Mittwoch, 15. Juni 2011

Montag, 6. Juni 2011

Spreezone - Soccer-Porno


Du läufst morgens durch einen Park und denkst: Spreezone. Bloß weil da ein paar schwarzgewandete Gestalten mit Verstärker, Box und Sektflaschen hocken, sich gegenseitig schminken und auf ihren Auftritt warten. Oder weil du Trommeln hörst, irgendwo zwischen Ökomarkt und Spielplatz. Aber das ist kein offizieller Clan, das sind nur Die Linken, und ich hoffe, mein Clan agiert nicht ebenso desaströs, wenn er um ein Publikum ringt. Ich habe vom Unter-Wasser-Wurst-Schnappen geträumt, und im Netz werden mittlerweile von Spielern Videos bei YouTube hochgeladen, die als privat klassifiziert sind. Selbst wenn du dich anmeldest, kommst du da nicht rein, was ja irgendwie irritierend ist. Aber das Problem war gestern und nennt sich Umweltfestival und Sternfahrt, und egal, wo ich mit meinem Fahrrad war, es waren schon Tausend andere da. Es gab einfach kein Durchkommen. Und wenn du durch bist, bist du plötzlich ein Teil von ihnen, fährst in die selbe Richtung wie all die anderen, obwohl dein Ziel in der entgegengesetzten liegt. Mir war nicht klar, dass auch bei Fahrraddemonstrationen Megaphonisten das Volk zum Nachblöken animieren. Einer hat mich vom Fahrrad getreten, weil ich keinen Helm auf hatte, und als ich um halb zwei endlich am Bahnhof Zoo ankomme, gerate ich da schon wieder in den Stern, der mich abdrängt Richtung Siegessäule und schließlich im Tierpark ausspuckt, wo irgendwelche fettleibigen Asiaten hinter Bäumen hervorlugen, weil sie dich in die Büsche zerren wollen. Pornosaufen für die Gerechtigkeit. Sommer-String-Beat. Mein Vergnügungspark heißt Sternfahrt, und weil mich keiner eingeladen hat, werde ich gemobbt. Bring mal deinen Hendricks-Kopf auf Schwanzhöhe! Ein Typ aus Marzahn erklärt mir, dass er Kamerakurse für Pornodarsteller anbietet. Damit die nicht dauernd so dämlich lüstern in die Kamera grinsen. Sein Kumpel unterrichtet sie in Fußballtechnik, weil Soccer-Pornos gerade der Renner sind, aber die Ficker nicht kicken können. Ich träume vom See, jemand zieht mir ein umweltfreundliches Tetrapack über den Schädel, ein anderer klaut unterdessen mein Fahrrad, und als Fußgänger habe ich nicht die geringste Chance, diesen Trek unversehrt zu verlassen. Im Krankenhaus, wo sie die Platzwunde am Kopf und die Risswunde am rechten Schienbein nähen, lässt sich keiner von meinem Clan blicken, und alles, was ich erfahre, kommt von Andreas Kurtz, dem Leute-Experten der Berliner Zeitung, der sich privat, aber wie immer geifernd, am FKK-Strand bei den Schatzinseln am Halensee herumgetrieben haben soll. Er spricht von „weiteren Mitgliedern der Gesellschaft, die sich ihr trauriges Dasein als Künstlerleben schönreden und früher oder später der Gemeinschaft auf der Tasche liegen werden.“ Das ist eine herausragende Definition für die Leute, die es nicht auf die Seite des Gossip-Masters schaffen. Ich stelle mir vor, wie ich Andreas Kurtz meinen neuen Freunden aus Marzahn vorstelle, weil er eh schon bekannt für seine Riesendildonummern ist. Oder ich schlage meinem Clan eine öffentliche Kreuzigung vor. Die Meistbietenden dürfen die Nägel in Hände und Füße von Mista Kurtz schlagen, der Clan richtet das Kreuz auf, verteilt Dartpfeile, und das Zielwerfen beginnt. Gut möglich, dass ich gar nicht mehr im Clan bin. Gut möglich, dass ich Dildofresse Kurtz persönlich töten muss. Gut möglich, dass ich zuallererst ein neues Fahrrad brauche.

