Mittwoch, 30. November 2011

Fromms Truppen - Das Opferritual 13

„Ich bin ein Informant, Finn. V-Mann. Vertrauensmann. Bundesverfassungsschutz. Alles klar? Legst du die Pistole jetzt weg? Finn?“ Mir war nicht klar, dass ich die Pistole noch immer auf Otto richte. Oder Jake. „Bundesverfassungsschutz also, ja?“ „BfV, ja.“ „Klingt wichtig. Also so eine Verfassung ist echt schützenswert. Ich frage mich nur, ob unsere Verfassung bei einem wie dir gut aufgehoben ist. Und da sie ständig umgeschrieben wird, weißt du am Ende gar nicht mehr, was du da eigentlich schützt.“ Die Ceska, Modell 83, gleitet aus meiner Hand und landet neben der dritten Flasche Rotwein, die jetzt auch leer ist. Jake öffnet eine neue, gießt mir nach, gießt sich nach, und draußen auf der Grünbergerstraße verstummt der vierspurige Verkehr, in den Fenstern gegenüber werden die Lichter gelöscht. Kein Mond, der hier sein Aschelicht durchs Fenster streut. Unsere Adventskerze ist beinah runter gebrannt, aber Jake hat mehrere gekauft. Denkt er, wir sitzen am 4. Advent noch immer zusammen hier? „ Also schützt du die Verfassung jetzt gerade vor mir, oder was? Was ist dein Auftrag? Sag schon.“ „Mein Auftrag war, mir ein Parteibuch der NPD zu besorgen.“ „Der ...“ „Der Nationalsozialistischen Partei Deutschlands, Finn. Ja.“ So besoffen kann man gar nicht sein. Ich rase durch meinen Kopf, auf der Suche nach einem Delikt, das ich an irgendwelchen Rechten verübt habe, für das ich jetzt zur Verantwortung gezogen werde, aber leider fällt mir nichts ein. Ich habe nie irgendwas gemacht; dafür sollte ich mich schämen. Keine Ahnung, ob ich mich schäme. Ich bin noch nicht betrunken genug. „Du siehst nicht wie ein Nazi aus. Ich meine, du hast eine riesige Hippieblume auf deinen Hals tätowiert. Wie kann irgendwer glauben, dass du ein Nazi bist.“ „In welchem Jahrhundert lebst du, Finn?“ „Ja, klar. Deine Ottos vom BfV, die sind ja auf dich gekommen. Die mussten ja irgendwie auf dich kommen. Die haben gewusst, dass du ´ne Chance bei denen hast. Weil du einer von denen bist. Also bist du ´n Nazi. Ein Nazi-Bulle. Bringst du mich jetzt um, Arschloch?“ „Du hast die Pistole, Finn.“ „Ich habe die Pistole, Otto.“ Otto lässt sich davon nicht beeindrucken: „Ich war sechzehn, als sie mich rekrutiert haben. Mit sechzehn kannst du Parteimitglied werden. Bist du einmal drin, musst du beweisen, dass du’s wert bist, drin zu bleiben. Oder du machst dann so was wie ‚Heimatschutz’, oder ‚Blood and Honour’ oder so was. Das sind die Arme der Tat. Die Arme der Gewalt. Da ist besser, dass man dich nicht in die Partei zurückverfolgen kann. Weil die Partei offiziell keine Schutztruppen mobilisieren darf.“ „Wer hat dich mit sechzehn rekrutiert? Die Nazis?“ „Hörst du mir zu, Finn? Fromm und seine beiden Mittelsmänner. BfV. Geht das nicht in deinen Schädel rein?“ „Nein! Die rekrutieren doch keine Minderjährigen!“ „Die haben mir ´ne Stelle besorgt, Azubi im Schwarzen Bären, Hotelfach. Und ein Zimmer in einem christlichen Wohnheim. Dann bin ich in den richtigen Sportverein. Ist überall die Partei drin. Die brauchen so junge Leute, die sie aufbauen können. Ist Fromms Masche. Ihnen die Leute unterzumischen, die jung genug sind. Ist ja auch Jugendschutz, weil ich nur da war, um am Ende die Jugend zu schützen. So reden die vom BfV es dir ein. Und weil niemand was von dir weiß, weil du für die eigentlich gar nicht existiert, kann ihnen auch niemand was. So denken sie sich das. Darf nur nicht auffliegen. Darf eben keiner auffliegen.“ „Was soll der Scheiß mit Hotel, Wohnheim, Sportverein? Ich dachte du solltest auf die Straße.“ „Ja. Und?“ „Ja, und was, Jake? Mit sechzehn war doch irgendwer für dich verantwortlich, Eltern, Jugendamt, was weiß ich wer.“ „Wie gesagt, ich hatte keine Wahl.“ „Bullshit. Die hatten was gegen dich in der Hand. Was?“ „Lass gut sein, Finn.“ (Fortsetzung folgt)

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