Montag, 31. Januar 2011

Aktenzeichen XY ungelöst – Operation Nougat-Ring V


Nachts bin ich noch mal raus. Die Tür zum Spätkauf war nur angelehnt. Die Bullen müssen vergessen haben, sie zuzumachen. Oder der Besitzer, aber hier weiß niemand, wem der Scheißladen eigentlich gehört. Früher gehörte er Herrn und Frau Walter. Frau Walter hat sich immer halbtot gefürchtet vor den Kunden. Herr Walter arbeitet erst im Kiosk, seitdem sie pleite gegangen sind mit ihrem Kiosk. Muss so eine Art Gnadenakt des neuen Besitzers sein, aber man munkelt, Frau Walter hätte das eingefädelt. Vielleicht will sie ihren Mann bestrafen. Herr Walter sieht total verzweifelt aus, wenn er Dienst schiebt. Wohl auch weil er sich zu Tode langweilt. Jetzt kommen nämlich auch nicht mehr Kunden als früher, als ihm der Laden gehörte, Frau Walter sich gefürchtet hat, und das Haltbarkeitsdatum ihrer Waren regelmäßig abgelaufen war. Jedenfalls ist Herr Walter einer von den beiden Alten im Kiosk, und der andere ist tot. Ich stoße die Tür auf, leuchte mit der Taschenlampe, die ich einem der Parkraumüberwacher unbemerkt entwendet habe, über die Theke. Keine Ahnung, wonach ich suche. Letzten Sommer stand noch Frau Walter mit einer Taschenlampe im Laden, ein Häufchen Elend, und die ganze Nachbarschaft war bei ihr, um sie zu beruhigen, weil sie Stromausfall hatte, und die ganze Tiefkühlware und der Mist aus dem Kühlregal, alles drohte wegzutauen oder zu verfaulen, und sie wusste einfach nicht weiter, weil sie noch mehr Angst hatte als sonst, weil es ja dunkel war. Ich habe eine Kabeltrommel klargemacht und irgendwer ist in irgendeinen Keller eingebrochen, um an Strom zu kommen, an den die Kabeltrommel ranreichte, während Frau Walter plötzlich anfing mit Kerzen rumzufuchteln. Ich fürchtete schon, sie würde vor lauter Aufregung alles abfackeln, weil ein paar Besoffene nach mehr Alkohol verlangten, und Frau Walter ihre Kasse öffnen musste, und sicher schon einen Beitrag bei ‚Aktenzeichen XY ungelöst’ vor ihrem inneren Auge abspielte. Der Alte, der hier heute erschossen wurde, ist nicht ihr Mann. Es ist der Alte mit den kurzgeschorenen, weißen Haaren auf dem Schädel und dem Bart und der Golduhr ums linke Handgelenk. Da war auch ein Kreuz auf den Unterarm tätowiert, aber vor allem hat der Typ stark gerochen. Manche sagen, das ist der Geruch der Alten. Das erste Mal habe ich den in einer Umkleidekabine gerochen; das war das erste Mal, dass ich eine Vorstellung vom Tod bekam; da war ich vierzehn. Der Alte im Kiosk war auch langsam bei allem; die Leute meinen, er sei vor allem unfreundlich gewesen. Ich glaube, er wollte immer nur korrekt sein, aber jede Bestellung nötigte ihm mehr ab, als er bewältigen konnte, und das wusste er genau. Das Rechnen und Wechseln machte ihn verrückt, weil er sich selbst nach einem Jahr nicht merken konnte, was ein Budweiser oder eine Tafel Milka kosteten. Jedenfalls hat immer der ganze Laden nach ihm gerochen, und jetzt, wo er tot ist, riecht es nach gar nichts, was mich verwundert. Herr Walter riecht nicht, aber wenn man bei ihm kaufen muss, fühlt man sich unwohl, weil er aus jeder seiner Poren rauslässt, dass das alles sowieso keinen Sinn macht. Ich sehe ihn hinter dem Tresen, und plötzlich hält er sich eine Knarre an den Kopf und drückt ab, und das nur, weil Frau Walter nicht will, dass er die Abende bei ihr zu Hause verbringt. Aber vor ihr hätte er nie den Mut so etwas zu tun, also macht er es vor mir. Zum Glück ist das nur eine Phantasie, weil die Kugel steckt ja in dem Kopf von dem anderen, und die hat er sich nicht selbst reingeschossen. Als ich gehen will, leuchte ich plötzlich auf die Golduhr. Ich war immer überzeugt, dass sie ein Imitat ist, und ich fasse nicht, dass die Spurensicherung sie hier übersehen hat. Ich kann nicht anders, ich muss sie aufheben, und in dem Moment höre ich jemanden sagen: „Du bist der Nächste.“

Sonntag, 30. Januar 2011

Der Tote im Spätkauf - Operation Nougat-Ring IV


Die Wunde verheilt gut. Nach drei Tagen entlassen sie mich wie einen Aussätzigen. Niemandem ist aufgefallen, dass ich weg war. Selbst der Concierge nicht, bei der immer noch ein Weihnachtsstern im Fenster leuchtet. Ich hatte fest damit gerechnet, dass meine Wohnung leergeräumt sein würde, aber das Türschloss ist unberührt und auch sonst deutet nichts darauf hin, dass jemand drin war. Alles ist noch da. Selbst mein Name steht noch auf dem Türschild. An dieser Tür hing der Zettel. Die drei Worte darauf waren das Einzige, was sich die letzten drei Tage in meinem Kopf bewegt hat. Unter der Dusche wasche ich eine Stunde lang das Krankenhaus aus mir raus. Vor dem Spätkauf hat sich eine Menschentraube gebildet. Die Concierge ist auch da. „Wieder ein Schuss in den Kopf“, sagt sie. Es hat einen der Alten getroffen, den, der immer den Daumen leckt, bevor er Geldscheine aus der Kasse zum Wechseln rauszieht. Mein Türkenbäcker ist auch einer der Schaulustigen. Er wirft mir einen verstohlenen Blick zu, der nichts anderes bedeutet, als: „Wo warst du? Seit wann bist du zurück?“ Er ist der einzige türkische Bäcker der Stadt, bei dem es überhaupt kein türkisches Gebäck gibt, nicht mal Sesamringe. Die Polizisten drängen uns mit ihrem Absperrband zurück. Mir ist kotzübel. Am liebsten würde ich zu einem der Bullen gehen und sagen: Ich war’s nicht. Wahrscheinlich würde ich umso verdächtiger erscheinen. Jemand packt mich am Arm und fragt, was mit meiner Stirn passiert sei. Ein Krankenwagen fährt vor. Er kommt zu spät, denke ich, aber er schafft den Leichnam in die Pathologie. Die Versammlung löst sich allmählich auf. Es wird nach Leuten gefragt, die etwas beobachtet haben. Ich entdecke einen der Bulgaren, was mich irgendwie beruhigt, schließlich dachte ich ... ich weiß nicht was ich dachte. Es ist kalt, aber der Bulgare, es ist der Große mit den bunten Hosen, hat nur ein Sakko an. Natürlich ignoriert er mich. Ein Beamter fragt nach meinen Personalien. Die Concierge mischt sich ein. Ich könne es nicht gewesen sein, ich sei ja gerade erst aus dem Krankenhaus entlassen worden. Ich gehe zurück in meine Wohnung. Ich rufe einen Schlüssel-Notdienst und lasse mir für 565,- Euro ein Sicherheitsschloss einbauen. Dann ziehe ich die Fäden aus meiner Stirn. Dabei beginnen die drei Worte wieder Amok in meinem Hirn zu laufen.

Samstag, 29. Januar 2011

Polnische Einwegspritzen - Operation Nougat-Ring III

Schließlich stellt sich heraus, dass der eine Typ in meiner Wohnung aus Bosnien stammt und der andere aus Polen, und keiner der beiden ist bei der Kriminalpolizei. Der Pole hält mich fest, und der Bosnier schlägt zu, immer in den Magen rein, und kurz bevor ich ohnmächtig werde, kotze ich ihm Malzkraftbrot mit Apfel-Zwiebel-Pastete und Nougat-Ring vor die Füße. Sie wollen wissen, ob ich’s begriffen habe, was ich bestätige. Der Pole meint, wenn ich die Wohnung nicht binnen einer Woche kündige, kommen sie wieder. Was ich nicht begriffen habe, oder beim Kotzen einfach überhört habe: Kamen die jetzt von der Hausverwaltung oder der lokalen Elterninitiative? Und warum die Nummer mit den Tatort-Fotos eines Mordfalls? Ich spüle den Geschmack des Erbrochenen aus und schleppe mich zu meinem Türken-Bäcker, dessen Namen ich eigenartigerweise immer noch nicht kenne. Er sagt mir, dass er erst seit zwei Stunden wieder geöffnet hat, weil die Spurensicherung so lange gebraucht hat. Sabine Demuth wurde tatsächlich in seinem Laden erschossen, also frage ich, warum er behaupten würde, ich wäre das gewesen, und dann erzählt er, dass der Schuss von draußen abgegeben wurde, und dass ich da längst nicht mehr da war, aber dieser Pole und der Bosnier, die hätten ihm die Hölle heiß gemacht, ihm mein Foto gezeigt, und er hätte geglaubt, dass das Bullen sind, was ich verstehen kann, weil ich das ja auch geglaubt habe. Der Türken-Bäcker will wissen, woher ich die Demuth kannte, aber die kannte ich gar nicht. Irgendwas ist bei dem Attentat schief gegangen, irgendwas hat mit dem Timing nicht gestimmt, und er fragt, ob ich jetzt meinen Kaffee will, aber sein Laden ist mir nicht mehr geheuer. Draußen auf der Straße rollen mir die Mutterfaschistinnen entegen und gucken komisch, als hätte ich Platzverbot oder so was. Wahrscheinlich wundern sie sich, dass ich noch da bin. Natürlich wollen sie an meine Wohnung, das ist klar, aber warum haben sie Sabine Demuth geopfert, warum vögeln sie mit Polen und Bosniern, nur um mich loszuwerden? Vielleicht sollte ich mich mit den Bulgaren in meiner Straße verbünden, aber die habe ich schon seit Wochen nicht mehr gesehen. Und als mir das bewusst wird, bekomme ich es doch noch mit der Angst zu tun, und als ich durch die Haustür bin und den Hof hinter mir lasse und vor meiner Wohnungstür stehe, hängt da ein Zettel an der Tür, und meine Knie werden weich, vor meinen Augen verschwimmt alles, und als ich umfalle, stoße ich mir die Stirn am Türgriff auf. Es dauert eine Stunde, bis ich wieder auf die Beine komme, und dann lande ich im Krankenhaus, weil meine Scheißstirn genäht werden muss, und die ganze Zeit umklammere ich diesen Zettel, den erst die Schwester und jetzt der Arzt erfolglos aus meiner Hand zu pulen versuchen, und dann merke ich den beißenden Schweiß- und Uringeruch, der in meine Nase sticht, und ich fürchte, dass ich das bin, dass ich so rieche, aber dem Arzt macht das nichts aus, und der Schwester auch nicht, aber ich begreife nicht, warum ich auch noch eine Spritze kriegen soll, weil ja nur die Stirn genäht wird. Ich schaffe es nicht mehr, darauf aufmerksam zu machen, dass ich den Anblick von Spritzen nicht ertrage, und ich glaube beim Einstich bin ich schon weggesackt, also mit dem Einstich bin ich denen verloren gegangen, und jetzt liege ich in diesem Bett und bin mir sicher, dass niemand weiß, dass ich hier liege, dass kein Mensch kommen wird, um mich hier rauszuholen. 

