Donnerstag, 24. Februar 2011

Vereinsheim

Onu spielt zwei Stunden lang mit einem großen Besen. Der bronzene Mond spielt Schufterle und zitiert Schiller. Nach 15 Stunden sind wir aus dem Vereinsheim raus, haben abgebaut, bei Cem wieder aufgebaut und feiern Anjas Geburtstag, die uns das Geschenk macht, hier zu sein. Happy Birthday, Anja. Es schneit.

Mittwoch, 23. Februar 2011

Helden

Gestern: Plansequenz von 4 Minuten. Fünf Stunden am Schneestrand, Sonne, minus 4 Grad, und die Kamera ist der Held. Und Rupert. Der musste Schwimmen gehen wollen und hat sich ausgezogen da am Strand, zwei Mal, weil wir das noch in nah brauchten. Vorgestern hat er mit Schafen geredet. Ansonsten haben alle Albträume, was an der Wasserader unter unserem Haus liegt. 

Montag, 21. Februar 2011

Tanz der Chiwawas


Es gibt da noch Gerüchte um eine Party im Haus Richter. Da waren wir zum Essen eingeladen und haben gegessen, und dann sind Erol, Jesús und Cem noch dageblieben. Da gab es auch eine Frau mit zwei Chiwawas, die sich mit unserem Labrador Gustav angelegt haben, aber als wir weg waren, hat sich dann die Frau mit Cem angefreundet, und Erol hat Musik aufgelegt, das heißt, er hat seinen MP3-Player mit dem Haus Richter vernetzt, und dann fing der Besitzer an, zu türkischer Musik zu tanzen, und Erol hat sich ständig Bier gezapft, und auch für Jesús, der gar nicht mehr aufgehört hat mit Biertrinken, obwohl er wahrscheinlich noch am wenigsten getrunken hat. Vielleicht hat Herr Richter gar nicht getanzt, sondern Cem hat getanzt, mit der Frau. Und Herr Richter hat auch getrunken. Oder er lag gefesselt hinter dem Tresen, wo Erol gezapft und musiziert hat. Aber niemand weiß, was mit den Chiwawas war, ob die vielleicht gevögelt haben, und wie gesagt, es sind alles nur Gerüchte. Und das gibt es ja, dass man von einer Party hört und denkt: Ja, da wäre ich gern dabei gewesen. Oder: Ich möchte auch so jung sein – aber wenn man das dann laut sagt aus Versehen, schütteln alle, die viel jünger sind als du, aber längst nicht mehr so jung wie die, die angeblich auf dieser Party waren, den Kopf. Und dann hörst du dich sagen: Ich wünschte, ich wäre wieder jung und ein Karrierist. Was ja auch nicht heißt, dass du dann automatisch so ein Sansibar-Mercedes wirst. Also kaufst du dir vielleicht einfach nur einen Chiwawa, mit dem du tanzen und vögeln kannst, und dann hörst du auch automatisch auf zu denken.

Sonntag, 20. Februar 2011

Milchzucker

Die Frage ist, wer zuerst schlapp macht in der Kälte, die Technik oder wir. Weil ich von Technik nichts verstehe, wundere ich mich, dass es die Kamera ist, die abschmiert. Außerdem frage ich mich, warum es in einer Fußgängerzone kälter ist, als zum Beispiel am Meer. Morgen ist Biike, da wird der Winter mit Feuern ausgetrieben, damit die Männer auf Walfang gehen können. Deswegen gibt es jetzt unglaublich viele BMW- und Mercedes-Fahrer mit Vorfahrt, die alle gleich aussehen, obwohl sie ja unterschiedliche Modelle fahren. Vielleicht liegt das auch an den Sansibar-Aufklebern unter den Nummernschildern, was ja auch ein Statement ist. Ich drohte mal in der Sansibar einen Senftopf umzuwerfen, als ich meine Jacke auszog. Sofort kam der Service-Surfer, fing den Senftopf auf und sagte: „Ich verzeih dir.“ Und dann schob er nach: „Ich verzeih dir alles.“ Und so sehen die Biike-Touristen nicht aus, als würden sie was vom Verzeihen verstehen. Anna sagt, sie würde noch keinen Frauenmangel verspüren, was mich auch wundert, angesichts der Männer, mit denen sie es hier zu tun hat. Aber ich bin wie immer viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt, was heute auch daran liegt, dass ich mit Milchzucker vergiftet wurde. Ich habe Laktose-Intoleranz. Und heute morgen dachte ich noch, Schauspieler, die um 10 Uhr morgens mit einer Fahne am Set erscheinen, sind nicht zu toppen, und ich war froh, dass sie in der Szene nicht reden mussten, aber noch froher war ich, dass man nichts riechen kann beim Filmgucken, und dann kam die Vergiftung, aber der konnte ich mich nicht einfach hingeben, weil wir in einem Parkhaus gedreht haben. Eigentlich war es egal, wo wir gerade gedreht haben und die Technik verreckt ist, weil ich ja mit den Im- und Explosionen meiner Innereien beschäftigt war. Aber jetzt ist sechs Stunden Zeit bis zum nächsten Aufstehen, und bis dahin haben sich vielleicht auch meine Innereien wieder sortiert.

