Montag, 29. August 2011

Brennende Autos


Ich bin jetzt 45 Jahre alt, und ein wenig habe ich mich gewundert, dass es in meinem Alter möglich ist, noch immer Mitglied einer Gang zu sein. Wir treiben uns vor allem in U-Bahnhöfen herum. Und in Siedlungen. Mit brennenden Autos haben wir nichts zu tun. Vorerst. Die meiste Zeit beschäftigen mir uns mit unserem Krieg gegen die Latinos. Die Latinos sind Türken. Kein Mensch weiß, warum sie sich Latinos nennen. In meiner Gang sind vor allem Griechen und Araber. Wir sind die Kroaten, was auch absurd ist, aber ich habe nie gefragt, wie der Name zustande kam. Heute Nacht gab’s jedenfalls eine Schlacht zwischen den Kroaten und den Latinos, und wir hatten einen ziemlich perfiden Plan mit einem Tanklastwagen vor einem Bahnhofseingang. Fast wären wir selbst nicht mehr rausgekommen, also die Lockvögel. Ich war bei den Lockvögeln, und wir haben uns unten irgendwie verzettelt, weil wir die Vorhut der Latinos vor dem Fackeln noch klatschen wollten, was länger als beabsichtigt gedauert hat. Und dann waren oben die Barrieren schon aufgebaut. Zum Glück kenne ich das Netz und jeden gottverdammten Schacht und jede Tür und jeden Spalt hier unten, so dass wir noch vor den Latinos raus kamen, auch wenn dabei eine Menge Glas zersplittert wurde, und wir alle Scheißschnittwunden haben. Den Latinos geht’s nicht annähernd so gut, zumindest der Vorhut nicht. Morgen Nacht geht’s weiter. Und ehrlich gesagt, je älter ich werde, desto mehr gefällt mir das, was wir da machen.

Freitag, 26. August 2011

Montag, 22. August 2011

Miranlaya 3 - Die Sexualtherapeutin

Eine der Frauen oder Priesterinnen aus dem Miranlaya besteht komplett aus Mitleid. Also die vögelt ständig in der Welt rum, aber immer nur mit Typen, die Scheiße drauf sind – weil sie gerade von der Liebe ihres Lebens verlassen wurden, oder traumatisiert sind, weil sie entführt wurden, oder von frustrierten Türken vergewaltigt wurden, oder weil sie erfahren haben, dass sie Nierenkrank sind, ihre Mutter gar nicht ihre Mutter ist, oder die echte Mutter gestorben ist, oder der Vater sie prügelt. Jedenfalls ist sie nur bei solchen Typen echt gut und überzeugend und glaubt selbst, dass sie da mit denen echt super fühlen kann, und die Typen glauben das auch und lassen sich von ihr trösten und lieben und vögeln, bis sie dann irgendwann wieder auf dem Damm sind, was sie noch verliebter und abhängiger macht, und sie fangen an von Hochzeit zu träumen und von Kindern zu sprechen, aber da macht die Frau dann natürlich Schluss. Als wäre da die Mission erfüllt. Als wäre die Beruhigung, oder von mir aus auch Heilung, so was wie ein Lusttöter. Jedenfalls will sie dann nicht mehr und ist einfach geil auf den nächsten Zerstörten, um den aufzurichten, und das ist natürlich total krank, weil es von den Typen ja Millionen gibt.