Freitag, 28. Januar 2011

Tod beim Türkenbäcker - Operation Nougat-Ring II


Die Frau hieß Sabine Demuth, hatte einen blonden Pagenkopf, wobei das Pony seitlich hochgegelt war, so wie Cameron Diaz das in „Verrückt nach Mary“ mit dem Sperma von Ben Stiller macht. Die beiden Männer, die behaupten von der Mordkommission zu sein, breiten Fotos auf meinem Küchentisch aus, was mich wundert, weil ich ja verdächtigt werde und eigentlich längst abgeführt sein müsste. Ich erinnere mich an Sabine Demuth. Sie saß bei meinem türkischen Bäcker und hatte einen Schreibblock vor sich, einen Stift in der Hand, und ihr gegenüber saß eine andere Frau im grünen Mantel, mit hochgesteckten, langen, braunen Haaren, und zuerst dachte ich, es handelt sich um eine Schauspielerin, die von Sabine Demuth interviewt wird, aber dann war es Sabine Demuth mit dem Stift in der Hand, die ununterbrochen redete. Normalerweise sitze nur ich bei dem Bäcker und die Arbeiter, die in der näheren Umgebung bauen und modernisieren. Normalerweise wird da nicht so laut und ohne Unterlass geredet. Nur die Verkäuferin hat eine ziemlich durchdringende, quäkige Stimme. Sie sagt immer: „Guten Appetit“, wenn sie einem den Kaffee anreicht. Ihr junger Kollege, der nur am Wochenende da ist, und wahrscheinlich der Sohn des Besitzers ist, der sagt immer: „Lassen Sie es sich schmecken.“ Ich war schon manchmal versucht, sie zu verbessern, ihnen zu erklären, dass das in dem Zusammenhang nicht die richtige Redewendung ist. Manchmal macht mich das irrsinnig wütend, wenn jemand so falsche Sachen sagt. Es gibt auch eine ältere Dame, die jeden Morgen ganz freundlich begrüßt wird und dann einsam einen Espresso trinkt und dabei immer darauf zu warten scheint, dass eine Unterhaltung stattfindet. Sie zieht den Mantel und den Schal aus, den Schal legt sie mit dem Mantel über die Stuhllehne, aber die Mütze behält sie auf. Dann schlürft sie den Espresso, und es dauert keine fünf Minuten, bis sie erst den Schal und dann den Mantel wieder anzieht, geht und nicht mal „Auf Wiedersehen“ sagt. Ich stelle mir dann immer vor, wie sie wieder nach Hause geht und da überhaupt nichts zu tun hat. Außer sie hat vielleicht einen Kanarienvogel, mit dem sie spricht und den sie füttern muss. Am Nachmittag geht sie dann vielleicht einkaufen, aber weil sie nicht viel Rente hat, muss sie in den Supermarkt, obwohl sie viel lieber im kleinen Laden kaufen würde, weil man sie da kennen und mit ihr Höflichkeiten austauschen würde. So wie in dem Kiosk, wo sie wahrscheinlich Lotto spielt, jeden Freitag einen Kasten ausfüllt. Sabine Demuth habe ich bis gestern nie in unserem Bäckerei-Café gesehen, aber ich erinnere mich daran, dass sie mir furchtbar auf die Nerven ging. Wenn ich mit meiner Schwester telefoniere geht das auch immer so, dass sie ohne Atem zu holen, so scheint es mir, mindestens eine viertel Stunde am Stück redet, und es ist klar, dass sie das alles schon hundert anderen Leuten erzählt hat, und trotzdem ist sie wahnsinnig engagiert in ihrem Erzählen und moduliert und dramatisiert und legt ihre unterschiedlichsten Empfindungen in den Ausdruck der Erzählung. Nur bin ich mit all dem meist so überfordert, dass ich gar nicht mitbekomme, worum es eigentlich geht, und dann fragt sie ganz plötzlich: „Und? Wie geht es dir so?“ Und darauf bin ich gar nicht vorbereitet, dass es auch um mich gehen soll, und dann sage ich einfach: „Gut.“, und meine Schwester ist beleidigt, weil sie genau wie meine Mutter der Überzeugung ist, dass ich nie etwas von mir erzählen würde. Sabine Demuth habe ich natürlich auch nichts von mir erzählt, und auf den Fotos, die die Beamten mir zeigen, liegt sie auf der Bank beim Bäcker, und auf ihrer Stirn ist ein kleiner roter Fleck zu sehen. Blut kann ich aber nirgends erkennen. Ich habe davon gar nichts mitbekommen, ich war da schon gar nicht mehr da, als das passiert ist, aber die Beamten behaupten, es gäbe da anderslautende Aussagen.

Donnerstag, 27. Januar 2011

Operation Nougat-Ring


Ich habe die ganze Nacht elektronische Nachrichten verfasst und abgeschickt. Allerdings war das ein virtueller Vorgang. Ich lag im Bett, es war dunkel, und meine Absicht war es, zu schlafen. Möglicherweise habe ich das auch, vor allem aber war ich wach und habe diese Nachrichten verfasst. Heute Morgen habe ich dann bereits die ersten Antworten erhalten, aber da stand ich noch in der Küche beim Wasserkocher, und der Rechner war noch gar nicht eingeschaltet, außerdem hatte ich die Mails ja gar nicht verschickt, auf die jetzt eine Antwort nach er anderen eintrifft, obwohl mein Handy nicht mal eine Kamera hat. Normalerweise antwortet nie jemand auf meine Post. Was mich wirklich irritiert, sind die Ohrpolster an meinem Kopfhörer. Die habe ich erst gestern Nacht bestellt, weil die alten sich dematerialisiert hatten, und jetzt sind die neuen schon montiert und möglicherweise bin ich aus dem Raum-Zeit-Gefüge ausgetreten, was mich ein wenig beunruhigt. Ich höre auch seit längerem schlecht, sobald Menschen in der Nähe sind. Keine Ahnung, ob da ein Zusammenhang besteht. Gerade hat es geklingelt und jetzt stehen zwei Männer bei mir in der Wohnung, die behaupten, ich hätte gestern in der türkischen Bäckerei, wo ich jeden Morgen Kaffee trinke, eine Frau erschossen. 

Mittwoch, 26. Januar 2011

Zu Guttenberg fickt David Hasselhoff

Stell dir mal vor, du bist 1,59 groß. Das ist ungefähr so groß, wie Tom Cruise ohne Füße. Und dann sagt einer: Kletter mal da hoch! Und jedem ist klar, die Abstände zwischen den Tauen, auf denen du mit den Füßen stehst und dich mit den Händen hältst, sind über 1,60. Das heißt, jedem ist klar, du bist ein Zwerg und Zwerge wohnen unter Bergen, weil sie hier oben nichts verloren haben. Stell dir vor, da steht einer in roten Bade-Shorts, und es ist nicht David Hasselhoff, obwohl er mindestens genauso viel säuft. Das ist der Chef, und sein Anhang säuft mit ihm um die Wette und vögelt sich durch die Männerduschen, und eben noch wischst du die Hasselhoff-Kotze weg, da bist du plötzlich der Wett-Pfand des Bade-Captains. Gewettet wird auf eine Abwandlung des Zwergen-Weitwurfs, den Zwergen-Hochwurf. Gehorsam ist ebenso zwingend wie Männerduschen, weil das was mit Angst zu tun hat, und Angst ist schon immer ein Fall für Arschficker gewesen, wobei dein Zwergenarsch eigentlich niemanden interessiert, außer David Hasselhoff vielleicht. Aber der ist, wie gesagt, nur durch sein Double vertreten. In diesen Double-Arsch hat jetzt der Verteidigungsminister hineingefickt, und alle finden das scheiße, dass Karl-Theodor zu Guttenberg so aktiv ist, was natürlich nur jemand finden kann, der von Haus aus passiv ist und sich selbst seit Jahren in so einen offiziellen Arschfick reinträumt. Und während dieser ganzen Schmuddelei geht irgendwie verloren, wie erniedrigend dieses Jahrmarktsschießen für so einen Arschabwischer wie mich ist, denn letztlich ist das immer das Einzige, was einen zu retten vermag, die Introspektive, und ich muss kotzen, nicht, weil ich überfordert bin, sondern weil diese ganze Hasselhoff-Scheiße mich nötigt, mitzumachen. Weil die ganze Zeit mein Gehirn gewaschen wird mit diesem Müll, unter dem irgendwo dein Zwergenarsch verloren gegangen ist, weil einfach rumgeballert wird, auf alles was sich bewegt, und Bewegung ist tödlich. Ich würde viel lieber über Stressekzeme referieren, die auch nur mit mir zu tun haben, sich dabei aber wenigstens nicht verstellen. Nur hat mein Hautarzt jetzt gesagt, dass der Stress ja von überall herkommt, und solange ich das Ekzem bin, bin ich eben mittendrin, und ob ich will oder nicht, ich saufe mit, mit Captain Hasselhhoff, und hänge auch in diesem Guttenberg-Fick mit drin, ohne noch zu spüren, ob aktiv oder passiv, weil ein Ekzem auf Positionskriege keine Rücksicht nimmt. Und der Neurologe meint, er kann mir auch nicht weiterhelfen, und der Psychiater meint, Verhaltenstherapie macht bei mir auch keinen Sinn, und der Psychoanalytiker behauptet, jenseits der 40 braucht man mit der Scheiße erst gar nicht mehr anzufangen. Also teste ich das ganze Arsenal der Pharmaindustrie durch und bleibe trotzdem ein Ekzem, was David Hasselhoff nicht weiter stört, den Verteidigungsminister aber schon, obwohl er durch seinen Job längst mit ganz anderen Krankheiten in Kontakt gekommen ist. Und natürlich fragen wir uns: Worum, also bitte, geht es denn hier eigentlich? Es geht darum, dass ich ein mieser Schlappschwanz, ein Mitläufer bin, dass ich Teil der Orgie bin und mich selbst vergewaltige und aus purer Langeweile fröhlich mitwichse auf diesen Berg von Scheiße. Ich bin voll zu Guttenberg. Ich habe Stressekzeme.

