Mittwoch, 30. März 2011

Schwule Türken 2


Wenn dir ein schwuler Türke sagt: Es gibt keine schwulen Türken – dann meint er damit zunächst mal: Ich bin nicht schwul. Es bedeutet aber vor allem: Ich darf nicht schwul sein. Weil ich Türke bin. Das 3-D-Bild, das zeigen sollte, wo die Metallspitze in meinem Kiefer sitzt, wurde nicht gemacht. Der Arzt meinte, ich solle die Scheiße doch einfach drin lassen. Das war ein anderer Arzt als der, der den Kiefer aufgebohrt hat, weil er meinte, die Scheiße soll raus. Ich lutsche immer noch an den Fäden im Maul, und gestern war Michael Ballack mit seinem Zuhälter in Mönchengladbach, und es war das erste Mal, dass die beiden sich zusammen öffentlich gezeigt haben. Vielleicht sieht er darin seine letzte Chance, ins Team zurückzukommen, das sein Berater ja als vollkommen homosexuell verschrien hat, und jetzt hat der Ballack eben einen Zuhälter und zeigt damit, dass er zu allem bereit ist. Der DFB ist ja offiziell antihomophob und findet schwule Fußballer super, solange sie nicht beim DFB sind, hat man den Eindruck, denn der Manager Bierhoff will jetzt den Tatort verklagen, in dem es um schwule Profi-Fußballer ging, was angeblich ein Einfall von Präsident Zwanziger war, nur wurde dann im Film das behauptet, was auch Ballacks Berater, nicht der Zuhälter, gesagt hat: dass eben die halbe Nationalmannschaft samt Trainerstab schwul ist. Und der Ballack hat jetzt diesen Zuhälter, um da selbst mal Position zu beziehen, und es sind vor allem Türken, mit denen er angeblich rummacht, die aber erst mal saufen und koksen müssen, um überhaupt drauf klar zu kommen, dass sie nicht schwul sind. Und diese ganze Schwulscheiße im Fußball ist total lästig, weil alle so tun, als sei der Fußball das letzte Tabu, was eben voll schwule Scheiße ist, weil zum Beispiel die meisten schwulen Schauspieler sich auch nicht outen, aus Angst, nur noch artgerechte Rollen zu bekommen, und das kann man beliebig fortführen, weil es einfach Bullshit ist, zu glauben, bloß weil sich ein paar Politclowns outen, sei man da irgendwo in einer gesellschaftlichen sexuellen Mitte angekommen mit dieser Schwulscheiße, aber schwul wird erst dann nirgendwo mehr schwul oder scheiße sein, wenn man nirgendwo mehr sagen muss: ich bin schwul, ich bin hetero, ich bin Türke, ich bin Schwabe, und nicht weil es ein diskriminierendes Gesetz der politischen Korrektheit verordnet, sondern weil sich kein Arsch mehr dafür interessiert. 

Samstag, 26. März 2011

Schwule Türken

Aufschneiden, Kieferknochen ansägen - gesucht wird ein 5mm langer Metallstift mit einem Durchmesser von einem Millimeter, aber obwohl man ihn auf der Röntgenaufnahme sieht, findet man ihn in dem Loch nicht, also ist die These, dass die Scheiße bereits durch meine Kieferhöhle wandert, also schon irgendeine Schleimhaut durchbrochen hat, die man nicht weiter anbohren möchte oder darf, und ich höre nur 'Winkelbohrer' und 'Adrenalinfaden' und bin nach 1 ½ Stunden noch immer nicht ohnmächtig. Zwei Spritzen betäuben, aber der Sound im Kopf klingt wie das Schreien kastrierter Ratten, die man foltert. Mangels Erfolg wird die Scheiße wieder zugenäht. Jetzt muss ein 3-D-Bild her, damit danach zielorientierter geschnitten, gesägt und gebohrt werden kann. Bis dahin werden sich die Folterratten trotz Kastration in meinem Schädel vermehrt haben, oder die verlorengegangene Bohrerspitze wird in mein Hirn gewandert sein, um da einen Neuronenkrieg zu initiieren, den ich dann nächstes Jahr mit schwulen Türken als Darstellern verfilmen werde.

