Mittwoch, 30. November 2011

Fromms Truppen - Das Opferritual 13

„Ich bin ein Informant, Finn. V-Mann. Vertrauensmann. Bundesverfassungsschutz. Alles klar? Legst du die Pistole jetzt weg? Finn?“ Mir war nicht klar, dass ich die Pistole noch immer auf Otto richte. Oder Jake. „Bundesverfassungsschutz also, ja?“ „BfV, ja.“ „Klingt wichtig. Also so eine Verfassung ist echt schützenswert. Ich frage mich nur, ob unsere Verfassung bei einem wie dir gut aufgehoben ist. Und da sie ständig umgeschrieben wird, weißt du am Ende gar nicht mehr, was du da eigentlich schützt.“ Die Ceska, Modell 83, gleitet aus meiner Hand und landet neben der dritten Flasche Rotwein, die jetzt auch leer ist. Jake öffnet eine neue, gießt mir nach, gießt sich nach, und draußen auf der Grünbergerstraße verstummt der vierspurige Verkehr, in den Fenstern gegenüber werden die Lichter gelöscht. Kein Mond, der hier sein Aschelicht durchs Fenster streut. Unsere Adventskerze ist beinah runter gebrannt, aber Jake hat mehrere gekauft. Denkt er, wir sitzen am 4. Advent noch immer zusammen hier? „ Also schützt du die Verfassung jetzt gerade vor mir, oder was? Was ist dein Auftrag? Sag schon.“ „Mein Auftrag war, mir ein Parteibuch der NPD zu besorgen.“ „Der ...“ „Der Nationalsozialistischen Partei Deutschlands, Finn. Ja.“ So besoffen kann man gar nicht sein. Ich rase durch meinen Kopf, auf der Suche nach einem Delikt, das ich an irgendwelchen Rechten verübt habe, für das ich jetzt zur Verantwortung gezogen werde, aber leider fällt mir nichts ein. Ich habe nie irgendwas gemacht; dafür sollte ich mich schämen. Keine Ahnung, ob ich mich schäme. Ich bin noch nicht betrunken genug. „Du siehst nicht wie ein Nazi aus. Ich meine, du hast eine riesige Hippieblume auf deinen Hals tätowiert. Wie kann irgendwer glauben, dass du ein Nazi bist.“ „In welchem Jahrhundert lebst du, Finn?“ „Ja, klar. Deine Ottos vom BfV, die sind ja auf dich gekommen. Die mussten ja irgendwie auf dich kommen. Die haben gewusst, dass du ´ne Chance bei denen hast. Weil du einer von denen bist. Also bist du ´n Nazi. Ein Nazi-Bulle. Bringst du mich jetzt um, Arschloch?“ „Du hast die Pistole, Finn.“ „Ich habe die Pistole, Otto.“ Otto lässt sich davon nicht beeindrucken: „Ich war sechzehn, als sie mich rekrutiert haben. Mit sechzehn kannst du Parteimitglied werden. Bist du einmal drin, musst du beweisen, dass du’s wert bist, drin zu bleiben. Oder du machst dann so was wie ‚Heimatschutz’, oder ‚Blood and Honour’ oder so was. Das sind die Arme der Tat. Die Arme der Gewalt. Da ist besser, dass man dich nicht in die Partei zurückverfolgen kann. Weil die Partei offiziell keine Schutztruppen mobilisieren darf.“ „Wer hat dich mit sechzehn rekrutiert? Die Nazis?“ „Hörst du mir zu, Finn? Fromm und seine beiden Mittelsmänner. BfV. Geht das nicht in deinen Schädel rein?“ „Nein! Die rekrutieren doch keine Minderjährigen!“ „Die haben mir ´ne Stelle besorgt, Azubi im Schwarzen Bären, Hotelfach. Und ein Zimmer in einem christlichen Wohnheim. Dann bin ich in den richtigen Sportverein. Ist überall die Partei drin. Die brauchen so junge Leute, die sie aufbauen können. Ist Fromms Masche. Ihnen die Leute unterzumischen, die jung genug sind. Ist ja auch Jugendschutz, weil ich nur da war, um am Ende die Jugend zu schützen. So reden die vom BfV es dir ein. Und weil niemand was von dir weiß, weil du für die eigentlich gar nicht existiert, kann ihnen auch niemand was. So denken sie sich das. Darf nur nicht auffliegen. Darf eben keiner auffliegen.“ „Was soll der Scheiß mit Hotel, Wohnheim, Sportverein? Ich dachte du solltest auf die Straße.“ „Ja. Und?“ „Ja, und was, Jake? Mit sechzehn war doch irgendwer für dich verantwortlich, Eltern, Jugendamt, was weiß ich wer.“ „Wie gesagt, ich hatte keine Wahl.“ „Bullshit. Die hatten was gegen dich in der Hand. Was?“ „Lass gut sein, Finn.“ (Fortsetzung folgt)

Dienstag, 29. November 2011

Deckname Otto - Das Opferritual 12


„Sie haben mich auf der Straße rekrutiert. Ich habe mich da rumgetrieben. Also auf der Straße, ich war irgendwie auffällig, okay? Genauer geht’s nicht.“ „Doch.“ „Die suchen nach Leuten, von denen sie glauben, die haben nichts. Also nichts, das sie bindet. Die gar nichts mehr haben. Ich sah so aus für die, okay? Jedenfalls sprechen mich zwei von ihnen an und fragen, ob ich nicht von der Straße weg will. Die meinten, ich könne für sie arbeiten, das wäre doch ein Anfang. Da hätten wir beide was von. Und natürlich wollten sie nicht, dass ich weg von der Straße komme. Für die war es wichtig, dass ich mich da auskenne. „Was soll dauernd diese Scheiße mit der Straße? Was heißt das denn?“ Jake trinkt Rotwein wie Limonade. Ich auch. „Finn, ich rede, du hörst zu. Mehr ist nicht drin.“ Wir gucken beide auf die Ceska-Pistole, die neben mir liegt. „Die brauchten einen, der sie mit Informationen versorgt. Einen, der sich überall Zugang verschaffen kann. Jemanden, der sich in bestimmten Kreisen etabliert und sich da Vertrauen verdient. Die Beiden haben ... sie waren sehr überzeugend. Und sie waren die Einzigen, die ich von dem Verein zu sehen bekommen habe. “Welcher Verein?“ „Finn ...“ „Tschuldigung.“ „Das Ganze war offiziell, aber dann eben doch nicht. Niemand durfte von mir wissen. Also gab es die zwei Kontaktmänner und den Oberboss, und das war’s. Mir war klar, dass das ein Haufen Scheiße war, aber ich hatte keine Wahl. Ich hatte keine Wahl.“ Ich sage nichts. Ohne die Betäubung durch den Rotwein würde ich Amok laufen. „Das ist nicht einfach für mich, Finn. Ich habe noch nie darüber gesprochen.“ „Ich habe Zeit.“ „ Und ich weiß nicht, ob ich dir trauen kann.“ „Nicht mein Problem.“ „Manchmal ist es besser, nichts zu wissen.“ „Manchmal, ja. Diesmal nicht.“ Auf Jakes T-Shirt ist eine Frau, die sich von einem Mann fotografieren lässt, wobei sie nur glücklich aussieht, weil sie für das Bild posiert. Jake beugt sich über die Kerze, verschränkt die Arme vor der Brust, schaukelt zurück, und vielleicht hat er recht; vielleicht will ich nicht mehr wissen. Vielleicht schmeiße ich ihn raus und vergesse, dass ich ihm je begegnet bin. Im Vergessen bin ich gut. Nur dass ich Jake, oder Otto, oder wer immer er ist, nicht vergessen will. „Sie haben mich Otto getauft. War mein Deckname. Ist so üblich bei Vertrauensleuten.“ „ Du bist ´n Bulle!“ „Bin ich nicht.“ „Du bist ein Bulle, der zuguckt, wie man Türken abschießt.“ „Finn ... .“ „Was?“ „Leg die Pistole weg. Bitte.“ (Fortsetzung folgt)