Dienstag, 25. Januar 2011

Nachricht aus Pjöngjang

Ich kenne einen Nordkoreaner, der lebt auf 33 qm, aber er hat 5 Fernseher, damit er 5 verschiedene Nachrichtensendungen gleichzeitig gucken kann. Er sagt, das bedeutet ihm Freiheit. Er guckt nur Nachrichten, weil er darauf hofft, dass irgendwo die Nachricht kommt, das System in seiner Heimat sei endlich zusammengebrochen. Er guckt chinesische, südkoreanische und japanische Sender. Er verlässt auch kaum die Wohnung, weil er Angst hat, die Nachricht zu verpassen. Außerdem fürchtet er, dass sie ihn finden. Es gibt nicht viele, die überhaupt wissen, dass er da ist. Zwei Mal die Woche trinke ich Tee bei ihm und versuche Koreanisch zu lernen. Im Hintergrund laufen immer die Fernseher. Filme guckt er nie. Aber er erzählt mir vom Diktator Kim Jong Il, der hat mal einen südkoreanischen Filmemacher entführen lassen und auch die Frau von dem Filmemacher, die Schauspielerin war. Sie sollten dann für Nordkorea Filme machen, weil die nordkoreanischen Filme so schlecht waren. Das Komische ist, ich weiß nie, ob mein Bekannter traurig ist. Dabei müsste er meiner Ansicht nach total traurig sein, weil er ziemlich allein ist und seine Familie nie wiedersehen wird. Er weiß nicht mal, ob noch irgendeiner lebt. Aber er guckt immer auf die Fernseher und wartet auf Nachricht.

Montag, 24. Januar 2011

Frank-Walter Steinmeier ist impotent und guckt lieber zu


Meine Schwester stand als Teenager auf Daniel Gerard. Der war Musiker und hatte den Hit „Butterfly“. Daniel Gerard trug bei seinen Auftritten immer einen Hut, und einen Vollbart hatte er, glaube ich, auch. Ich fand den Typ okay, weil ich das Lied mochte, das ich auch immer mitgesungen habe, zumindest den Refrain. Da musste ich nur „Butterfly“ singen. Ich kann mir Lied-Texte nicht gut merken. Jedenfalls lag ich im Wohnzimmer auf dem weißen Berberteppich und blätterte durch eine Zeitschrift, wahrscheinlich die Hörzu oder die Quick, was anderes gab es nämlich bei uns nicht. Durch die Hörzu habe ich mit fünf Jahren noch vor der Schule Lesen gelernt, wegen dem Fernsehprogramm, weil mir nie einer gesagt hat, was im Fernsehen läuft. Ich glaube aber, das Bild habe ich in der Quick entdeckt. Ich drehte eine Seite um und blickte auf eine ganzseitige Fotografie von Willy Brandt. Es war ein Portrait, farbig und grobkörnig. Willy Brandt war bei der SPD, der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, deren Mitglieder und Fans bei meinen Eltern nur „die Roten“ heißen. Willy Brandt war dementsprechend so etwas wie ein rotes Tuch für meine Eltern, für die CDU-Wählen eine Lebensverpflichtung darstellt. Ich war noch ein Kind, und habe mir im Glauben an meine Eltern überall CDU-Sticker hingeklebt, was meine Mutter allerdings nicht gut fand, weil man die gar nicht mehr von den Schränken und Tapeten abbekommen hat. Willy Brandt war ein Roter, so viel wusste ich, und dafür verachtete ich ihn ordnungsgemäß, weil er damit ein natürlicher Feind unserer Familie war. Ich sah also das Foto und rief meine Schwester; ich behauptete, ich hätte ein riesiges Bild von Daniel Gerard entdeckt. Meine Schwester kam sofort angelaufen, und ich hielt ihr das Foto von Willy Brandt vor die Nase. Meine Schwester riss mir die Quick aus der Hand und prügelte damit auf mich ein. Sie war total wütend. Ich glaube, meine Schwester wählt gar nicht. Manchmal mache ich mir Vorwürfe und frage mich, ob ich ihr ein Interesse an Politik unmöglich gemacht habe. Ihr Interesse an Daniel Gerard flaute damals auch ziemlich schnell ab. Gestern habe ich Frank-Walter Steinmeier im Fernsehen gesehen. Der ist auch ein Roter. Meine Mutter mag den ganz gern, würde ihn aber trotzdem nie wählen. Sie sagt, sie wählt jetzt überhaupt nicht mehr, sie lässt das meinen Vater für sie machen. Die neue Brille vom Steinmeier mag sie auch. Ich habe den Frank-Walter in einem kurzen, sehr informativen Interview-Beitrag zum Thema ‚Karl-Theodor und das Segeln’ gesehen, und da hat der Frank-Walter mir sehr engagiert erklärt: „Das versteht der Zuschauer nicht, das versteht die Bevölkerung nicht!“ Ich habe daraufhin heute Nacht schlecht geschlafen, weil mich diese Trennung und diese Rangordnung nicht loslässt. Dauernd denke ich: Wenn ich überall zuschauen könnte, dann gäbe es überhaupt keine Politiker mehr. Und dann frage ich mich, ob das gut wäre, für die Bevölkerung, zum Beispiel. 

Sonntag, 23. Januar 2011

Massaker am Hahnenkamm (Kitzbühel)


Du schießt mit über hundert Sachen in die Mausefalle, und der Grugger landet auf dem Kopf, wo der Helm bricht. Der ist sofort bewusstlos, der Grugger, und dann operieren sie den Kopf und die Brust und die Lunge, fünf Stunden lang, und irgendwie denken alle: Der stirbt! Aber dann ist es doch nur Koma, und das auch noch künstlich, und dann sagt der ZDF-Sportreporter Michael Pfeffer am nächsten Tag, dass der Romed Baumann, also das ist ein Skifahrkollege von dem Grugger, also der Baumann, meint der Pfeffer, der sei ein Fahrer, der auch immer was zu sagen habe, und der Baumann habe gesagt, dass es mit dem Hahnenkamm eben genauso wie mit dem Rauchen ist – da weiß man ja auch, dass das schädlich ist und macht es trotzdem. Der Pfeffer meint auch, dass damit alles gesagt ist, weil man ja auch nirgends Gehirn hat rumspritzen sehn, obwohl der Pfeffer hat wahrscheinlich eh nur ein künstliches, und die sehen sowieso nicht aus wie die echten. Jedenfalls ist Abfahrtsrennen, auch wenn der Grugger komatisch ist, und dann erwähnt der Pfeffer noch den Fahrer, dem es vor ein paar Jahren den Unterschenkel abgerissen hat, aber das war auf einer anderen Piste, wo auch geraucht wird, und das ist eh schon so lange her, dass der Pfeffer jetzt so wie von einer Attraktion davon spricht. Als wäre das irgendwie geil, so ein Unterschenkel, der allein über die Piste spritzt, oder weil es einfach nur geil ist, dass die Jungs auch heute weiterfahren, wegen dem Spektakel, das wir schließlich alle sehen wollen, und da bin ich auch völlig eins mit den Hirnen und Schenkeln. Aber wenn dann die Kamera die Tribünen im Kitzbüheler Zielraum abfährt, kommt mir ein ganz anderes Spektakel in den Sinn. Der Michael Pfeffer erzählt auch davon, wie die in der Nacht noch alle gesoffen und gefeiert haben, die Promis und VIP’s und Sterblichen, und dass es die nächste Nacht noch schlimmer wird mit dem Saufen und Feiern, und die Kamera zeigt dir die Fröhlichen, die angeblich wichtig sind, für irgendwen, und die haben alle was gemeinsam, und darüber freue ich mich, dass es doch etwas gibt, das Menschen verbinden kann, und bei denen da auf den Tribünen sind es die Fressen und das, was aus den Fressen spricht, auch wenn sie gar nicht sprechen. Da ist so eine Abart von Aura bei denen, und da willst du natürlich sofort auch hin. Du willst die unbedingt spritzen sehen, also du willst da auch die Hirne und Unterschenkel von denen haben. Deshalb platzierst du deine Schützen so, dass die auf deinen Befehl einfach alles wegballern, also die ganzen Fressen einfach wegschießen, so dass da nur noch Matschfressen sind, wie bei dem Grugger, der wahrscheinlich auch eine Matschfresse hat, aber darum geht’s nicht. Da geht’s einfach nur um die Menschen, die da zu sehen sind und deinen Hass auf sie, obwohl du keinen davon kennst. Aber der Hass ist so groß, dass du drauf losballerst, und um so einen Schädel oder so eine Fresse zum Platzen zu bringen, brauchst du eh nur Gummigeschosse, die reichen völlig aus, und dein Hass ist auch schon viel weniger, nachdem du die alle umgemäht hast, auch wenn der Michael Pfeffer immer noch lebt, was natürlich so nicht vorgesehen und total Scheiße ist. Und dann sagt diese Prenzlauer-Berg-Fotze zur Kassiererin, die nicht weiß, dass es sich bei der Ware der Fotze um eine weiße Aubergine handelt, dass das eine weiße Aubergine ist, weil man das natürlich wissen muss, dass diese Auberginenscheiße auch in weiß zu haben ist, was der Fotze natürlich von Geburt an klar ist. Und weil sie eine Prenzlauer-Berg-Fotze ist, findet sie die Kassiererin scheiße und misstraut ihr sofort grundsätzlich und behauptet, die Kassiererin hätte die Ware jetzt auch noch falsch abgewogen, ob sie die jetzt bitte nicht sofort noch mal nachwiegt, weil die Fotze weiß natürlich alles besser, sonst würde sie nicht hier leben, wenn sie sich nicht so überlegen fühlen würde mit ihrer verschissenen weißen Aubergine in der Fotze. Und natürlich kackt sie die Kassiererin nur deshalb an, weil sie nicht in Kitzbühel ist, sondern im Prenzlauer Berg, und ich muss auch kotzen, weil sie hier und nicht in Kitzbühel ist, weil wenn sie in Kitzbühel wäre, hätte ich sie ja umgenietet, und sie würde hier nie wieder irgendwelchen Minderwertigen auf die Nerven fallen können.

