Dienstag, 16. August 2011

Garküche

Nach Jahren sehe ich Ole wieder. In einem Haus, das Asiaten gehört, die im oberen Stockwerk eine Garküche betreiben. Er steht vor einem Kessel und rührt. Alle schwitzen. Draußen ist es dunkel und schwül. Keine Ahnung, warum ich gekommen bin. Aus Sehnsucht. Weil nichts war, was hätte sein können. Vielleicht auch müssen. Ein Mexikaner mit Schnäuzer führt mich zu Ole, bedeutet mir, vorsichtig zu sein. Ole dreht sich zu mir um, wir gehen ein paar Schritte aufeinander zu, umarmen uns. Er weint. Und sagt: „Schön, dass du zurück bist. Aber bitte geh. Geh.“ Mir bleibt nichts anderes übrig. Der Mexikaner begleitet mich wieder nach unten. Auch die anderen Bediensteten sind Mexikaner. Alle gucken mich kurz an, nicken, dann fällt ihr Blick. Sie kennen unsere Geschichte, aber nicht von mir. Ich glaube, auch die Mexikaner sind froh, dass ich gekommen bin. Aber keiner sagt: Bleib. „Gib ihm Zeit.“, sagt der, der Ole am nächsten zu stehen scheint. Ich kann so nicht gehen. Aber all die stummen Blicke und Gesten machen es mir unmöglich, Fragen zu stellen. Der Mexikaner an meinem Arm hält mich davon ab, es noch einmal zu probieren. Ich habe keine Ahnung, wo ich jetzt hin soll. Früher war Ole Arzt. Ein Anästhesist. Jetzt rührt er hier in Kesseln. Was habe ich getan? Früher hatte Ole einen Freund. „Sie haben sich getrennt.“ Der Mexikaner. Wenn sie sich getrennt haben, wird sein Freund es ihm erzählt haben. Wie ich ihn betrogen habe. Mit seinem Freund. Jetzt, wo ich ihn gefunden, all die Jahre auf ihn gewartet habe, erinnere ich mich daran, an die 35 Jahre, die ich ihm versprochen habe. „Ich warte auf dich, auch bis ich siebzig bin.“ Neujahrsfeuerwerk, sein Freund an der Bar, um uns mit Getränken zu versorgen. Damals hätte ich nie gedacht, dass es stimmen würde. Dass so viel Zeit vergehen kann und man immer noch dasselbe fühlt.

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