Freitag, 25. März 2011

Meine Pump Gun im Plenarsaal


Vor sechs Jahren hat der Assistenzarzt meiner damaligen Zahnärztin Meusel beim Bohren in einem meiner linken oberen Zähne den Bohrer abgebrochen. Danach hat er versucht, die Bohrerspitze wieder rauszuziehen, was ihm und dann auch der Meusel und danach deren Chef auch nicht gelungen ist. Die haben sich beim Ziehen sogar mit den Füßen abgestemmt, und in meinem Kopf hat sich das wie Baumfällen angehört, aber das Ding saß fest, und dann stellten sie fest, es ist besser wenn es einfach drin bleibt – so fest, wie es nun schon einmal sitzt. Heute gehe ich zu meinem neuen Zahnarzt. Der operiert die Bohrerspitze jetzt aus meinem Mund raus, weil er meint, wenn man älter wird, senkt sich der Oberkiefer ab, und in meinem Fall senkt sich der Knochen dann auf die Bohrerspitze, was angeblich keinen guten Ausgang nehmen wird. Eine Freundin von mir ist gestern mit dem Rad auf dem Radweg, allerdings auf der falschen Straßenseite, gefahren. Da kam ihr ein älterer Mann mit Hut entgegen, den sie, wenn sie die Geschichte erzählt, immer „der Rentner“ nennt. Der Rentner hat sie erst hasserfüllt angeguckt und ihr dann ins Gesicht gespuckt. Es war mehr ein Sprühspucken, meint sie, kein Klumpen Spucke. Sie fühlt sich immer noch ungeheuer gedemütigt, und auf Arbeit hat sie sich erst mal gewaschen, aber am liebsten hätte sie sich geduscht, weil sie sich so dreckig gefühlt hat, und ich frage mich, was für eine Art privater Sicherheitsgedanke oder welche Vorstellung von Ordnunghüten da zu Grunde liegt. Was, wenn dieser Mann mal Kinder oder Enkelkinder hatte. Wie wurden die erzogen? Ich versuche mir vorzustellen, wie es ist, wenn einen einer mit Sprühspucke anspuckt und dann einfach weiterfährt. Ich kann mir auch nicht vorstellen, wie es ist, wenn sich der Oberkiefer absenkt und auf eine metallene Bohrerspitze trifft, die einem im Mund feststeckt. Gut kann ich mir mich mit meiner Pump Gun im Bundestag vorstellen. Leider gibt es da keine Anwesenheitspflicht. Wird schwer sein, den Tag herauszufinden, an dem sich das lohnt, an dem sie tatsächlich alle mal da sind.

