Donnerstag, 24. November 2011

Die Mitte der Gesellschaft - Das Opferritual 8


Jake fragt nach meinem Zuhause. Ich zeige ihm lieber, wo ich herkomme. Das Haus der Eltern habe ich verkauft, die Schwester ausgezahlt, sie zurück über die Berge zu ihrem Alpen-Lover geschickt. Ich quartiere uns im Deutschen Hof ein. Könnte auch eine Fernfahrerkneipe aus den 50-igern sein, im Grenzbereich von Zentrum und Nuttenperipherie. Kassel. Heimatstadt. Im Fernseher, bei der Fettel an der Rezeption, sagt ein blasser Blonder mit Nickelbrille: „Der Rechtsextremismus ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Da gibt es auch kein Zurück mehr.“ Dann sieht man Kinder auf Rutschen und Hüpfburgen, am Wurstgrill und im Wasser – ein Fest der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands. Weder Fahne, noch Uniform, noch Parteiembleme feiern mit. Inkognito inmitten der Gesellschaft. Wir sehen Bilder von Menschen aus Bad Kösen, die müssen aus den 70-igern – oder 80-igern stammen, sind aber von heute. Jake ist noch blasser als sonst, versteht nicht, warum wir hier sind. „Heimat“, sage ich. ‚Alles verloren’, sage ich nicht. Dass für mich alles vorbei ist. Dass das vielleicht auch was mit Heimat zu tun hat, nur dass die privat ist, niemanden etwas angeht. Aber das ist Vergangenheit, weil sie nicht mehr existiert, die Vergangenheit, die Heimat. Nur sich selbst wird man nicht los. Er kann nirgends mehr hin, sagt er. Ich kann überall hin. Diese Stadt hat mich irgendwann ausgespuckt, jetzt liegt sie einfach auf dem Weg, egal, wo der uns hinführt. Irgendwas braut sich zusammen. Ich bin schon mittendrin. Ich werde nicht ausweichen. Jake behauptet, das kleine Tattoo an seinem Handgelenk sei ein Herz. An wen er dabei denkt, wenn er sich mit einer in Tinte getauchten Zirkelspitze die Haut markiert, sagt er nicht. Wir treffen Attila, einen Türken aus Südanatolien, meine letzte Verbindung zum Herzen Nordhessens. Seine Familie hat ihn aus der Heimat vertrieben, als er sich zu seiner Homosexualität bekannte. Seitdem kann er nicht zurück, ist enterbt, entehrt. Seitdem hat er Stressekzeme in den Leisten. Aber Attila ist ein Bulle, ein Vieh von Mann, dem keiner was kann. War Türsteher, hat sein Abitur an der Abendschule gemacht, danach saß er in einem Plexiglaskasten in einer Spielothek, verteilte Kleingeld und Keile, wenn sie ausflippten vor den irrlichternden Suchtkästen. Wir sprechen nicht oft. Der Schmerz hat Attila zerfressen. Hat ihn kaputt gemacht, dass ihn die eigene Familie nicht will. Jetzt betreibt er ein Internetcafé  ganz in der Nähe vom Deutschen Hof. Lässt die Afrikaner, die hier auf Abschiebung warten, telefonieren und sauber machen. Attila hat ein bisschen Speck angesetzt, ist aber immer noch so stark wie früher. Jake begegnet ihm kühl. Habe ihn noch nie so nervös erlebt. Attila beäugt ihn skeptisch, wirkt abweisend. Sein Laden ist in einem guten Zustand, keine Ahnung, ob ihn das glücklich macht. Seitdem wir bei ihm sind, telefoniert ein Typ in brauner Nappalederjacke zwischen zwei Trennwänden. Wie im Knast, denke ich. Er hat eine Pickelfresse, wirft dauernd Blicke, flüstert. Jake kippt sich einen Flachmann Brandy in den Kaffee, den Attila uns serviert. Der Schwarze, der den Boden fegt, kommt aus Mozambique. Schätze, er ist Attilas Lover, was beide natürlich nie zugeben würden. Irgendwas läuft zwischen der Pickelfresse und Jake. Vielleicht haben sie uns doch verfolgt. Vielleicht ist Jake doch nicht Jake, sondern Otto, und Otto ist der – keine Ahnung, wer Otto ist. Was in diesem Land eigentlich los ist. (Fortsetzung folgt)

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