Sonntag, 21. August 2011

Erweiterung der Eurozone


Stefan überredet mich, ihn nach Bukarest zu begleiten. Ich habe von Anfang an kein gutes Gefühl. Sobald wir die rumänische Grenze passiert haben, schlägt das Wetter um. Aus dem Zugfenster sehe ich die Landschaft versinken. Vielleicht ist es einfach schon dunkel, vielleicht sind es aber auch Wolkenbrüche, und als der Zug mitten auf der Strecke hält, aber niemand auf rumänisch „Außerplanmäßiger Halt“ sagt, ist es ein Sturm, und die gestürzten Bäume verfangen sich in der Oberleitung. Stefan ist überhaupt nicht beunruhigt; er sagt: Wir steigen aus. Er kennt sich aus mit den Zügen hier und hat kein Problem, die Wagentür zu öffnen. Ich vergesse meine Reisetasche im Zug. Stefan hat seine natürlich über der Schulter hängen, läuft schon die Gleise entlang, als der Himmel wieder sichtbar wird. Am nächsten Bahnhof will er das mit meinem Gepäck klären. Keine Ahnung, wie er das machen will ohne Rumänisch zu sprechen, aber als wir drei Tage später endlich Bukarest erreichen, teilt uns dort einer am Bahnhof mit, meine Tasche sei schon unterwegs zum Hotel. Ich habe mir Bukarest ganz anders vorgestellt. Plötzlich erscheint es mir ländlich, zumindest der Bahnhof liegt überhaupt nicht zentral. Stefan mietet eine Motorroller und brettert über Feldwege Richtung Hotel, von dem wir nicht mal wissen, wo es ist. Stefan tut so, als kenne er sich aus; ich friere mir den Arsch auf der Sitzbank ab. Als wir ankommen, weiß niemand was von unserer Ankunft. Das Hotel heißt Gară, was soviel wie Bahnhof bedeutet, behauptet Stefan. Das finde ich eigenartig, weil wir ja ewig vom Bahnhof hierher gebraucht haben. Meine Tasche ist natürlich nicht da, aber die Frau von der Rezeption spricht deutsch und bestätigt tatsächlich Stefans Buchung, um die sie sich aber erst später kümmern kann, weil sie jetzt arbeiten muss. Das finde ich erst recht eigenartig, aber Stefan ist überhaupt nicht zu beirren. Mittlerweile ist Winter, bilde ich mir ein. Stefan zwingt mich in einen Bus, will was von der Stadt sehen, und alles, was ich zu sehen bekomme, ist das Athénée Palace Hilton, das an uns vorbeifliegt, und ich frage mich, wo die ganzen Klebstoffschnüffler und Sextouristen sind, wo hier überhaupt Rumänen sind, weil alles so ausgestorben wirkt. Stefan will den Hilton Palace besichtigen, was mir ein bisschen wie Disney-World vorkommt, obwohl ich da nie war, im Gegensatz zu meiner Schwester, aber die war nur in dem bei Paris, wo sie überhaupt nichts von Paris gesehen hat, meinte sie, was sie gar nicht gestört hat. Irgendwie passt der Eingang mit der schwarzen Drehtür nicht zu dem Marmor in der Lobby, die ungefähr so groß wie Paris ist. Wirklich eindrucksvoll finde ich den Festsaal mit der Sonne, also der Lichtkuppel, und den Schnitzereien an der Holzvertäfelung der Wände. Das erinnert mich an ein Schloss, durch das ich als Kind in Filzpantoffeln geschlittert bin. Da war meine Schwester auch dabei, und später auch Stefan, aber da waren wir schon älter, und jetzt bin ich mit ihm in Bukarest und habe keine Ahnung, was ich hier soll.

Samstag, 20. August 2011

Exil


Ich bin in Syrien angekommen und habe einen Job als Hausmeister angenommen. Von Murat. Er hört auf und zieht mit seiner Familie weit weg. Den Leuten im Haus gefällt das nicht. Sie trauen mir nicht und sorgen sich um die moralische Integrität. Nachdem Murat mir alles gezeigt hat und abgereist ist, habe ich am Abend alle in den Partykeller eingeladen. Auch Tamer ist da, schwer beleidigt, weil ich ihm vorgeworfen habe, er mache nicht genug aus seinem Talent. Ich hätte ihn verraten, behauptet er, als er mich zurückstößt, weil ich ihn umarmen will. Er ist den Schlagzeilen verfallen und versteht nicht, wenn ihn einer ehrlich lobt. Die Hausbewohner mögen mich mittlerweile, obwohl der Strom ausfällt. Ich habe Kerzen aus Deutschland mitgebracht. Tamer ist hin- und hergerissen, ob er nun wieder mit mir reden soll, oder nicht. Schließlich fragt er, wann ich endlich zurück nach Hause komme. Ich glaube nicht, dass ich wieder weg will. Alles, was mich an mein altes Leben erinnern soll, ist der Werkzeugkasten meines Vaters, den ich mitgenommen habe. 

Donnerstag, 18. August 2011

BlackBerry


Und dann holen sie dich und sargen dich ein, und da hilft es keinem, wenn du sagst, es war nur ein Traum, ein verfickter Traum, an den du dich morgen früh sowieso nicht mehr erinnerst. Und dann schmeckst du die Fäuste in deiner Fresse, und die Stiefelspitzen bleiben zwischen deinen Rippen stecken, und die Knochen brechen über der ganzen Stadt, und du hast keine Ahnung, wo der nächste Blitz einschlägt. Sie kommen dich holen, sargen dich ein, und du weißt, das ist kein Traum.

