Donnerstag, 21. April 2011

Miranlaya 2 - Nuttennirwana


Ich arbeite für Erwin jetzt als Raumpfleger im Miranlaya, weil er keinen anderen gefunden hat, und ich nicht weiß, was ich sonst machen soll. Ziemlich schnell ist mir klar geworden, dass dieser Ort der Begegnung, der Heilung und des Erwachens nichts anderes als ein mit Spiritualitätsemblemen getarnter Puff ist. Erwins Stuten heißen zum Beispiel Salara – die die Sternkeimsaaten aus allen Welten wieder auf die Erde bringt. Oder: Tascha – Hüterin der goldenen Heilquelle. Oder: Mura – Heilerin aus den Kristallwelten Lemuriens. Er hat auch einen Hengst im Stall: Jorr – Löwe Babajis. Er sagt, Babaji sei ein Avatar, den sich kein Mensch vorstellen kann, und ich finde es aufregend, der Löwe eines Unvorstellbaren zu sein, aber Jorr taugt weder als Löwe noch als Hengst etwas, zumindest was mich betrifft. Damen ab 50 mögen ihn, und die haben gerade Hochsaison, weil sie auf Osterbesuch sind, und ein paar Väter ab Mitte dreißig habe ich Jorr auch schon vögeln sehen, wobei die Väter dabei weinen wie Babys. Die Stuten haben alle Batikkleider an und gefickt wird auf grünen Plastikliegen, die aussehen wie Massagebänke. Sie fangen auch immer mit Massage an, wegen der Heilung, oder des Erwachens, obwohl das Erwachen eher die Orgasmen sind, zumindest werden sie so berechnet. Ich habe Erwin gebeten, mit meiner Raumpflege erst nach Ladenschluss beginnen zu müssen, aber das ist nicht möglich, weil ja nach jedem Kunden gewischt werden muss, und die Handtücher muss man wechseln und waschen und so was. Grundreinigung mache ich zweimal die Woche, während die anderen Meditation im Tempel machen, wobei ich mir unter einem Tempel immer irgendwas imposantes vorgestellt habe und kein Hinterzimmer im Souterrain. Man kann den Tempel auch für Gruppenveranstaltungen mieten, da fürchte ich jetzt schon die Reinigungsarbeiten. Es gibt auch einen Raum zum Austausch, in dem vor allem Erwin empfängt. Ich glaube nicht, dass man seinen Körper auch mieten kann, also mit ihm muss man sich wahrscheinlich wirklich rein spirituell austauschen, was an Abenden der Begegnung aber doppelt kostet. Salara, Tascha und Mura sind immer sehr freundlich zu mir. Vielleicht sind sie einfach nur traumatisiert, weil ihnen einer dieses Joker-Grinsen in ihre Fressen geschlitzt hat. Außerdem verwechsele ich die drei immer, auch wegen den Batikgewändern. Wenn Jorr keinen Bart hätte, würde ich ihn auch nicht von den anderen unterscheiden können. Erwin erkenne ich natürlich an seiner Glatze und den Cowboystiefeln. Was mir wirklich Sorge bereitet, ist die spirituelle Arbeit mit Kindern, die es im Sonderangebot gibt, und die sehr gern und häufig gebucht wird. Meistens übernehmen Salara und Jorr das, manchmal aber auch Erwin. Tascha und Mura werden dann immer ganz einsilbig, bilde ich mir ein, weil sie es ja eigentlich von Natur aus oder aus Überzeugung sind. Die Kinder müssen für die Sitzungen in den Tempel. Da dringt dann kein Laut nach außen, und wenn sie wieder raus kommen, sehen sie ihre Mütter oder Väter auf eine Weise an, die tatsächlich ein Erwachen vermuten lassen. Aber was da in ihnen erweckt wurde, würde mich, wäre ich ein Elternteil, um mein Leben fürchten lassen.

