königsberg blickt vom Ufer einer ausradierten Heimat hinaus aufs Meer und meldet keinen Anspruch an. Die einzige Verbindung, der nachzuspüren er noch bereit ist, führt zu einem anderen Kontinent.
Die Fußballer schlurfen in blauen Shorts und Badelatschen durch die Halle zur Hotelbar. Oder umgekehrt. Sie wirken unruhig, wie vor einem Spiel. Ihnen fehlen die Damen für den letzten Abend. Auch wir wollen am nächsten Morgen fahren. Wir verabschieden die Stadt am Schloßteich, sitzen unter Lampions an den Tischen bei den Buden, trinken Bier und Cola. Das Rätehaus eine Lücke im Sternenhimmel.
In der Schalter- und Wartehalle des Südbahnhofs sitzen wir auf hintereinandergereihten Holzbänken. Anstelle einer Kanzel sieht man auf eine riesige Uhr, deren Zeiger sich träge vorwärtsschleppen. Hamit filmt die Gesichter der reglos Wartenden. Draußen die Bettler zwischen den Händlern, die schwer an ihren Bauchläden tragen. Die Schüler zwischen den Kindern, die den Weg zur Schule nicht mehr finden. Diebe zwischen Soldaten, die über die Diebe hinwegsehen. Nirgends ein Lächeln. Niemand lacht. Unser Zug fährt ab, nach Svetlogorsk, Rauschen, damals. Sobald die poröse Betonwüste hinter uns liegt, färbt sich der Himmel so blau, daß es wehtut. Die Gräser auf den Wiesen sind grün und gelb und grau. Dazwischen leuchten rote und blaue Feldblumen. Häuschen aus klobigen, weißen Steinen grenzen an große Obst- und Gemüsegärten. Inselartige Wäldchen und große Teiche liegen zwischen sanften Hügelketten. Pappeln säumen die Alleen. Vertraut erscheint mir die Landschaft. Ich sehe den Garten der Großen Eltern.
Wir hören das Meer rauschen, die Möwen lachen, suchen nach einer Möglichkeit, die überflutete Hauptstraße zu überqueren. Marco fragt uns zum Hotel Universal durch. Eingetaucht in grünes Licht taucht der Neubau zwischen alten Datschas aus dem Mischwald auf. Hier haben sie gewartet; hier haben sie gehofft, die Große Mutter mit den Töchtern. Hier warten sie noch immer. Nur sieht man keinen mehr, der hofft.
Eine Treppe führt die Steilküste hinab zur Uferpromenade. Indische Matrosen auf Landgang bemühen sich, ihre Zigaretten anzuzünden. Der Himmel tobt und peitscht das Meer auf. Am Strand wühlen Schatzsucher im angespülten Seetang und im Sand nach versteinertem Harz. Wir mitten unter ihnen. Lächeln. Lachen.