Samstag, 19. Februar 2011

Dünenkotzen


Wenn du Tag mit Nacht verwechselst, sieht man das. Wenn du einen Liter Kaffee trinkst und zwanzig Zigaretten rauchst und dir danach die Lunge aus dem Hals rennen sollst, kotzt und kollabierst du. Die Düne runter, durch die Senke und eine andere Düne wieder hoch. Weil du verzweifelt bist. Weil du für jemanden eingetreten bist und nicht weißt, ob das richtig war. Weil du dich gegen deinen Bruder gestellt hast und das eigentlich nicht darfst. Und darauf kommst du nicht klar, also rennst du raus. Du bist in der Landschaft, die die einzige ist, die du kennst. Und du rennst und rennst und rennst, weil du alles aus deinem Kopf, aus deinem Bauch, aus deinem Herz rausrennen willst. Aber dann ist da noch dieser Liter Kaffee und die Kippen, und das beschleunigt deine Zerstörung, und dann rennst du auch noch hinter einem Auto her, obwohl du dich da schon ausgekotzt hast. Aber aus dem Auto kommt der Schuss, der mir dein Gesicht zeigt, und dein Gesicht ist dein Leid und die Qual, und natürlich ist mir das scheißegal, wo du die hernimmst, denn sie erzählen, was sie erzählen müssen, und ich sehe, wie du zerreißt. Ich sehe mich, wie ich dich reanimieren muss, und am Ende sind wir alle glücklich, weil das doch nicht nötig ist, weil das Bild so ist, wie das Bild sein soll, und wenn wir unsere Bilder haben, wen interessiert dann noch, wo wir sind, wenn wir nicht auf dem Bild sind.

Freitag, 18. Februar 2011

Halb Moslem, halb Alkoholiker


Einer sagt: Halb Moslem, halb Alkoholiker. Anna sagt: Der dritte Darsteller ist die Landschaft. Dann scheint die Sonne darauf. Es gibt ein Bild, da heißt es: Sie klettern auf die Düne und gucken in den Sonnenuntergang. Solche Szenen gibt es, weil ich ein Kitschterrorist bin. Erstaunlicherweise drehen wir das gerade. Die Kamera steht am Strand und merkt nicht, dass die Flut kommt. Das merkt sie erst, als die Flut schon da ist und das Bild absinkt. Die Flut hat mit der Sonne überhaupt nichts zu tun.

Donnerstag, 17. Februar 2011

Die Panzer von n-tv


Cem macht Motivationsrap, also er behauptet: Motivationsrap ist Scheiße. Der Kameramann versucht auf den Autozug zu kommen, aber ein LKW vor ihm verkantet sich beim Drauffahren, also kann der Zug nicht los und die Kamera nicht auf den Zug, und Cem macht Motivationsrap. Später ist die Kamera da, und als es losgeht, geht auch der Regen los, was aber nicht schlimm ist, weil auch Schnee im Regen ist und das irgendwie zum Thema passt. Danach ist die Zufahrtsstraße zum zweiten Bild gesperrt. Da sind wir vor 2 Tagen noch langgefahren, und jetzt ist da keine Straße mehr, sondern irgendwas wie nach einem Erdbeben, nur dass wir ja hier nicht in Rheinland-Pfalz sind und erst recht nicht in L.A.. Vielleicht waren es auch Panzer, die den Asphalt aufgepflügt haben, aber wo sind die dann hin, und warum sind eine Million Panzer hier? Wir holpern durch die Absperrung, und das Watt ist angefroren, und so komme ich unverhofft doch noch zu meinem Caspar David Friedrich Bild. Später am Rantumer Becken vergesse ich Jesús zu sagen, dass er hüpfen soll, und wir halten Herrchen, Frauchen und Hund auf, weil die nicht aufs Bild sollen, und die drei beschweren sich überhaupt nicht, obwohl ihnen ja der Arsch abfrieren muss. Ich finde es komisch, sich an der Welt zu bedienen, da reinzuplatzen, abzusperren, abzulichten, um eine eigene Welt zu behaupten, was dich so sehr in Anspruch nimmt, dass du von der Welt 200 Kilometer weiter schon nichts mehr mitbekommst, obwohl es in dem Lift zum 10. Stock einen n-tv-Bildschirm gibt, so dass du 10 Stock rauf oder runter die Zeit hast, dich mit der Weltbühne zu beschäftigen. Obwohl der Bildschirm ständig ausfällt und n-tv den Eindruck erweckt, als würden sie Konserven senden, als wäre das alles schon längst gewesen, und du stehst in diesem Lift und fährst aus der Zeit raus. Unten im Treppenhaus steht manchmal ein Rollstuhlfahrer, nur um sich aufzuwärmen. Und dann ist da einer, der im Haus wohnt, aber keinen Schlüssel hat und immer wartet, bis einer kommt und aufmacht, und dann steuert er wie ferngesteuert mit seinen Plastiktüten in den Lift und verschwindet, wahrscheinlich im n-tv-Bildschirm.

Mittwoch, 16. Februar 2011

Westerland (AT)


1. Bild: Morgendämmerung, eine Bank auf dem Deich. Der Morgen dämmert, die Bank ist auch da, aber wie sollst du einen Film ohne Kamera drehen? Die ist noch auf dem Festland, hat den letzten Zug nicht erreicht. Gesperrte Autobahnen. Blitzeis. Schneesturm. Jedes zweite Auto vor dir kollidiert mit der Leitplanke oder rutscht in die Böschung, steht quer auf der Fahrbahn oder die Fahrer brechen heulend hinterm Steuer zusammen. Jetzt sieht die Kamera die Morgendämmerung vom Festland aus, und wir hocken in unserer Thermounterwäsche auf dem Deich und winken zu ihr rüber. Der Himmel so grau, dass es eh keinen Unterschied macht. Der Himmel scheißt auf morgens, mittags, abends, und wir sind guter Dinge.