Montag, 28. November 2011

Elefantenklo - Das Opferritual 11


Wir parken beim alten Friedhof. Bin schön länger nicht mehr hier gewesen. Immer wenn ich komme, habe ich ein mulmiges Gefühl im Magen. Wir laufen ein paar Schritte die Grünberger runter. Gießen. Ich habe die Wohnung gekauft, in der ich hier früher gelebt habe. 15 Jahre nachdem ich die Stadt mit einem Elefantenklo als Wahrzeichen verlassen hatte, träumte ich noch immer von der Wohnung, also bin ich zurück und habe sie gekauft. Bin seitdem kaum drin gewesen. ‚Save one for Gießen’ – das Motto der englischen Bomber im zweiten Krieg. Auf dem Heimflug noch eine für Gießen. Ich glaube nicht, dass ich abgedrückt hätte. Nicht in dieser Situation, in meinem scheiß Tor-des-Monats Auto, auf einem Parkplatz hinter dem Deutschen Hof. Jake wusste das. Ich halte ihm die Ceska an den Kopf, gebe ihm zwei Minuten um sich zu erklären, um zu klären, welcher Teil von ihm Otto und welcher Jake ist, und ihm ist klar, dass ich nicht abdrücke. Aber er respektiert meine Wut. Hat sich auf die Unterlippe gebissen und gebettelt. Hat gesagt, dass er's mir erklärt, sobald wir unbeschadet aus Kassel raus sind. Ich bin total beschädigt aus dieser Stadt raus, da hat Jake-Otto noch überhaupt nicht gelebt. Aber ich nehme ihm seine Angst ab. Und er mir meine. Habe die Ceska trotzdem in der Hand behalten. Habe ihm nur die Mündung nicht länger gegen die Schläfe gedrückt. Wäre aufgefallen im Verkehr. Seine Hände haben gezittert. Ich habe gegen Tränen angekämpft. Habe ihm die Richtung vorgegeben, und dann konnte ich nicht mehr sprechen und war froh, dass er auch nichts gesagt hat, trotz meiner Wut. Jetzt halte ich diese Scheißzeitung in der Hand, und vorne ist ein Bild von meinem Freund Attila drauf, auf dem er aussieht wie ein Verbrecher. Und darunter ein Kreuz, weil er tot ist. Weil er in meinem Rücken erschossen wurde. Wir wissen, dass es nicht sein Tsonga war. Wir wissen, es waren die Fahrradboys. Und die Nappafresse hat auch was damit zu tun, da bin ich sicher, und Jake-Otto kann sich sicher sein, dass ich die Ceska so lange nicht mehr aus der Hand lege, bis er mir erklärt hat, was. Dass ich doch noch abdrücke, wenn er es vergeigt.
Ich halte den Atem an, als ich die Wohnung betrete, denke: Du brichst ein – was, wenn einer da ist? Kann mich einfach nicht daran gewöhnen, dass die Träume aufgehört haben. Dass die Wohnung wieder mir gehört. Es gibt ein großes Zimmer, in der Küche kann nur einer stehen, im Bad ist kein Fenster. Jake-Otto meint, wir brauchen eine Kerze. Ich denke: für Attila. Frage mich, was ihn das angeht. „Ist der erste Advent, Finn.“ Wir besorgen einen Adventskranz, Kekse und ´ne Kiste Wein. „Leg los, Otto.“ Wir sitzen auf dem Boden vor dem Kranz mit der Kerze. Jake-Otto pult an seinen Fingernägeln rum, kann mich nicht angucken. Die Ceska liegt neben mir. Ich mache eine Flasche Roten auf, und dann erzählt er’s mir. (Fortsetzung folgt)

Samstag, 26. November 2011

Döner-Mord - Das Opferritual 10

WIR GEBEN DEN OPFERN EIN GESICHT
(Attila G., 25.11.2011)
Wir trauern: 
Dr. Angela Merkel, Dr. Hans-Peter Friedrich, Holger Apfel, Peter Gauweiler, Guido Westerwelle, Deutsche Bank, Klaus Wowereit, Renate Künast, Klaus Ernst, Bild, Jörg Ziercke

(Fortsetzung folgt)

Freitag, 25. November 2011

Deutscher Hof - Das Opferritual 9

Attila schiebt mich in sein Hinterzimmer, schließt die Tür. „Woher kennst du ihn, Finn?“ „Jake? Habe ihn an einer Raststätte aufgegabelt. Wieso?“ Attila grinst. „Immer noch die alten Rituale, ja?“ Er denkt, es gibt Dinge, an die zu erinnern sich lohnt. „Er ist okay, glaube ich.“ Früher hielt sich Attila für meinen großen Bruder. Und plötzlich waren wir seelenverwandt, meinte er. Sprach ausschließlich darüber, wie er sich fühlte, seelisch und physisch, und schon ein einfaches Jucken bedrohte sein Leben. Er kannte jeden Arzt der Stadt, und ich war der einzige, der das abgekriegt hat, weil Attila vor allen anderen dicke Eier demonstrieren musste. Obwohl er keiner von den Türken mit O-Beinen war, die so laufen, als hätten sie sich in die Hose geschissen. Aber sie laufen so, weil sie einen Glauben machen wollen, dass ihre Eier so dick sind, dass sie zwischen ihren Oberschenkeln kaum Platz haben. Ich frage Attila nicht nach seinem Tsonga, weil die viertel Stunde, die ich ihn mag, bevor er mir dann auf die Eier geht, längst vorbei ist. „Willst du schon los? Ich koche was für euch heute Abend.“ „Danke, aber wir müssen weiter, Attila.“ Im Laden steht Jake bei der Nappafresse. Kommt auf mich zu, als hätte ich ihn ertappt. „Wir müssen hier raus, Finn.“ „Ja, schon klar. Ich bin gerade dabei, mich zu verabschieden.“ „Sofort!“ Jake packt mich am Arm, zieht mich zur Tür, dann ruft er: „He, Attila! An deiner Stelle würde ich den Laden schließen und mich für ´ne Weile unsichtbar machen.“ Die Nappafresse springt auf: „Bist du irre, Otto?“ Wir sind schon fast draußen. Zwei Typen auf Fahrrädern halten vor dem Laden. Jake hat sein Basecap plötzlich so tief ins Gesicht geschoben, dass er nichts mehr sehen kann. Nicht mehr gesehen werden kann. Ich sehe noch, wie die Fahrradtypen in Attilas Shop rein gehen. Der eine hat eine Plastiktüte in der Hand, so als würde er etwas halten, das von der Plastiktüte verhüllt wird. Ich habe keine Ahnung, warum ich mich beeilen soll, reiße mich von Jake los, und dann – dann bin ich plötzlich in einem Raum ohne Atmosphäre. Stell dir vor, du hörst nichts mehr. Egal, wo du bist – im Wald, auf der Straße, in einem Puff, in deiner Küche, im Stadion – da ist einfach kein Raum mehr zu hören. Aber es stimmt nicht. Du hörst etwas. Ein einzelnes Geräusch. Alles fixiert sich auf diesen einen Sound, um den herum kein Raum mehr existiert. Um den herum die absolute Stille herrscht. Und dann verhallt das Einzige, das du hören konntest, allmählich. Und dann denkst du einen Moment lang, du bist taub, weil da nichts ist, gar nichts mehr. Du hast keine Ahnung, wie lange dieser Moment andauert, denn es gibt keine Zeit dafür. Schon öffnet sich der Raum wieder. Erst kaum merklich, dann immer weiter, bis alles wieder so ist, wie es vorher war – der Wald, die Straße, der Puff, die Küche, das Stadion. Und dann versuchst du dich zu erinnern. Was war das, das du gehört hast, als da sonst nichts war? Und du weißt, es war ein Schuss. Auch wenn du vielleicht nie zuvor einen Schuss gehört hast, bist du dir doch sicher, dass du ihn jetzt gehört hast. Und auch wenn es nur ein Ploppen war, weil der Schall gedämpft wurde, dann erkennst du dieses Ploppen als genau das, was es war: ein Schuss. Jake schubst mich in den Deutschen Hof rein, pflanzt mich in einen der modrigen Plastiksessel, wirft seine Jacke auf meinen Schoß, will unsere Sachen aus dem Zimmer holen. Ich fühle sie auf meinem Schoß. Ich gehe mit Jake über den verwaisten Parkplatz zum Auto. Er setzt sich hinters Steuer. Ich sitze neben ihm. Er will den Motor starten. Ich halte ihm die Ceska an den Kopf. „Okay, Otto. Du hast zwei Minuten.“ (Fortsetzung folgt)