Mittwoch, 20. April 2011

Miranlaya

Ich habe mich mit dem Paar an einer Kreuzung verabredet, weiß aber schon nicht mehr, ob sie aus Pakistan oder aus Indien anreisen, weil meine Bestellzettel durcheinander geraten sind. Sunita hat es eilig und rennt an mir vorbei. Naresh zieht ihren hellblauen Koffer hinter sich her. Ich sehe nur seinen Nacken, der umwerfend ist, aber nicht zur Nase passt, was ich feststelle, als Naresh sich umdreht und ich ihn begrüße. Sunita schnattert sofort los, also führe ich sie umgehend zum Miranlaya. Das Zentrum für Begegnung und Heilung und des Erwachens eröffnet heute. Ich habe Naresh und Sunita für das Rahmenprogramm engagiert. Erwin mit der Glatze hat mich engagiert, um die Eröffnung seines Zentrums zu organisieren. Seit sechs Uhr morgens sitzt er auf den Stufen vor dem Laden und raucht eine nach der anderen. Als er Naresh mit dem hellblauen Plastikkoffer sieht, flippt er fast aus, weil irgendwas mit dem Karma von dem Plastik nicht stimmt, und Erwin das Ding nicht im Miranlaya haben will. Miranlaya heißt so viel, wie: Einweisung in Selbstermächtigung durch den karmischen Rat. Naresh ist das egal, weil ihre Kostüme im Koffer sind, und weil Erwin Sunita für Shiva hält, die Glückverheißende, lässt er sie gewähren. Ich fand es schon immer eigenartig, dass die Glückverheißende in der Dreifaltigkeit für die Zerstörung zuständig ist, und ich bin sicher, Sunita findet es eigenartig, wie Erwin sie anstarrt. Ich versuche mir Nareshs Nase wegzudenken und mich auf seinen Nacken zu konzentrieren, aber die ersten Gäste kommen und laut Vertrag muss ich mich um die kümmern. Sobald die Leute über die Schwelle sind, fangen sie an so zu tun, als würden sie schweben. Ihre Augen sind aufgerissen und erzählen dir andauernd: Alles wird gut! Dabei sind sie in ihrem universalen Vereinigungsfick derart Ich-fixiert, dass man sie am liebsten umnieten würde. Aber Erwins Kunden sind überzeugt, dass sie den karmischen Rat auf ihrer Seite haben, was ich bezweifle, weil Heuchler und Arschkriecher mit Sicherheit ausgeschlossen werden, und hier winden sich gerade alle durch irgendeinen göttlichen Arsch und sehnen sich danach, geheilt zu werden, während sie Erwin begegnen, der genauso kaputt ist, aber sich wenigstens darauf versteht, aus seiner Erleuchtung Geld zu machen. Als Sunita und Naresh auftreten, haben schon alle ziemlich viel Karma intus. Die beiden spielen ‚Dilwale Dulhania La Jayenge’ nach, was keinen interessiert, aber mir gefällt Naresh in seinem Schweizer Trachtenkostüm. Irgendwann fangen die Erwachten mit der Selbstreinigung an und kotzen das ganze Karma wieder aus, wobei ein riesiges Gedränge vor dem Klo entsteht. Die Parkraumwächter auf den Bürgersteigen kriegen auch ein paar Kotzespritzer ab. Erwin ist frustriert, auch weil Sunita sich weigert, bei ihm zu übernachten, also nehme ich sie mit zu mir, was bedeutet, ich nehme auch Naresh mit zu mir. Plötzlich wird mir bewusst, dass Erwins Miranlaya-Zentrum in meiner unmittelbaren Nachbarschaft liegt, und ich frage mich, ob das Einfluss auf meine Selbstermächtigung haben wird.