Dienstag, 15. Februar 2011

Dänischer Schnee - Letzter Tag der Vorbereitung


Jetzt sind überall Schneeverwehungen, und es hört nicht auf zu schneien, was ja auf einer Insel in der Nordsee eher ungewöhnlich ist. Vor der Abreise habe ich Jesús und Cem noch in der Milchbar getroffen, da hat ein Flipperautomat das Eis gebrochen, und ich habe die ganze Zeit geflippert und an Oliver gedacht, mit dem ich mal in der Milchbar war, und als wir damals raus sind, konnten wir eigentlich kaum noch stehen. Ich habe Oliver in ein Taxi gesetzt, mich aber nicht, und dann habe ich dem Taxifahrer die Adresse von Oliver gesagt, und nicht meine, und das war überhaupt nicht das, was wir wollten. An irgendeinem Sylvester habe ich ihm gesagt, ich würde auf ihn warten bis ich siebzig bin. Mittlerweile bin ich mir nicht mehr so sicher, weil 70 immer noch weit weg ist. Oliver und sein Freund schreiben mir immer Postkarten aus ihren Ferien, da kommen Karten aus der Karibik, Madeira, Finnland oder Mallorca. Ich schreibe nie Postkarten, wenn ich in den Ferien bin. Ich rede auch nicht gern im Ausland. Deshalb lerne ich da auch niemanden kennen, was ich sehr angenehm finde. Heute Abend kommt die Kamera über den Deich gefahren, und morgen fangen wir kurz vor Dänemark mit dem Film an. Die Telefone schalten sich dann ins dänische Netz ein, aber man muss nicht Dänisch sprechen. Obwohl wir jeden Abend mit dem dänischen Staatsfernsehen üben. Keine Ahnung, wie man bei Windstärke 5 überhaupt irgendwas hören soll. Und was die Schafe machen, wenn der Schnee weht. Ob die dann überhaupt noch ins Bild wollen.

Montag, 14. Februar 2011

Sylt am Sonntag - 3. Tag der Vorbereitung


Du fährst im Kreis und landest im zehnten Stock eines Hochhauses. Du blickst aufs Meer und auf die Dächer der anderen Platten und in die Fenster des Blocks neben dir, und da stehen Kaffeetassen auf dem Tisch und Teller, und Servietten liegen darauf, und du denkst, gleich kommen sie und trinken Kaffee, aber keiner kommt. Du siehst einen Mann in einem goldenen Kasten mit gewellten Gitterwänden. Er rutscht, kann sich nicht halten, dann ist er auf allen Vieren und kommt nicht mehr hoch, aber eigentlich sieht es aus, als wollte er nicht hoch. Als sei das Absicht, auf allen Vieren durch diese begehbare Installation zu kriechen, und du fragst dich: Muss ich helfen? Aber da klingelt es, und du erschreckst, weil kein Mensch weiß, dass wo du bist. Weil kein Mensch wissen darf, dass du hier bist, und der Wind pfeift durchs Appartement, und der Boden wankt, denkst du, und die Marionette, die vor dem Fenster hängt, zieht ihre Clownsfratze auseinander und lacht dich aus. Jemand hämmert gegen die Tür zu dieser Wohnung, zu der du, wie du auf einmal feststellst, gar keinen Schlüssel hast und über den Balkon kannst du nicht fliehen, weil du im 10. Stockwerk bist, und da siehst du sie sitzen, gegenüber an dem Kaffeetisch im Fenster, aber sie bewegen sich nicht, und du siehst nur die blankgeputzten Knochen im Sonntagsstaat, und dann tritt jemand die Tür ein, und du willst springen ...

Sonntag, 13. Februar 2011

Ein Schaf verliert das Gesicht - 2. Tag der Vorbereitung

Schnee. Es gibt kein Netz am Morgen und keine Ahnung, ob Thomas Gottschalk jetzt zurückgetreten ist, oder nicht. Auch der Live-Ticker aus Ägypten ist zusammengebrochen, was aber daran liegt, dass das jetzt niemanden mehr interessiert. Oder aber sie scheitern daran, aus dem Inneren des Militärs zu tickern. Das ganze erscheint einem wie eine nordkoreanische Selbstkritik. Alle stehen um dich herum, du musst dich selbst und noch mindestens einen anderen irgendeines Vergehens bezichtigen, und dann kommentieren und verurteilen dich die, die darum herumstehen, weil die es immer besser wissen. Alle glauben, dass dich das beeinflusst. Dass du dich dann besserst, wenn du dem Mantra deiner Vormünder folgst. Das bedeutet ja nicht, dass du es verstehen musst. Eine Revolution in Nordkorea wäre auch mal einen Live-Ticker wert. Da stellen sich dann auch noch die Chinesen mit in den Kreis und beraten darüber, wen sie in welche Klinik ausfliegen, damit er sein Gesicht wahren darf. Ich glaube, Europa und Nordamerika sind die einzigen Orte, an denen das Gesichtwahren keinen Wert darstellt. In Indien, Persien oder sonstwo bist du ein toter Mann, sobald du dein Gesicht verlierst. Da gründet sich die ganze Kultur aufs Gesichtwahren. Erzähl das mal einem Engländer oder einem Schwaben. Mir geht der Verlust meiner Mütze sehr nahe. Ich hasse Mützen. Mütze und Brille sieht einfach immer scheiße aus. Aber die neue Mütze war okay und sollte die Drehmütze sein, und jetzt ist die Mütze weg, und ich habe keine Ahnung, was das jetzt für den Dreh bedeutet. Gestern haben wir Cems Wohnung eingerichtet und leiden jetzt an Stauballergie. Es gibt auch die ersten Erschöpfungssyndrome wegen des Reizklimas. Außerdem wollte Jesús ein Schaf retten, das den Anschluss an die Herde verpasst hatte, und jetzt war da Stacheldraht zwischen der Herde und dem Schaf, und das Schaf trippelte irritiert an der Straße entlang und guckte so sehnsüchtig und hilflos zu den anderen, dass Jesús ihm unbedingt helfen, dabei aber lieber im Wagen bleiben wollte. Es ist ziemlich schwierig, sich um Schafe zu kümmern, wenn man sich mit Schafen nicht auskennt. Deswegen gibt es ja Führer, an die man sich halten kann. Die sorgen dann für Sicherheit und Stabilität und kümmern sich auch um die, die verloren gehen, zumindest solange die auch aufrecht an die Führer glauben, und das ist überall so, sonst gäbe es ja keine Führung, nirgendwo.