Donnerstag, 24. November 2011

Die Mitte der Gesellschaft - Das Opferritual 8


Jake fragt nach meinem Zuhause. Ich zeige ihm lieber, wo ich herkomme. Das Haus der Eltern habe ich verkauft, die Schwester ausgezahlt, sie zurück über die Berge zu ihrem Alpen-Lover geschickt. Ich quartiere uns im Deutschen Hof ein. Könnte auch eine Fernfahrerkneipe aus den 50-igern sein, im Grenzbereich von Zentrum und Nuttenperipherie. Kassel. Heimatstadt. Im Fernseher, bei der Fettel an der Rezeption, sagt ein blasser Blonder mit Nickelbrille: „Der Rechtsextremismus ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Da gibt es auch kein Zurück mehr.“ Dann sieht man Kinder auf Rutschen und Hüpfburgen, am Wurstgrill und im Wasser – ein Fest der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands. Weder Fahne, noch Uniform, noch Parteiembleme feiern mit. Inkognito inmitten der Gesellschaft. Wir sehen Bilder von Menschen aus Bad Kösen, die müssen aus den 70-igern – oder 80-igern stammen, sind aber von heute. Jake ist noch blasser als sonst, versteht nicht, warum wir hier sind. „Heimat“, sage ich. ‚Alles verloren’, sage ich nicht. Dass für mich alles vorbei ist. Dass das vielleicht auch was mit Heimat zu tun hat, nur dass die privat ist, niemanden etwas angeht. Aber das ist Vergangenheit, weil sie nicht mehr existiert, die Vergangenheit, die Heimat. Nur sich selbst wird man nicht los. Er kann nirgends mehr hin, sagt er. Ich kann überall hin. Diese Stadt hat mich irgendwann ausgespuckt, jetzt liegt sie einfach auf dem Weg, egal, wo der uns hinführt. Irgendwas braut sich zusammen. Ich bin schon mittendrin. Ich werde nicht ausweichen. Jake behauptet, das kleine Tattoo an seinem Handgelenk sei ein Herz. An wen er dabei denkt, wenn er sich mit einer in Tinte getauchten Zirkelspitze die Haut markiert, sagt er nicht. Wir treffen Attila, einen Türken aus Südanatolien, meine letzte Verbindung zum Herzen Nordhessens. Seine Familie hat ihn aus der Heimat vertrieben, als er sich zu seiner Homosexualität bekannte. Seitdem kann er nicht zurück, ist enterbt, entehrt. Seitdem hat er Stressekzeme in den Leisten. Aber Attila ist ein Bulle, ein Vieh von Mann, dem keiner was kann. War Türsteher, hat sein Abitur an der Abendschule gemacht, danach saß er in einem Plexiglaskasten in einer Spielothek, verteilte Kleingeld und Keile, wenn sie ausflippten vor den irrlichternden Suchtkästen. Wir sprechen nicht oft. Der Schmerz hat Attila zerfressen. Hat ihn kaputt gemacht, dass ihn die eigene Familie nicht will. Jetzt betreibt er ein Internetcafé  ganz in der Nähe vom Deutschen Hof. Lässt die Afrikaner, die hier auf Abschiebung warten, telefonieren und sauber machen. Attila hat ein bisschen Speck angesetzt, ist aber immer noch so stark wie früher. Jake begegnet ihm kühl. Habe ihn noch nie so nervös erlebt. Attila beäugt ihn skeptisch, wirkt abweisend. Sein Laden ist in einem guten Zustand, keine Ahnung, ob ihn das glücklich macht. Seitdem wir bei ihm sind, telefoniert ein Typ in brauner Nappalederjacke zwischen zwei Trennwänden. Wie im Knast, denke ich. Er hat eine Pickelfresse, wirft dauernd Blicke, flüstert. Jake kippt sich einen Flachmann Brandy in den Kaffee, den Attila uns serviert. Der Schwarze, der den Boden fegt, kommt aus Mozambique. Schätze, er ist Attilas Lover, was beide natürlich nie zugeben würden. Irgendwas läuft zwischen der Pickelfresse und Jake. Vielleicht haben sie uns doch verfolgt. Vielleicht ist Jake doch nicht Jake, sondern Otto, und Otto ist der – keine Ahnung, wer Otto ist. Was in diesem Land eigentlich los ist. (Fortsetzung folgt)

Mittwoch, 23. November 2011

Heimatschutz – Das Opferritual 7

Jake fragt mich nach Heimatschutz, und da ist seine Blume am Hals, lila und orange und grün, und am linken Handgelenk ein bisher unbeachtetes, kleines Tattoo: ein rundliches Dreieck. So was macht man sich im Knast oder beim Voodoo in Afrika. Für mich ist Heimatschutz die Bundeswehr, dachte ich, dass die uns schützt, egal wo sie das tut. Oder irgendwelche kommunalen Ökofetischisten. So was kann man sich auch unter Heimatschutz vorstellen. Aber zuerst musst du wissen, was dir Heimat überhaupt bedeutet. Dazu bin ich schon in der Schule befragt worden, während eines Klassenausflugs in die Rhön, da war ich vielleicht zwölf. Ein Kamerateam des regionalen Fernsehens war dabei, hat jeden befragt: „Was bedeutet Heimat für dich?“ Und später sitze ich mit den Eltern vorm Fernseher, und da sehen wir mich und hören mich sagen: „Heimat ist da, wo man zu Hause ist. Und für manche sind das die Berge, und für andere ist das woanders.“ Meine Mutter findet das toll, dass ich im Fernseher so schlaue Sachen sage. Der Vater nicht, weil er nie etwas toll findet. Beim Abendbrot sticht er mit der Gabel in meinen Arm, weil ich den Arm nicht gehoben habe beim Essen, und das ist auch Heimat: der Vater und seine Gabel in meinem Arm. Aber davon erzähle ich Jake nichts. „Wir müssen hier weg, Finn.“ Meint er die Heimat? Meint er, dass und hier der Schutz fehlt? Ist er überhaupt von hier? Wer nennt sein Kind hier Jake? Sein Vater könnte Soldat sein, und seine Mutter war eine von denen, die zu dem Amis in die Kasernen sind, als die Amis hier noch in den Kasernen waren. Ich kannte mal eine Türkin, die ist bis nach Rheinland-Pfalz gereist, um GI-Partys zu besuchen, was nichts anderes hieß, als mit GIs zu saufen und zu ficken. „Vielleicht willst du zurück nach Hause, Finn.“ Wo wollte ich hin, als ich mit meinem neuen Tor-des-Monats-Gewinner-Auto von zu Hause los bin? „Wo wohnst du, Finn?“ Ich dachte, wir stellen keine Fragen. Habe ich schon geantwortet, oder starre ich ihn auch weiterhin einfach nur an? Möglicherweise hat er mich hypnotisiert. Auch eine Art Heimatschutz. Der Bastard eines US-amerikanischen Infanteristen bringt dich nach Hause, damit du in deinen deutschen Wäldern nicht länger von japanischen Wurfsternen verfolgt werden kannst. „Finn?“ „Was?“ „Wo wohnst du?“ Warum bin ich seit Tagen mit einem unterwegs, der mit einer Ceska-Pistole unterm Kopfkissen schläft? Ich dachte, das hätte ich hinter mir. Heimatschutz. Es wird Zeit, dass ich in Erfahrung bringe, was sich in Jakes Seesack befindet. „Und du, Jake?“ Er sieht mich an, und so lange er mich so ansieht, wird das nie was. Wegen ihm verliere ich meine Immunität. „Ich kann nirgends mehr hin.“, sagt er und zieht sich an. Vielleicht ist es ja Heimatschutz, wenn ich ihn beschütze. Vielleicht ist das sein Trick. Schleicht sich bei mir ein, spielt mal den Beschützer, mal den Schutzlosen, und am Ende wache ich mit einem Loch im Kopf auf, er ist weg, und niemand glaubt mir, dass er jemals da war. Ich lasse Jake den Wagen aus der Tiefgarage holen, zahle die Hotelrechnung. Wenn er sich verdünnisiert, weiß ich wenigstens, woran ich bin. Vor dem Hotel steht ein Polizeiwagen. Hinter dem Polizeiwagen steht mein Auto. Vor dem Polizeiwagen steht Jake mit einer Polizistin. Er redet auf sie ein, oder sie auf ihn. Als er mich sieht, sehe ich Angst. Im Polizeiwagen sitzt ein Polizist, der Döner isst. „Vergiss es, Michèle!“ Jake. Die Polizistin ist entgeistert. Ihre linke Hand tätschelt einen Schlagstock. „Steig ein, Finn!“ Ich steige ein. Jake kommt. „Otto!“, ruft Michèle Jake hinterher. Jake klemmt sich hinters Steuer. Oder Otto? (Fortsetzung folgt)

