Samstag, 31. Dezember 2011

Hallo, Mr. Parkinson 2

Ich habe ein Stück geschrieben, das ich meinem Vater gewidmet habe – „Hallo, Mr. Parkinson“. Ein Mann hat Parkinson und wird von seiner Frau zu Hause rausgeschmissen, worauf er sich bei seinem Sohn einquartiert, zu dem er seit Jahren kein Kontakt hatte. Natürlich handelt das Stück von meinem Vater und mir. Weil alle, die das Stück gelesen haben, zu meiner Überraschung den Vater so mochten, habe ich entschieden, ihm das Stück zu Weihnachten zu schenken. Es ist immer lustig, meinem Vater zuzusehen, wie er mit dem Zittern ein Geschenk auspackt. Dann schlägt er die erste Seite auf, liest den Titel und sagt: „Was ist denn das für eine Scheiße?“ Sofort ist klar, das Geschenk war ein Fehler. Also schleiche ich mich am nächsten Morgen ins Bescherungszimmer, nehme das Stück weg, im Glauben, der Vater erinnere sich sowieso nicht mehr daran. Parkinsondemenz. Irrtum. Natürlich fragt er: „Wo ist dein Stück?“ Und ich erkläre, dass ich nur zeigen wollte, dass es ihm gewidmet ist, was natürlich total gar nicht funktioniert. Er besteht darauf, dass ich es zurück gebe, weil er sich „hineinvertiefen“ will, und mittlerweile möchte auch die Mutter lesen, und ich besaufe mich mit Rotwein, und im Halbschlaf im Bett denke ich: Du darfst ihn nicht verletzen. Wenn Du ihn verletzt, wirkt sich das auf seinen Körper aus, und dann muss die Mutter wieder ausbaden, was kein Mensch ausbaden will. Dann denke ich: Feigling! Dass ich ein Feigling bin. Immer schön den Schein bewahren. Tapfer schlafe ich ein. Am nächsten Morgen ist der Vater "völlig daneben", wie die Mutter das nennt. Er wird ohnmächtig, fällt hin, landet wieder im Bett. Sagt, dass es sich nicht gehört, nicht bei den Eltern zu wohnen. Die Mutter alles allein machen zu lassen. Die Familie gehört unter ein Dach. Dann findet er, dass der Sommer scheußlich ist, und ich sage: „Es ist Winter.“ Und er: „Ach so.“ Er findet, es ist kein Leben, wie er lebt. Ich finde, ich sollte das Stück doch verschwinden lassen, also packe ich es wieder ein und fahre ab. Einen Tag später spreche ich mit dem Vater am Telefon und er sagt: „Ich bin beklaut worden.“ Mehr sagt er nicht. Also tüte ich das Stück in einen Umschlag ein, versehe den Umschlag mit seinem Namen, seiner Anschrift, klebe Briefmarken darauf und werfe ihn in den Briefkasten. Gestern Abend spricht meine Mutter auf Anrufbeantworter, weil ich nicht dran gehe, weil ich weiß, dass sie es ist. Das Stück ist angekommen. Ich denke, ich verstehe mich darauf, die Dinge aufzubauschen. Ich könnte in die Werbung, oder die Politik, zum Beispiel. Ich bin sehr gespannt, wie ich nächstes Jahr Weihnachten verbringen werde. Frohes neues Jahr!