Samstag, 12. Februar 2011

Babyhimmel - 1. Tag der Vorbereitung


Gestern war farbenprächtig Sonnenuntergang, als wir einfuhren, und sobald der Fernseher lief, gab es Revolutionsprogramm, und wir haben erst mal eine halbe Stunde zugesehen, wie sie gefeiert haben. Später im Café Fellini gab es keine Gäste, und wir haben überlegt, wie die das Essen kalkulieren, ob das alles aus dem Eis kommt, weil frisch ja irgendwie berechenbar sein muss. Der Kellner, der bestimmt nicht Federico hieß, hat viel Spaß gemacht, um sich zu unterhalten und denen, die nicht die wirklich günstigen Gambas bestellt haben, vorgeworfen, dass sie selbst dran schuld sind, weil er sie ja empfohlen hat. Dann mussten wir in unserer Lounge in der Sylt-Quelle anfangen, das Szenenbild vorzubereiten. Für eine der ersten Szenen brauchen wir nämlich sehr viele leere Bierflaschen und volle Aschenbecher, und irgendwo muss der Scheiß ja herkommen, so dass sich der erste Abend doch ziemlich gezogen hat, und jetzt ist Morgen und vor meinem Fenster ist der Himmel schon wieder rosa, und ich sehe einen Briefkasten, eine Schaukel und Altglas-Container. Früher war das ein Mutter-Kind-Heim, in dem wir jetzt unterkommen, und ich wette, auf der Kommode neben der Tür haben die Mütter die Kinder gewickelt, und das kann ja unmöglich sein, dass jetzt der Himmel die ganze Zeit rosa bleibt. ... und Stunden später ist meine neue Mütze weg, ist Sturm und schwarz, und der Mond ist halb und, ja, rosa, so wie der Schleier davor.

Freitag, 11. Februar 2011

Westerland (AT)


Staffels Welt zieht um. Wir brechen heute auf nach Sylt, um dort einen Film zu drehen. Der Arbeitstitel lautet: ‚Westerland’. Verfilmt wird ein Roman, den ich geschrieben habe: ‚Jesús und Muhammed’. Ich bin der Regisseur und das Drehbuch. Das bedeutet, Staffels Welt ist ab sofort Film. Gern wäre ich ein Gemälde von Caspar David Friedrich, aus dem ich heraustreten könnte. Bin ich aber nicht. Ich bin jetzt Film und bin froh, dass ein anderer die Kamera ist. Alles, was ich sehe, wird sofort geschnitten. Ich schneide schon, so lange ich denken kann. Seit Pollesch. Der hat immer behauptet: Ich schneide schneller. Aber das ist eine andere Geschichte. Vier Tage haben wir Zeit, vor Ort zu proben, dann fällt die erste Klappe. Gleich ist Bahnhof, und irgendwann bist du auf dem Hindenburg-Damm, und dann bist du Insel, und dann hörst du nicht mehr auf damit, bis auch die letzte Klappe gefallen sein wird. Solange gibt es hier Tagebuch. Notizen vom Dreh. Kartographierte Schnitte. Besonders freue ich mich darauf, meine neuen Gummistiefel einzutragen. 3,5 Millimeter Neopren. Ich hoffe, das reicht.

Donnerstag, 10. Februar 2011

Behindertengerechtes Einparken 2


Der Mercedes ist schwarz und innen drin sitzt ein Türke, der findet, dass ich bei Rot über die Straße gehe. Er muss bremsen, als ich stehen bleibe, weil er beschleunigt und ich erschrecke und nur noch das Silber von der Stoßstange vor mir sehe. Ich bin eindeutig bei Grün los gegangen, um die Straße zu überqueren, in die er wahrscheinlich bei Dunkelgelb eingebogen ist. So was entscheidet sich in Sekunden, ob der Türke aussteigt oder nicht, und weil ich unmittelbar vor der Beinahekollision in eine türkische Spezialität gebissen habe – Pide mit Hackfleisch – schüttele ich meinen Kopf nur sehr langsam, zum Zeichen meines Unverständnisses. Der Türke hat seinen Kopf zu mir verdreht, sein Mund schnappt auf und zu, und offenbar hält er mein Kopfschütteln für einen Protest, der ihn veranlasst erneut zu bremsen und eben diese paar Sekunden zu lang zu zögern. Er weiß nicht, soll er nun aussteigen, seinen Wagen im Stich lassen, um mir sein Empfinden durch Ausschläge seines Körpers zu verdeutlichen, oder nicht. Noch ehe er sich entscheiden kann, während er also fluchend zögert, kracht ein blauer Ford in seinen schwarzen Mercedes, und der Airbag vom Türken bläht sich auf, also der vom Türken im schwarzen Mercedes, und der Airbag im blauen Ford bläht sich auch auf, und da sitzt auch ein Türke drin, aber der weiß von meiner Verwicklung in die Angelegenheit natürlich nichts. Ich benötige fünf Sekunden, um zu entscheiden, dass ich lieber weitergehe, aber fünf Sekunden sind zu lang, weil der Türke aus dem Mercedes bereits ausgestiegen ist. Ich beiße ein letztes Mal in den Hackfleisch-Pide, denke ich, bevor ich dann zu Hackfleisch werde, aber der Mercedes-Türke hat plötzlich nur noch Augen für den Ford-Türken. Da wird mir bewusst, dass der Türke an sich ein gerechter Mensch ist. Wir haben unsere unterschiedlichen Positionen mit Gesten und Zurufen vertreten, aber wir haben einander weder körperlichen noch materiellen Schaden zugefügt. Wir hatten uns beide im Griff. Völlig unbeherrscht war der blaue Ford-Türke, dessen Unachtsamkeit sofort zu Sach- und Personenschaden geführt hat, und das sieht der Mercedes-Türke genauso. Er ist sehr wütend, und diese Wut hat nichts mehr mit mir zu tun und das zu recht. Der Ford-Türke weint inzwischen, was sehr berührend ist, so auf offener Straße, aber ich kann den Ausdruck des Mercedes-Türken nicht deuten, als er bemerkt, dass der Ford-Türke weint, ob da nun Mitleid oder Abscheu in ihm wühlt. Plötzlich stehen so viele Zuschauer um die beiden herum, dass ich gar nichts mehr erkennen kann. Ich gehe lieber weiter, weil die Sache für mich letztlich einen sehr guten Ausgang genommen hat, aber an der nächsten Kreuzung zucke ich zusammen, als die Ampel auf Rot springt, weil ich mir einbilde, in meinem Augenwinkel einen schwarzen Mercedes zu erkennen, und ich drehe mich um, weil ich überzeugt bin, dass ich verfolgt werde, und eine Sekunde lang bin ich sogar panisch, aber dann wird Grün und alles verhält sich so, wie es die Regel vorschreibt.

