Donnerstag, 10. November 2011

St.Petersburg Connection

Toni sagt, ich soll sofort nach St.Petersburg kommen; er braucht meine Hilfe. Es dauert, bis ich einen Flug bekomme und Toni am Rande einer der Vorstädte schließlich finde. Die Straßen sind zugeschneit, es ist weit unter null. Toni ist in einem Trailer untergekommen, nimmt mich mit Wodka in Empfang. Bei ihm sind zwei Nutten, eine halbverbrauchte Blonde und eine völlig verbrauchte Dunkelhaarige. Im einzigen Bett liegt Jefim, mit ihm macht Toni mich bekannt, mit den Nutten nicht. Jefim hat Fieber und ist höchstens sechzehn. Er hat sich unter einer geblümten Decke verkrochen. Toni stößt mit uns auf Jefims Geburtstag an, aber Jefim will davon nichts wissen. Ich wage nicht, Toni danach zu fragen, wie er hier landen konnte. Ich warte darauf, dass er die Nutten weg schickt, bin todmüde, aber Toni richtet unser Nachtlager her und schickt niemanden weg. Er legt sich mit der Blonden zu Jefim; ich soll mit der Dunklen auf Matten auf dem Boden schlafen, was nicht möglich ist, ohne sie zu berühren. In der Nacht spüre ich ihre nackten Unterschenkel auf meinem Gesicht, die muss sie sich vor ein paar Tagen rasiert haben, jedenfalls piekst mich ihr wabbliges Fleisch, und ich kann ihr nicht ausweichen und erst recht nicht schlafen. Am Morgen geht es Jefim noch schlechter. Ich schmeiße die Nutten aus dem Wohnwagen, wofür Toni kein Verständnis hat, und schließlich zieht er ohne ein weiteres Wort mit ihnen ab. Ich weiß immer noch nicht, warum er mich hierher gelotst hat. Ich treibe ein paar Suppenkonserven auf, schaffe es, den Gaskocher anzuzünden und flöße Jefim die heiße Flüssigkeit ein. Er fragt nach seinem Hund, glaube ich. Also renne ich den halben Tag zwischen den verwaisten Wohnsilos über die Eiswüste, bis ich irgendwo einen Hund finde, der sich von mir ködern lässt. Jefim freut sich. Offenbar ist es ihm egal, dass es nicht sein Hund ist, hauptsache ein Hund, der ihm die Füße wärmt, und dann bittet Jefim mich, mich neben ihn zu legen, und natürlich können wir weiter nichts tun, als einfach da zu liegen und uns gegenseitig zu wärmen, weil ich kein Russisch spreche und er nichts anderes. Dauernd denke ich: Gleich kommt Toni. Aber Toni kommt nicht. Stattdessen stehen zwei Uniformierte vor dem Trailer, verlangen Einlass, wollen meinen Ausweis sehen und durchsuchen alles. Jefim protestiert, ist aber noch viel zu schwach, um sich zu wehren. Ich fürchte, gleich finden sie Gras oder Pillen oder sonst was, und spätestens jetzt bereue ich es, wieder auf Toni reingefallen zu sein, aber sie finden nichts und ziehen mit wilden Drohgebärden wieder ab. Der Hund stinkt. Jefim will, dass ich mich wieder zu ihm lege, und ich denke an meine Mutter. Als sie damals das Gras und die Pillen gefunden hat, die Toni bei mir gebunkert hatte. Wir waren fünfzehn und meine Mutter fassungslos. Sie hat dafür gesorgt, dass Toni ins Heim kommt, obwohl ich alle Schuld auf mich genommen habe. Aber mir hat niemand geglaubt, und Toni hatte nie eine Mutter, die ihn beschützt, und seitdem denke ich, dass ich ihn beschützen muss, und deshalb bin ich auf einmal in Russland. In St. Petersburg. Und diesmal habe ich wirklich Angst.

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