Mittwoch, 17. August 2011

Türkennächte

Heute Nacht hat Tamer bei mir übernachtet. Meine Mutter fand das nicht so lustig. Sie kam morgens einfach rein, hat die Vorhänge aufgezogen und wollte gar nicht mehr raus. Erzählte was vom Lüften und Betten machen. Tamer war das sichtlich unangenehm, er hat aber nichts gesagt. Bevor wir zu mir gegangen sind, haben wir ewig an der Bushaltestelle gehockt. Kam einfach kein Bus, und dann habe ich so was wie einen Nervenzusammenbruch bekommen, aber nicht, weil der Bus nicht kam. Tamer hat den Kasper für mich gespielt, mich nicht aus den Augen gelassen, was sich gut angefühlt hat. Wir haben über sein Bein gesprochen, dass er zum Arzt muss, meinte ich, aber er hat gesagt: Ich bin so lange nicht beim Arzt gewesen, was soll der jetzt noch machen können. Ich finde, er trägt sein Bein echt mit Fassung, wenn man bedenkt, dass es vielleicht nur so ist, weil er nicht versichert ist. Oder weil sein Vater sich damals nicht getraut hat, ihn zum Arzt zu bringen, aus Angst vor einer Anzeige. Es sind außer uns noch drei Mädchen an der Bushaltestelle. Sie haben Kopftücher auf und zum ersten Mal in ihrem Leben Alkohol getrunken, in einer Diskothek, nehme ich an. Die Lippen waren offensichtlich bemalt; jetzt sind nur noch rote Wischer um den Mund herum, und die Mädchen sind leichenblass, so müde sind sie und keine Ahnung, was sie zu Hause erzählen werden. Wo sie gewesen sind. Sie werden sich erst irgendwo in Form bringen müssen, und ich denke, hoffentlich hat es sich für sie gelohnt, als Tamer zurück kommt und mir Zigaretten bringt, die er organisiert hat, und da frage ich ihn, ob er mitkommt zu mir heute Nacht und jetzt, wo meine Mutter doch noch endlich aus meinem Zimmer verschwunden ist, kann ich mich nicht mehr erinnern, ob da noch mehr war. Ob er was gesagt hat. Oder ich. 

Dienstag, 16. August 2011

Garküche

Nach Jahren sehe ich Ole wieder. In einem Haus, das Asiaten gehört, die im oberen Stockwerk eine Garküche betreiben. Er steht vor einem Kessel und rührt. Alle schwitzen. Draußen ist es dunkel und schwül. Keine Ahnung, warum ich gekommen bin. Aus Sehnsucht. Weil nichts war, was hätte sein können. Vielleicht auch müssen. Ein Mexikaner mit Schnäuzer führt mich zu Ole, bedeutet mir, vorsichtig zu sein. Ole dreht sich zu mir um, wir gehen ein paar Schritte aufeinander zu, umarmen uns. Er weint. Und sagt: „Schön, dass du zurück bist. Aber bitte geh. Geh.“ Mir bleibt nichts anderes übrig. Der Mexikaner begleitet mich wieder nach unten. Auch die anderen Bediensteten sind Mexikaner. Alle gucken mich kurz an, nicken, dann fällt ihr Blick. Sie kennen unsere Geschichte, aber nicht von mir. Ich glaube, auch die Mexikaner sind froh, dass ich gekommen bin. Aber keiner sagt: Bleib. „Gib ihm Zeit.“, sagt der, der Ole am nächsten zu stehen scheint. Ich kann so nicht gehen. Aber all die stummen Blicke und Gesten machen es mir unmöglich, Fragen zu stellen. Der Mexikaner an meinem Arm hält mich davon ab, es noch einmal zu probieren. Ich habe keine Ahnung, wo ich jetzt hin soll. Früher war Ole Arzt. Ein Anästhesist. Jetzt rührt er hier in Kesseln. Was habe ich getan? Früher hatte Ole einen Freund. „Sie haben sich getrennt.“ Der Mexikaner. Wenn sie sich getrennt haben, wird sein Freund es ihm erzählt haben. Wie ich ihn betrogen habe. Mit seinem Freund. Jetzt, wo ich ihn gefunden, all die Jahre auf ihn gewartet habe, erinnere ich mich daran, an die 35 Jahre, die ich ihm versprochen habe. „Ich warte auf dich, auch bis ich siebzig bin.“ Neujahrsfeuerwerk, sein Freund an der Bar, um uns mit Getränken zu versorgen. Damals hätte ich nie gedacht, dass es stimmen würde. Dass so viel Zeit vergehen kann und man immer noch dasselbe fühlt.

Freitag, 12. August 2011

Eberswalde I

Du stehst am Bahnsteig in Eberswalde und sagst zu einer Kollegin: Es gibt eben auch die Arschkartenjobs.  Auf der anderen Seite der Wartebank ein Mann für die Sicherheit, in Uniform, nach Dienstschluss. Auf seinem blauen Hemd ist über der linken Brusttasche ein Aufnäher: Sicherheit – und er lacht höhnisch und sagt: Guter Spruch – und da weißt du: Du hast ein Leben zusammengefasst. Er wird auf der Heimfahrt darüber nachdenken: Ich habe den Arschkartenjob. Und er wird sich fragen: Warum ich? Und ich frage mich: Was erträumt er sich? Was für einen Job würde er vorziehen? Was war sein Job vor der Sicherheit? Und warum ist dieser Aufnäher die Arschkarte? Und ich denke: Ich hätte gern sein Hemd mit dem Aufnäher. Da wüsste ich, wo ich morgens hin soll, vielleicht nicht, wo ich abends nach getaner Arbeit hin kann – aber da wäre etwas: so etwas wie Sicherheit. Und das würde mich den ganzen Tag beschäftigen und auch ernähren, irgendwie, wahrscheinlich. Und ich denke: Okay, tauschen wir. Aber da sitzt er schon in einem anderen Zug als ich und fährt in die entgegengesetzte Richtung.