Mittwoch, 9. Februar 2011

Honey Shreddies


Es ist noch unklar, wer wen verklagt, jedenfalls habe ich gestern eine Packung Nesquick von Nestlé geöffnet, da war ein Bildungsgutschein drin, dasselbe dann bei Farfalle-Nudeln von Buitoni, da wusste ich gar nicht, dass das Nestlé ist, und unter einer Flasche Maggi klebte auch was für Bildung. Normalerweise kaufe ich so einen Scheiß nicht, zumal, wie gesagt, das lauter Sachen sind, von denen ich gar nicht wusste – das ist Nestlé. Aber ich weiß, dass ich ein Nestlé-Gegner sein sollte, weil das ein total gefräßiger Konzern ist, und das Maggi habe ich nur aus Sentimentalität gekauft, weil ich als Kind diese braune, flüssige Speisewürze immer auf mein weichgekochtes Ei getröpfelt habe, und an meine Kindheit musste ich denken, weil mein Vater plötzlich nicht mehr gehen kann, obwohl das eigentlich abzusehen war. Keine Ahnung, warum ich dachte, dass Maggi mich tröstet, aber auch an den Nudeln und im Nesquick, da war überall ein Bildungsgutschein dabei. Damit machen die von Nestlé Werbung und stecken sie überall in ihre Produkte rein, weil sie ein Abkommen mit Deutschland haben. Also die Schleckermäuler vom Arbeitsministerium und von der Regierung, die haben ihre Hartz IV-Reform schon vorab refinanziert und diesen Deal mit Nestlé ausgehandelt. Ich habe dadurch einen Gutschein für einen Freischwimmerkurs im Schwimmbad, obwohl die Stadt hier sämtliche Schwimmbäder geschlossen hat, weil sie keinen Deal mit Nestlé oder der Deutschen Bank zustande gekriegt hat. Man kann hier nur noch in Hotels schwimmen gehen, und ich bringe mein Kind mit so einem Gutschein nicht ins Hotel. In den Nudeln war ein Gutschein für Mathematik-Nachhilfe, allerdings müsste man sich da auf Mengenlehre spezialisieren, und ich habe kein Kind, das schlecht in Mengenlehre ist. Im Nesquick gab es einen Sprachkurs für Hochchinesisch im Angebot, das war der Volltreffer, und ich dachte gleich, den werde ich meinen Kindern vorenthalten und selbst nutzen, denn wenn ich Mandarin kann, bekomme ich vielleicht auch wieder Arbeit. Da gibt’s voll ausgestattete 70 qm-Wohnungen für 300 Euro warm, in Chengdu zum Beispiel. Obwohl da immer Nebel ist, ist das besser als hier ohne Arbeit. Aber nun sind unsere Werte-Vertreter gescheitert, meine Gutscheine sind Makulatur, und ich habe keine Ahnung, wen ich dafür verantwortlich machen darf. Mein Quartiers-Manager sagt, ich soll Nestlé verklagen, damit die dann die Bundesregierung in meinem Namen verklagen. Aber mein Freund, der Anwalt im Bundestag ist, behauptet, dass er den Auftrag erhalten hat, Nestlé zu verklagen, weil die ihre Gutscheine zu früh in den Waren versenkt hätten. Allein die Rückrufaktion dieser Waren kostet mehr als die ganze gescheiterte Hartz-IV-Reform je gekostet hätte, und mein Bundestagsanwalt meint, wenn er verliert und Nestlé gewinnt, dann muss er auf Hartz-IV. Er will wissen, warum ich mir Produkte von Nestlé leisten kann, und ob man beim Einkauf von deren Gutscheinprodukten seine Hartz-IV-Card zeigen muss, und ich frage mich, wie er darauf kommt, weil man den Scheiß von Nestlé natürlich überall bekommt, also auch in den Sozialläden, und dass das mit der Bildung ja eben so organisiert wird, dass die für alle ist, weshalb auch jeder diese Gutscheine kaufen kann, wenn er Nestlé kauft, nur dass ich Nestlé eben im Sozialladen kaufe, damit ich die verfickte Card nicht brauche. 

Dienstag, 8. Februar 2011

Omegapunkt


Du träumst zwei Träume gleichzeitig, also parallel, und du denkst: Bestimmt bringst du die Geschichten irgendwann zusammen. Die Träume laufen schon unaufhaltsam aufeinander zu. Aber sie vereinigen sich nicht. Stattdessen ist da eine unglaubliche Detonation, und dann explodierst du, oder dein Körper, oder dein Kopf, oder alles zusammen, gleichzeitig oder nacheinander, das ist nicht mehr zu unterscheiden. Da ist überall noch Nachbeben, also du, dein Körper, alles bebt noch nach, nach dieser Kollision. Das ist wie bei luftelektrischen Entladungen, denkst du, nur dass zwischen Einschlag und Nachhall keine Verzögerung mehr existiert, und dir wird klar, dass dieser ganze Multi-Task-Scheiß für Träume ungeeignet ist. Du versuchst dich zu erinnern, an welchen Punkten der Geschichten es zu Zusammenstoß und Auslöschung kam, und bisher dachte ich immer: Du kannst zwei Leben leben, oder drei, und jeder, dem du begegnest, sieht dich in einem anderen, nämlich seinem, aber das siehst du jetzt anders. Jetzt musst du fürchten, dass eins dem anderen begegnet und dann ... und was, wenn dich doch alle im selben sehen und nur du dich in einem anderen? Was also, wenn du einem begegnest, der dich kennt, obwohl du gerade glaubst, ein anderer zu sein, jemand, den kein Mensch kennt? Wer überlebt das dann – du oder der andere? Angeblich kann man sich nur kennen, wenn man Geheimnisse hat. Mann erkennt sich in dem, was man für sich behält. Du bist das, was kein Mensch von dir weiß. Und das explodiert dann. Oder du hast Pech und fristest dein Leben als Blindgänger. Und am Ende bist du wieder am Anfang und hast keine Ahnung, ob du es dann überhaupt bemerkst.

