Montag, 28. November 2011

Elefantenklo - Das Opferritual 11


Wir parken beim alten Friedhof. Bin schön länger nicht mehr hier gewesen. Immer wenn ich komme, habe ich ein mulmiges Gefühl im Magen. Wir laufen ein paar Schritte die Grünberger runter. Gießen. Ich habe die Wohnung gekauft, in der ich hier früher gelebt habe. 15 Jahre nachdem ich die Stadt mit einem Elefantenklo als Wahrzeichen verlassen hatte, träumte ich noch immer von der Wohnung, also bin ich zurück und habe sie gekauft. Bin seitdem kaum drin gewesen. ‚Save one for Gießen’ – das Motto der englischen Bomber im zweiten Krieg. Auf dem Heimflug noch eine für Gießen. Ich glaube nicht, dass ich abgedrückt hätte. Nicht in dieser Situation, in meinem scheiß Tor-des-Monats Auto, auf einem Parkplatz hinter dem Deutschen Hof. Jake wusste das. Ich halte ihm die Ceska an den Kopf, gebe ihm zwei Minuten um sich zu erklären, um zu klären, welcher Teil von ihm Otto und welcher Jake ist, und ihm ist klar, dass ich nicht abdrücke. Aber er respektiert meine Wut. Hat sich auf die Unterlippe gebissen und gebettelt. Hat gesagt, dass er's mir erklärt, sobald wir unbeschadet aus Kassel raus sind. Ich bin total beschädigt aus dieser Stadt raus, da hat Jake-Otto noch überhaupt nicht gelebt. Aber ich nehme ihm seine Angst ab. Und er mir meine. Habe die Ceska trotzdem in der Hand behalten. Habe ihm nur die Mündung nicht länger gegen die Schläfe gedrückt. Wäre aufgefallen im Verkehr. Seine Hände haben gezittert. Ich habe gegen Tränen angekämpft. Habe ihm die Richtung vorgegeben, und dann konnte ich nicht mehr sprechen und war froh, dass er auch nichts gesagt hat, trotz meiner Wut. Jetzt halte ich diese Scheißzeitung in der Hand, und vorne ist ein Bild von meinem Freund Attila drauf, auf dem er aussieht wie ein Verbrecher. Und darunter ein Kreuz, weil er tot ist. Weil er in meinem Rücken erschossen wurde. Wir wissen, dass es nicht sein Tsonga war. Wir wissen, es waren die Fahrradboys. Und die Nappafresse hat auch was damit zu tun, da bin ich sicher, und Jake-Otto kann sich sicher sein, dass ich die Ceska so lange nicht mehr aus der Hand lege, bis er mir erklärt hat, was. Dass ich doch noch abdrücke, wenn er es vergeigt.
Ich halte den Atem an, als ich die Wohnung betrete, denke: Du brichst ein – was, wenn einer da ist? Kann mich einfach nicht daran gewöhnen, dass die Träume aufgehört haben. Dass die Wohnung wieder mir gehört. Es gibt ein großes Zimmer, in der Küche kann nur einer stehen, im Bad ist kein Fenster. Jake-Otto meint, wir brauchen eine Kerze. Ich denke: für Attila. Frage mich, was ihn das angeht. „Ist der erste Advent, Finn.“ Wir besorgen einen Adventskranz, Kekse und ´ne Kiste Wein. „Leg los, Otto.“ Wir sitzen auf dem Boden vor dem Kranz mit der Kerze. Jake-Otto pult an seinen Fingernägeln rum, kann mich nicht angucken. Die Ceska liegt neben mir. Ich mache eine Flasche Roten auf, und dann erzählt er’s mir. (Fortsetzung folgt)

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