Donnerstag, 1. Dezember 2011

Braune Armee Fraktion - Das Opferritual 14


„Und? Bist du ein Arm der Tat, Jake?“ „War ich, ja. Erst ‚Kameradschaft’, dann ‚Heimatschutz’. Den habe ich mit aufgebaut. Das Geld kam vom BfV. Über 30.000 Euro. Für ein Verbindungsnetz, Infrastruktur, so was halt.“ „So was halt. Und jetzt halt nicht mehr.“ „So einfach ist es nicht, Finn.“ Ich sitze mit einem Arm der Tat in einer Wohnung, die ich zehn Jahre, nachdem ich ausgezogen bin, gekauft habe, um sie wieder genauso einzurichten wie damals. Allerdings hatte ich nie die Absicht, in dieser Wohnung auch nur eine Nacht zu verbringen. Es kam mir darauf an, die Möglichkeit zu haben. Wegen der Träume. Mehr nicht. Es gibt keine Träume mehr. Ich frage mich, warum der Arm der Tat noch immer aufrecht sitzen kann. Ich würde gern über den Arm der Tat herfallen, was eine Heldentat wäre. Oder einfach Lust. Weil ich die Kontrolle verliere. Weil eh schon alles verloren ist. Ich hatte es schon immer mehr mit Worten statt mit Taten. Jake macht die fünfte Flasche Rotwein auf, die Blüte an seinem Hals schließt sich. Ist mitten in der Nacht. Oder kurz vor Morgengrauen. Vielleicht träume ich doch. Ich träume von Jake. „Also nur, damit ich das richtig verstehe, Jake. Otto. Du bist Mr. Undercover für den Verfassungsschutz bei den Braunen, ja? Und kein Mensch vom Verfassungsschutz weiß das, außer den zwei Rekrutierungsoffizieren und dem Oberboss. Und als einer von der Braunen Armee Fraktion weißt du natürlich auch alles über deren Opferrituale. Du wusstest was da im Wald auf der Lichtung passieren würde. Und du wusstest, dass sie meinen Freund Attila exekutieren wollten. Ich meine, da war ein Otto-Freund in seinem Laden. Die Nappafresse. Und du hast nichts gemacht. Und der auch nicht. Der Scheiß-Verfassungsschutz guckt einfach zu, wenn die Braune Armee Fraktion auf Hinrichtungstour ist, richtig? Warum? Warum, Jake? Warum hat dich sowohl die Nappafresse, als auch diese Polizistin, diese Michèle, neulich ‚Otto’ gerufen, wenn kein Mensch weiß, dass du Otto bist? Weißt du, wer Attila war? Das war mein Freund, kapiert? Weißt du, was das ist, ein Freund?“ Mir gehen die Worte aus, also stürze ich mich auf ihn, aber er ist stärker, hockt über mir, drückt meine Hände über den Kopf auf den Boden. Keine Ahnung, ob das Tränen sind. „Ich konnte nichts machen, Finn. Ich bin aufgeflogen beim BfV. Weißt du was das heißt? Hast du eine Ahnung, was für Leute beim BfV arbeiten? Glaubst du, die Braunen haben ihre V-Leute nicht in Stellung gebracht? Die sorgen dafür, dass ich ... ich muss ... .“ „Was?“ „Nichts.“ Er lässt mich los. Ich will ihn schlagen. Er wehrt die Schläge ab, also versuche ich es mit einer Umklammerung, mit Ringen. Wir rollen über den Teppich, aber das hat nicht wirklich etwas mit Ringen zu tun. „Bist du mein Freund, Finn? Bist du?“ Ich kann mich nicht mehr rühren. „Sag schon, Finn? Ist doch komisch, oder? Du liest mich auf, nimmst mich mit in dein Haus, und ausgerechnet in dem Kaff findet ein Opferritual statt. Und du willst mich die ganze Zeit nicht loswerden, im Gegenteil. Und dann fährst du ausgerechnet nach Kassel, wo mich die Nappafresse, wie du sie nennst, ausgerechnet in Attilas Laden sieht, wo sie Attila ... Tut mir leid, um deinen Freund, Finn! War er wirklich dein Freund? Weil, ich kann mir das einfach nicht vorstellen, dass das alles nur Zufall sein soll. Also wer bist du, Finn? Wer? Wer hat dich auf mich angesetzt?“ Wie auch ich glaubt Jake nicht an Zufälle. Er liegt auf mir, sein Unterarm presst gegen meinen Kehlkopf, und ich bekomme keine Luft mehr. (Fortsetzung folgt)

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