Donnerstag, 24. März 2011

Privatdance im Sarkozy's

Libyen lag auf den warmen Steinen neben Fukushima und betrachtete seinen Schwanz, mit dem er eben noch versucht hatte, irgendwas aus ihr herauszuholen. „Liebe braucht Eigentum. Und Kapitalismus braucht keine Erwiderung.“, hörte sie sich sagen. Fukushima hasste es, wenn sie so redete. Libyen lächelte, zog sich Fukushimas Hemd über und suchte in der Küche nach etwas Essbarem. Fukushima schämte sich. Er mochte ihren Geruch, aber er traute ihr nicht. Libyen kam mit Weintrauben und Ziegenkäse zurück. Offenbar hatte sie sich etwas eingeworfen. Fukushima hatte vergessen, seine MDMA-Kristalle vor ihr zu verstecken. Er panschte sich nur noch am Wochenende sein Bier damit, aber Libyen schien sich die Scheiße im Sekundentakt einzufahren. Sie setzte sich auf seinen Schwanz und erwartete irgendwas, das er ihr nicht geben wollte. Seit Libyen fühlte Fukushima sich alt. Er sehnte sich nach etwas Verbindlichem, aber wenn er abends neben Libyen einschlief, war morgens manchmal sein ganzer Körper mit feinen Schnitten übersät. Libyen schob ihm gelangweilt ein paar Weintrauben ins Maul. Als sie merkte, dass sich unter ihr nichts regte, verzog sie sich ins Bad. Im Radio lief ein Bericht über Wachstumsbeschleunigung in Katastrophengebieten. Fukushima sah sich in seiner Wohnung um und zog einen Schlussstrich. Libyen fand sich nackt im Hausflur wieder. Hinter den Spionen lugten die Voyeure, die nur darauf gewartet hatten, dass endlich was passierte. Libyen trat gegen jede einzelne Tür und beschloss, den nächsten Schwanz, der ihr unter den Arsch kriechen wollte, einfach abzuschneiden. Ihr fiel einfach nicht ein, wo sie hingehen sollte. Nach Hause konnte sie nicht. Zuhause gab es schon lange nicht mehr. Und zurück ins Sarkozy’s, ihre Möse an der Stange reiben, wollte sie auch nicht. Die Tänzerinnen durften eigentlich nicht berührt werden, aber spätestens wenn die Besoffenen ihren Rest Wochenlohn für einen Privatedance locker machten, waren sie ihnen in den Kabinen ausgeliefert, und die Türsteher vom Sarkozy’s kümmerten sich einen Scheiß darum. Aber irgendwo musste Libyen hin. Bei irgendwem musste sie unterkriechen, nur so lange, bis sie klar genug für einen neuen Plan war. Sie hockte sich auf den Bürgersteig und wartete auf ein Zeichen. Fukushimas MDMA war noch das Beste an ihm gewesen, aber hier auf der Straße verflog der Rausch zu schnell, oder versteckte sich in einem Winkel von Libyens Hirn, an den sie einfach nicht ran kam. So wie Fukushima nicht an sie herangekommen war. Fast tat er ihr leid. Aber sie hatte genug von den Katastrophen der anderen. Und Fukushima war ein Berg voll Scheiße, das hatte sie schon beim ersten Fick gemerkt. Hätte sie sich auf ihn eingelassen, hätte er sie mit seiner Scheiße zugemüllt. Darauf wollten solche Typen immer raus. Erst geben sie den Verständigen, und bloß weil du zuhörst, bilden sie sich ein, du suchst ihren Schutz, und dann fühlen sie sich stärker, als sie jemals sein werden, sind überzeugt, du bist zu blöd, um auf dich selbst aufzupassen und erpressen dich mit deinem Mitleid. Kommen dir mit ihrer Geschichte, die für alles herhalten muss, für jeden Betrug und jeden Schlag in deine Fresse. Libyen hatte genug von den Würmern, denen man sie zum Fraß vorwarf. Sie brauchte einen Plan. Sie brauchte ein Zeichen. Fortsetzung folgt.

Mittwoch, 23. März 2011

Sonderangebot Fukushima


Woher soll ich denn wissen wohin mit der Liebe, wenn ich gar nicht weiß, wie viel ich davon habe. Also ich liebe möglicherweise meinen Opa, aber den liebe ich ja anders als meine Geranien auf dem Balkon, die ich aber auch liebe, und ich liebe auch Kinderpornos, aber das sind keine Geranien, darüber kann ich ja nicht sprechen. Mein Opa und die Geranien und die Kinder müssen das doch spüren, wie ich liebe, aber ich weiß selbst nicht mehr, wie ich das noch unterscheiden soll, weil da so viel Angebot an Liebe ist. Also einen Strand liebe ich vielleicht einen Sommer lang und einen Schwanz fünf Minuten, wenns hochkommt, und zu irgendwas sage ich dann: immer – und meine: ewig. Aber ich denke: Ewig kann das ja nicht weitergehen, weil sich da ja was erschöpft. Meine Liebe ist ja begrenzt, wenn ich das in Körper denke, weil mein Körper ja begrenzt ist. Mein Neffe verkauft Liebesbeweise, also Ideen für: Ich zeige dir meine Liebe. Da werden zum Beispiel unter einem Fenster Fackelherzen errichtet, und dann muss da jemand aus dem Fenster gucken, und der weiß dann: Da liebt mich einer. Und wenn dann drei Tage später so ein Fackelherz woanders leuchtet und sich das rumspricht, was ist so ein brennendes Herz dann noch wert? Meinem Neffen ist das egal, der liebt nur mit Spielzeug, also er und seine Frau, die haben erst geheiratet, als sie alle Sex-Toys, die sie kaufen konnten, auch an sich ausprobiert haben. Ich habe jetzt schon so viel geliebt, dass ich krank bin davon. Ich bin da völlig ausgebrannt und muss das jetzt ersetzen, also den Opa und die Geranien und die Kinder, da muss ein neuer Kick her, und den kann mein Neffe mir auch nicht verschaffen. Also musst du mir den verschaffen. Los, mach, dass ich was liebe. Ja, gut, mach das. Von mir aus auch dich. Zeig mir einfach, wie das geht – dich lieben – und ich mach das. Los, mach das! Lieb doch mal Libyen oder Fukushima. So was kann man ja auch lieben. Stell dir einfach vor, ich bin Libyen und du bist Fukushima. So viel kannst du noch gar nicht geliebt haben, dass dir das keinen Kick versetzt.