Montag, 7. Februar 2011

Final Cut

Ich bin jetzt 45 und denke ständig an die Endlichkeit, also den Tod, und das lähmt mich, dieses Darandenken, dass ich es nicht schaffe, irgendetwas zu schaffen. Das ist keine Lebensmittekrise, weil ich ja nie die Mitte, sondern immer nur das Ende vor Augen habe. Meine Mutter heult seit 20 Jahren, weil sie kein Leben hat, weil ihr überhaupt nichts passiert, und dafür macht sie ihren Mann verantwortlich, meinen Vater, und sie ist wütend, weil es nicht genügend Geld gibt, um das auszugleichen, dass mit dem Mann nichts anzufangen ist. Mein Vater hat aufgehört zu leben, als er in Rente ging. Da hat man gleich Parkinson diagnostiziert und seitdem hält er sich für tot, dabei ist er erst seit ein paar Jahren vollends pflegebedürftig, was nun wiederum das Leben meiner Mutter ist, der man also mittlerweile glauben darf, dass sie keins hat. Seit drei Jahren erzählt mein Vater mir, dass sein Leben unwürdig ist und dass er es nicht mehr haben will. An Weihnachten hat er gesagt, wenn er könnte, würde er abhauen, aber damit meinte er nur das Haus und die Frau, nicht das Leben, weil aus dem ist er ja schon weg. Aber da war eben noch mal so etwas wie eine Fantasie von einem Neuanfang. Manchmal träumt meine Mutter auch davon, dass noch mal was anfängt, wenn mein Vater weg ist, also richtig weg, aus ihrem Leben und aus seinem. Etwas scheint auf mich abzufärben, weil das so beständig auf mich einredet, dieses Leid meiner Eltern, weil die mit niemandem außer mir darüber sprechen, über ihr jeweiliges Nicht-Leben. Aber ich bin doch einigermaßen erschüttert, dass ich mich daran so aufhänge, an dieser Endlichkeit, die ja eigentlich etwas sehr Reines und Schönes ist, weil man sich von ihr kein Selbstbild machen kann. Aber ich produziere stattdessen ein Album mit Geschichtsbildern, als wäre ich nur noch Geschichte, und das ist genau das, was mich so fertig macht, und alles, was ich noch wahrnehme, ist ein Schlussbild, aus dem ich mich nicht mehr herausbewegen kann. 

Sonntag, 6. Februar 2011

Spiel mir das Lied vom Tod


Heute Nacht war ich auf der Schauspielschule in Leipzig. Ich bin der erste in meinem Alter, der die Aufnahmeprüfung bestanden hat, und schon zur ersten Unterrichtsstunde komme ich zu spät, sage: „Entschuldigung“, und sofort blafft der Lehrer mich an, ich solle gefälligst verständlich sprechen. LAUTER! Dann fangen die ersten Übungen an, und alle machen sich sofort zum Affen. Kriechen und stöhnen und betatschen sich, und ich frage mich: Warum tue ich das? Warum bin ich hier? Natürlich falle ich auf, weil ich einfach durch den Raum gehe, aber ich gehe nicht raus, was mein eigentlicher Impuls ist. Ich behaupte mir gegenüber: Du musst da durch – und akzeptiere, nicht zu wissen, warum ich da durch muss. Ab und zu zuckt mein Arm, wenigstens der Anfang eines Aus-Sich-Heraus-Gehens, obwohl ich sicher bin, dass der Arm ohne mich zuckt, dass ich dieses Zucken überhaupt nicht kontrollieren kann. Die Mitschüler verachten mich, beziehungsweise: Sie beachten mich nicht, was eigentlich sehr angenehm ist, weil man offensichtlich nicht dazu gehört. Aber dann gibt es Paar-Übungen mit Anfassen, und alle haben einen Partner. Ich hoffe schon, dass keiner mit mir üben will, aber dann lacht mich einer an, mit dem ich mich zusammen zum Affen machen muss, also Körperkontaktkriechen, Spuckeatmen, Lande-auf-mir-wenn-du-fällst und so was. Alle haben nach diesem ersten Tag ein unglaublich gutes Gefühl, über das sie tratschend, schnatternd mit den Händen fuchteln. Am zweiten Tag läuft alles schon viel besser, weil ich gut mit Lauten kann und komische Sachen sage und interessant gucke, was mir ziemlich viel Anerkennung bringt. Bei der Abschlussprüfung agiere ich 30 Minuten lang so eine Art ‚Wahnsinn und Verbrechen’ aus, mittels verschiedenster Mittel, die mir plötzlich zur Verfügung stehen, unter anderem auch wieder Zucken und Lautgeben und Kriechen und Interessantgucken, was sehr intensiv ist und beinah so, dass ich denke: So bin ich doch immer! Auch wenn ich beim Auftritt merke, dass ich das plötzlich kontrollieren kann, weshalb dann auch alle total begeistert sind, sogar die Lehrer, und deshalb ist meine Ausbildung auch vorbei, und ich bin froh, dass ich das alles in einer Nacht erledigen konnte.