Samstag, 22. Januar 2011

Dioxin ist ein Produkt der Stasi


Die beiden Jungs im U-Bahnhof sind sehr fröhlich; jeder hat eine Flasche Bier in der Hand, und einer hat einen Rucksack auf dem Rücken. In der U-Bahn nehmen sie Kontakt zu einer älteren Dame auf, die ist mit einem Aluminium-Koffer unterwegs, gerade angekommen im Metropolenurlaub. Einer der Jungs holt eine Rolle mit Aufklebern aus dem Rucksack, zieht einen ab, und die ältere Dame klebt ihn auf ihren Koffer, auf dem jetzt ein roter Schriftzug leuchtet: PROUD. Sie führen ein angeregtes Gespräch zu dritt; die Dame bekommt eine Zeitschrift überreicht: PROUD. Irgendwie ist diese Koffer-Frau die Auserwählte, die beiden feiern, wahrscheinlich ist es die erste Ausgabe des Magazins überhaupt, aber dann kippt einem der beiden eine Flasche Bier um, und das Bier fließt über den Boden, und der junge Mann kichert hysterisch und hört gar nicht mehr auf. Das ist definitiv ein Lachanfall, und die ältere Dame blättert nervös durch die Zeitschrift, weil das nun doch zu weit geht. So ist das mit den jungen Leuten; die müssen es immer übertreiben. Da war man eben noch freundlich und angeregt und nun artet es aus und wird widerlich, und die Jungs kümmern sich auch gar nicht mehr. Da sind eben doch wieder die Welten, die sie ja eigentlich schon von Anfang an getrennt haben. Die ältere Dame steht auf, will aussteigen, und ihr Koffer bleibt noch hängen, droht ebenfalls umzukippen, und keiner der Jungs springt auf, um ihr zu helfen, weil sie das gar nicht mitbekommen, und die Dame sucht auch gar nicht mehr ihren Blick. Dann öffnet sich die Tür, und sie steigt aus, und es gibt nicht mal ein „Auf Wiedersehen“, auf das sie bestimmt gewartet hat, und deshalb dreht sie sich auch nicht mal mehr um, als sie den Zug verlässt, weil sie von den Jungs sowieso schon längst vergessen ist. Und am nächsten Morgen wachst du auf, weil aus dem Radiowecker ein Streitgespräch tönt, das der Tonmeister in der Mischung schon nicht mehr kontrollieren kann. Der Vorsitzende des Bauernverbandes beschimpft den Vorsitzenden des Öko-Bauernverbandes und umgekehrt, und der Moderator kommt überhaupt nicht mehr dazwischen und weiß am Ende selbst nicht mehr, wo das Dioxin nun eigentlich herstammt, und als du halbwegs hergerichtet beim Bäcker Brötchen holst, liest du in der Zeitung auf der Theke, dass der Büroleiter dieser Linken-Propagandistin Lötzsch ein Elitesoldat der Staatssicherheit war, und in der U-Bahn erfährst du dann vom Monitor, zu dem alle hochstarren, dass der Dioxin-Panscher selbstverständlich auch bei der Stasi war, da hieß er IM Pluto, und da wird dir klar, dass du die Logarithmen des Informationsflusses niemals verstehen wirst. Wenn selbst du das Zufallsprodukt eines Ficks deiner Eltern bist, warum sollte es sich mit der Welt anders verhalten, und vom Schmetterlingseffekt haben selbst die Schmetterlinge schon gehört, und als du endlich bei der Arbeit erscheinst, steht da plötzlich ein Aluminium-Koffer, an dem du hängen bleibst. Auf dem Koffer leuchtet ein roter PROUD-Aufkleber, und als du ihn öffnest, liegt eine zerstückelte Bierleiche darin, und als dir klar wird, dass du endlich wach bist, drückt dir eine ältere Dame die Spitze eines Degens gegen die Brust, und ehe du was sagen kannst, stößt sie zu und lacht, und du siehst den Rest des Tages zu, wie du verblutest.

Freitag, 21. Januar 2011

Hooligans und Muffin-Zen


Der Mann hebt den kleinen Jungen auf den Sitz gegenüber, und ich sehe die Tätowierung an seinem Hals, irgendein Schriftzug, der unter dem Kragen verschwindet. Auf der linken Hand ist auch was und auf dem Unterarm auch. Der kleine Junge hält einen Muffin in seinen Händen, hat eine Schirmmütze auf dem Kopf, die ihm tief in die Augen hängt, und den Muffin umklammert er, starrt ihn an wie ein Wunder, und dann isst er ganz langsam. Der Mann beugt sich zu dem Jungen vor, rückt ihm die Mütze zurecht, und der Junge mag es nicht, dass Krümel auf seinen Schoß fallen und pickt sie auf, und dann sieht er die Schlammflecken auf seiner Jacke und auf der Hose, und der Mann sagt nur: Nicht so schlimm – und irgendwie wirkt das liebevoll, auch wenn der Mann unter ungeheurem Druck zu stehen scheint und der Junge viel zu sanft ist. Vielleicht steht der Mann deshalb so unter Druck, weil er merkt, dass der Junge eigentlich überhaupt nicht zu ihm passt, vom Wesen her. Und ich denke: Du denkst sofort, der ist ein Assi, weil das Knast-Tatoos sind und er überhaupt so aussieht, dass er da immer wieder landet, im Knast, weil auch die Zeichen auf der Haut eine klare Sprache sprechen, nämlich die von Hooligans, und dass der nie klarkommen wird, denkst du und wunderst dich, wie der so mit dem Jungen kann. Dass das irgendwie nicht passen kann, und dann denkst du noch, was für ein Arsch du bist, weil du das so denkst, weil das ja ein Vorurteil ist, und selbst wenn es eine Erfahrung wäre, ist ja jeder anders, und das eine schließt das andere sowieso nicht aus, im besten Fall. Dann steigt einer ein, der kommt wahrscheinlich aus der Schule, ist so sechzehn, Kopfhörer im Ohr, Rucksack auf dem Rücken, in sich gekehrt und abgeschaltet, und alle Pubertätsverzweiflung und Erwachsenenverachtung steht ihm ins Gesicht geschrieben, und dann dreht der sich so rum, dass sein Rucksack sich dabei gegen den Kopf des Jungen dreht, nur ganz leicht, aber der Rucksack berührt den Kopf des Jungen eben doch, oder schlägt dagegen, wenn man es so sehen will, was der kleine Junge aber gar nicht registriert, weil er noch mit seinem Muffin-Zen beschäftigt ist. Der Mann mit den Pitbull-Zeichen auf der Haut flippt sofort aus, rammt seine Faust gegen den Rucksack, und zwar so, dass es den Schüler richtig verdreht und dabei bellt der Mann noch: Pass gefälligst mit deinem Scheißrucksack auf!, was definitiv mehr als eine Warnung ist, und der Schüler will schon die Kopfhörer rausnehmen, weil ihm nicht ganz klar ist, worum es geht, und er mal checken will, wer sich da mit ihm anlegt, aber als er sieht, mit wem er es zu tun hat, tut er lieber so, als wäre nichts, und ich denke: Dann eben doch – und dann versuche ich mir ein Bild von der Zukunft des kleinen Jungen auszumalen, und der einzige, der wirklich Angst hat in diesem Moment, bin ich.

Donnerstag, 20. Januar 2011

Digital Mirror

Ich habe mittels einer Software meinen Computer gescannt, um mir ein Bild von meinem digitalen Ich zu machen. Das Ergebnis hat mich dazu gebracht, gestern Abend ziemlich viel Alkohol zu trinken. 




