Dienstag, 29. November 2011

Deckname Otto - Das Opferritual 12


„Sie haben mich auf der Straße rekrutiert. Ich habe mich da rumgetrieben. Also auf der Straße, ich war irgendwie auffällig, okay? Genauer geht’s nicht.“ „Doch.“ „Die suchen nach Leuten, von denen sie glauben, die haben nichts. Also nichts, das sie bindet. Die gar nichts mehr haben. Ich sah so aus für die, okay? Jedenfalls sprechen mich zwei von ihnen an und fragen, ob ich nicht von der Straße weg will. Die meinten, ich könne für sie arbeiten, das wäre doch ein Anfang. Da hätten wir beide was von. Und natürlich wollten sie nicht, dass ich weg von der Straße komme. Für die war es wichtig, dass ich mich da auskenne. „Was soll dauernd diese Scheiße mit der Straße? Was heißt das denn?“ Jake trinkt Rotwein wie Limonade. Ich auch. „Finn, ich rede, du hörst zu. Mehr ist nicht drin.“ Wir gucken beide auf die Ceska-Pistole, die neben mir liegt. „Die brauchten einen, der sie mit Informationen versorgt. Einen, der sich überall Zugang verschaffen kann. Jemanden, der sich in bestimmten Kreisen etabliert und sich da Vertrauen verdient. Die Beiden haben ... sie waren sehr überzeugend. Und sie waren die Einzigen, die ich von dem Verein zu sehen bekommen habe. “Welcher Verein?“ „Finn ...“ „Tschuldigung.“ „Das Ganze war offiziell, aber dann eben doch nicht. Niemand durfte von mir wissen. Also gab es die zwei Kontaktmänner und den Oberboss, und das war’s. Mir war klar, dass das ein Haufen Scheiße war, aber ich hatte keine Wahl. Ich hatte keine Wahl.“ Ich sage nichts. Ohne die Betäubung durch den Rotwein würde ich Amok laufen. „Das ist nicht einfach für mich, Finn. Ich habe noch nie darüber gesprochen.“ „Ich habe Zeit.“ „ Und ich weiß nicht, ob ich dir trauen kann.“ „Nicht mein Problem.“ „Manchmal ist es besser, nichts zu wissen.“ „Manchmal, ja. Diesmal nicht.“ Auf Jakes T-Shirt ist eine Frau, die sich von einem Mann fotografieren lässt, wobei sie nur glücklich aussieht, weil sie für das Bild posiert. Jake beugt sich über die Kerze, verschränkt die Arme vor der Brust, schaukelt zurück, und vielleicht hat er recht; vielleicht will ich nicht mehr wissen. Vielleicht schmeiße ich ihn raus und vergesse, dass ich ihm je begegnet bin. Im Vergessen bin ich gut. Nur dass ich Jake, oder Otto, oder wer immer er ist, nicht vergessen will. „Sie haben mich Otto getauft. War mein Deckname. Ist so üblich bei Vertrauensleuten.“ „ Du bist ´n Bulle!“ „Bin ich nicht.“ „Du bist ein Bulle, der zuguckt, wie man Türken abschießt.“ „Finn ... .“ „Was?“ „Leg die Pistole weg. Bitte.“ (Fortsetzung folgt)

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