Samstag, 5. Februar 2011

Innerbetriebliche Störung

Es gibt Medikamente, die Narkolepsie verursachen. Möglicherweise wurden diese an mir getestet. Nach Aufräumarbeiten in einem Keller bin ich zudem an Dokumente gelangt, die es mir unmöglich machen, mich länger an zugänglichen Orten aufzuhalten. Ich bin also zur Zeit nicht erreichbar, möglicherweise, weil ich schlafe und nicht weiß, wo. Ich weiß nur, dass in das 2-Bett-Zimmer, in dem ich liege, morgen ein Mann aus Ägypten verlegt wird. Keine Ahnung, was dann mit mir passiert.

Freitag, 4. Februar 2011

Blind Date


Du gehst aus dem Haus und im nächsten Moment steht dieses Haus nicht mehr da, in dem du dein Leben verortet hast. „Bella“, sagt eine in einer Bar zu dir, weil sie denkt, du möchtest wissen, wie sie heißt. Dabei kannst du ihr nicht mal in die Augen sehen. Deine Mutter konnte den Geruch der Chemikalien nie vertragen, mit denen sie ihren Krebs entsorgen wollten. Und jedes Mal, wenn du einer wie Bella begegnest, hast du diesen Geruch in der Nase, von dem du immer nur gehört hast.

Donnerstag, 3. Februar 2011

Operation Nougat-Ring VII


Als ich aufwache, höre ich Geräusche an meiner Tür, und es ist nicht der Mann aus Kasachstan, der jeden Dienstag mit dem Staubsauger im Treppenhaus herumfuhrwerkt. Ich ziehe mir nichts an, weil ich noch angezogen bin, luge durch den Spion und sehe einen Mann in einem blauen Overall. So einen trägt auch der Kasache, aber der vor meiner Tür ist der, der mir das Sicherheitsschloss eingebaut hat, das er offenbar gerade wieder ausbaut, was mich erschreckt, denn ich verstehe nicht, wie es möglich sein kann, so ein Schloss einfach zu demontieren, zumal von der Treppenhausseite aus, von der aus das Schloss ja potentielle Angreifer abwehren soll. Als ich aufzumachen versuche, geht das natürlich nicht, also rufe ich hinter Tür, und verlange nach Erklärung, als plötzlich die Tür doch noch aufschnappt. Der Mann hält mein 565-Euro-Schloss in der Hand und behauptet, meine Kreditkarte sei nicht belastbar. Natürlich ist das ein Film, ein schlechter, aber man kann jemandem an der Tür ja schlecht erklären, dass er gerade in einem Film mitspielt, und zwar in einem, der bereits läuft und nicht erst gedreht wird. Der Typ nimmt stattdessen mein Erscheinen als Anlass für eine Frühstückspause und beißt in einen Nougat-Ring, den er definitiv bei meinem Türkenbäcker gekauft hat, und dann kommt doch noch der Kasache mit seinem Staubsauger, also ist doch Dienstag, und egal, was ich jetzt mache, das Schloss kann ich vergessen, egal ob das ein Film ist oder nicht, also mache ich die Tür wieder zu, damit ich wenigstens diese Nougatfresse, die meine Sicherheit pfändet, nicht länger sehen muss. Der Radiowecker spielt los, Peter Fox, der einem Glauben machen will, dass Paranoia auch zum Erfolg führen kann, nur dass ich natürlich gar nicht paranoid, sondern lediglich lebensbedroht bin. „Der Tag bricht an, es klopft an deiner Tür. Du machst auf, da steh ich ohne Kopf vor dir. Halt mich fest, weil ich mich sonst verlier. Nur mit dir find ich den Weg zurück zu mir.“ Was willst du mir damit sagen, Peter, und ich weiß, du sprichst zu mir, also eigentlich bist du Boris, so hast du dich zumindest früher genannt, oder verwechsele ich da was, Arschloch? Um zu überleben muss ich mit mir klären, ob ich bereit bin, in den Krieg zu ziehen. Egal ob Hausverwaltung, Elterninitiative, Christen oder Mutterfaschistinnen – die Frage lautet: Bin ich bereit für Alles oder Nichts? Sofort denke ich wieder an die Bulgaren und bin überzeugt: Eine Allianz mit den Bulgaren erhöht meine Überlebenschance. Das Problem ist: Ich spreche kein Bulgarisch. Und die Bulgaren werden immer noch von Einigen hier für Russen gehalten, aber Russisch spreche ich genauso wenig und so viel ich weiß, sprechen die Bulgaren kein Deutsch, egal, ob sie Russen sind oder nicht.

Mittwoch, 2. Februar 2011

Live-Ticker aus Ägypten: Ich bin ein Chinese!