Donnerstag, 29. Dezember 2011

Sorgerechtsstreit

Heimatfahrt Weihnacht. Ich sitze am Gang, habe reserviert, Großraumwagen. Die Gänge sind gefüllt mit Kinderwagen und Leuten ohne Reservierung. Eine Frau quetscht sich zu mir durch. Der Platz neben mir ist frei. Ob ich reserviert habe. Keine Ahnung, was das mit dem freien Platz neben mir zu tun haben soll. Sie setzt sich, und ich befürchte, sie riecht. Nach einer Stunde klingelt ihr Telefon. Die Tochter Verena. Verena ist außer sich. Sie verliert ihren Sorgerechtsstreit um Felix. Felix ist der Sohn aus Verenas Beziehung mit Erik. Jetzt ist Verena schwanger von Henry. Die Mutter neben mir versucht ihre Tochter Verena zu beruhigen. Sie hätte nichts falsch gemacht. Der kleine Felix plappere nur nach, was der Vater Erik ihm sagt. Das könne man nicht ernst nehmen, aber es sei kein Wunder, dass der Richter das ernst nehme. Felix behauptet, es hätte wehgetan, und Erik setzt jetzt alles daran, das auszunützen, um das alleinige Sorgerecht zu bekommen. „Nein, Verena, du hast nichts falsch gemacht. Am besten, du gehst jetzt mit Henry aus der Wohnung raus. Du musst auch an dein neues Baby denken. Nehmt euch irgendwo ein Hotel und denkt nicht dran. Ich zahle das auch.“ Immer wieder sagt sie, dass Verena nichts falsch gemacht hat und der kleine Felix, Verenas Sohn, lügt. „Du hast nichts falsch gemacht, als du das Besteck an seine Hände gebunden hast, Verena, wirklich nicht.“ Verena hat Messer und Gabel an die Hände ihres Sohnes Felix gebunden. Wahrscheinlich ist Felix  4 oder 5 Jahre alt. Er sagt, ihm hat das wehgetan. Offenbar wollte Felix sich nicht an Verenas Tischsitten gewöhnen. Oder die von seinem Stiefvater Henry. Irgendetwas hat mit dem Benehmen nicht geklappt, da hat Verena dann das Besteck an die Hände ihres Sohnes gebunden, und jetzt soll Verena in ein Hotel, weil sie das Sorgerecht verloren hat und nicht daran denken soll, wegen dem Kind, das sie noch im Bauch trägt, um das sie jetzt auch fürchtet, dass sie ihr das Sorgerecht für das Ungeborene gleich auch wegnehmen, wegen dem Besteck an den Händen, was laut ihrer Mutter gar nicht schlimm ist, so Besteck an die Hände von Kindern gebunden. Nach den Gespräch rechnet die Mutter ab. Sie hat Ausdrucke ihrer Kontoauszüge vor sich und schreibt mit einem Kuli hinter jede Abbuchung den Abbucher. Außerdem hat sie DIN A 5 Karteikarten, wo alle, die von ihr Geld bekommen, aufgelistet sind, senkrecht – und waagerecht die Zahlen 1-12. Dann sind in den Spalten jeweils Punkte oder Kreuze, und jetzt malt sie neue Kreuze. So eine Karte gibt es zweimal. Ich überlege, ob man das ‚Doppelte Buchführung’ nennt. Die Mutter von Verena gibt 160 Euro im Monat für Physiotherapie aus und 124 Euro für Strom. 1073,60 werden monatlich für den Hauskredit abgebucht. Für das Weihnachtsessen wurden 80 Euro ausgegeben. Sie hat 1300 Euro verdient im Dezember und ein volles dreizehntes Monatsgehalt erhalten. Ihr Mann hat 2400 Euro verdient und ist schon in Frankfurt am Main, wo sie gerade hinfährt. Das wird kein fröhliches Weihnachten. Ich habe aber Hoffnung für Felix. Für ihn ist die Geschichte möglicherweise gut ausgegangen. 19 Euro für Besteck und Schnur.

Samstag, 17. Dezember 2011

Heute - Samstag - WELTURAUFFÜHRUNG

Heute - Samstag, 17. Dezember, 15.05 Uhr - WDR 3


Das verlorene Paradies


Du heiligst keinen Ort, den nicht ein Mensch vor dir geheiligt hat. Du gibst uns die Macht über Tiere, aber über die Menschen herrschst du selbst. Und deshalb ist uns nichts heilig, und deshalb sind wir das Böse, das du in die Welt gebracht hast, das dich auf einmal langweilt, und deshalb lässt du uns allein, weil wir nicht heilig sind, weil uns nichts heilig ist, und der Tod ist alles, was dir heilig bleibt, weil du uns nur durch ihn beherrschst.
Alle Nachwelt ist in mir verflucht, und mein Gewissen versenkt mich immer tiefer in der Welt der Angst, die du uns auferlegst. Es liegt in deiner Macht dafür zu sorgen, dass mein Geschlecht nicht fortbesteht. Mein Tod ist alles, was ich dir noch zu bieten habe.