Sonntag, 20. März 2011

Selbstmord Neukölln


Die Frau kommt aus Australien. Im Türspalt sieht man ihren Rüschenarsch. Als sie sich ganz rausschiebt hat sie noch mehr Rüschen und Plüsch, alles in rot. Das Gebilde auf dem Kopf verwandelt ihren Kopf in einen Vogelkopf, was immer noch besser als ein Katzenarschmund ist. Die Männer kommen nicht aus Australien, möglicherweise aber aus dem Irak oder dem Libanon oder dem Süden der Türkei oder einfach Kurdistan. Sie haben auch was mit Plüsch und Rüschen, aber vor allem mit weißem Fell, auf dem schwarze Punkte sind. Einer trägt Zylinder. Sie spielen Geige oder Cello oder Kontrabasss. Die Frau aus Australien singt, und irgendwer bedient ein Keyboard. Die Frau singt ausschließlich Lieder über Selbstmord. Das klingt komisch, wenn die Titel angekündigt werden, weil in jedem Titel das Wort ‚suizid’ vorkommt, und man ständig den Eindruck hat, sie kündigt kein Lied, sondern ihren Selbstmord an. Die Band heißt auch irgendwas mit suizid. Angeblich ist es eine Art Comeback-Konzert. Vielleicht, weil nicht jeder Suizidversuch Erfolg verspricht. In Australien hat sich kein Mensch dafür interessiert. Deshalb singt die Vogelfrau jetzt in Neukölln. Am Ende des Konzerts verlaufen Blutspuren aus der Nase und von den Mundwinkeln hinunter zum Kinn, aber sie lebt noch. Ich muss während der Show den Actionteil verpasst haben. Die Türkenperser sind unversehrt. Der Zylinder wird rumgereicht. Ich bin versucht, das Geld rauszufischen, das andere reingeworfen haben. Der kurdische Geiger ist sehr aufgeregt; er hat seinen Hermelinmantel verloren und überlegt möglicherweise, ob er nicht doch schwul ist. Aus den Lautsprechern tönen plötzlich französische Chansons. Auf dem Tisch tropft Kerzenwachs auf die bauchige Weinflasche, die als Ständer dient. Alle sehen so aus wie vor 30 Jahren, aber hier ist niemand, der auch nur annähernd dreißig wäre. Alle sehen so aus wie ‚Atomkraft? Nein Danke’, aber keiner hat einen Button, weil Buttons angeblich out sind. Irgendwann fällt einem auf, dass sich eines der Fenster öffnen lässt, und alle werden hysterisch. Draußen beobachte ich, wie ein Damenrad mein Herrenrad anfällt. Dann wird der Mond so groß, dass es unmöglich der Mond sein kann. Neulich habe ich auf der Insel eine Sonne gesehen, die größer als die Sonne war, und nun frage ich mich, ob nicht vielleicht auch die Erde größer als die Erde ist, beziehungsweise, ob wir nicht längst nicht mehr auf dieser Erde, sondern schon ganz woanders sind.

Samstag, 19. März 2011

Zurück in der Zivilisation


Der Mann ist kahl, sein Brillengestell rot, das Sakko senfgelb. Er arbeitet an der Börse oder fürs Fernsehen, jedenfalls berichtet er für N24 über Japan von der Börse aus und stellt fest, dass die eigentlichen Verlierer der Katastrophe die Versicherungen sind. Das beruhigt mich, weil ich bisher nicht wusste, wie ich mit den Bildern umgehen soll. Ich bemesse meine Teilnahme meistens in Kilometern – also, wie weit ist etwas von mir entfernt. So entscheide ich mich dann auch zwischen Mitgefühl, Desinteresse und Hysterie. Wobei das Ereignis auch in Relation zur Entfernung gesetzt wird. Japan ist ein zivilisiertes Land. Wie weit kann Zivilisation weg sein? Mir war auch nicht klar, dass An- und Ausschalten ähnlich wie zu Hause bei Lichtschaltern funktioniert. Man drückt einfach drauf, und das Kraftwerk geht aus. Wo fehlt diese Kraft? Die fällt aus, und irgendwo kriegt das jemand zu spüren. Wenn mir die Kraft ausgeht, spürt das kein Mensch. Auch keine Versicherung. Ich bin gegen Hausrat versichert. Ich lade mich gerade selbst auf. Ich bin zurück beim Türkenbäcker. Er fragt, ob es heute regnet. Nein. Er meint, Montag soll es schön werden. Dazu fällt mir nichts ein. Dann sagt er: In Libyen wird es heiß. Er grinst. Ich grinse auch. Soll ich mir deshalb selbst eine reinhauen? Bin ich versichert? Ich bin nicht sicher. Mein Blick auf Türken hat sich in den letzten fünf Wochen verändert. Das ist eine andere Geschichte.