Dienstag, 22. November 2011

Das verlorene Paradies - 1. Vorschau

Das verlorene Paradies

Von Tim Staffel

WDR 3 - 17.12.2011 - 15.05 Uhr
Wildnis; Rechte: WDR/Fehlauer
Bild vergrößern
Paradise always lost
Halim hat alles verloren - seine Familie, sein Zuhause, seinen Job. Um zu überleben geht er anschaffen, bis er entscheidet, dass Überleben kein Leben ist. Nur mit John Miltons Buch „Paradise Lost“ im Gepäck geht er auf Wanderschaft; er will herausfinden, ob irgendwo noch etwas anderes als Schuld und Verlust existiert, ob auf ihn noch etwas anderes wartet als der Tod. Mitten in einer Wald- und Seenlandschaft trifft er auf Lynn. Ohne viele Worte spüren die beiden eine tiefe Verbundenheit. Als Lynns Mann Simon auftaucht, erkennen er und Halim sich sofort wieder. Die nichts ahnende Lynn überredet die beiden zu einem Ausflug. Doch je tiefer sie in die Wildnis eindringen, desto mehr wird ihr Trip zu einer existenziellen Auseinandersetzung. Das Klangdesign des Hörspiels, aufgenommen an Originalschauplätzen, zeichnet die Seelenlandschaften der Figuren in ihren Bewegungen zwischen Zivilisation und Wildnis nach.

Hörprobe: http://www.wdr3.de/hoerspiel/details/artikel/das-verlorene-paradies.html

Tim Staffel verfilmte 2011 selbst seinen letzten Roman „Jesús und Muhammed“. Der Film kommt unter dem Titel "Westerland" Anfang 2012 ins Kino.

Mit: Christoph Bach, Trystan Pütter, Alice Dwyer, Murat Seven
Komposition: Alexandra Holtsch - unter Verwendung von Nicolas Scarlattis Sonate h-moll
Sounddesign: Jochen Jezussek
Regie: der Autor
Produktion: WDR 2011/ca. 53’

Redaktion: Martina Müller Wallraf

Montag, 21. November 2011

SOKO Bosporus - Das Opferritual 6

Sie bringen es auf allen Kanälen. Ein toter Türke, eine tote Griechin, drei schwerverletzte Aleviten, die sich weigern, auszusagen. Niemand will so etwas schon mal gesehen haben. Sie haben die Opfer auf der Lichtung liegen, beziehungsweise stehen lassen. Nichts getarnt oder entsorgt. Im Dorf weiß niemand etwas. Aber alle sind schockiert. Von uns ist auch nicht die Rede. Der Mann, der mir das Haus vermietet hat, wird interviewt und erwähnt mich mit keinem Wort. Klar, ich habe die Miete bezahlt und sein Haus nicht abgefackelt. Einer der Ermittler, die sich vor die Kamera wagen, geht von Streitigkeiten im Wettgeschäft aus, ein anderer erzählt was von Schutzgelderpressung, Drogen und Rotlicht. Man darf gespannt sein, wie sie eine Verbindung zwischen den Opfern herstellen, obwohl die ja offensichtlich ist. Hohe LKA-Tiere verkünden die Gründung einer Sondereinheit Bosporus. Was haben Griechen am Bosporus verloren? „Schon mal was von Heimatschutz gehört, Finn?“ Jake ist aufgewacht. Wenn er verschlafen ist, sehen seine Augen einen nicht traurig an, eher so, als würde er einen bemitleiden. Mich macht Mitleid nervös. (Fortsetzung folgt)

Sonntag, 20. November 2011

Ceska - Das Opferritual 5


Wir brauchen ein Hotel mit Tiefgarage. Jake will, dass ich einchecke. Vermutlich hat er keinen Ausweis. Aber er hat unser Gepäck. Meine zwei Taschen, seinen Seesack. Schätze, er hat das Haus auch erst mal endgereinigt, bevor er sich aufgemacht hat, mich zu retten. „Einzel- oder Doppelzimmer?“, fragt der Pinguinperser an der Rezeption. Ich sehe Sterne auf ihn zufliegen, sehe Blut aus seinen Augen laufen. „Doppelzimmer.“ Jake. Wahrscheinlich hält er sich für meinen Leibwächter. Das Zimmer ist vor allem rot, und der Teppich lädt dich elektrisch auf, wenn du barfuß drauf stehst. Ich ziehe die Betten auseinander. Jake geht duschen. Seine Jacke bleibt auf dem Sessel vor dem Fernseher liegen. Ich kann nicht anders, greife in die Innentasche, hole die Pistole raus. Eine Ceska, Modell 83. Kaliber 7.65 Millimeter Browning. Ich lege sie auf den Tisch. Er soll nicht denken, dass ich ihn heimlich durchsuche. Vor mir sein Seesack. Das wäre etwas anderes. Ich kann mich nicht durchringen, ihn zu öffnen, reinzugucken. Ich wähle die Nummer vom Zimmerservice, lande bei der Rezeption und erfahre, dass es um vier Uhr nachts keinen Zimmerservice mehr gibt. Etwas zu Essen oder zu Trinken wird es ja wohl geben, aber der Perser ist unbestechlich. Erzählt was von einem 24-Stunden-Imbiss, zwei Straßen weiter. Gehört wahrscheinlich seinem Onkel oder seinem Cousin. Jake kommt aus dem Bad. Seine Narben leuchten. Er sieht die Ceska auf dem Tisch, sagt aber nichts. Nimmt sie mit zum Imbiss. Resopaltische, Neonlicht, Shish Kebab und Bier. Ich kann Jake nicht in die Augen sehen, als ich ihm erzähle, was auf der Lichtung passiert ist. Ziehe das Fleisch von den Spießen, zerfetze das Fladenbrot, nippe am Bier. „ ...sah aus wie Sterne. Aus Metall. Und dann dieses Sirren und Pfeifen.“ „Hira Shuriken.“, erklärt Jake. „Beidseitig geschliffene Wurfsterne mit einem Loch in der Mitte. Deswegen der Sound.“ „Tödlich.“ „Ja.“ Ich bekomme Schluckbeschwerden. „Du kennst dich aus mit Waffen.“ „Ein wenig.“ Er ist ganz ruhig. Vielleicht tut er auch nur so, weil er mich beruhigen will. „Und mit rituellem Töten kennst dich auch aus, nehme ich an.“ Draußen fährt ein Streifenwagen vor. „Wir gehen.“ Jake. Erst als wir uns an den beiden Uniformen, die sich hier ihr Frühstück abholen, vorbeidrücken, wird mir bewusst, dass wir nicht zur Polizei gegangen sind. Vor unserem Zimmer blinkt eine Leuchtreklame durch die Vorhänge. Keine Ahnung, ob Jake schläft. Keine Ahnung, ob er die Ceska unter sein Kopfkissen geschoben hat. „Wir reden morgen, Finn.“ Wenigstens ist er sich sicher, dass es ein Morgen für uns gibt. (Fortsetzung folgt)