Freitag, 16. Dezember 2011

Hörspiel - Das verlorene Paradies

Morgen, 15.05 Uhr, WDR 3



Simon           Warum bedrohst du mich?
Halim           Mache ich nicht.
Simon           Alles, was ich habe. Alles, was ich bin.
...
Simon           Du hast mich umgebracht, Halim. Das ist doch dein Name – Halim. Das bedeutet milde. Und sanft. Und ruhig. Aber du kannst mich nicht in Ruhe lassen.
Halim           Meine Ruhe heißt Zerstörung, und ich bin erst ruhig, wenn ich die, für die du dein Paradies präparierst, mit ihrem Paradies zerstöre.
Simon           Ich habe keine Angst vor dir. Ich habe Angst, so lange ich denken kann. Aber ich scheiße auf die Angst. Ich bin kein Feigling. Ich habe keine Angst, kapiert?  Du machst mich nicht kaputt. Vorher bringe ich dich um.
...
Simon           Halim? ... Halim!
Halim           Ich bin hier.
Wolfsgeheul.
Halim           Wölfe.
Simon           Keine Wölfe. Mischlinge.
Halim           Das ist nicht gut. Das ist überhaupt nicht gut.
Simon           Ich scheiße auf deine Angst.

Morgengrauen. Halim versucht, Simon zum Aufbruch zu bewegen.
Simon           Ich kann nicht.
Halim           Du kannst! ... Ich trage dich. Los. Hilf mir.
Halim schultert Simon.
...
Halim bricht zusammen.
Simon           Das schaffst du nie.
Halim           Du lässt mich nicht im Stich, hörst du!
Simon           Nichts ist giftiger als der Biss eines Menschen. Wusstest du das? Du wütest längst in meinen Eingeweiden.
Halim           Komm schon. Du musst doch wissen wo wir sind. Mach die Augen auf! Simon!
Simon           Ist überall Steppe hier. Wird alles vebrannt. Der Wald. Und die Wölfe. Lynn liebt Wölfe. Ich vermisse sie. Scheiße. Warum bist du nie da?
Halim           Du musst dich doch an irgendwas erinnern.
Simon           An die Sterne vielleicht.
Halim           Es ist hellichter Tag!
Simon           Ist auch ohne Sterne zum Kotzen schön. Wo sind wir?
Halim           Simon, bitte.
Simon           Das ist alles, was du kannst. Betteln.
Halim versucht Simon wieder zu tragen.

Mittwoch, 14. Dezember 2011

Das verlorene Paradies - 3. Vorschau


Samstag, 17. Dezember, 15.05 h, WDR 3

Das verlorene Paradies

Dämmerung. Simon hat Fieber, ist erschöpft. Halim versucht Feuer zu machen.
Halim           Bist du sicher, dass du noch weißt, wo wir sind?
Simon           Keine Ahnung.
Halim           Was ist mit deinem Handy?
Simon           Kein Empfang.
Halim           Ich verstehe nicht, was mit dir ist, ich meine ...
Simon           Wie würde es dir mit einem Messer im Bein gehen?
Halim           Das war nur ein Schnitt. Die Wunde blutet doch kaum noch. ... Gib mir deine Hand.
Halim nimmt den Verband ab.
Halim           Oh Mann. Das sieht übel aus.
Simon           Du hast mich vergiftet.
Halim           Das ist nicht witzig.
Simon           Nein. Ist es nicht.
Halim           Ich weiß nicht, was ich machen soll.
Simon           Ist das dein Gott, der dir befiehlt, mir zu helfen?
Halim           Ich bin noch auf der Suche nach einem Gott.
Simon           Ich brauche deine Hilfe nicht.
Halim           Aber ich brauch deine, um uns hier rauszubringen.
Simon           Was soll diese Heilsscheiße. Ich wünsche mir deinen Tod, wann kapierst du’s endlich?
Halim           Erzähl mir was von Ewigkeit, und ich hasse den, der sie mir auferlegt. ... Wenn du krepierst, hast du gewonnen. Ich lass mich nicht für was wegsperren, das ich nicht getan hab. Du bist mein Zeuge.

Montag, 12. Dezember 2011

Das verlorene Paradies - 2. Vorschau

Samstag, 17. Dezember, 15.05 h, WDR 3

DAS VERLORENE PARADIES


Halim
Die Codes der Straße kotzen mich an. Die Poser und Aufschneider kotzen mich an. Ich bin durch mit Möchtegern-Gangstan. Ich bin durch mit ihren hirnlosen Fotzen. Ich war überall dabei. Bei den Stressertürken, den Nigga-Hengsten, den Arab-Prolls und den Schwuchtel-Faschos. Sie haben mich alle für einen von ihnen gehalten. Ich bin mit ihnen allen durch. Sie alle verzeihen ihren prügelnden Vätern. Weil das was mit Respekt zu tun hat. Ich scheiße auf euren Respekt. Ich scheiße auf eure Väter. Ich verzeihe niemandem. Und niemand bemerkt das. Weil ich ein Poser bin. Weil ich das Spiel beherrsche. Weil ich die Codes kenne. Ich bin durch damit. Ich bin in mir, und da ist Himmel Hölle, und Hölle ist Himmel. Aber lieber bin ich Herrscher meiner Hölle, als Diener eures Himmels.