Samstag, 16. April 2011

Flagge zeigen für Deutschland


Der eine Bulgare spricht perfekt Deutsch, hat sich herausgestellt. Die Leute sind halbwahnsinnig vor Angst, weil sie das für unnatürlich halten. Sie wechseln jetzt die Straßenseite, wenn sie über ihn sprechen möchten. Aus dem Spätkauf sind die alten Männer hinter dem Tresen verschwunden, weil Araber den Laden übernommen haben, wohl möglich Libyer, was die Leute erst recht verrückt macht, weil sie sich nicht trauen zu fragen, um sich dann entsprechend verhalten zu können, wobei keiner weiß, was ein entsprechendes Verhalten ausmachen würde. Meine Freundin Zoe war da ganz offensiv, aber die Araber behaupten, Armenier zu sein, oder Georgier. Zoe hat das nicht richtig verstanden. Irgendwie fühlte sie sich plötzlich bedroht, als sie da zu dritt vor ihr standen, Vater, Sohn und Großvater. Ich bin immer nur im Laden, wenn der Sohn da ist. Jedes Mal, wenn ich komme, kommt er gerade vom Klo. Sofort guckt er beschämt, und die Hände sind noch feucht, vom Händewaschen, hoffe ich und weiß gar nicht, wie ich die erstandenen Waren anfassen soll. Ich kannte mal einen Armenier, der Stuntman werden wollte und Shakespeare-Sonette aufgesagt hat. Ich bin mir sicher, dass das im Spätkauf, der jetzt schon morgens um 8 aufmacht, weder Armenier noch Georgier sind, aber wahrscheinlich auch keine Libyer. Am Ende werden sie behaupten, sie sind Deutsche, und ich würde wirklich gerne wissen, warum Zoe mich anlügt. Kürzlich habe ich ihr von einer Frau erzählt, die ich total Scheiße finde, und Zoe hat angefangen zu weinen, weil sich das offenbar so angehört hat, als würde ich alle Frauen total Scheiße finden, worüber ich in der Tat manchmal nachdenke, wie das wäre, wenn dem so wäre. Zoe hat behauptet, sie hätte sich verschluckt. Das kann passieren, dass man sich verschluckt und einem die Tränen in die Augen schießen. Sie hat einfach nicht kapiert, dass die Frau, über die ich mich aufgeregt habe, eine Romanfigur war. Die war nicht echt, und das ist doch ein Unterschied, ob man echte Frauen oder Romanfiguren Scheiße findet. Zoe hat gar nicht mehr aufgehört zu weinen. Da waren Erdnüsse auf dem Tisch und Oliven, vielleicht war es ein Olivenkern. Es gibt eine Untersuchung, die belegt, dass an Erdnüssen, die in Lokalen den Gästen zum freien Verzehr zur Verfügung stehen, Bakterien sind und Spuren von Urin, weil die Leute pissen gehen, und dann kommen sie vom Klo zurück, so wie der arabische Georgier aus dem Spätkauf, und greifen zu, und gerade Erdnüsse kann man nicht greifen, ohne auch andere Nüsse zu berühren. Jedenfalls ist die Verkäuferin beim Türkenbäcker Deutsche und kommt meiner Bestellung zuvor, um zu beweisen, dass sie weiß, was ich will. Aber ich will keinen kleinen Kaffee. Ich habe hier noch nie kleinen Kaffee bestellt, und das Körnerbaguette kostet 50 Cent, nicht 45, und dann gibt sie mir die 2 Euro zurück, mit denen ich bezahlt habe, und die Kundin hinter mir behauptet, ich stifte Verwirrung. Diese Frauen hören überhaupt nicht auf, auf mich einzureden, und sie sind real, und jetzt stört ein Albaner in seinem Transporter, auf dem eine Deutschlandfahne klebt, den Fließverkehr, behauptet die Politesse, und ich frage mich, warum ich den Shakespeare-Armenier aus den Augen verloren habe, warum der mich nicht wollte. Das ist überhaupt nicht zu verstehen.