Samstag, 19. November 2011

Das Opferritual 4


Die andere Frau nimmt den Opfern die Augenbinden ab. Ich kann die Gesichter nicht auseinanderhalten, auch nicht mit dem Night-Scout. Einer der Bomber hält plötzlich eine Armbrust in der Hand. Alle postieren sich vor dem Feuer. Der mit der Armbrust legt an, zielt – und trifft eine der Flaschen auf dem Tresen. Er reicht die Waffe weiter; jeder darf sich probieren, und bei jedem Schuss fürchten die an den Pfählen, dass er ihnen gilt. Ich kann mich auf meinem Hochsitz nicht rühren. Vielleicht ist es Schockstarre. Oder die Kälte. ‚Lauf! Hol Hilfe!’ – rede ich mir ein, aber bewege mich nicht. Mit der Armbrust haben sie sich nur eingeschossen. Zeitgleich greifen die elf Schützen in ihre Jacken oder Mäntel, halten etwas Glänzendes in ihren Händen, das ich nicht erkennen kann. Die Opfer reißen die Augen auf, schreien gegen ihre Knebel an, umsonst. Die elf holen aus und schleudern etwas aus ihren Händen heraus. Ein hohes, vervielfältigtes Pfeifen und Sirren erfüllt den nachtstillen Wald. Die Opfer schlagen mit ihren Armen verzweifelt um sich, als wollten sie etwas abwehren, und das, was sie abzuwehren versuchen, sind sternförmige Wurfgeschosse, die ich jetzt, da sie in Körper eingedrungen sind, plötzlich erkennen kann. Einem der Türken oder Kurden steckt ein Stern mitten in der Stirn. Blut läuft in seine toten Augen; doch so, wie er festgebunden ist, kann er nicht umfallen. Eine Griechin starrt auf ihren Bauch, in dem vier Sterne ein Kreuz bilden. Ein anderer hat zwei Sterne im rechten, einen im linken Arm – ein guter Fänger, aber da ist wieder das Pfeifen und Sirren, und wieder fliegen Sterne, und dann ein Knacken von morschem Holz, aber das ist direkt unter mir. Der Boden des Hochsitzes gibt nach, wie in Zeitlupe brechen die Bohlen, und ich krache bäuchlings auf den Acker. Keine Ahnung, ob ich schreie. Ob ich geschrien habe. Geduckt liege ich in der sandigen Erde, warte. Adrenalin jagt durchs Blut und vermindert mein Schmerzempfinden. Sie haben es gehört. Die Wanne wird gewendet; die Scheinwerfer leuchten in meine Richtung. Dann höre ich Rufe, höre, wie welche auf mich zukommen. Denke an Hunde. Da waren keine Hunde, denke ich. Renne los, in der Hoffnung, dass sie mich nicht sehen. Das Trommeln und Schlagen, Sirren und Pfeifen hat aufgehört. Ich erreiche das Dorf, vor jedem Fenster heruntergelassene Jalousien, wage noch immer nicht, mich umzudrehen. Aber als ich aufs Haus zulaufe, kommt plötzlich ein Wagen auf mich zugeschossen. Ich kann nicht mehr ausweichen, erstarre. Wie von Zauberhand stoppt der Wagen. Ich spüre die Stoßstange an meinen Schienbeinen. Die Windschutzscheibe reflektiert das Licht der Gaslaternen. Ich kann nicht sehen, wer in dem Wagen sitzt. Will fliehen, der Schäferhund im Zwinger schlägt an, die Beifahrertür öffnet sich – „Steig ein!“ Jake. Mit einem Sprung sitze ich neben ihm. Er wendet, rast los, zieht eine Staubwolke hinter sich her. Endlich wage ich, mich umzublicken. Niemand verfolgt uns. Noch nicht. Jake zündet sich eine Kippe an. Mir rinnt der Schweiß. Allmählich beruhigt sich mein Atem. Immer wieder gucken wir beide in den Rückspiegel, aber da ist nichts. Jake reicht mir seine Zigarette. Als ich sie nehme, fällt mein Blick zum Schalthebel. Auf der Schaltmanschette liegt eine Pistole. Jake bemerkt meinen Blick, nimmt die Pistole, steckt sie in die linke Innentasche seiner Jacke, folgt der Landstraße, bis endlich ein Schild den Weg raus, zur Autobahn weist. (Fortsetzung folgt)

Freitag, 18. November 2011

Das Opferritual 3


Die Blume auf Jakes Hals leuchtet in der Morgensonne. Ohne ihn zu wecken, schleiche ich raus, mache mich auf den Weg zur Lichtung. Alles scheint unverändert – der Scheiterhaufen, die Pfähle mit Plastik abgedeckt. Nur neben einem der Pfähle ist gefrorene Kotze und hinter dem thekenartigen Brett sind Reifenspuren. Über den Feldern schwebt eine Nebeldecke; der Schäferhund vom Nachbar liegt angekettet vor seinem Zwinger und nimmt keine Notiz von mir. Am See hört man Enten und Frösche, aber sieht sie nicht. Keine Ahnung, ob die Menschen hier morgens das Haus verlassen, um zur Arbeit zu fahren, jedenfalls ist auch nirgends ein Mensch zu sehen. Jake sitzt am Küchentisch, beäugt mich misstrauisch. „Du warst bei der Lichtung, Finn.“ Es ist das erste Mal, dass er meinen Namen sagt. „Es hat sich da nichts verändert.“ – mein Ton klingt nach Verteidigung; das wundert mich. „Sie haben nur geübt, Finn.“ Ich warte darauf, dass er endlich ausspuckt, was er weiß, aber umsonst. „Wenn du weiter willst, ich kann dich zu einem Bahnhof bringen. Ich zahle auch das Ticket, wenn du kein Geld hast.“ Erst jetzt entdecke ich die kleine Narbe unter seinen Lippen, über dem Grübchen am Kinn. Er rutscht nervös auf seinem Stuhl hin und her: „Das heißt, du bleibst hier.“ „Ja.“ „Okay.“
Keine Ahnung, was ihn umtreibt, warum er bei mir bleibt. Wie gesagt, ich glaube nicht an Zufälle. Er ist vielleicht zwanzig, einundzwanzig, hat wahrscheinlich vor ewig Zeiten die Schule geschmissen, schnorrt sich durch, geht anschaffen, was weiß ich. Vielleicht war er Matrose oder Soldat. Irgendwann ist ihm was passiert, das alles verändert hat. Dann trennst du dich ab vom Leben, wie es dich kennt. Dann kennst du niemanden mehr, wirst ganz ruhig, weil alles ausgelöscht ist, denkst du. Dann kennst du keine Furcht mehr, weil es nichts mehr zu verteidigen gibt, nichts, das sich noch zu erobern lohnt. Und da ist der Haken – Jake fürchtet sich. Und er verträgt keinen Gin. Um zehn ist er so besoffen, dass er den Wald nicht hört und auf dem Sofa vor dem Kamin einschläft. Ich lege eine Decke über ihn, mache die Lichter aus und breche auf. Ich gehe am Feld entlang, schlage so einen Bogen um die Lichtung und steuere den Hochsitz an, den ich heute morgen entdeckt habe. Weit genug weg, um sicher zu sein, nah genug, um was zu sehen, falls es etwas zu sehen gibt. Zur Not habe ich mein Night Scout-Fernglas dabei. Es dauert zwei Stunden bis sie kommen. Zuerst ein Jeep mit fünf Männern, alle in schwarzen Bomber-Jacken, darunter weiße Hemden. Enge Jeans-Hosen, Stiefel oder Chucks. Sie pflanzen tatsächlich Bier- und Wodkaflaschen auf das Brett. Nehmen die Folie von den Pfählen, dem Scheiterhaufen. Eine Wanne fährt vor, nur dass es keine Bullenwanne mehr ist. Camouflageanstrich. Drei Frauen vorne im Fahrerhaus. Schwarze Mäntel, rote Stiefel. Eine öffnet hinten die Tür, ein weiterer Kerl springt raus, dann werden drei Männer und zwei Frauen, die Hände auf den Rücken gefesselt, mit verbundenen Augen und Gaffa auf dem Mund, rausgestoßen. Zwei weitere Bomber mit Knüppeln kommen hinterher gesprungen. Die Scheinwerfer der Wanne beleuchten den Halbkreis. Die Opfer werden vor jeweils einen der Pfähle gestellt, die Beine an die Holzpflöcke gefesselt, so dass sie nicht umkippen können. Dann werden ihre Hände befreit. Scheint sich um Mitbürger zu handeln, Griechen, Türken, Kurden vielleicht. Die Türen vom Jeep stehen offen, die Car-Hi-Fi-Anlage wird aufgedreht – das dumpfe Dröhnen, die Trommelschläge der letzten Nacht kommen vom Band. Die Männer und Frauen saufen und grölen – der Chor. Keine Parolen, kein Lied, eher Anfeuerungsrufe, wie beim Hahnenkampf. Plötzlich verstummen sie. Alles wirkt völlig systemlos und trotzdem total geordnet. Eine der Frauen entfacht unter dem Jubel der anderen den Scheiterhaufen. Eins der Opfer muss sich übergeben. (Fortsetzung folgt)

