Donnerstag, 21. April 2011

Miranlaya 2 - Nuttennirwana


Ich arbeite für Erwin jetzt als Raumpfleger im Miranlaya, weil er keinen anderen gefunden hat, und ich nicht weiß, was ich sonst machen soll. Ziemlich schnell ist mir klar geworden, dass dieser Ort der Begegnung, der Heilung und des Erwachens nichts anderes als ein mit Spiritualitätsemblemen getarnter Puff ist. Erwins Stuten heißen zum Beispiel Salara – die die Sternkeimsaaten aus allen Welten wieder auf die Erde bringt. Oder: Tascha – Hüterin der goldenen Heilquelle. Oder: Mura – Heilerin aus den Kristallwelten Lemuriens. Er hat auch einen Hengst im Stall: Jorr – Löwe Babajis. Er sagt, Babaji sei ein Avatar, den sich kein Mensch vorstellen kann, und ich finde es aufregend, der Löwe eines Unvorstellbaren zu sein, aber Jorr taugt weder als Löwe noch als Hengst etwas, zumindest was mich betrifft. Damen ab 50 mögen ihn, und die haben gerade Hochsaison, weil sie auf Osterbesuch sind, und ein paar Väter ab Mitte dreißig habe ich Jorr auch schon vögeln sehen, wobei die Väter dabei weinen wie Babys. Die Stuten haben alle Batikkleider an und gefickt wird auf grünen Plastikliegen, die aussehen wie Massagebänke. Sie fangen auch immer mit Massage an, wegen der Heilung, oder des Erwachens, obwohl das Erwachen eher die Orgasmen sind, zumindest werden sie so berechnet. Ich habe Erwin gebeten, mit meiner Raumpflege erst nach Ladenschluss beginnen zu müssen, aber das ist nicht möglich, weil ja nach jedem Kunden gewischt werden muss, und die Handtücher muss man wechseln und waschen und so was. Grundreinigung mache ich zweimal die Woche, während die anderen Meditation im Tempel machen, wobei ich mir unter einem Tempel immer irgendwas imposantes vorgestellt habe und kein Hinterzimmer im Souterrain. Man kann den Tempel auch für Gruppenveranstaltungen mieten, da fürchte ich jetzt schon die Reinigungsarbeiten. Es gibt auch einen Raum zum Austausch, in dem vor allem Erwin empfängt. Ich glaube nicht, dass man seinen Körper auch mieten kann, also mit ihm muss man sich wahrscheinlich wirklich rein spirituell austauschen, was an Abenden der Begegnung aber doppelt kostet. Salara, Tascha und Mura sind immer sehr freundlich zu mir. Vielleicht sind sie einfach nur traumatisiert, weil ihnen einer dieses Joker-Grinsen in ihre Fressen geschlitzt hat. Außerdem verwechsele ich die drei immer, auch wegen den Batikgewändern. Wenn Jorr keinen Bart hätte, würde ich ihn auch nicht von den anderen unterscheiden können. Erwin erkenne ich natürlich an seiner Glatze und den Cowboystiefeln. Was mir wirklich Sorge bereitet, ist die spirituelle Arbeit mit Kindern, die es im Sonderangebot gibt, und die sehr gern und häufig gebucht wird. Meistens übernehmen Salara und Jorr das, manchmal aber auch Erwin. Tascha und Mura werden dann immer ganz einsilbig, bilde ich mir ein, weil sie es ja eigentlich von Natur aus oder aus Überzeugung sind. Die Kinder müssen für die Sitzungen in den Tempel. Da dringt dann kein Laut nach außen, und wenn sie wieder raus kommen, sehen sie ihre Mütter oder Väter auf eine Weise an, die tatsächlich ein Erwachen vermuten lassen. Aber was da in ihnen erweckt wurde, würde mich, wäre ich ein Elternteil, um mein Leben fürchten lassen.

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