Montag, 5. Dezember 2011

Martin Luther war Jamaikaner - Das Opferritual 16


Über mir höre ich Trommeln und einen elektrischen Bass, Flaschen, die umfallen, Gelächter, dumpfe Hip-Hop-Beats aus einer Anlage. Früher, als ich noch hier wohnte und nicht mit Handschellen an einen Heizkörper gefesselt war, bin ich manchmal hoch zu Martin Luther, meistens so gegen vier oder fünf Uhr morgens, und habe ihn gebeten, endlich Ruhe zu geben. Luther war Jamaikaner, und er lebte auf seinen dreißig Quadratmetern angeblich allein. Aber es verging kein Abend, an dem nicht mindestens zehn andere Jamaikaner, ein paar Russinnen und ein paar hessische Ragga-Groupies bei ihm abhingen, soffen, kifften und Disco machten. Manchmal musste ich einfach intervenieren, wegen den Nerven, weil ich es mit den Nerven hatte, was Martin Luther völlig cool ließ. „Komm rein.“, meinte er nur, aber ich wollte nicht rein; ich wollte schlafen. Zwischen sechs und zehn Uhr morgens endeten die Veranstaltungen meistens mit Gebrüll und Handgemenge. Luther hatte den Rest des Tages rot unterlaufene Augen, manchmal ein Veilchen, und nachmittags stand er dann vor meiner Tür, weil er Kaffee oder Brot oder sonst was wollte. Er war einen Kopf größer als ich, also mindestens ein Meter neunzig, wog aber höchstens sechzig Kilo. Trotzdem fürchtete ich mich vor ihm. Er hatte Geheimwaffen, davon war ich überzeugt. 
Ich hänge an dieser scheiß Heizung fest und über mir, das kann unmöglich Martin Luther sein. Ist über ein Jahrzehnt her. Der muss tot, oder auf Jamaika, oder mit einem der Rasta-Groupies verheiratet im Reihenhaus in Wieseck sein. Selbst wenn ich eine Büroklammer hätte, ich würde das Schloss damit nie knacken können. Das Fenster kann ich nicht öffnen, ich komme nicht an den Griff. Ich will kein Aufsehen. In so einer Situation probierst du jede Option, auch die unwahrscheinlichste. Luther. „Luther, verdammte Scheiße! Mach, dass du runter kommst! Luther! Beweg endlich deinen dreckigen Niggerarsch hierher!“ (Fortsetzung folgt)

Sonntag, 4. Dezember 2011

Hörspiel - Heute - Der Jäger ist die Beute

Heute: 18.30 h
 Deutschlandradio Kultur

Der Jäger ist die Beute

War früher Boxer. Sind in die Schule gekommen, haben auf mich gezeigt und gesagt: Du wirst Boxer. Hab dann nur Betriebssportgruppe geboxt, zweimal die Woche. Die Spartakiadeanwärter alle zehn mal die Woche. Habe ich trotzdem alle umgehauen, bis auf einen, deshalb durfte ich nicht zur Spartakiade. Mit dreizehn zwingt mich mein Opa auf die Sportschule, bestehe den Eignungstest. Nur als sie in der Psychiatrischen Anstalt die Hirnströme messen, stimmt was nicht mit den Alphawellen, halten mich für behindert, aber dann stellt sich raus, das Gerät war kaputt. Also muss ich auf die Sportschule, ins Internat. Aus uns sollen Olympiasieger werden, und jeder macht da jeden fertig. Wirst verjackt und gecheckt, oder sie hängen dich an ´nem Besenstiel übern Balkon im vierten Stock, und du sollst Klimmzüge machen. Hat mir nicht geschadet. Einer ist spurlos verschwunden, der hat Trainingspläne an seinen Onkel im Westen geschickt. Ich hab Schleimer und Streber immer gehasst, die Typen, die, die Trainer mochten. Einer von denen war stärker als ich, aber ich habe ihn fertiggemacht, bei den Meisterschaften. Meine rechte Hand war gebrochen. Habe ihn mit der linken ausgeboxt. Gab auch ´nen Kampf, da hatte ich beide Hände gebrochen. Den habe ich verloren.