Donnerstag, 14. April 2011

PID




Meine Mutter wusste, es würde nicht gut gehen, wenn sie sich noch mal von meinem Vater ficken ließe. Schon beim ersten Mal, als meine Schwester das Ergebnis war, hatte sie Zweifel und war froh, dass nichts Schlimmeres dabei herausgekommen war. Aber als mein Vater dann drei Jahre später wegen mir wieder ran wollte, war sie fest entschlossen, das zu verhindern. Keine Ahnung, ob es sein Geruch war oder sein Blick oder einfach dieser stumpfe, rammelnde Körper oder alles zusammen, was sie zu der Diagnose veranlasste, dass weiterer Samen dieses Mannes in ihrem Körper nur Mangelhaftes entstehen lassen könne. Vielleicht weil es diesem Mann einfach an allem mangelte, weshalb meine Mutter auch an extremen Mangelerscheinungen litt. Mein Vater war nie ein sonderlich leidenschaftlicher Mensch, an Durchsetzungsvermögen mangelte es ihm auch, aber manchmal dreht ja so ein Körper einfach durch und dringt ungefragt in einen anderen ein. Oder der andere vergisst, dass er ja eigentlich keine Lust hat und verselbstständigt sich irgendwie, und am Ende sind beide ganz schutzlos. Irgendwas bleibt ungeschützt, und da kannst du im Vorfeld noch so viel diagnostiziert haben, am Ende geht da einfach was rein und bleibt drin, und dann kommt genau das heraus, was meine Mutter befürchtet hatte, was sie aber trotz ihrer Diagnose und Vorwarnung, trotz der absoluten Gewissheit, dann eben doch austragen und behalten musste. Damals war man einfach noch nicht so weit, so eine Behinderung per se zu verhindern. Da musste man die eben aushalten, die Blicke und die Verachtung der anderen. Obwohl man manchmal sogar Mitgefühl erfuhr für so einen Fehler, den alle sehen konnten, weil man sich ja irgendwie sozial weiter zu entwickeln hatte. Heute sind Weiterentwicklungen dieser Art nicht möglich, weil sie zu viel Zeit in Anspruch nehmen und nicht wirtschaftlich sind. Meine Mutter war froh, dass meine Behinderung letztlich überhaupt nicht sichtbar war. Aber als ich anfing, meine Klassenkameraden sexuell zu belästigen, hat sich das natürlich rumgesprochen. Die anderen Mütter fürchteten um ihre kerngesunden Söhne, obwohl man mir die Homosexualität nie ansehen konnte, und sie folglich auch nicht nachweisbar war. Trotzdem war da plötzlich ein angeborener Makel, der die Familie mit reinzieht und wie behindert dastehen lässt. Ich für meinen Teil wäre froh gewesen, wenn damals, also vor mir, unsere Volksvertreter für uns, ihr Volk, darüber nachgedacht hätten, ob man mich nun aussetzt oder nicht. Ich bestehe auf PND. Ich hätte ein Recht darauf gehabt, nicht schwul zu sein. Meine Mutter war einfach nicht konsequent genug, also muss ich mein Leben lang behindert sein, obwohl keiner was sieht, schon gar nicht unsere Volksvertreter, die beweisen, wie unerheblich so eine Behinderungsfrage letztlich ist. Das ist ja immer auch eine Frage der Würde, und natürlich ist das schwierig, zu beurteilen, ab welchem Aggregatzustand man Menschenwürde besitzt. Es fehlen ungefähr zwei Drittel der Volksvertreter bei dieser Debatte, was ich korrekt finde, weil es die Bedeutung zeigt, die so eine Debatte hat. Da ich bereits ausgeschissen und zumindest politisch korrekt betrachtet auch gar nicht mehr behindert bin, auch wenn mein Vater dabei irgendwie seine Würde verloren hat, dann sind wir als Familie, die zum Volk gehört, doch froh, dass die Volksvertreter da irgendwie größtenteils nicht anwesend sind. So, als wären sie selbst im Vorfeld aussortiert worden, wegen Behinderungen, die jeder auf den ersten Blick erkennen kann. Und diejenigen, die da sind, machen da jetzt Rudelficken im Plenarsaal, was schön anzusehen ist, weil sich dabei Cliquen bilden, die sich aufrichtig betroffen ficken können, angesichts des Ernsts der Lage und der Ungewissheit, was ihr Fick am Ende ausscheißt. 