Das ist das erste Mal, dass du im Live-Ticker Revolution verfolgst. Das gab’s hier bisher nur von Fußball- Tennis- oder Faustballspielen. Jetzt kannst du mit Spiegel Online Counterstrike in Ägypten spielen, wobei du nicht spielst, weil du nur das Ticket für Passiv hast. Aktiv müssen die das selbst hinkriegen. Trotzdem darfst du live die Toten mitzählen, auch wenn du sie nicht getötet hast. In den Wettbüros läuft der Live-Ticker über den Tresen, aber bisher hat sich da noch jeder verzockt. Und irgendwann in der Nacht machen sie den Laden dicht. Auch kein Live-Ticker am frühen Morgen. Die Weltveränderer im Big-Brother-Haus des Online-Spiegels machen ein Nickerchen. Plötzlich bist du live bei einem Hunderennen in China. Die rennen immer. Also platzierst du da deine Wetten, so wie Guido und sein Mann. Die wetten auch auf die Hunde in China. Auf Ägypter setzen die keinen müden Cent. Dann fällt bei dir der Strom aus, und du gehst raus, und plötzlich bist du auf der Straße in deinem ganz persönlichen Live-Ticker angekommen. Du tickst die ganze Zeit. Geh nach rechts! Weich der fetten Alten aus! Tritt nicht auf das Kind! Warum tritt der Mann vom Ordnungsamt die Windschutzscheibe eines Autos ein, das offenbar nicht ihm gehört? Geh weiter! Sag: Guten Morgen! Du tickerst immer weiter: Guten Morgen, Guten Morgen, Guten Morgen! Dann trittst du in Hundescheiße, weil es draußen scheißkalt ist, und die ganzen Herrchen und Frauchen zu behäbig und zu verfroren sind, ihre Vierbeiner wenigstens bis zum Grünstreifen zu bringen; und du tickerst: Boxer scheißt auf meine Füße. Und dann bist du live dabei, wie du Herrchen in die Fresse boxt. Und irgendwie wäre es angebracht, den Strom in deinem Kopf abzustellen, damit dieses Getickere aufhört. Du stellst dir vor, wie du in einem Café sitzt und Zeitung liest, und schon tickerst du: Bin in einem Café und lese Zeitung – aber das Papier macht dich fertig, diese ewig langen Artikel, die dir irgendeinen Scheiß von gestern andrehen wollen. Die dir Ägypten von gestern verkaufen. Dabei geht es darum, dieses Gestern endlich auszuschalten, und du verstehst einfach nicht, was du da liest, weil das einfach viel zu weit weg ist. Weil es nicht live ist. Und da merkst du: Du bist ein Chinese. Weil es für die auch kein Gestern mehr gibt. Und weil die ihre Hunde essen oder auf die Rennbahn scheißen lassen, aber nicht auf deine Füße. Du rennst nach Hause, aber dieser scheiß Online-Spiegel tickert immer noch nichts Neues aus Ägypten oder sonst woher, also bist du wieder mal der einzige hier, der irgendwie live ist, also tickerst du einfach weiter dein Leben aus dir raus, damit es wenigstens irgendwas zu berichten gibt aus dieser verschissenen Live-Gegenwart.

Dienstag, 1. Februar 2011

Das Vögeln Christlicher Werte - Operation Nougat-Ring VI


Das ist so, wie eine Kamera, die auf dich draufhält, aber du siehst das aus der Perspektive eines anderen, und der kann sehen, wie die Kamera auf dich draufhält, die du nicht bemerkst, weil deine Wahrnehmung verlangsamt wird. Du bist nur der Ausschnitt, der erfasst wird, und in dem ist keine Kamera zu sehen, sondern nur, wie du zu langsam bist. Aber als du dich umdrehst, ist es die Kamera, die zu langsam ist, und als du losrennst, rennst du auf dich zu, weil du derjenige bist, der dich eben noch beobachtet hat, und als Boris mich fragt, ob ich die Stimme erkannt hätte, ob ich wüsste wer, „du bist der Nächste“, gesagt hat, könnte ich schwören, dass es weder der Pole noch der Bosnier gewesen ist, aber davon will Boris natürlich nichts wissen. Keine Ahnung, warum ich ausgerechnet zu ihm gegangen bin. Ich habe mein neues Sicherheitsschloss nicht erwähnt, aber offensichtlich den Polen und den Bosnier, die mich im Namen den Elterninitiative oder der Hausverwaltung verprügelt haben, und natürlich steht für Boris damit fest, dass die beiden mit aufgelauert haben. Ich hätte nicht herkommen sollen. Spätestens als seine Freundin Dörthe in der Tür erscheint, wird mir das bewusst. Sie ist eine Mutterfaschistin, das erkenne ich sofort. „Seit wann bist du schwanger?“, höre ich mich fragen, und Boris grinst stolz: „Seit sechs Monaten.“ Dörthe lehnt mit einem Nougat-Ring in ihrer linken Hand im Rahmen, die rechte streicht über einen aufgeblähten Bauch, und ihr Blick bedeutet: „Boris, kommst du mal bitte nach nebenan!“, aber das versteht Boris natürlich nicht, also muss sie deutlicher werden und sagt: „Besuchst du deine Freunde, um die du dich jahrelang nicht kümmerst, immer erst, wenn alle anderen schon schlafen?“ Ich finde den Satz viel komplizierter als den Blick. Boris fängt sofort an zu zittern, weil er nicht weiß, wie er mich jetzt, ohne weiteren Ärger zu verursachen, verteidigen soll, aber ich bin schon aufgestanden und entschuldige mich zuerst bei Dörthe und dann bei Boris, und dann bedanke ich mich dafür, dass es mir dank seiner Hilfe schon wieder viel besser geht, und dann verspreche ich noch, dass nächste Mal nicht wieder so lange zu warten bis ich mich melde, und schließlich wünsche ich Dörthe noch alles Gute für ihre Unterwassergeburt, und als ich endlich wieder draußen auf der Straße stehe, frage ich mich, warum ich mit dem Rauchen aufgehört habe. Und dann schießt es mir durch den Kopf – kennt Dörthe Sabine Demuth, das Mordopfer aus der Bäckerei? War das gar kein Zufall, dass ich ausgerechnet bei Boris Zuflucht gesucht habe? Ich glaube kaum, dass Boris Dörthe von unserem fröhlichen Rumgevögele in einem anderen Leben unterrichtet hat – dem Leben vor Dörthe, Boris’ Leben vor seiner ‚Rückbesinnunng auf christliche Werte’, wie er das damals nannte. Aber Dörthe gehört zu den Frauen, die Erkundigungen einziehen, bevor sie sich schwängern lassen. Und Boris ist zu naiv, um sich ihr nicht völlig zu unterwerfen und das dann für ‚Liebe im Rahmen des moralisch einwandfrei Guten’ hält. Sie weiß bescheid, ich bin mir sicher. Ich überlege, ob ich Boris mag. Ob ich ihn damals gemocht habe, als wir etwas ausprobierten, das wir für Vögeln hielten. Ich überlege, wo meine Freunde sind. Warum sich seit dem Mord an Sabine Demuth kein Arsch mehr bei mir meldet und warum jeder Anruf, mit dem ich Kontakt aufzunehmen versuche, abgelehnt wird. Ich verliere mein Leben, ganz klar, aber ich habe ein Sicherheitsschloss und draußen ist es scheißkalt und über dem Park geht schon die Sonne auf und zumindest so viel ist klar: Ich bin noch da!