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Bist so schön, liebe dein Gesicht, deinen Körper, vor allem dein Gesicht. Frage mich manchmal, wie kann ein Gesicht so schön sein. Wie kann es sein, dass ich dein Gesicht sehen darf, und dann wird mir bewusst, alle anderen dürfen das auch. Das kann ich nicht verstehen, dass du mir ein Gesicht zeigst, dass du auch allen anderen zeigst. Du weißt, du bist für mich bestimmt. Dieses Gesicht ist nur für mich. Stelle mir vor, wie es wäre, also ich frage einen Freund, und er wird es tun. Er wird dir Säure ins Gesicht schütten, weißt du. Dann kann niemand mehr in dein Gesicht sehen. Kann das ja nicht selbst tun. Kann dein Gesicht nicht zerstören, weil ich dich ja liebe.

Samstag, 3. Dezember 2011

Der Jäger ist die Beute - 2. Vorschau

MORGEN - SONNTAG, 4. DEZEMEBER, 18.30  DEUTSCHLANDRADIO KULTUR

DER JÄGER IST DIE BEUTE

video

Mit: Nina Kronjäger, Jule Böwe, André Szymanski, Bruno Cathomas, Silke Buchholz, Daniel Krauss
Musik: Alexandra Holtsch
Sounddesign: Jochen Jezussek

Freitag, 2. Dezember 2011

Waffenexperten - Das Opferritual 15


„Gibst du jetzt Ruhe, Finn?“ Keine Ahnung, ob ich vergesse zu atmen, oder ob ich nicht mehr atmen kann. Wie auch immer, Jake raubt mir den Atem, und alles schwimmt in dieser Rotweinsoße. „Atme. Du musst atmen, Finn.“ Ich atme wieder. Er hält mich aber immer noch. Vielleicht halte ich mich auch an ihm fest. Meine Faust landet in seinem Magen. Ich robbe mich zur Futon-Matratze. Unterwegs fällt mir die Ceska-Pistole in die Hände. Die hatte ich ganz vergessen. Jake hält Abstand. Ich begreife nicht, was er von mir will. „Du willst mich ficken, Finn. Habe ich recht? Wenn nicht, hättest du mich längst erschießen können. Wenn nicht, hättest du mich längst erschießen müssen. Oder nicht? Ich hab ´nen Blick dafür.“ „Ach ja? Von der Straße, oder was? Von deiner Ausbildung. Gehörte zum Training. Ich sage dir was, Otto. Entschuldige. Ich sage dir was, Jake: Du willst nämlich mich ficken. Du hättest mir die Pistole längst abnehmen oder mich erwürgen können. Dir ist doch klar, dass ich von Waffen keine Ahnung habe.“ „Hast du also nicht, ja?“ „Wer weiß, Jake, wer weiß.“ „Ja, wer weiß das schon, Finn.“ Jake robbt hinter mir her, bewaffnet sich mit der letzten Flasche Rotwein. Landet neben mir auf dem Futon. Wir treiben auf offener See. Das Funkgerät ist ausgefallen. „Also, Finn, willst du nun ficken, oder was?“ Ich muss die Augen zu machen beim Trinken. „Ich würde das, was ich will, nicht unbedingt ficken nennen.“ „Okay, Finn.“ Ich finde überhaupt nichts okay. „Schätze mal, das Wertvollste an dir ist dein Schwanz.“ „Leck mich, Finn.“ Unser Rettungsboot schaukelt bedrohlich. „Wenn du niemandem davon erzählt hast, Jake, warum dann mir?“ „Du weißt warum.“ Mich hat seit Jahren niemand mehr berührt. Und so schon gar nicht. Wenn wir zusammen untergehen, dann wenigstens richtig.
Als ich aufwache, liegt Jake nicht mehr neben mir. Mein rechter Arm ist mit Handschellen an die Heizung gefesselt. Jakes Seesack ist verschwunden und die Pistole. Jake ist auch weg. (Fortsetzung folgt)