Mittwoch, 19. Januar 2011

Halbwertszeit – Mein Leben im Verbraucherschutz


Es fing mit der Armatur in der Dusche an. Plötzlich hielt ich den Teil in der Hand, mit dem ich das Wasser anstellen kann. Das Gleiche dann in der Küche. Da lässt sich zudem der Hahn nicht mehr nach recht oder links drehen. Dann ging die Haarschneidemaschine kaputt, mit der ich mich auch rasiere. Außerdem der Router. Es folgte die Gangschaltung am Rad.  Dann kamen die Kopfhörer und jetzt die Schreibtischlampe. Das alles in einem Zeitraum von zwei Monaten. Auf dem Sofa kann man eigentlich schon seit zwei Jahren nicht mehr sitzen. Da quillt irgendwas raus, das wahrscheinlich giftig ist, sich aber leicht mit einem Überwurf verdecken lässt. Alles geht so kaputt, dass ich der Letzte bin, der es reparieren könnte. Mein Vater sagt immer: Alles muss ein Leben lang halten. Er lebt schon ziemlich lange. Meine Mutter hat eine Brotschneidemaschine, die ist vierzig Jahre alt und eine Saftpresse, die ist 35. Ich trage einen 60-Jahre alten Pullover meines Vaters, dessen Wolle sich anfühlt, als hätte ich ihn gestern neu gekauft. Wenn ich etwas neu kaufe, benutze ich es erst nicht. Anziehsachen zum Beispiel können bis zu einem Jahr im Schrank liegen, bis  ich sie dann auch anziehe. Mein Vater macht das auch so, und meine Mutter hasst ihn dafür, für die aufgetragenen Sachen, die sie nicht mehr an ihm sehen möchte. Meine Mutter würde nie behaupten, dass sie mich hasst. Zu Weihnachten hat meine Mutter meinen Haarschneider ersetzt. Seitdem habe ich mir einmal die Haare rasiert – mit dem alten, kaputten Apparat, der einem die Kopfhaut aufreißt und die Haare auf unterschiedliche Länge schneidet. Ich dachte: einmal geht noch. Was ist da los mit mir? Was ist mit den Sachen los? Diese Anhäufung von Auflösung verstört mich – genauso wie mein Widerwille, etwas zu erneuern, oder wenigstens reparieren zu lassen. Ich bin kein guter Verbraucher. Ich zucke auch jedes Mal zusammen, wenn irgendwo von ‚Verbrauchern’ die Rede ist. Weil ja immer auch ich damit gemeint bin, und ich frage mich, warum man so mit mir, beziehungsweise über mich, spricht. Jedes Mal wenn ich ‚Verbraucher’ höre, werde ich einen Meter kleiner, fühle mich erbärmlich und nichtsnutzig. Das ist wie bei ‚Bürgern’. Die, die von den Bürgern und Verbrauchern sprechen, machen dabei zugleich deutlich, dass sie nicht damit gemeint sind. Sie gehören einer anderen Kaste an. Eine Ministerin für Verbraucherschutz schützt keinen Verbraucher, sondern das Verbrauchen. Natürlich darf ein Verbraucher nicht zu Schaden kommen, weil er ja sonst nicht weiter verbrauchen kann. Ich werde aber auch verbraucht. Es sind Gegenstände, die kaputt gehen und mich gebrauchen. Und natürlich verbrauchen mich diejenigen Bürger, die nicht Ich sind, und natürlich benutze ich mich selbst, was auch zu Abnutzungen führt. Ich habe trotzdem entschieden: Nichts wird wieder ganz gemacht. Nichts wird ersetzt. Dadurch erfahre ich etwas über meine Abhängigkeit. Am liebsten würde ich meine Verbraucherverpflichtungen komplett aufkündigen, nur um mein Selbstwertgefühl vorübergehend wieder hochzustufen. Aber ich befürchte, dann verliere ich nicht nur meine Bürgerrechte.

Dienstag, 18. Januar 2011

Guido Westerwelle macht sich in die Hose


Als ich aufgewacht bin, hielt mit der Typ ´ne Knarre an den Kopf und meinte: Dienstag ist Ruhetag. Auf dem Boden lag Guido Westerwelle und pisste sich in die Hose. Selbst wenn er jammert, klingt er wie ein logopädischer Automat. Keine Ahnung, warum sie ihn nicht endlich knebeln. Er bettelt ununterbrochen um seine Freilassung. Angesichts seines Verhandlungsgeschicks wundert es mich nicht, dass der Iran die Bild-Journalisten nicht rausrückt. So reden die Leute in Darkrooms, und in denen kennen sich Iraner bekanntermaßen nicht sonderlich gut aus. Ich frage mich allerdings, was ich hier zu suchen habe. Okay, es ist meine Wohnung, also lautet die Frage: Was hat dieser maskierte Hüne bei mir zu suchen, und warum hat er Guido Westerwelle hierher verschleppt. Der Riese fesselt meine Hände mit Kabelbinder und sagt wieder: Dienstag ist Ruhetag. Das bedeutet ja nichts anderes, als dass sich hier heute nicht mehr viel bewegen wird.

Montag, 17. Januar 2011

Bayrischer Filmpreis - Deutschland lebt

Stell dir vor, du gewinnst den Bayrischen Filmpreis als bester Nachwuchsdarsteller und wirst danach von den Türstehern nicht zur Aftershow-Party reingelassen. Stell dir vor, du stehst da vor der Tür und keiner setzt sich für dich ein, nicht der Produzent vom eigenen Film oder sonst wer von den Typen, die dich da eben noch auf der Bühne beklatscht haben, als du die Trophäe entgegengenommen hast. Das ist der Moment, in dem dir endgültig klar wird: Einmal Kanake, immer Kanake. Du hast keine Chance, nicht in München, nicht in Bayern, nicht in Deutschland. Das ist der Moment, wo du weißt: Sarrazin hat recht. Integration ist nicht möglich. Weil du der Arsch bist. Und für alle ist das ganz normal. Man feiert lieber ohne dich. Und natürlich ist das kein Skandal, dass du da draußen vor der Tür bleibst mit deinem Preis. Kein Arsch erwähnt das irgendwo am nächsten Tag. Kanake bleibt Kanake. Du bist hier nicht erwünscht. Egal, wo du bist. Egal, was du gewinnst. Du bist der Verlierer.

Sonntag, 16. Januar 2011

Deutschland, Sonntagmorgen


Karl-Theodor zu Guttenberg trägt einen dunkelbraunen Cordanzug und darunter einen dunkelblauen Rollkragenpullover. Angeblich hat der Mann Geschmack. Den hat meine Mutter aber auch. Die hat mir immer verboten Braun mit Blau zu kombinieren. Sie war in der Modebranche tätig. Ich habe immer Braun mit Blau getragen, weil ich dachte, es gefällt mir. Ich mache das noch heute gern, aber mein Verhaltenstherapeut sagt: Das ist eine Protesthaltung. Wogegen protestiert Karl-Theodor, wenn er blaubraun vor einer Deutschlandfahne posiert? Whisky. Wiener Schnitzel – erst in Öl, dann in Butter frittiert. Händlmaier’s im Kartoffelsalat. Astra. Sonntag. Luftverschmutzung.

Samstag, 15. Januar 2011

Hilfe, ich bin ein Nazi!


Gestern war ich ein Nazi. Tuba kam von der Arbeit, wollte noch auf ein Getränk, aber es wurden zwei Gin Tonic, und dann haben wir uns noch auf mehr mit Theo verabredet, aber da musste ich erst mal Geld aus dem Kaiser’s holen, wo neuerdings ein Automat geparkt ist. Vor dem Kaiser’s waren zwei Damen vom Ordnungsamt, Bereich Parkraumüberwachung. Beide hatten die Form von Birnen, und die eine hatte einen Plastikbeutel dabei, da war Kräuterquark von Milram drin und anderer Scheiß. Die andere Birne hat einen BMW Z3 angezeigt, und da ist mir dieser Überwachungswahnsinn, dieser Uniformterror, der hier herrscht, einfach zu viel geworden. Ich bin hin und habe die Birne mit dem Quark gefragt, wie das gehen soll, Ordnung schaffen und Einkaufen. Warum sie hier Leute anzeigt und zwischendurch shoppen geht. Sie meinte: In dem Ton schon mal gar nicht. Ich wollte ihren Dienstausweis sehen, den hat sie mir aber nicht gezeigt, da dachte ich an Birnensaft. Was das mit Parkraumüberwachung zu tun hätte, wenn sie in ihrer Dienstzeit einkaufen geht, wollte ich wissen. Und sie: Nicht in diesem Ton! Dann dachte ich an Birnenkompott. Tuba stand auf der Treppe. Keine Ahnung, was sie gedacht hat. Mich hat das so nazimäßig wütend gemacht; ich meine, die haben da gestanden, als wären ihre Uniformen und die Anzeigen ein Witz, ein Freizeitvergnügen oder Beschäftigungstherapie. Und dann meint die Kräuter-Birne, dass mein Wagen da halb in der Einfahrt steht, ich also echt keinen Grund hätte, sie hier anzumachen, und ich: Ich scheiße auf den Wagen, weil das gar nicht mein Wagen ist, weil ich nämlich überhaupt keinen Wagen habe! Jetzt kriegen sie ein bisschen Schiss, und ich finde Gefallen daran, obwohl ich ja ein armes Würstchen bin, das nicht mal darauf bestanden hat, die beschissenen Dienstausweise zu sehen. Also denke ich, lieber ein Nazi als ein armes Würstchen, und phantasiere irgendwas, das mit Schlägen zu tun hat, als die Shopping-Birne meint, sie hätte Pause und die Kollegin wäre es ja, die aufschreibt. Das ist doch echt das Letzte. Von wegen sie hat Pause. Die eine macht Pause und die andere ackert weiter, damit ihnen auch ja keiner durch die Lappen geht, oder was? Die ganze Scheiße war total Aggro, weshalb sich natürlich auch kein Schwanz eingemischt hat, außer Tuba, weil sie so laut gelacht hat. Theo hat mich dann ziemlich angeschissen und gemeint, ich bin ein Nazi. Dass es kein Wunder ist, wenn nichts funktioniert, wenn man so einen auf Birnenmus macht. Ich rede mich natürlich raus, von wegen Gehirnwäsche, wenn du sobald du auf die Straße gehst, hunderte von diesen Uniformen siehst, die ständig auf ihren Anzeigenapparat einhacken. Die kriegen ja auch Kopfpauschale, aber Theo findet immer noch, dass ich ein Nazi bin. Tuba ist natürlich auf meiner Seite, was nichts anderes bedeutet, als dass Tuba eben auch ein Nazi ist. Dann meint Theo noch, dass die beiden Birnen bestimmt schlecht schlafen, weil ich ja angedroht habe, sie zu melden. Damit gibt er ja zu, dass ich im Recht bin und die Birnen das auch wissen, und jetzt habe ich zwei Gefühlslagen zur Auswahl: Entweder es tut mir leid und ich schäme mich, oder ich freue mich. Wobei ja klar ist, was es bedeutet, wenn ich mich freue.

