Samstag, 22. Januar 2011

Dioxin ist ein Produkt der Stasi


Die beiden Jungs im U-Bahnhof sind sehr fröhlich; jeder hat eine Flasche Bier in der Hand, und einer hat einen Rucksack auf dem Rücken. In der U-Bahn nehmen sie Kontakt zu einer älteren Dame auf, die ist mit einem Aluminium-Koffer unterwegs, gerade angekommen im Metropolenurlaub. Einer der Jungs holt eine Rolle mit Aufklebern aus dem Rucksack, zieht einen ab, und die ältere Dame klebt ihn auf ihren Koffer, auf dem jetzt ein roter Schriftzug leuchtet: PROUD. Sie führen ein angeregtes Gespräch zu dritt; die Dame bekommt eine Zeitschrift überreicht: PROUD. Irgendwie ist diese Koffer-Frau die Auserwählte, die beiden feiern, wahrscheinlich ist es die erste Ausgabe des Magazins überhaupt, aber dann kippt einem der beiden eine Flasche Bier um, und das Bier fließt über den Boden, und der junge Mann kichert hysterisch und hört gar nicht mehr auf. Das ist definitiv ein Lachanfall, und die ältere Dame blättert nervös durch die Zeitschrift, weil das nun doch zu weit geht. So ist das mit den jungen Leuten; die müssen es immer übertreiben. Da war man eben noch freundlich und angeregt und nun artet es aus und wird widerlich, und die Jungs kümmern sich auch gar nicht mehr. Da sind eben doch wieder die Welten, die sie ja eigentlich schon von Anfang an getrennt haben. Die ältere Dame steht auf, will aussteigen, und ihr Koffer bleibt noch hängen, droht ebenfalls umzukippen, und keiner der Jungs springt auf, um ihr zu helfen, weil sie das gar nicht mitbekommen, und die Dame sucht auch gar nicht mehr ihren Blick. Dann öffnet sich die Tür, und sie steigt aus, und es gibt nicht mal ein „Auf Wiedersehen“, auf das sie bestimmt gewartet hat, und deshalb dreht sie sich auch nicht mal mehr um, als sie den Zug verlässt, weil sie von den Jungs sowieso schon längst vergessen ist. Und am nächsten Morgen wachst du auf, weil aus dem Radiowecker ein Streitgespräch tönt, das der Tonmeister in der Mischung schon nicht mehr kontrollieren kann. Der Vorsitzende des Bauernverbandes beschimpft den Vorsitzenden des Öko-Bauernverbandes und umgekehrt, und der Moderator kommt überhaupt nicht mehr dazwischen und weiß am Ende selbst nicht mehr, wo das Dioxin nun eigentlich herstammt, und als du halbwegs hergerichtet beim Bäcker Brötchen holst, liest du in der Zeitung auf der Theke, dass der Büroleiter dieser Linken-Propagandistin Lötzsch ein Elitesoldat der Staatssicherheit war, und in der U-Bahn erfährst du dann vom Monitor, zu dem alle hochstarren, dass der Dioxin-Panscher selbstverständlich auch bei der Stasi war, da hieß er IM Pluto, und da wird dir klar, dass du die Logarithmen des Informationsflusses niemals verstehen wirst. Wenn selbst du das Zufallsprodukt eines Ficks deiner Eltern bist, warum sollte es sich mit der Welt anders verhalten, und vom Schmetterlingseffekt haben selbst die Schmetterlinge schon gehört, und als du endlich bei der Arbeit erscheinst, steht da plötzlich ein Aluminium-Koffer, an dem du hängen bleibst. Auf dem Koffer leuchtet ein roter PROUD-Aufkleber, und als du ihn öffnest, liegt eine zerstückelte Bierleiche darin, und als dir klar wird, dass du endlich wach bist, drückt dir eine ältere Dame die Spitze eines Degens gegen die Brust, und ehe du was sagen kannst, stößt sie zu und lacht, und du siehst den Rest des Tages zu, wie du verblutest.

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