Mittwoch, 16. November 2011

Das Opferritual 1

Er heißt Jake und hat eine riesige orange-violette Blume auf den Hals tätowiert. Steht an der Ausfahrt eines Rasthofes, und ich halte an. Den Wagen fahre ich erst seit ein paar Tagen, habe ihn bei der Wahl zum Tor des Monats gewonnen. Erst wollte ich ihn verkaufen, aber dann hatte ich plötzlich wieder Lust aufs Fahren. Das letzte Mal, als ich hinter einem Steuer saß, gab es weder Navigationssysteme noch Einparkhilfen. Fahren verlernt man eben nie, also bin ich los. Früher war es Gewohnheit, bei den Raststätten raus, gucken, ob einer steht. Irgendwann standen sie nicht mehr. Irgendwann hatte ich keinen Wagen mehr. Genauso wenig wie eine Wohnung, einen Job, oder – ich habe das abgehakt. Ist lange her. Jake fragt, ob er rauchen darf. Er sieht traurig aus , oder einfach nur bedröhnt. Der Schirm seines Basecaps ist nicht gewölbt, sondern flach, und das Cap wirkt viel zu groß auf Jakes Kopf. Wir rauchen zum Fenster raus, sein Seesack liegt auf der Rückbank. Ich frage, wo er hin will. Kein Ziel. „Und du?“, fragt er. Ich glaube nicht an Zufälle.
Das Haus am See habe ich im Netz gefunden. Innen das Musterbeispiel eines Möbelhausprospekts, außen ein anderes Jahrtausend. Eine kniehohe Steinmauer zieht sich weit ums Dorf, mehr Grenzmarkierung als Schutzwall. Jake wundert sich über die vier Schlafzimmer im Obergeschoss, wählt eins mit Einzelbetten am Ende des Flurs. Ich schlage vor, einen Spaziergang zu machen. Als der eigentliche Weg aufhört, teilt sich der Wald wie ein Meer. An einzelnen Stellen fällt ein Sonnenvorhang durch die Kronen. Tannen stehen Spalier. Unter uns ein Teppich aus phosphoreszierendem Moos, rechts und links wächst das Unterholz zu einem undurchdringlichem Dunkel zusammen. Schließlich ein Feld, drei Rehe darauf, die Sonne milchig im Blue-ray-Himmel. Jake läuft mit den Händen vergraben in den Taschen seiner Baggy-Pants, die Kapuze seines Hoodies über das Cap gezogen. Den Rückweg will er abkürzen, wir ändern die Richtung, meinen schon die Häuser des Dorfes wiederzuerkennen. Hohe Kiefern ragen in den Himmel, dazwischen Dornengestrüpp und Gräser wie Schilf. Wir stoßen auf eine Lichtung. Jakes Gesicht wird weiß und seine Lippen, die er meistens zusammenkneift, zittern. Fünf hüfthohe Pfähle sind in einem Halbkreis auf der Lichtung im Boden versenkt. Dahinter ein langes, schmales Brett auf drei Beinen. Vor der offenen Seite des Kreises ein Scheiterhaufen, mit einer Plastikplane abgedeckt, so wie auch die Enden der Pfähle mit Folie geschützt sind. Jake erstarrt; ich frage, was ist, und er beginnt am ganzen Körper zu zittern, blickt wild um sich. Dann packt er mein Handgelenk und zieht mich von der Lichtung. Ich sehe nur das honiggelbe Licht im Blau zwischen den Kiefern, das mich glauben lässt, ich bin vielleicht in Frankreich, im Sommer, und nicht hier im Spätherbst im Norden, wo nachts schon der Boden gefriert, aber ich komme nicht dazu, Jake das zu sagen, ihn zu beruhigen, weil er plötzlich stehen bleibt, lauscht. Ich höre es auch. Jake zerrt mich in ein Gebüsch, drückt mich auf den Boden, kauert sich neben mich, aber das Motorengeheul verzieht sich wieder, ohne dass wir den Wagen zu sehen bekommen. (Fortsetzung folgt)

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