Freitag, 18. November 2011

Das Opferritual 3


Die Blume auf Jakes Hals leuchtet in der Morgensonne. Ohne ihn zu wecken, schleiche ich raus, mache mich auf den Weg zur Lichtung. Alles scheint unverändert – der Scheiterhaufen, die Pfähle mit Plastik abgedeckt. Nur neben einem der Pfähle ist gefrorene Kotze und hinter dem thekenartigen Brett sind Reifenspuren. Über den Feldern schwebt eine Nebeldecke; der Schäferhund vom Nachbar liegt angekettet vor seinem Zwinger und nimmt keine Notiz von mir. Am See hört man Enten und Frösche, aber sieht sie nicht. Keine Ahnung, ob die Menschen hier morgens das Haus verlassen, um zur Arbeit zu fahren, jedenfalls ist auch nirgends ein Mensch zu sehen. Jake sitzt am Küchentisch, beäugt mich misstrauisch. „Du warst bei der Lichtung, Finn.“ Es ist das erste Mal, dass er meinen Namen sagt. „Es hat sich da nichts verändert.“ – mein Ton klingt nach Verteidigung; das wundert mich. „Sie haben nur geübt, Finn.“ Ich warte darauf, dass er endlich ausspuckt, was er weiß, aber umsonst. „Wenn du weiter willst, ich kann dich zu einem Bahnhof bringen. Ich zahle auch das Ticket, wenn du kein Geld hast.“ Erst jetzt entdecke ich die kleine Narbe unter seinen Lippen, über dem Grübchen am Kinn. Er rutscht nervös auf seinem Stuhl hin und her: „Das heißt, du bleibst hier.“ „Ja.“ „Okay.“
Keine Ahnung, was ihn umtreibt, warum er bei mir bleibt. Wie gesagt, ich glaube nicht an Zufälle. Er ist vielleicht zwanzig, einundzwanzig, hat wahrscheinlich vor ewig Zeiten die Schule geschmissen, schnorrt sich durch, geht anschaffen, was weiß ich. Vielleicht war er Matrose oder Soldat. Irgendwann ist ihm was passiert, das alles verändert hat. Dann trennst du dich ab vom Leben, wie es dich kennt. Dann kennst du niemanden mehr, wirst ganz ruhig, weil alles ausgelöscht ist, denkst du. Dann kennst du keine Furcht mehr, weil es nichts mehr zu verteidigen gibt, nichts, das sich noch zu erobern lohnt. Und da ist der Haken – Jake fürchtet sich. Und er verträgt keinen Gin. Um zehn ist er so besoffen, dass er den Wald nicht hört und auf dem Sofa vor dem Kamin einschläft. Ich lege eine Decke über ihn, mache die Lichter aus und breche auf. Ich gehe am Feld entlang, schlage so einen Bogen um die Lichtung und steuere den Hochsitz an, den ich heute morgen entdeckt habe. Weit genug weg, um sicher zu sein, nah genug, um was zu sehen, falls es etwas zu sehen gibt. Zur Not habe ich mein Night Scout-Fernglas dabei. Es dauert zwei Stunden bis sie kommen. Zuerst ein Jeep mit fünf Männern, alle in schwarzen Bomber-Jacken, darunter weiße Hemden. Enge Jeans-Hosen, Stiefel oder Chucks. Sie pflanzen tatsächlich Bier- und Wodkaflaschen auf das Brett. Nehmen die Folie von den Pfählen, dem Scheiterhaufen. Eine Wanne fährt vor, nur dass es keine Bullenwanne mehr ist. Camouflageanstrich. Drei Frauen vorne im Fahrerhaus. Schwarze Mäntel, rote Stiefel. Eine öffnet hinten die Tür, ein weiterer Kerl springt raus, dann werden drei Männer und zwei Frauen, die Hände auf den Rücken gefesselt, mit verbundenen Augen und Gaffa auf dem Mund, rausgestoßen. Zwei weitere Bomber mit Knüppeln kommen hinterher gesprungen. Die Scheinwerfer der Wanne beleuchten den Halbkreis. Die Opfer werden vor jeweils einen der Pfähle gestellt, die Beine an die Holzpflöcke gefesselt, so dass sie nicht umkippen können. Dann werden ihre Hände befreit. Scheint sich um Mitbürger zu handeln, Griechen, Türken, Kurden vielleicht. Die Türen vom Jeep stehen offen, die Car-Hi-Fi-Anlage wird aufgedreht – das dumpfe Dröhnen, die Trommelschläge der letzten Nacht kommen vom Band. Die Männer und Frauen saufen und grölen – der Chor. Keine Parolen, kein Lied, eher Anfeuerungsrufe, wie beim Hahnenkampf. Plötzlich verstummen sie. Alles wirkt völlig systemlos und trotzdem total geordnet. Eine der Frauen entfacht unter dem Jubel der anderen den Scheiterhaufen. Eins der Opfer muss sich übergeben. (Fortsetzung folgt)

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