Donnerstag, 17. November 2011

Das Opferritual 2

Der Schäferhund vom Nachbargrundstück bellt, als wir das Haus erreichen. Unsere Klamotten sind nass und verdreckt vom Schlamm. Jake duscht oben im Bad, in dem es auch eine Badewanne gibt. Ich begnüge mich mit der Dusche unten, neben der Küche, dann gehe ich nach oben in mein Schlafzimmer mit Doppelbett. Jake steht in der Tür, hält ein kleines Handtuch um die Hüften. Auf seinem rechten Oberschenkel und am rechten Unterarm sind Narben von Schnitten. Als wäre einer immer wieder mit einer Rasierklinge über die weiße Haut gefahren, vielleicht er selbst. Ich gebe ihm eine Hose von mir; er nickt und schließt die Tür hinter sich. Wieder unten, mache ich uns einen Tee, fülle zwei Wassergläser mit Whiskey. Jake fragt, warum ich ein so großes Haus für mich allein gemietet habe. „Gewohnheit aus einem anderen Leben.“ – das sage ich nicht. Sein Blick bedeutet mir, dass er versteht, wenn ich nicht darüber sprechen will. Es ist besser, keine Fragen zu stellen. Mit dem zufrieden zu sein, was ein anderer von sich aus bereit ist, zu erzählen. „Ich kann dich von hier wegbringen, wen du willst.“ Er sieht mich mit seinen unfassbar traurigen, grünen Augen an. „Nein, es wird eh schon dunkel.“ Ich wusste nicht, dass einer mit schwarzen Haaren so grüne Augen haben kann. Ich mache uns was zu essen; Jake hilft mir. Offenbar kann er mit Messern umgehen. Wir rauchen auf der Veranda und starren auf den Mond, der über den See wandert. „Ganz schön hell.“, meint Jake. „Ja. Sieht aus wie ein Loch im Himmel, wenn er voll ist.“ „Er ist noch nicht voll. Erst morgen.“ Keine Ahnung, woran er es erkennt. „Ich habe noch nie einen so gleißenden Mond gesehen.“, sagt er und schnippt seine Kippe ins Gras. Wir haben fast die ganze Flasche Whiskey geleert. Jake vergewissert sich, dass alle Türen verschlossen sind. Ich liege in meinem Bett, das Mondlicht fällt durchs Fenster in der Dachschräge. So ein Licht kenne ich nur aus Filmen. Wie Asche. Zuerst nehme ich die dumpfen Schläge kaum wahr. Dann werden sie lauter, und ich erkenne einen Rhythmus. Scheint, als kämen die Geräusche aus dem Wald. Dann schwellen sie wieder ab. Stille. Und wieder. Erst kaum wahrnehmbar, dann immer lauter und klarer, wie Paukenschläge. Plötzlich höre ich das Klopfen ganz nah und leise. „Ich schlafe bei dir, wenn du nichts dagegen hast.“ Jake. Er hat seine Decke mitgebracht, wartet meine Antwort nicht ab. Ich rücke gegen die Wand; wir lauschen beide. Ich meine Stimmen zu hören, einen Chor. Schreie. „Jake?“ „Hm?“ „Du weißt, was das ist, oder?“ Jake rührt sich nicht. „Klingt, als würde jemand ein Wildschwein mit einem Fischmesser erstechen.“ „Du musst es ja wissen.“, sagt er. Wir schlafen beide nicht. (Fortsetzung folgt)

Mittwoch, 16. November 2011

Das Opferritual 1

Er heißt Jake und hat eine riesige orange-violette Blume auf den Hals tätowiert. Steht an der Ausfahrt eines Rasthofes, und ich halte an. Den Wagen fahre ich erst seit ein paar Tagen, habe ihn bei der Wahl zum Tor des Monats gewonnen. Erst wollte ich ihn verkaufen, aber dann hatte ich plötzlich wieder Lust aufs Fahren. Das letzte Mal, als ich hinter einem Steuer saß, gab es weder Navigationssysteme noch Einparkhilfen. Fahren verlernt man eben nie, also bin ich los. Früher war es Gewohnheit, bei den Raststätten raus, gucken, ob einer steht. Irgendwann standen sie nicht mehr. Irgendwann hatte ich keinen Wagen mehr. Genauso wenig wie eine Wohnung, einen Job, oder – ich habe das abgehakt. Ist lange her. Jake fragt, ob er rauchen darf. Er sieht traurig aus , oder einfach nur bedröhnt. Der Schirm seines Basecaps ist nicht gewölbt, sondern flach, und das Cap wirkt viel zu groß auf Jakes Kopf. Wir rauchen zum Fenster raus, sein Seesack liegt auf der Rückbank. Ich frage, wo er hin will. Kein Ziel. „Und du?“, fragt er. Ich glaube nicht an Zufälle.
Das Haus am See habe ich im Netz gefunden. Innen das Musterbeispiel eines Möbelhausprospekts, außen ein anderes Jahrtausend. Eine kniehohe Steinmauer zieht sich weit ums Dorf, mehr Grenzmarkierung als Schutzwall. Jake wundert sich über die vier Schlafzimmer im Obergeschoss, wählt eins mit Einzelbetten am Ende des Flurs. Ich schlage vor, einen Spaziergang zu machen. Als der eigentliche Weg aufhört, teilt sich der Wald wie ein Meer. An einzelnen Stellen fällt ein Sonnenvorhang durch die Kronen. Tannen stehen Spalier. Unter uns ein Teppich aus phosphoreszierendem Moos, rechts und links wächst das Unterholz zu einem undurchdringlichem Dunkel zusammen. Schließlich ein Feld, drei Rehe darauf, die Sonne milchig im Blue-ray-Himmel. Jake läuft mit den Händen vergraben in den Taschen seiner Baggy-Pants, die Kapuze seines Hoodies über das Cap gezogen. Den Rückweg will er abkürzen, wir ändern die Richtung, meinen schon die Häuser des Dorfes wiederzuerkennen. Hohe Kiefern ragen in den Himmel, dazwischen Dornengestrüpp und Gräser wie Schilf. Wir stoßen auf eine Lichtung. Jakes Gesicht wird weiß und seine Lippen, die er meistens zusammenkneift, zittern. Fünf hüfthohe Pfähle sind in einem Halbkreis auf der Lichtung im Boden versenkt. Dahinter ein langes, schmales Brett auf drei Beinen. Vor der offenen Seite des Kreises ein Scheiterhaufen, mit einer Plastikplane abgedeckt, so wie auch die Enden der Pfähle mit Folie geschützt sind. Jake erstarrt; ich frage, was ist, und er beginnt am ganzen Körper zu zittern, blickt wild um sich. Dann packt er mein Handgelenk und zieht mich von der Lichtung. Ich sehe nur das honiggelbe Licht im Blau zwischen den Kiefern, das mich glauben lässt, ich bin vielleicht in Frankreich, im Sommer, und nicht hier im Spätherbst im Norden, wo nachts schon der Boden gefriert, aber ich komme nicht dazu, Jake das zu sagen, ihn zu beruhigen, weil er plötzlich stehen bleibt, lauscht. Ich höre es auch. Jake zerrt mich in ein Gebüsch, drückt mich auf den Boden, kauert sich neben mich, aber das Motorengeheul verzieht sich wieder, ohne dass wir den Wagen zu sehen bekommen. (Fortsetzung folgt)

