Freitag, 25. November 2011

Deutscher Hof - Das Opferritual 9

Attila schiebt mich in sein Hinterzimmer, schließt die Tür. „Woher kennst du ihn, Finn?“ „Jake? Habe ihn an einer Raststätte aufgegabelt. Wieso?“ Attila grinst. „Immer noch die alten Rituale, ja?“ Er denkt, es gibt Dinge, an die zu erinnern sich lohnt. „Er ist okay, glaube ich.“ Früher hielt sich Attila für meinen großen Bruder. Und plötzlich waren wir seelenverwandt, meinte er. Sprach ausschließlich darüber, wie er sich fühlte, seelisch und physisch, und schon ein einfaches Jucken bedrohte sein Leben. Er kannte jeden Arzt der Stadt, und ich war der einzige, der das abgekriegt hat, weil Attila vor allen anderen dicke Eier demonstrieren musste. Obwohl er keiner von den Türken mit O-Beinen war, die so laufen, als hätten sie sich in die Hose geschissen. Aber sie laufen so, weil sie einen Glauben machen wollen, dass ihre Eier so dick sind, dass sie zwischen ihren Oberschenkeln kaum Platz haben. Ich frage Attila nicht nach seinem Tsonga, weil die viertel Stunde, die ich ihn mag, bevor er mir dann auf die Eier geht, längst vorbei ist. „Willst du schon los? Ich koche was für euch heute Abend.“ „Danke, aber wir müssen weiter, Attila.“ Im Laden steht Jake bei der Nappafresse. Kommt auf mich zu, als hätte ich ihn ertappt. „Wir müssen hier raus, Finn.“ „Ja, schon klar. Ich bin gerade dabei, mich zu verabschieden.“ „Sofort!“ Jake packt mich am Arm, zieht mich zur Tür, dann ruft er: „He, Attila! An deiner Stelle würde ich den Laden schließen und mich für ´ne Weile unsichtbar machen.“ Die Nappafresse springt auf: „Bist du irre, Otto?“ Wir sind schon fast draußen. Zwei Typen auf Fahrrädern halten vor dem Laden. Jake hat sein Basecap plötzlich so tief ins Gesicht geschoben, dass er nichts mehr sehen kann. Nicht mehr gesehen werden kann. Ich sehe noch, wie die Fahrradtypen in Attilas Shop rein gehen. Der eine hat eine Plastiktüte in der Hand, so als würde er etwas halten, das von der Plastiktüte verhüllt wird. Ich habe keine Ahnung, warum ich mich beeilen soll, reiße mich von Jake los, und dann – dann bin ich plötzlich in einem Raum ohne Atmosphäre. Stell dir vor, du hörst nichts mehr. Egal, wo du bist – im Wald, auf der Straße, in einem Puff, in deiner Küche, im Stadion – da ist einfach kein Raum mehr zu hören. Aber es stimmt nicht. Du hörst etwas. Ein einzelnes Geräusch. Alles fixiert sich auf diesen einen Sound, um den herum kein Raum mehr existiert. Um den herum die absolute Stille herrscht. Und dann verhallt das Einzige, das du hören konntest, allmählich. Und dann denkst du einen Moment lang, du bist taub, weil da nichts ist, gar nichts mehr. Du hast keine Ahnung, wie lange dieser Moment andauert, denn es gibt keine Zeit dafür. Schon öffnet sich der Raum wieder. Erst kaum merklich, dann immer weiter, bis alles wieder so ist, wie es vorher war – der Wald, die Straße, der Puff, die Küche, das Stadion. Und dann versuchst du dich zu erinnern. Was war das, das du gehört hast, als da sonst nichts war? Und du weißt, es war ein Schuss. Auch wenn du vielleicht nie zuvor einen Schuss gehört hast, bist du dir doch sicher, dass du ihn jetzt gehört hast. Und auch wenn es nur ein Ploppen war, weil der Schall gedämpft wurde, dann erkennst du dieses Ploppen als genau das, was es war: ein Schuss. Jake schubst mich in den Deutschen Hof rein, pflanzt mich in einen der modrigen Plastiksessel, wirft seine Jacke auf meinen Schoß, will unsere Sachen aus dem Zimmer holen. Ich fühle sie auf meinem Schoß. Ich gehe mit Jake über den verwaisten Parkplatz zum Auto. Er setzt sich hinters Steuer. Ich sitze neben ihm. Er will den Motor starten. Ich halte ihm die Ceska an den Kopf. „Okay, Otto. Du hast zwei Minuten.“ (Fortsetzung folgt)

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