Mittwoch, 13. April 2011

Monster 2


Der nächste planmäßige Halt ist Kassel. Planmäßig steige ich aus. In der Bahnhofsbuchhandlung sind die Stadtpläne neben den Pornozeitschriften eingereiht. Lea hat im Hotel Reiss für mich gebucht. Im Internet ist sie darauf gestoßen. Der Nachkriegsbau schwankt zwischen Denkmalschutz und Abriss. Jahrelanger Leerstand und nun ist darin vorübergehend ein Themenhotel, in dem man mir die Schlüssel für das Alpenzimmer überreicht. Das Massiv des Wilden Kaisers zieht sich die Fototapete entlang. Rot-weiß-karierte Bettwäsche. Unter dem Bettlaken vermute ich Strohballen, und über dem Nachtkasten hängt eine Kuhglocke, mittels der man möglicherweise nach dem Zimmerservice verlangt. Im fensterlosen Badezimmer ist auf den Duschvorhang ein Wasserfallmotiv gedruckt. Auf der Ablage über dem Waschbecken steht eine Dose Raumspray, Duftnote Alpenveilchen. Ich sitze im Sessel; das Kuhfell haart. Eine Kleiderbürste gehört nicht zum Inventar. Entweder, ich erkunde die Stadt, oder ich rufe sofort die Nummer an, die der Mann seinem Schreiben beigefügt hat. Das Freizeichen ertönt. Ein Klacken.
„Ja.“ Mit dieser einen Silbe entsteht noch kein Bild vor meinen Augen.
„Wer ist da?“ In unserem Zusammenhang ist das eine bedeutungsvolle Frage. Ebenso könnte ich fragen, mit wem spreche ich, und ein Name wäre nicht die Antwort, die ich erwarten würde. Doch für den Moment bringt uns das nicht weiter.
„Spreche ich mit Gernot Busse?“
„Ja.“ Es ist an mir, mich zu erkennen zu geben. Wenn ich jetzt auflege, rufe ich nie wieder an.
„Markus hier. Markus Eder.“ Wenn sein Schweigen bedeutet, dass er mit dem Namen nichts anzufangen weiß, bin ich umsonst gekommen. Ist es aber Ausdruck einer Verunsicherung, eine Schockreaktion, wird diese erste Annäherung eine zähe Angelegenheit.
„Herr Busse?“
„Bin noch dran.“ Seine Stimme bleibt auf einem Ton. Ruhig, aber ein wenig belegt, verrät sie nicht, was in ihm vorgeht. Ob er sein Namensregister durchsucht oder nur meine Stimme nachhallen lässt.
„Wo sind Sie?“ Vielleicht ist dieses Gespräch bereits der Vaterschaftstest, und weil Herr Busse spürt, dass ich nicht dort bin wo ich hingehöre, sondern hier in seiner Nähe, glaubt er mich einwandfrei identifizieren zu können. Also ist er anmaßend. Höflich, immerhin. Er siezt mich.
„Hotel Reiss.“ Als wäre es selbstverständlich, dass ich in Kassel bin. Als wäre ich bereit, auf jede seiner Fragen sofort wahrheitsgetreu zu antworten.
„Sie hätten nicht kommen müssen, um sich testen zu lassen.“
„Ich lasse mich nicht testen.“ Der Punkt geht an mich.
„Sie wollen erst mal sehen, ob ich’s wert bin.“ Ich bin entwaffnet und gebe den Punkt wieder ab.
„Ja.“ Es ist an ihm, den nächsten Zug zu tun.
„Na gut. Ich hole Sie ab. Einverstanden?“ Ich möchte nicht unentschieden wirken. Aber was bedeutet abholen, wohin?
„Ja.“
„Wann passt es, Herr Eder?“ In Anbetracht des Anpruchs, den dieser Mann auf mich erhebt, fühle ich mich nicht angesprochen.
„Markus?“ Diese Vertraulichkeit geht mir allerdings zu weit.
„Keine Ahnung, wie ich Sie anreden soll, Markus.“
„In einer Stunde. Geht das?“
„Ja.“
„Ich warte in der Lobby.“

