Samstag, 19. November 2011

Das Opferritual 4


Die andere Frau nimmt den Opfern die Augenbinden ab. Ich kann die Gesichter nicht auseinanderhalten, auch nicht mit dem Night-Scout. Einer der Bomber hält plötzlich eine Armbrust in der Hand. Alle postieren sich vor dem Feuer. Der mit der Armbrust legt an, zielt – und trifft eine der Flaschen auf dem Tresen. Er reicht die Waffe weiter; jeder darf sich probieren, und bei jedem Schuss fürchten die an den Pfählen, dass er ihnen gilt. Ich kann mich auf meinem Hochsitz nicht rühren. Vielleicht ist es Schockstarre. Oder die Kälte. ‚Lauf! Hol Hilfe!’ – rede ich mir ein, aber bewege mich nicht. Mit der Armbrust haben sie sich nur eingeschossen. Zeitgleich greifen die elf Schützen in ihre Jacken oder Mäntel, halten etwas Glänzendes in ihren Händen, das ich nicht erkennen kann. Die Opfer reißen die Augen auf, schreien gegen ihre Knebel an, umsonst. Die elf holen aus und schleudern etwas aus ihren Händen heraus. Ein hohes, vervielfältigtes Pfeifen und Sirren erfüllt den nachtstillen Wald. Die Opfer schlagen mit ihren Armen verzweifelt um sich, als wollten sie etwas abwehren, und das, was sie abzuwehren versuchen, sind sternförmige Wurfgeschosse, die ich jetzt, da sie in Körper eingedrungen sind, plötzlich erkennen kann. Einem der Türken oder Kurden steckt ein Stern mitten in der Stirn. Blut läuft in seine toten Augen; doch so, wie er festgebunden ist, kann er nicht umfallen. Eine Griechin starrt auf ihren Bauch, in dem vier Sterne ein Kreuz bilden. Ein anderer hat zwei Sterne im rechten, einen im linken Arm – ein guter Fänger, aber da ist wieder das Pfeifen und Sirren, und wieder fliegen Sterne, und dann ein Knacken von morschem Holz, aber das ist direkt unter mir. Der Boden des Hochsitzes gibt nach, wie in Zeitlupe brechen die Bohlen, und ich krache bäuchlings auf den Acker. Keine Ahnung, ob ich schreie. Ob ich geschrien habe. Geduckt liege ich in der sandigen Erde, warte. Adrenalin jagt durchs Blut und vermindert mein Schmerzempfinden. Sie haben es gehört. Die Wanne wird gewendet; die Scheinwerfer leuchten in meine Richtung. Dann höre ich Rufe, höre, wie welche auf mich zukommen. Denke an Hunde. Da waren keine Hunde, denke ich. Renne los, in der Hoffnung, dass sie mich nicht sehen. Das Trommeln und Schlagen, Sirren und Pfeifen hat aufgehört. Ich erreiche das Dorf, vor jedem Fenster heruntergelassene Jalousien, wage noch immer nicht, mich umzudrehen. Aber als ich aufs Haus zulaufe, kommt plötzlich ein Wagen auf mich zugeschossen. Ich kann nicht mehr ausweichen, erstarre. Wie von Zauberhand stoppt der Wagen. Ich spüre die Stoßstange an meinen Schienbeinen. Die Windschutzscheibe reflektiert das Licht der Gaslaternen. Ich kann nicht sehen, wer in dem Wagen sitzt. Will fliehen, der Schäferhund im Zwinger schlägt an, die Beifahrertür öffnet sich – „Steig ein!“ Jake. Mit einem Sprung sitze ich neben ihm. Er wendet, rast los, zieht eine Staubwolke hinter sich her. Endlich wage ich, mich umzublicken. Niemand verfolgt uns. Noch nicht. Jake zündet sich eine Kippe an. Mir rinnt der Schweiß. Allmählich beruhigt sich mein Atem. Immer wieder gucken wir beide in den Rückspiegel, aber da ist nichts. Jake reicht mir seine Zigarette. Als ich sie nehme, fällt mein Blick zum Schalthebel. Auf der Schaltmanschette liegt eine Pistole. Jake bemerkt meinen Blick, nimmt die Pistole, steckt sie in die linke Innentasche seiner Jacke, folgt der Landstraße, bis endlich ein Schild den Weg raus, zur Autobahn weist. (Fortsetzung folgt)

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