Dienstag, 15. November 2011

Der Jäger ist die Beute - 1. Vorschau

DEUTSCHLANDRADIO KULTUR -  04.12.2011 · 18:30 Uhr
Melanie wird gestalkt. (Bild: Stock.XCHNG / Nicole McDaniel)

Der Jäger ist die Beute


Moira, ehemaliges Tennis-Wunderkind, hat sich zurückgezogen. Als sie der Vorstellung verfällt, die von ihr bewunderte Schriftstellerin Melanie wolle eine Beziehung mit ihr eingehen, verfolgt Moira sie, bis Melanie die Polizei einschaltet. 
Doch der Stalking-Beauftragte Enno stellt sich als Ex-Freund Melanies heraus ...

In diesem Großstadtthriller sind alle Mittel erlaubt. Egal, welchen physischen oder psychischen Schaden die Opfer nehmen. Doch die Jäger ahnen nicht, dass sie auch längst als Beute ausgemacht sind.


Buch/Regie: Tim Staffel
Komposition: Alexandra Holtsch / Song: Vicki Schmatolla
Mit: Nina Kronjäger, Jule Böwe, Bruno Cathomas, André Szymanski, Trystan Pütter, Silke Buchholz
Sounddesign: Jochen Jezussek
Produktion: WDR 2010
Länge: 86"50

Montag, 14. November 2011

Hallo, Mr. Parkinson 1

Mein Vater schluckt seit über 15 Jahren Pillen gegen Parkinson, was bedeutet, dass er auch unzählige andere Pillen in immer neuen Dosierungen schlucken muss. Und jetzt sagt er plötzlich: „Ich glaube, ich bin tablettensüchtig.“ Meine Mutter erzählt mir das am Telefon, und ich muss lachen, weil ich den Vater vor seinem Pillenteller sitzen sehe, und dann höre ich ihn das sagen. Meine Mutter ist irritiert, weil ich lache. Ich frage, ob der Vater das nicht ironisch gemeint haben könnte, und sie: „Ach was! Zu so was ist er doch gar nicht mehr fähig.“ – zu so was, wie Ironie, meint sie, und mir bleibt das Lachen im Hals stecken, weil da wieder das ganze Elend der beiden aufscheint. Weil die große und einzige Kunst meines Vaters immer darin bestand, alles mit ironischen Kommentaren zu versehen, meine Mutter aber die Ironie nie hören konnte oder auch wollte. Vielleicht weil er sich über jedes Gespräch und letztlich alles im Leben nur mit Sprüchen hinweg gerettet hat. Und wenn er jetzt vor seinen Pillen sitzt und sagt: „Ich glaube, ich bin tablettensüchtig.“, höre ich da raus, dass er gerade hell und wach und humorvoll ist. Weil ich das so hören will. Aber meine Mutter hört nur den dumpfen, dementen Wahn.

Freitag, 11. November 2011

Ben Howard's Stammkneipe - Stefan Zweig 2


Du kommst in den Laden, den andere deine Stammkneipe nennen, in den du aber nur gehst, weil er schon mittags auf macht und lediglich 32 Schritte von deiner Wohnung entfernt ist. Du gehst hin, obwohl es im Billiardzimmer nach Klo riecht, weil das Billiardzimmer zwischen den Klos liegt, und obwohl das Billiardzimmer zu klein ist und du mit dem Queue immer auch gegen die Wände stößt. Und du gehst hin, obwohl du da am liebsten draußen sitzt, nur dass dich da immer die Nachbarn und Bekannten sitzen sehen können, und sie dann immer ein Wort für dich haben, weil du da ruhig mit deinem Bier sitzt und sie noch mitten in ihrer Alltagsbewegung zerrissen sind. Und deshalb sitzt du, wenn du doch drin sitzt, lieber mit dem Rücken zum Fenster, damit die Nachbarn und Bekannten besser gar nicht erst ins Denken kommen über dich. Und dann kommst du eines Tages rein und hörst da drin Ben Howard. Bei Ben Howard passiert immer was mit dir, aber du hättest nie gedacht, dass dir das mal in dem Laden passiert, von dem sie sagen, er ist deine Stammkneipe. Und jetzt ist da auf einmal Ben Howard und nicht nur du und die, die nach der Arbeit von ihren Baustellen kommen, oder die, die kommen, weil sie gar keine Arbeit haben. Und weil eben Ben Howard auch da ist, und das deshalb sofort wieder mit dir passiert, denkst du plötzlich auch an Stefan Zweig und denkst, dass der jetzt auch da ist, irgendwie, und in diesem Moment ist da so was wie ein Lächeln, das dich selbst bezwingt.

Donnerstag, 10. November 2011

St.Petersburg Connection

Toni sagt, ich soll sofort nach St.Petersburg kommen; er braucht meine Hilfe. Es dauert, bis ich einen Flug bekomme und Toni am Rande einer der Vorstädte schließlich finde. Die Straßen sind zugeschneit, es ist weit unter null. Toni ist in einem Trailer untergekommen, nimmt mich mit Wodka in Empfang. Bei ihm sind zwei Nutten, eine halbverbrauchte Blonde und eine völlig verbrauchte Dunkelhaarige. Im einzigen Bett liegt Jefim, mit ihm macht Toni mich bekannt, mit den Nutten nicht. Jefim hat Fieber und ist höchstens sechzehn. Er hat sich unter einer geblümten Decke verkrochen. Toni stößt mit uns auf Jefims Geburtstag an, aber Jefim will davon nichts wissen. Ich wage nicht, Toni danach zu fragen, wie er hier landen konnte. Ich warte darauf, dass er die Nutten weg schickt, bin todmüde, aber Toni richtet unser Nachtlager her und schickt niemanden weg. Er legt sich mit der Blonden zu Jefim; ich soll mit der Dunklen auf Matten auf dem Boden schlafen, was nicht möglich ist, ohne sie zu berühren. In der Nacht spüre ich ihre nackten Unterschenkel auf meinem Gesicht, die muss sie sich vor ein paar Tagen rasiert haben, jedenfalls piekst mich ihr wabbliges Fleisch, und ich kann ihr nicht ausweichen und erst recht nicht schlafen. Am Morgen geht es Jefim noch schlechter. Ich schmeiße die Nutten aus dem Wohnwagen, wofür Toni kein Verständnis hat, und schließlich zieht er ohne ein weiteres Wort mit ihnen ab. Ich weiß immer noch nicht, warum er mich hierher gelotst hat. Ich treibe ein paar Suppenkonserven auf, schaffe es, den Gaskocher anzuzünden und flöße Jefim die heiße Flüssigkeit ein. Er fragt nach seinem Hund, glaube ich. Also renne ich den halben Tag zwischen den verwaisten Wohnsilos über die Eiswüste, bis ich irgendwo einen Hund finde, der sich von mir ködern lässt. Jefim freut sich. Offenbar ist es ihm egal, dass es nicht sein Hund ist, hauptsache ein Hund, der ihm die Füße wärmt, und dann bittet Jefim mich, mich neben ihn zu legen, und natürlich können wir weiter nichts tun, als einfach da zu liegen und uns gegenseitig zu wärmen, weil ich kein Russisch spreche und er nichts anderes. Dauernd denke ich: Gleich kommt Toni. Aber Toni kommt nicht. Stattdessen stehen zwei Uniformierte vor dem Trailer, verlangen Einlass, wollen meinen Ausweis sehen und durchsuchen alles. Jefim protestiert, ist aber noch viel zu schwach, um sich zu wehren. Ich fürchte, gleich finden sie Gras oder Pillen oder sonst was, und spätestens jetzt bereue ich es, wieder auf Toni reingefallen zu sein, aber sie finden nichts und ziehen mit wilden Drohgebärden wieder ab. Der Hund stinkt. Jefim will, dass ich mich wieder zu ihm lege, und ich denke an meine Mutter. Als sie damals das Gras und die Pillen gefunden hat, die Toni bei mir gebunkert hatte. Wir waren fünfzehn und meine Mutter fassungslos. Sie hat dafür gesorgt, dass Toni ins Heim kommt, obwohl ich alle Schuld auf mich genommen habe. Aber mir hat niemand geglaubt, und Toni hatte nie eine Mutter, die ihn beschützt, und seitdem denke ich, dass ich ihn beschützen muss, und deshalb bin ich auf einmal in Russland. In St. Petersburg. Und diesmal habe ich wirklich Angst.