Freitag, 14. Januar 2011

Der Rüstungsauftrag der Deutschen Bank


Der Auftrag der Polizei hat sich jetzt offiziell geändert. Ab sofort sucht die Polizei keine Verbrecher mehr, die Polizei sucht jetzt Verbrechen. Das hat für uns Bürger Konsequenzen. Zum Beispiel gestern auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz. Da kam mir ein Polizist entgegen, der sah sehr verwirrt aus, aber die Verwirrung transformierte sich bereits. Sie wurde zu Wut. Die linke Hand des Polizisten lag auf der Dienstwaffe am Halfter, das schon entsichert war. Ich bin ihm ausgewichen. Normalerweise darf so einer nicht allein unterwegs sein. Aus einer anderen Richtung kam dann ein Zweiter, mit einem Funkgerät vor dem Gesicht, in das er hineingebellt hat. Die Antwort ließ auch ihn wütend werden, weil er sie nicht verstanden hat. Alle konnten das sehen, dass er einfach nicht verstand, worum es ging. Dann kam aus der entgegengesetzten Richtung ein Dritter, auch er mit einer Hand an der Dienstwaffe, und der war bereits zornig. Als die drei zusammentrafen, war klar: Die haben nicht etwa einen Verbrecher aus den Augen verloren – die haben überhaupt keinen gesucht. Sie haben das Verbrechen gesucht, das aber gar nicht da war. Plötzlich wurden alle in der Nähe der Polizisten zu potentiellen Tätern. Weil sie doof dastanden, und jeder das sehen konnte. Das hat sie agressiv gemacht. Das neue Gesetz besagt ja, dass man im Polizeidienst nur noch einen Basislohn auf Hartz IV-Niveau erhält. Den Rest muss man sich mit einem erfolgsgebundenen Honorar, sprich Kopfpauschale, dazuverdienen. Es reicht nicht mehr, die Verbrecher aufzuspüren, man braucht mehr Verbrechen. Zumal nun auch bekannt wurde, dass ein Konkurrenzunternehmen eröffnet wird – ein Aufklärungs- und Sicherungsdienst bestückt mit Soldaten, die der Bundeswehreform zum Opfer fallen. Erste Truppen sind bereits im experimentellen Einsatz. Sie sind praktisch, weil bereits ausgebildet und voller Tatendrang. Finanziert werden sie von Privatunternehmen wie der Deutschen Bank, Rheinmetall und anderen Rüstungsbetrieben. Die herkömmliche Polizei sieht sich zusätzlich unter Druck gesetzt. Die ersten Scharmützel der Konkurrenten wurden schon gemeldet. Mir ist völlig unklar, wer sich um diese Art Verbrechen kümmern soll. Im U-Bahnhof gab es jedenfalls nicht die Spur eines Verbrechens, aber drei Bullen, die danach gesucht haben, weil sie unbedingt darauf angewiesen waren. Wahrscheinlich endete gleich ihre Schicht, und sie hatten noch nichts verdient. So kann man ja nicht nach Hause kommen. Jedenfalls lag plötzlich die Frau vom Kiosk auf dem Boden, die Hände über dem Kopf, und ihr Wimmern war nicht zu überhören. Es muss alles sehr schnell gegangen sein. Keine Ahnung, ob sie überfallen oder verhaftet wurde. Zwei der Polizisten schirmten sie ab, der dritte drängte uns Schaulustige zurück. Dabei hatte er seine Waffe in der Hand, mit der er in der Luft herumfuchtelte, so wie man es aus Filmen kennt, wenn eine Bank überfallen wird, oder jemand droht, erst alle anderen und dann sich selbst zu erschießen. Es war endlich ein Verbrechen vor Ort, von dem niemand wusste, wie es hatte geschehen können. Aber genau danach hatten die drei Jungs ja gesucht. Sie haben dann die Rollläden vom Kiosk runtergelassen, und die zwei sind mit der Frau da drin geblieben. Der Dritte hat weiter für Ordnung davor gesorgt. Ich wollte sehen, ob vielleicht Sanitäter kamen, aber wir wurden alle in die Züge getrieben. Der Bulle war dabei gar nicht mehr wütend oder zornig oder unverständig. Er hat einfach nur seine Arbeit gemacht.

Donnerstag, 13. Januar 2011

Schmeiß Dein Ego weg!


Gestern Abend ist eine Frau mit ihrem Leben auf die Bühne getreten. Margit Carstensen hat über den Körper und die Seele geredet. Sie hat Pollesch geredet, und es ging um Innerlichkeitsscheiße und Ego, und dass das doch alles der Körper ist – das, was man sieht. Martin Wuttke hat das einfach nicht erklärt bekommen. Margit Carstensen wollte nichts erklärt bekommen. Sie wusste schon alles. Sie musste auch nichts spielen, um irgendetwas vorzumachen. Sie hat ein Leben, das sie hergegeben hat, mit ihrem Körper, ihren Blicken, ihrer Stimme, und wir durften daran teilhaben, für einen Moment. Das hat einen so sehr auf das eigene Leben zurückgeworfen und zugleich einen Ausblick darauf verschafft, der dann sofort beängstigend war. Martin Wuttke hat alles versucht, um Margit Carstensen den Körper und die Seele und die Liebe herauszureden. Das war toll, wie ihm das einfach nicht gelingen konnte. Er muss sich dabei in sie verliebt haben, aber das war nicht Teil des Spiels. Man konnte das nur erahnen. Am Anfang war noch befreites Lachen, aber wir sind dann immer tiefer in das Drama vom Leben hineingezogen worden, von dem ich jetzt immer noch nicht weiß, wo sich meins überhaupt abspielt, oder deins. Aber ich habe ja das von Margit Carstensen gesehen, die mir das erlaubt hat und dabei gar keine Hemmungen hatte. Es war immer wieder von der Innerlichkeitscheiße die Rede, was mich sofort beschämt hat, weil ich zwar viele Egos habe und trotzdem noch keins entsorgt habe. Aber sobald Margit Carstensen mit Pollesch von unserem Körper und der Seele und der Liebe und dem Tod gesprochen hat, wurde das plötzlich ihr Text. Als hätte Pollesch den aus ihrem Inneren geborgen. Oder als hätte sie den Pollesch verinnerlicht und uns dann mit ihrer Hingabe die Innerlichkeit eines Polleschs injiziert. Und er hat ihr das erlaubt. Vielleicht hat er schon immer auf Margit Carstensen gewartet. Am Ende ist sie halb hinter einer vierten Wand verschwunden, wo sie gefilmt wurde. Als Film war sie dann auf der vierten Wand zu sehen und hat vom Tod gesprochen. Da wurde ich in den Sessel gedrückt und habe schwer oder kaum noch geatmet. Dafür habe ich auch keine Worte. Wie Margit Carstensen mit den Worten schön wurde. Oder die Worte wurden schön. Aber schön ist eben auch nur ein Wort, weil zugleich war es plötzlich Alles. Alles, was es zu sagen gibt, und auf einmal war klar: Es ist möglich, alles zu sagen. Und diese Erkenntnis macht einen natürlich vollkommen fertig. Und deshalb ist es auch ein Wunder. Das hat in einem Theater stattgefunden. Ein magischer Moment, der eine Aufführung lang dauerte. Ich habe davon gehört, dass es so etwas gibt. Ich hätte nie gedacht, dass ich es selbst erleben würde. Jeder sollte sich das ansehen. Jeder sollte in die Volksbühne-am-Rosa-Luxemburg-Platz gehen und Schmeiß Dein Ego weg! erleben.

Mittwoch, 12. Januar 2011

Kinderkacke in Uniform

Die Freundin, die bei Lidl einkauft, hat während ihrer Konfrontationstherapie die Dienstkleidung einen Verkehrspolizisten beschmutzt. Jetzt hat sie eine Anzeige am Hals. Der Verkehrspolizist war dabei, Kinder zu erziehen. Also er hat ihnen den Verkehr beigebracht, während meine Freundin mit ihrem Fahrrad ca. 5 Meter auf dem Bürgersteig gefahren ist. Das hat der Polizist ausgenutzt und in seinen Unterricht eingebaut. Die Kinder mussten anhalten, dann hat der Polizist meine Freundin angehalten, indem er sich ihr in den Weg gestellt hat. Meine Freundin war damit nicht einverstanden, was sie ihm auch mitgeteilt hat, ohne dabei ausfällig zu werden, behauptet sie. Der Polizist hat sie dann am Arm gepackt und vom Fahrrad gezerrt, damit die Kinder auch was über die Macht einer Uniform und ihre Autorität lernen konnten. Nur ist bei dem Runterzerren das Fahrrad umgekippt, und dabei ist das Fahrrad gegen den Polizisten gekippt. Er hat das aber als Werfen interpretiert, um den Anschauungsunterricht möglichst komplex zu gestalten. Meine Freundin ist jetzt angezeigt wegen Ordnungswidrigkeit – das ist wegen dem Fahren auf dem Gehweg. Und sie ist angezeigt wegen Verschmutzung einer Dienstuniform, was möglicherweise so etwas wie Beamtenbeleidigung darstellt. Das war wohl auch dem Polizisten nicht ganz klar, der zusätzlich noch Tätlichen Angriff in Erwägung zog. Die Kinder waren begeistert und haben am Ende applaudiert. Ich habe meiner Freundin gesagt, dass sie selbst schuld ist. Zu Weihnachten habe ich ihr einen Kindersitz fürs Fahrrad geschenkt. Nicht etwa, weil sie ein Kind hätte, aber mit einem Kindersitz am Rad darf man in einer rechtlichen Grauzone auf dem Gehweg fahren, und ich wollte, dass sie sicher den 5-Meter-Abschnitt auf dem Weg zur Arbeit zurücklegen kann. Sie hat mich ausgelacht und gesagt, so etwas würde ihr nicht ans Rad kommen. Sie findet, dass ich feige und angepasst bin. Dass ich mich diskriminieren lasse von diesen Elternradikalen, die sich täglich mit ihren Kindern, denen sie Namen wie ‚Medea’ hinteherrufen, für ihre Scheiße entschuldigen, die sie einem antun, bloß weil man kein Kind hat. Ich muss aber wenigstens nicht vor Gericht wegen dieser Kinderkacke. Die Kinder allerdings schon. Die kommen alle in den Zeugenstand. Darauf besteht meine Freundin. 