Samstag, 12. März 2011

Donnerstag, 10. März 2011

Orkan

Konfrontationstherapie ist bullshit. Hier ist jetzt Orkan und ansonsten die Luft raus. Heute Abend geben wir noch Schillers Räuber auf der Freilichtbühne an der Strandpromenade. Nächste Woche bin ich zurück in Staffels Welt und sprenge von da aus diese Insel in die Luft. 

Sonntag, 6. März 2011

Sadomaso bei Gosch


Graue Suppe über Tage, da werden die Hirne grau und wir warten auf Sonne, oder wenigstens einen Himmel mit Struktur, weil wir sonst keine heile Welt zeigen können, bilde ich mir ein, und dann gestern also Sonne und heile Welt, aber so viel Wind, dass die Hirne wegfliegen und der Tonmann Amok läuft, was völlig überflüssig ist, weil ich da schon den Text der Szene gestrichen habe, was nichts mit dem Wind oder dem Tonmann zu tun hat, sondern mit dem Text. Cem läuft auch Amok, wegen Inselkoller, den er aber schon seit zwei Wochen hat. Und gestern aus Versehen in der Fußgängerzone Westerlands, keine Ahnung wo all die Aliens auf einmal herkamen, angeblich Karnevalflüchtlinge, und da wollte ich Amok laufen, also einfach drauf los ballern, vor allem die serbische Fischbrötchenverkäuferin abknallen, die eine Art Gouvernante ist und mich anfährt, als wäre sie Oberaufseherin im Knast und ich der Verurteilte, und dann fällt mir ein, dass es ein Auftrag von Gosch ist, dass sie so sein soll wegen der alten Herren, dass die da Domina-Phantasien beim Fischbrötchenkaufen haben sollen und immer wieder kommen in diese Fischthekenpeepshow. Heute wird geliebt und gesprügelt und gevögelt und geweint. Heute beginnen wir auf den Abgrund zuzusteuern mit der Geschichte, sind also bestens präpariert dafür.

Mittwoch, 2. März 2011

Wir leben noch


Gestern sollte Jesús kotzen. Er wollte das richtig machen, also hat er erst die Gemüsekotze, die wir für den Fake vorbereitet haben, gegessen und dann einen Liter lauwarmes Salzwasser getrunken, und dann hieß es: Kamera set und bitte. Jesús hat sich den Finger in den Hals gesteckt und konnte nicht kotzen. Er hat dann nach mehr und stärkerem Salzwasser verlangt, das hat aber auch nichts genutzt und er war sehr enttäuscht, während wir uns alle gefragt haben, wie das passieren konnte, weil wir uns schon nach zwei Schlucken von dem Salzgebräu übergeben hätten. So ist das also auf der Insel, die uns inhaftiert hat. Cem meint, nach zwei Wochen käme es ihm vor, als wäre er fünf Jahre hier; und wenn er das sagt, klingt es wie: lebenslänglich. Vorgestern hat sich Jesús auf dem zugefrorenem Wattenmeer verlaufen. Eigentlich wollte ich keine Bild-Metaphern im Film. Eigentlich wollte ich keine Fehltage in Staffels Welt, die mittlerweile ohne Vorstellung von Raum und Zeit existiert. Giftgas dringt hier nicht durch, seit gestern möchte ich Verteidigungsminister werden, und dann sehe ich mich kotzen, während ich mir vorstelle, wie Guido Westerwelle über mögliche militärische Intervention verhandelt. Aber das ist ein anderer Raum.