Donnerstag, 17. November 2011

Das Opferritual 2

Der Schäferhund vom Nachbargrundstück bellt, als wir das Haus erreichen. Unsere Klamotten sind nass und verdreckt vom Schlamm. Jake duscht oben im Bad, in dem es auch eine Badewanne gibt. Ich begnüge mich mit der Dusche unten, neben der Küche, dann gehe ich nach oben in mein Schlafzimmer mit Doppelbett. Jake steht in der Tür, hält ein kleines Handtuch um die Hüften. Auf seinem rechten Oberschenkel und am rechten Unterarm sind Narben von Schnitten. Als wäre einer immer wieder mit einer Rasierklinge über die weiße Haut gefahren, vielleicht er selbst. Ich gebe ihm eine Hose von mir; er nickt und schließt die Tür hinter sich. Wieder unten, mache ich uns einen Tee, fülle zwei Wassergläser mit Whiskey. Jake fragt, warum ich ein so großes Haus für mich allein gemietet habe. „Gewohnheit aus einem anderen Leben.“ – das sage ich nicht. Sein Blick bedeutet mir, dass er versteht, wenn ich nicht darüber sprechen will. Es ist besser, keine Fragen zu stellen. Mit dem zufrieden zu sein, was ein anderer von sich aus bereit ist, zu erzählen. „Ich kann dich von hier wegbringen, wen du willst.“ Er sieht mich mit seinen unfassbar traurigen, grünen Augen an. „Nein, es wird eh schon dunkel.“ Ich wusste nicht, dass einer mit schwarzen Haaren so grüne Augen haben kann. Ich mache uns was zu essen; Jake hilft mir. Offenbar kann er mit Messern umgehen. Wir rauchen auf der Veranda und starren auf den Mond, der über den See wandert. „Ganz schön hell.“, meint Jake. „Ja. Sieht aus wie ein Loch im Himmel, wenn er voll ist.“ „Er ist noch nicht voll. Erst morgen.“ Keine Ahnung, woran er es erkennt. „Ich habe noch nie einen so gleißenden Mond gesehen.“, sagt er und schnippt seine Kippe ins Gras. Wir haben fast die ganze Flasche Whiskey geleert. Jake vergewissert sich, dass alle Türen verschlossen sind. Ich liege in meinem Bett, das Mondlicht fällt durchs Fenster in der Dachschräge. So ein Licht kenne ich nur aus Filmen. Wie Asche. Zuerst nehme ich die dumpfen Schläge kaum wahr. Dann werden sie lauter, und ich erkenne einen Rhythmus. Scheint, als kämen die Geräusche aus dem Wald. Dann schwellen sie wieder ab. Stille. Und wieder. Erst kaum wahrnehmbar, dann immer lauter und klarer, wie Paukenschläge. Plötzlich höre ich das Klopfen ganz nah und leise. „Ich schlafe bei dir, wenn du nichts dagegen hast.“ Jake. Er hat seine Decke mitgebracht, wartet meine Antwort nicht ab. Ich rücke gegen die Wand; wir lauschen beide. Ich meine Stimmen zu hören, einen Chor. Schreie. „Jake?“ „Hm?“ „Du weißt, was das ist, oder?“ Jake rührt sich nicht. „Klingt, als würde jemand ein Wildschwein mit einem Fischmesser erstechen.“ „Du musst es ja wissen.“, sagt er. Wir schlafen beide nicht. (Fortsetzung folgt)

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