Dienstag, 12. April 2011

Monster 1


Vor mir liegt ein Brief, den ich schon unzählige Male gelesen habe. Ich weiß nicht, wie dieser Mann auf mich kommt. Warum ihm das auf einmal eingefallen ist. Dass ich sein Sohn sein soll. Wie ich das Blatt auch drehe oder wende, es bleibt nur eine Adresse. Dort kann man testen, ob ich genetisch doch noch zu verorten bin. Vielleicht hätte dieser Mann ein Foto schicken sollen. Es hätte die Entscheidung erleichtert. Aber wenn ich will, könnte ich die Tage erfahren, ob zum Beispiel Krebs in der Familie liegt. Zwar behauptet mein Lungenarzt, Krebs entstehe unabhängig vom Erbgut, aber ich glaube ihm nicht. Er sitzt immer mit Cowboyhut auf dem Kopf in einem grünen Ledersessel, und seine Daumen sind in eine indianische Gürtelschnalle eingehakt, während er einem die Schatten auf den Bildern erklärt. Dass die da hingehören, oder eben nicht. Ich bin überzeugt, hat einer in meiner Familie Lungenkrebs, bekomme ich ihn auch. Nur bisher war das kein Problem, weil ich keinen kannte, den ich fragen konnte. Demnächst wäre so etwas zu recherchieren. Falls ich ein Treffer und somit doch noch Sohn bin. Sie wollen ein Haar, um das herauszufinden. Dabei geht es um nichts anderes als mein Blut. Um eine Geschichte, die ich vierzig Jahre lang nicht hatte. Weil ich eine andere hatte.
„Was stellst du dich so an, Monster. Guck sie dir an, dann weißt du, ob sie es sind. Ob du jetzt solche Eltern haben willst, oder nicht.“
„Aber wozu brauche ich jetzt noch Eltern?“
Lea deutet auf den Postkasten, in den ich den Umschlag mit meiner Haarprobe einwerfen wollte. Nach vierzig Jahren steht mir meine Geburt bevor. Solange haben sie gebraucht, um mich um ein Haar zu bitten. Obwohl nicht einmal klar ist, ob es auch eine vorgebliche Mutter gibt, oder nur dieser eventuelle Vater übriggeblieben ist. Wir stehen noch immer vor dem Briefkasten. Ich werfe die Probe nicht ein. Lea nimmt meine Hand.
„Fahr hin“, sagt sie.
„Komm.“
Lea trifft gern Entscheidungen für mich, weil sie weiß, dass mir das gefällt. Sie hilft mir, die Reisetasche zu packen, bringt mich zum Bahnhof, bedient den Automaten und zieht ein Ticket aus dem Schlitz. Einmal Kassel hin- und zurück, zweite Klasse.
„Wäre erste Klasse nicht angemessen?“
„Erste Klasse kannst du dir nicht leisten. Das Ticket gilt vier Wochen, reicht dir das?“
„Vier Wochen, Lea?“
„Du kannst jeden Tag wieder abfahren, vier Wochen lang.“
„Und müssen sie das Geld für den Fahrschein nicht zurückerstatten?“
„Möchtest du, dass ich dich begleite?“ Ich weiß, dass sie nicht möchte. Ein Wort von mir und sie würde es trotzdem tun. Am Bahnsteig umarmen wir uns. Sie steht auf Zehenspitzen, drückt sich an mich. Ich halte sie, küsse sie, halte sie, küsse sie.
„Steig ein. Nun mach schon.“ Ich steige ein. Lea strahlt mir hinterher. Sie hat mehr Mut als ich, aber sie bleibt zurück. Und winkt. Und ist verschwunden. Und ich bin allein mit meinem Mut, der reichen muss.