Dienstag, 11. Januar 2011

Raubüberfall auf Kaiser's


Gestern wurde bei uns der Kaiser’s ausgeraubt. Angeblich lohnt sich so was ja nicht, aber dann hieß es doch, dass die beinahe eine viertel Million abgegriffen haben, was natürlich die Frage aufwirft: Was machen 250.000 Euro in einer Kaiser’s-Filiale? Mir könnte das eigentlich egal sein, aber als ich nach Hause kam, habe ich sofort eins über den Schädel bekommen, und als dann mein Bewusstsein zurück kam, waren meine Hände gefesselt. Die Räuber haben sich in meiner Wohnung verschanzt, hatten den Wohnungsschlüssel, kein Ahnung woher. Kein Mensch weiß, wie sie ausgerechnet auf mich gekommen sind. Der eine ist ziemlich brutal, aber eigentlich auch fair, zumindest mir gegenüber. Der andere ist hypernervös und viel bedrohlicher. Sie trauen sich gegenseitig nicht, was meine Situation eher verschlechtert. Ihr Plan ist nicht zu durchschauen. Möglicherweise warten sie auf einen Dritten. Eigenartigerweise hat niemand mitbekommen, wie sie vom Kaiser’s zu mir geflüchtet sind. Ich fürchte, am Ende wird man mich verdächtigen. Wenn die mit ihrer Beute irgendwann verschwunden sind, landen die Bullen bestimmt bei mir, und ich bin’s dann gewesen. Bei Kaiser’s kennen mich ja alle. Da identifizieren die mich sofort. Der Brutale ist gerade aufgewacht; der ist immer wieder weggedöst neben mir, auf der Couch. Der Nervöse schluckt irgendwas und rennt dauernd durch die Wohnung. Vorhin hat er mit dem Brutalen geflüstert. Als müssten die noch was vor mir verbergen. Mir ist klar, dass ich überflüssig bin. Schließlich weiß ich, wie sie aussehen. Der Brutale zwingt mich, was aus einem Glas zu trinken, das er mir gibt. Sie sind jetzt weg. Ich lebe noch, muss aber einen Blackout gehabt haben. Ich weiß auch gar nicht, wie lang das alles her ist. Für mich war das eben. Oder jetzt. Eigentlich war das in der Zukunft, denn Zukunft ist ja die Zeit vor der Gegenwart, und die Gegenwart ist jetzt, und der Horror war ja davor. Ich schalte das Radio ein, da heißt es: keine Spur. Der Kaiser’s hat geöffnet, als wäre nichts gewesen. Obwohl die Angestellten hinter den Kassen blasser sind als sonst, und meine Lieblingskassiererin, die einem die Plastiktüten aufrubbelt, was mir nie gelingt, weshalb sich immer eine ewige Schlange hinter mir bildet, weil ich mein Zeugs nicht eingepackt kriege, die ist heute überhaupt nicht lustig und rubbelt mir auch meine Tüte nicht auf. Ich habe ein mulmiges Gefühl. Also der Magen ist flau – mir fällt nicht ein, wie ich das sonst sagen kann. Wahrscheinlich ist an dieses Kaiser’s jetzt ein Trauma geknüpft. Wahrscheinlich müsste ich zur Polizei und eine Aussage machen, damit ich hinterher mein Trauma mit professioneller Hilfe überwinden kann. Oder ich gehe einfach bei Lidl einkaufen. Eine Freundin hat das für sich entdeckt – Einkaufen bei Lidl. Sie ist echt begeistert, weil alles so günstig ist. Angeblich sind nie mehr als drei Kunden im Laden, und Kinderwagen versperren auch nichts, was ich bezweifle. Was soll ich den Bullen erzählen? Die waren in meiner Wohnung, und zwar in der Zukunft, weil in der Gegenwart waren sie schon wieder weg? Soll ich sagen, die Haare von dem Nervösen waren total fettig, aber der Brutale hat gut gerochen? Es gibt ja Leute, die riechen sogar gut, wenn sie schwitzen. Obwohl ich mir einbilde, dass Angstschweiß immer stinkt. Dass man den bei jedem riecht. Ich bin sicher, wenn ich jetzt zurück nach Hause gehe, sind die Bullen schon da. Das macht mir Angst. Ich habe Angst, dass einfach nichts mehr ist wie vorher. Darauf bin ich überhaupt nicht vorbereitet, auf ein völlig neues Leben.

Montag, 10. Januar 2011

Nikotin III - Die Todessehnsucht von Fußballerinnen

Die Seniorenresidenz Ambiente ist verbunden mit einem Hotel namens Victor’s, in dem schon mal die Fußballerinnen vom 1. FC Saarbrücken gewohnt haben, weil sie in Berlin im DFB-Pokal-Finale standen. Es residieren überhaupt gern Gruppen im Victor’s. Das erkennt man an den Bussen, die davor parken. Man kann im Vorbeigehen auch durch die Fenster im Souterrain gucken und sieht die Küche und Köche. Die Köche und Spüldienstler rauchen gern im Freiluft-Schacht vom Transportaufzug. Ich frage mich, ob sie sich nach dem Rauchen die Hände waschen. Ich frage mich auch, ob die Küche vom Hotel auch die Küche für die Bewohner der Seniorenresidenz Ambiente ist. Ein paar wohnen da, die kochen bestimmt nicht mehr selbst. Ich vermute das, weil sie in Rollstühlen vorm Eingang rumlungern und rauchen. Es sieht nicht so aus, als könnten sie außer ihren Zigaretten noch irgendetwas anderes halten. Die Pfleger und Reinigungskräfte rauchen ein paar Meter weiter oben, weil ihre Rauchpausen ja Freizeit sind, und die wollen sie nicht auch noch mit der Kundschaft verbringen. Obwohl Rauchen ja etwas sehr Geselliges ist, das Menschen einander näherbringen kann. Die ohne Rollstuhl rauchen auf dem Balkon. Also es gibt Appartements mit Balkonen, und da stehen dann sehr graugesichtige Menschen drauf, halten sich am Geländer fest und rauchen. Die meisten müssen zwischendurch husten. Das ist ein sehr besonderer Husten. Ich bilde mir immer ein, dass man an dem Husten hören kann, wie alt einer ist. Mich würde interessieren, ob schon mal einer aus dem Hotel direkt rüber in die Residenz gezogen ist. Oder wie die Rauchersenioren sich fühlen, wenn sich unter ihren Balkonen und Fenstern Fußballerinnen mit Kegelsportlern vergnügen. Das ist ja ein zurückgewandter Blick, im Prinzip. Mir hat mal jemand gesagt: Rauchen ist Ausdruck von Todessehnsucht. Das war mir nie klar. Ich würde die Rauchersenioren gern fragen, wann sie mit dem Rauchen angefangen haben. Die sehen auch alle so aus, als würden die Kinder ihnen die Residenz bezahlen. Die Bewohner selbst erwecken keinesfalls den Eindruck, als könnten sie sich diesen Wohnsitz leisten. Aber aus ihren Kindern ist offenbar etwas Besseres geworden, und jetzt können die Kinder ihren Eltern wenigstens einen schönen Lebensabend finanzieren. Obwohl die Kinder bestimmt nicht wissen, dass ihre Eltern eine Kippe nach der anderen wegziehen. Jedenfalls habe ich immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich da lang laufe, weil ich da eben lang laufe, mit Sport-Anziehsachen und Turnschuhen. Es gibt da auch nie einen Blickkontakt. Ich habe schon darüber nachgedacht, ob ich nicht einfach mal mit ´ner Kippe im Maul vorbeijoggen sollte. Vor dem Hoteleingang wird übrigens auch viel geraucht, vor allem morgens nach dem Frühstück in den Rustikalen Stuben, bevor dann der Bus losfährt. Ich werde einfach das Gefühl nicht los, dass ich da an meinem Leben vorbeilaufe, immer wieder.

Sonntag, 9. Januar 2011

Sturmflut

Heute verlasse ich die Insel. Das Loch in meinem Kopf ist mir egal. Terry und Dirk habe ich ausgeschaltet. Sie sind in einer Strandsauna gefangen und ich glaube nicht, dass beide da heil wieder rauskommen. Ich schätze, Terry ist derjenige, der es nicht schaffen wird. Ich muss über den Hindenburg-Damm laufen, was natürlich verboten ist, also muss ich schnell sein. Keine Ahnung, was mich auf dem Festland erwartet. Was da los war auf der Welt, die letzten 3 Tage. Jedenfalls bin ich wohl illegal jetzt. Weil ich ja unter Aufsicht stehe, der ich mich aber entzogen habe. Es ist komisch, wenn man nicht weiß, ob man der ist, der gefährdet ist, oder der, der gefährdet. Vielleicht fliege ich von Hamburg aus nach Pakistan. Da habe ich Kontakte. Ich brauche nur noch einen neuen Pass. Aber meine Leute aus Peschawar haben ihrerseits gute Verbindungen zu ein paar findigen Leuten aus Dubai, die in Hamburg BWL studieren. Ich muss mich beeilen. Hier ist Sturmflut. Kann sein, der Damm wird überschwemmt.