Samstag, 4. Juni 2011

Spreezone - Hitlers Servietten


Meine ersten Erfahrungen mit Lack und Leder wollte ich 1999 im Kit-Kat-Club sammeln. Auf dem Latex-Shirt, das mein Freund sich gewünscht hatte, war ein Herz, aber dann hat er sich nicht reingetraut. Zwei Jahre später stand ich in Lackwäsche vor dem Club Culture Houze, aber die Tür ging nicht auf. Und gestern wollte mein Clan mich ins Equipage nötigen, obwohl die meisten nur Fetisch-Touristen sind und keine Ahnung haben, wie man da normalerweise rumsaut. Wir haben dann gar nicht rumgesaut, weil da erst mal Vernissage war, und man vor dem Rumsauen unauffällig wieder verschwinden konnte. Jedenfalls endete ich in den Resten meines Kostüms wie immer morgens um 6 bei meinem türkischen Bäcker, wo mich einer von hinten anrempelt, und als ich mich umdrehe, weil ich denke, er kommt nicht auf den Bondage-Scheiß klar, der noch an mir rumbaumelt, fummelt er im Serviettenhaufen, irgendwie getrieben, und dann will er vom Türken einen Stift, und ich bin schon draußen mit meinem doppelten Espresso und den leopardenfellgefütterten Handschellen, die mein Neffe mir ungefragt zu Weihnachten geschenkt hat. Vor mir geht ein Mädchen raus, höchstens 17, mit Tramperrucksack, und der Typ mit den Servietten und dem Stift ist hinter ihr her, will, dass sie stehen bleibt, was sie aber nicht will. Sie überquert stattdessen lieber, ohne zu gucken, die Straße, rennt beinahe in den Biomülllaster rein, und er hantiert mit dem Stift und den Servietten auf einem Autodach, will wenigstens irgendwas von ihr, das er aufschreiben kann, und ich höre mich sagen: „Lass sie doch in Ruhe.“ Da dreht der Typ sich zu mir um, wedelt mit einem MP-3-Player und stammelt was von „sie will .. sie will ... was willst du denn“, und es ist klar, er ist besoffen. Dann rennt er dem Mädchen wieder hinterher, und sie beschleunigt, und da muss ich natürlich aufstehen und renne auch hinterher, und neben mir rennt einer mit, der genauso wie ich denkt, dass der Typ mit den Servietten das nicht machen sollte, aber der, der neben mir läuft, will lieber die Polizei rufen, fragt, ob ich ein Handy habe, aber ich rufe lieber: „Lass sie endlich in Ruhe! Merkst du nicht, dass sie Angst vor dir hat!“, weil man keine Bullen braucht, um hier mal eben für Schutz zu sorgen. Der Serviettentyp bleibt endlich stehen. Mein Begleiter dreht direkt ab, weil er sich ohne Bullen offenbar nicht sicher fühlt. Die Serviette kommt auf mich zu und erklärt mir, dass jeder Angst hat. Was ich ihm mit Angst kommen wolle, seit zehn Jahren hätte er ... und dann sitze ich wieder und will, dass er mich in Ruhe lässt. Plötzlich hat er keine Servietten und auch keinen Stift mehr, nur noch diesen MP-3-Player, bei dem offenbar was fehlt, was möglicherweise was mit dem Rucksackmädchen zu tun hat, aber er ist jetzt total hasserfüllt, und dieser Hass gilt mir. Angst muss man vor Allem haben, auch vor Kaffee, meint er, weil da Kinderarbeit dahintersteckt, aber ich müsse ausgerechnet ihn anmachen. Ich soll ihm nichts vom Leben erzählen, weil er das Leben besser kennt als ich. Ok, denke ich, mag sein. Ob ich wüsste, warum er Adolf Hitler und Joseph Goebbels mag. Er mag sie, weil die wenigstens konsequent waren, meint er, und dann kommt der türkische Bäcker und will auch, dass er geht, und der Angstmacher sagt, wir sollen doch alle Faschisten werden, oder Schwaben. Wenn ich bedenke, in welchem Aufzug ich das alles durchmache, kann ich diese ganze Faschistenscheiße irgendwie verstehen. Ich denke an Prinz Harry und sein Kostüm mit dem Hakenkreuz und frage mich, ob sie ihn in dem Outfit heute Nacht in die Spreezone gelassen hätten. Prinz Harry würde sich gut machen in meinem Clan. Allmählich fühle ich mich unwohl, weil der Türke ständig auf meine Handschellen starrt, für die ich den Schlüssel verloren habe. Vielleicht sollte man das abwägen, in welcher äußeren Verfassung man sich mit Zivilcourage beschäftigt, zumal nur Indizien, aber keine Beweise vorlagen, und dieses Schamgefühl werde ich einfach nicht mehr los.