Mittwoch, 9. November 2011

Utopie einer deutsch-französischen Freundschaft


Wir sitzen auf einem Podium vor ca. dreihundert Leuten, die erwarten, dass wir über Utopien sprechen. Deutschland ist Gastland der Pariser Buchmesse. Neben mir erklärt Matthias Politycki, er könne nicht verstehen, warum Schriftsteller nicht mehr Essays schreiben würden, weil man, erstens, damit Geld verdiene, und man, zweitens, ohne Probleme das Wort ‚Bundeskanzlerin’ verwenden könne. Ihm sei es nämlich unmöglich, das Wort ‚Bundeskanzlerin’ in einem Roman zu verwenden. Daher dürfe man auch grundsätzlich ‚Bundeskanzlerin’ in keinem Roman verwenden. Der französische Moderator ergreift das Wort und versucht über Jules Vernes auf Utopie zu kommen, woraufhin der Kollege Georg Klein ihm ins Wort fällt und anfängt, Jules Vernes der Nichtigkeit zu überführen. Bildet sich der Klein zumindest ein, jedenfalls zerreißt er ihn, und mir ist das peinlich, weil ich da gar keinen Grund für sehe, vor all den Franzosen so über einen Franzosen herzufallen, bloß weil es einem selbst an jeglicher utopischer Vorstellungskraft mangelt. Das französische Publikum fächelt sich bereits nervös die schlechte Luft mit den Programmheften um die Nasen. Volker Braun versucht tatsächlich etwas zum Thema zu sagen, aber darauf hat der Georg Klein nur gewartet, und es wird klar, dass die Jules Vernes-Hinrichtung nur ein Vorspiel war. Jetzt reitet er seinen Angriff nämlich gegen Volker Braun und nicht weniger als eine Generalabrechnung mit ihm hat er sich vorgenommen, tritt ihm in die Gedärme, tritt ihm in die Eier und hält das für moralisch-intellektuelle Überlegenheit, die er sowieso jedem gegenüber empfindet. Weshalb er auch so gerne öffentlich wichst und in diesem Fall von sich selbst berauscht auf völlig entgeisterte Franzosen abspritzt. Ich fühle ständig Polityckis kumpelhaften Ellenbogen zwischen meine Rippen stoßen, weil er das irgendwie lustig findet, aber ich schäme mich zu Tode, und zum Glück revoltieren die Franzosen endlich, als Wladimir Kaminer hinten im Saal auftaucht. Der sollte eigentlich mit uns hier oben sitzen, und ich hasse ihn dafür, dass er sich drückt und bewundere und beneide ihn dafür. Später habe ich dann eine Lesung, die ich mit Musikern so wie ein Hörspiel gestalte, aber die Veranstalter stellen uns den Strom ab, weil ihnen das irgendwie zu laut ist. In der ersten Reihe sitzt Georg Klein in Knickerbockern und badet sich in Schadenfreude mit seiner Schiebermütze auf dem Kopf und der Aktentasche auf dem Schoß. Ich weiß, er sieht so aus, weil er in Wirklichkeit gerne ein Superheld wäre, so einer von Marvel, so einer von früher, der dann seine Schiebermütze vom Kopf nimmt und plötzlich fliegen kann und Muskeln hat und magische Kräfte und so was. Es ist mein erstes Mal in Paris, und ich bin froh, das Hotelzimmer nicht mehr verlassen zu müssen. Und ich glaube nicht, dass ich noch einmal wiederkommen kann.

Dienstag, 8. November 2011

Stefan Zweig 1


Möglicherweise ist Herbst keine gute Jahreszeit um Stefan Zweig zu lesen. Dein Blick fällt unversehens vom Traum auf aus dem Fenster, da wirbeln plötzlich weinrot von Ästen gelöste Blätter im Wind, die Sonne färbt den Himmel schon im Untergang, und dieser Tanz macht dich für einen Moment ganz leicht, bis du dann stürzt, weil du weißt, dir fehlen Worte, weil die alle beim Zweig sind, weil der sie alle schon verbraucht hat. Also weiter fallen und sich daran freuen, weil dich eh keiner nach deiner Version fragt.

Montag, 7. November 2011

Obdachlos in USA

Sie sieht aus wie aus Kambodscha oder Laos oder so, aber dann sagt sie: aus den Staaten, und man denkt: ja, klar, reingefallen. Sie verrät ihren Namen nicht, aber sie spielt Geige bei einer Preisverleihung und hat ein schönes, schlichtes, enganliegendes, schwarzes Kleid an. Nur das braunkarierte Geschirrhandtuch auf ihrer Schulter, da wo das Instrument aufliegt, passt nicht. Später erzählt sie dann, dass die Zeit als Obdachlose die schlimmste für sie war, aber da hat sie auch alles gelernt, was heute für sie wichtig ist. Ich will mir ihre Obdachlosigkeit vorstellen, was aber nicht klappt, also frage ich nach, und sie sagt: Das war, als sie keine eigene Wohnung hatte und immer bei Freunden oder Bekannten oder Bekannten der Freunde unterkommen musste. Komisch, dass man bei obdachlos immer an Kartonhütten, Brücken, Alkohol, Parkbänke und Baseballschläger denkt. Die Amifrau ohne Namen mit dem Handtuch auf der Schulter lacht unglaublich laut, und es ist mir ein Rätsel, wie ich auf Kambodscha oder Laos kommen konnte. Die Obdachlosigkeit beschäftigt sie unglaublich. Eigentlich fängt jeder Satz mit: Während meiner Obdachlosigkeit – an. Ständig denke ich, dass man ihr den Hintern versohlen müsste. Aber ich fürchte, das könnte ihr gefallen. Sie sagt auch, dass sie stolz darauf ist, Amerikanerin zu sein und froh darüber ist, keine Europäerin zu sein, weil sie sich niemals als Europäerin fühlen könnte und bestimmt niemals in die Vereinigten Staaten von Amerika zurückgehen würde. Ich spreche sie auf das Geschirrhandtuch an, dass das ihren Gesamteindruck irgendwie trübt, da lacht sie noch lauter als sowieso schon, und ich stelle mir vor, was sie für Geräusche beim Sex machen würde und versuche keine Miene zu verziehen, aber mir fällt ein, dass sie denken könnte, dass ich mit ihr flirte, weil sie ja auch flirtet, sonst würde sie nicht ständig so brüllen und kichern, und als sie nach meiner Adresse fragt, ist klar, dass sie mir keine Briefe schreiben will, sondern nachfragt, wo sie schläft heute Nacht. Das ist ein Reflex bei ihr aus der Zeit der Obdachlosigkeit, da denkt sie heute noch, dass sie ja unterkommen muss, irgendwo und keine Ahnung, wie ich da wieder rauskommen soll.