Donnerstag, 1. Dezember 2011

Braune Armee Fraktion - Das Opferritual 14


„Und? Bist du ein Arm der Tat, Jake?“ „War ich, ja. Erst ‚Kameradschaft’, dann ‚Heimatschutz’. Den habe ich mit aufgebaut. Das Geld kam vom BfV. Über 30.000 Euro. Für ein Verbindungsnetz, Infrastruktur, so was halt.“ „So was halt. Und jetzt halt nicht mehr.“ „So einfach ist es nicht, Finn.“ Ich sitze mit einem Arm der Tat in einer Wohnung, die ich zehn Jahre, nachdem ich ausgezogen bin, gekauft habe, um sie wieder genauso einzurichten wie damals. Allerdings hatte ich nie die Absicht, in dieser Wohnung auch nur eine Nacht zu verbringen. Es kam mir darauf an, die Möglichkeit zu haben. Wegen der Träume. Mehr nicht. Es gibt keine Träume mehr. Ich frage mich, warum der Arm der Tat noch immer aufrecht sitzen kann. Ich würde gern über den Arm der Tat herfallen, was eine Heldentat wäre. Oder einfach Lust. Weil ich die Kontrolle verliere. Weil eh schon alles verloren ist. Ich hatte es schon immer mehr mit Worten statt mit Taten. Jake macht die fünfte Flasche Rotwein auf, die Blüte an seinem Hals schließt sich. Ist mitten in der Nacht. Oder kurz vor Morgengrauen. Vielleicht träume ich doch. Ich träume von Jake. „Also nur, damit ich das richtig verstehe, Jake. Otto. Du bist Mr. Undercover für den Verfassungsschutz bei den Braunen, ja? Und kein Mensch vom Verfassungsschutz weiß das, außer den zwei Rekrutierungsoffizieren und dem Oberboss. Und als einer von der Braunen Armee Fraktion weißt du natürlich auch alles über deren Opferrituale. Du wusstest was da im Wald auf der Lichtung passieren würde. Und du wusstest, dass sie meinen Freund Attila exekutieren wollten. Ich meine, da war ein Otto-Freund in seinem Laden. Die Nappafresse. Und du hast nichts gemacht. Und der auch nicht. Der Scheiß-Verfassungsschutz guckt einfach zu, wenn die Braune Armee Fraktion auf Hinrichtungstour ist, richtig? Warum? Warum, Jake? Warum hat dich sowohl die Nappafresse, als auch diese Polizistin, diese Michèle, neulich ‚Otto’ gerufen, wenn kein Mensch weiß, dass du Otto bist? Weißt du, wer Attila war? Das war mein Freund, kapiert? Weißt du, was das ist, ein Freund?“ Mir gehen die Worte aus, also stürze ich mich auf ihn, aber er ist stärker, hockt über mir, drückt meine Hände über den Kopf auf den Boden. Keine Ahnung, ob das Tränen sind. „Ich konnte nichts machen, Finn. Ich bin aufgeflogen beim BfV. Weißt du was das heißt? Hast du eine Ahnung, was für Leute beim BfV arbeiten? Glaubst du, die Braunen haben ihre V-Leute nicht in Stellung gebracht? Die sorgen dafür, dass ich ... ich muss ... .“ „Was?“ „Nichts.“ Er lässt mich los. Ich will ihn schlagen. Er wehrt die Schläge ab, also versuche ich es mit einer Umklammerung, mit Ringen. Wir rollen über den Teppich, aber das hat nicht wirklich etwas mit Ringen zu tun. „Bist du mein Freund, Finn? Bist du?“ Ich kann mich nicht mehr rühren. „Sag schon, Finn? Ist doch komisch, oder? Du liest mich auf, nimmst mich mit in dein Haus, und ausgerechnet in dem Kaff findet ein Opferritual statt. Und du willst mich die ganze Zeit nicht loswerden, im Gegenteil. Und dann fährst du ausgerechnet nach Kassel, wo mich die Nappafresse, wie du sie nennst, ausgerechnet in Attilas Laden sieht, wo sie Attila ... Tut mir leid, um deinen Freund, Finn! War er wirklich dein Freund? Weil, ich kann mir das einfach nicht vorstellen, dass das alles nur Zufall sein soll. Also wer bist du, Finn? Wer? Wer hat dich auf mich angesetzt?“ Wie auch ich glaubt Jake nicht an Zufälle. Er liegt auf mir, sein Unterarm presst gegen meinen Kehlkopf, und ich bekomme keine Luft mehr. (Fortsetzung folgt)