Sonntag, 20. März 2011

Selbstmord Neukölln


Die Frau kommt aus Australien. Im Türspalt sieht man ihren Rüschenarsch. Als sie sich ganz rausschiebt hat sie noch mehr Rüschen und Plüsch, alles in rot. Das Gebilde auf dem Kopf verwandelt ihren Kopf in einen Vogelkopf, was immer noch besser als ein Katzenarschmund ist. Die Männer kommen nicht aus Australien, möglicherweise aber aus dem Irak oder dem Libanon oder dem Süden der Türkei oder einfach Kurdistan. Sie haben auch was mit Plüsch und Rüschen, aber vor allem mit weißem Fell, auf dem schwarze Punkte sind. Einer trägt Zylinder. Sie spielen Geige oder Cello oder Kontrabasss. Die Frau aus Australien singt, und irgendwer bedient ein Keyboard. Die Frau singt ausschließlich Lieder über Selbstmord. Das klingt komisch, wenn die Titel angekündigt werden, weil in jedem Titel das Wort ‚suizid’ vorkommt, und man ständig den Eindruck hat, sie kündigt kein Lied, sondern ihren Selbstmord an. Die Band heißt auch irgendwas mit suizid. Angeblich ist es eine Art Comeback-Konzert. Vielleicht, weil nicht jeder Suizidversuch Erfolg verspricht. In Australien hat sich kein Mensch dafür interessiert. Deshalb singt die Vogelfrau jetzt in Neukölln. Am Ende des Konzerts verlaufen Blutspuren aus der Nase und von den Mundwinkeln hinunter zum Kinn, aber sie lebt noch. Ich muss während der Show den Actionteil verpasst haben. Die Türkenperser sind unversehrt. Der Zylinder wird rumgereicht. Ich bin versucht, das Geld rauszufischen, das andere reingeworfen haben. Der kurdische Geiger ist sehr aufgeregt; er hat seinen Hermelinmantel verloren und überlegt möglicherweise, ob er nicht doch schwul ist. Aus den Lautsprechern tönen plötzlich französische Chansons. Auf dem Tisch tropft Kerzenwachs auf die bauchige Weinflasche, die als Ständer dient. Alle sehen so aus wie vor 30 Jahren, aber hier ist niemand, der auch nur annähernd dreißig wäre. Alle sehen so aus wie ‚Atomkraft? Nein Danke’, aber keiner hat einen Button, weil Buttons angeblich out sind. Irgendwann fällt einem auf, dass sich eines der Fenster öffnen lässt, und alle werden hysterisch. Draußen beobachte ich, wie ein Damenrad mein Herrenrad anfällt. Dann wird der Mond so groß, dass es unmöglich der Mond sein kann. Neulich habe ich auf der Insel eine Sonne gesehen, die größer als die Sonne war, und nun frage ich mich, ob nicht vielleicht auch die Erde größer als die Erde ist, beziehungsweise, ob wir nicht längst nicht mehr auf dieser Erde, sondern schon ganz woanders sind.

1 Kommentar:

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    paxil

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