Montag, 11. April 2011

Das verlorene Paradies - Finale


Du heiligst keinen Ort, den nicht ein Mensch vor dir geheiligt hat. Du gibst uns die Macht über Tiere, aber über die Menschen herrschst du selbst. Und deshalb ist uns nichts heilig, und deshalb sind wir das Böse, das du in die Welt gebracht hast, das dich auf einmal langweilt, und deshalb lässt du uns allein, weil wir nicht heilig sind, weil uns nichts heilig ist, und der Tod ist alles, was dir heilig bleibt, weil du uns nur durch ihn beherrschst. Alle Nachwelt ist in mir verflucht, und mein Gewissen versenkt mich immer tiefer in der Welt der Angst, die du uns auferlegst. Es liegt in deiner Macht dafür zu sorgen, dass mein Geschlecht nicht fortbesteht. Mein Tod ist alles, was ich dir noch zu bieten habe.

Sonntag, 10. April 2011

Das verlorene Paradies 10

Die Erde ist die Wohnung des Menschen, und dieses Licht ist unser Tag, der auf der anderen Seite Nacht ist, und wo du bist, ist das Licht, und wo ich bin, ist die Nacht, und wenn das Licht die Nacht fickt, heißt das noch lange nicht, dass du meine Nacht erhellst, weil dieses Wohnloch doch nur der Transitraum zwischen deinem Himmel, meiner Hölle ist.

Samstag, 9. April 2011

Das verlorene Paradies 9


Deine Frucht in mir frisst sich durch meine Eingeweide in die Welt nach draußen, und verwandelt sich in dieses Tier, dass du in mir gesehen hast, vor dem sich alle fürchten, aber niemand so, wie ich. Keine Ahnung, ob ich Himmel oder Hölle suche, weil da kein Weg ist, und keiner, der mich zur Grenze eures sogenannten Himmels führt. Und so werde ich fallen. Also falle ich.

Freitag, 8. April 2011

Das verlorene Paradies 8

Schon bewaffnet hast du mich aus deinem Kopf geboren, und dein Herr der Engel hatte Angst vor mir, also liebst du mich und nennst mich Sünde, siehst in mir dein Ebenbild, das dich von dir selbst erlöst, und du fickst es, Tod, also fick mich und vergib mir.

Donnerstag, 7. April 2011

Das verlorene Paradies 7

Erzähl mir was von Ewigkeit, und ich hasse den, der sie mir auferlegt. Ich bin nur einer aus der Armee, die du hier aufmarschieren lässt, ziellos, also aussichtslos, lässt du mich nie in Ruhe, selbst wenn ich vor dir in die Knie gehe.

Mittwoch, 6. April 2011

Das verlorene Paradies 6

Ich bin das Zeichen seines Zorns, also, was gibt es Schlimmeres, als hier zu sein, wo Glück verbrannt wird und ihr mich foltert, weil ich es verdient hab.

Dienstag, 5. April 2011

Das verlorene Paradies 5

Ich geb den Himmel nicht verloren. Als wäre ich nie gefallen, falle ich auch ein zweites und ein drittes Mal und lebe immer noch.

Montag, 4. April 2011

Das verlorene Paradies 4

Und dann steigt die Armee des Himmels aus der Hölle wieder in die alte Heimat Himmel auf, und auf dem Weg verwüstet sie das Land, das zwischen ihnen liegt.

Sonntag, 3. April 2011

Das verlorene Paradies 3

In mir bin ich, und da ist Himmel Hölle, und Hölle ist Himmel. Aber lieber bin ich Herrscher meiner Hölle, als Diener eures Himmels. 

Samstag, 2. April 2011

Das verlorene Paradies 2

Der Engel wird zum Wurm und brennt und stürzt sich in den Abgrund, wo er zur Untermiete bei uns wohnt.