Samstag, 8. Januar 2011

Deutschland ist Sansibar

Heute Nacht stand jemand neben meinem Matratzenlager. Dann ist er auf- und abgegangen; ich konnte die nackten Füße auf dem Parkettboden hören. Ich bin sicher, es war nicht Terry, und Dirk war es auch nicht. Vielleicht bin ich nur paranoid, weil ich "Imperial Bedrooms" lese. Oder wegen dem Loch in meinem Kopf. Ansonsten ist in dem Kopf nur Musik, die ich durchschieße, auch während der "Imperial Bedrooms"-Lektüre. Um mich von diesem Tosen des Meeres abzulenken. Gestern gab es Aufruhr in der Sansibar. Das ist ein Ort, wo man hingeht auf Sylt, also wenn man nicht von Sylt ist. Meinte Dirk. Dirk wollte, dass ich mal rauskomme, deshalb sind wir da hin. Als ich in dem Laden, der eigentlich eine Skihütte ist, die Jacke ausgezogen habe, ist eine Balsamicoflasche umgekippt. Sofort war einer der Boys zur Stelle, die da zusammen mit den Girls den Service machen - alles halbwegs verbrauchte Hübschheiten, von der Art Hübschheit, bei der man das Gesicht sofort vergisst. Man verwechselt sie deshalb auch ständig. Jedenfalls meinte der Boy mit dem Balsamico: "Ich verzeihe dir. Ich verzeihe dir alles." Ich habe ihm dann in die Eier getreten, um zu sehen, ob es wahr ist, das mit dem Verzeihen. Daraufhin ist dann ein Tumult ausgebrochen, an dem sich auch etliche Gäste beteiligt haben, die alle irgendwie Deutschland waren, so hässlich und eingebildet und von hinten. Dirk und Terry haben sich sehr tapfer geschlagen. Sie lecken gerade ihre Wunden. Das Meer ist zähflüssig, die Brandung kurz vor Eis. Ich bin in Sicherheitsverwahrung. Ich muss hier weg.

Freitag, 7. Januar 2011

Ägir, der Meerriese

Auf Sylt haben die Leute die Schnauze voll vom Schnee. Vom Eis sowieso, und jetzt geht das Streusalz aus, was auf einer Insel angeblich von besonderer Bedeutung ist. Ich hätte nicht gedacht, dass das Watt einfrieren kann. Ich hätte auch nicht gedacht, dass man mich hierher verschickt. Es hat angeblich was mit dem Loch in meinem Kopf zu tun. Ich frage mich, was Ägir macht, wenn das Meer zufriert. Ägir ist ein Meerriese. Es heißt, er frisst Seefahrer. Früher haben sie für eine sichere Überfahrt gebetet. Wo das Loch in meinem Kopf herkommt, ist nach wie vor nicht geklärt. Ich dachte immer, wenn dir einer ein Loch in den Kopf schießt, bist du tot. Oder zumindest ein anderer als der, der du vorher warst. Tot bin ich nicht. Aber es gibt Leute, die sich um mich sorgen. Vielleicht weil sie denken, auf einen Schuss folgt manchmal auch ein zweiter. Vielleicht halten sie mich auch für einen anderen und sagen es nur nicht. Jedenfalls soll ich hier sicher sein und erholen soll ich mich auch. Mich wundert nur, dass sie nicht den Hindenburg-Damm hochklappen. Wie können sie sich sicher sein, dass die, die hinter mir her sind, nicht auch längst auf der Insel sind? Mein einer Bodyguard heißt Terry. Nachdem ich weiß, wie sein ehemaliger Partner Ralf tickt, bin ich froh, dass Terry einen neuen hat. Dirk. Dirk ist mein anderer Bodyguard und einer von hier. Mit ihm kann ich auch über Ägir sprechen. Gerade war Morgendämmerung. Eigentlich darf ich nicht schreiben. Ich muss aufpassen, dass sie mein Heft nicht finden.

Donnerstag, 6. Januar 2011

Die singende Kofferbombe

Manchmal wird das so offensichtlich, dass ich permanent ins Hirn gefickt werde, dass ich mich frage, warum da überhaupt noch ein Gehirn ist. Ich bin zu Fuß unterwegs, mache Spaziergang, weil Laufen ist bei der Eisunterlage nicht drin. Ich nehme eine Abkürzung zum Park, eine Art Privatstraße für Anlieger, die geht von der Greifswalder ab. Da steht ein Typ mit einem Koffer, also der Koffer steht vor ihm, aber eine Tasche hängt um seine Schultern. Er ist circa 30 Jahre alt. An der Haut und dem Bart kann man erkennen, dass es ein Araber ist. Oder ein Perser. Warum meine ich, das annehmen zu können? Vielleicht liegt’s auch am Gesang. Denn er steht da und singt und zwar in einer Sprache, die ich für persisch oder arabisch halte. Unwillkürlich richte ich den Blick auf den Koffer und beschleunige meinen Gang, was dazu führt, dass ich ausrutsche. Er singt. Es klingt wie Pop oder Rap-Pop, aber gefickt wie ich bin, denke ich: könnte ja auch was Religiöses sein. Und dann denke ich: Wie schnell muss ich weitergehen, um von der Explosion nicht umgerissen zu werden? Natürlich ohrfeige ich mich für den Gedanken. Kofferbomben explodieren schließlich ohne Attentäter, sonst würde ja nicht so eine Panik sein, wenn man herren- oder damenlose Koffer sieht. Wenn wir jetzt panisch wegen Koffern mit dazugehörigen Männern oder Frauen werden müssten, dürfte ja kein Mensch mehr mit Gepäck reisen. Vielleicht ist der Typ aber auch das Berlin-Modell eines Selbstmordattentäters. Der sprengt sich mit einem Popsong auf den Lippen samt Koffer in die Luft. Aber warum sollte er das in dieser Privatauffahrt tun? Da ist ein Friseur-Salon, der hat geschlossen. Ein paar Meter weiter ein Kiosk und eine Straßenbahnhaltestelle. Es ist kaum was los; es sind kaum Menschen unterwegs, aber der Typ hört nicht auf zu singen. Dann denke ich: Der ist besoffen. Aber Moslems trinken ja offiziell gar nicht. Ein befreundeter Rettungssanitäter hat sich mal halbtot gelacht, als ich behauptet habe: Es gibt keine besoffenen Türken. Also der Kofferbomber singt eher wie in Trance, was ja den Attentatsverdacht wieder bestärkt, und ich bin immer noch in Reichweite. Mittlerweile stelle ich mir vor, wie Splitter, welchen Materials auch immer, in mein Rückenmark eindringen. Oder wie ich einfach von der Druckwelle nach vorn geschleudert werde, auf der Fresse lande und hinterher so eine Narbe am Kinn habe, wie meine Schwester. Sie hat die, seitdem sie auf die Kante eines Blumentopfs mit Gummibaum gefallen ist. Mittlerweile schimpfe ich laut mit mir, obwohl das nicht so laut ist, wie der arabisch-persische Gesang hinter mir. Ich bin sehr verärgert, weil ich denke was ich denke, und dann denke ich, dass ich das denken soll, weil der Sänger genau das beabsichtigt. Wahrscheinlich ist er Schauspielschüler und muss eine Outdoor-Performance absolvieren. Manchmal gibt es ganze Schauspielklassen, die in S-Bahnhöfen so eine Show abziehen. Sie sollen lernen, ihre Hemmungen abzubauen. Ich schätze mal, ich bin jetzt in Sicherheit, aber hören kann ich ihn noch immer, und gehemmt bin ich auch. Jetzt stelle ich mir vor, wie ich den Rettungsdienst benachrichtige und dann ein Trauma bekomme, das aber erst behandelt wird, nachdem ich stundenlang verhört wurde. Mittlerweile ist mein Hirn so durchgefickt, dass ich gar nicht mehr weiß, wer mich da eigentlich fickt. Als ich später aus dem Park zurück nach Hause will, nehme ich natürlich einen anderen Weg, aber mir begegnet niemand, der irgendwas von einer Explosion zu berichten hätte. Mich würde wirklich interessieren, was dieser Araber mit Koffer eigentlich von mir gedacht hat. Ob der mich überhaupt wahrgenommen hat.

Mittwoch, 5. Januar 2011

Weißrussland in Flammen


Früher habe ich mit einem Terry Basketball gespielt, der war wie ich vierzehn und hatte schon eine echt hohe Stirn, über die er sich dann Haare von hinten gekämmt hat. Jetzt habe ich wieder einen Terry kennengelernt, der ist Polizist und echt verzweifelt. Ich habe noch nicht ganz verstanden, ob er wegen Jana, seiner Freundin, oder wegen Ralf, seinem Partner, so verzweifelt ist. Terry und Ralf sind in einer Sondereinheit, die zuständig für illegale Autorennen ist. Mir war gar nicht klar, dass es hier so was gibt. Zuletzt gab es einen Zweikampf, bei dem die Rennfahrer am Theodor-Heuss-Platz in Seitenkipplage auf zwei Rädern im Kreis rumgeheizt sind. Terry meint, das war eine Angebernummer, weil er und Ralf da schon hinter ihnen her waren, und die dachten, dass Ralf und Terry sie nie erwischen würden, was an dem Wagen liegt, mit dem Terry und Ralf Dienst fahren. Das ist ein völlig unauffälliger Golf, von dem alle glauben, der kann nichts. In Wirklichkeit ist der natürlich total heiß und aufgemotzt, meint Terry. Sie haben dann den einen vom Heuss-Platz ‚gecatcht’, wie Terry das nennt. Der hatte auch einen Beifahrer dabei, und die haben sich beide gewehrt. Bei so was ist Ralf dann nicht besonders zimperlich, zumal der Fahrer aus Weißrussland und der Beifahrer aus Pakistan kam. Ich finde, das ist eine ziemlich unglaubwürdige Kombination, aber Terry meint, in der Szene wäre das nichts Ungewöhnliches. Ralf hätte vor allem gegen Weißrussen seine Vorbehalte. Auf der Wache hat Ralf den Weißrussen an den Füßen aufgehängt und mit Benzin übergossen. Um ihm ein bisschen Angst zu machen. Ralf behauptet, der Benzingeruch, in Verbindung mit der Angst, wäre heilsamer, als ein paar Monate Knast. Das Problem war nur, dass der Kanister leck war, und die Scheiße schon überall auf dem Boden rumgetropft war. Wirklich schlimm wurde es dann, als Ralf sein entflammtes Sturmfeuerzeug fallen ließ, was ihm noch nie passiert war. Jedenfalls fing der Weißrusse sofort Feuer. Terry konnte ihn von der Decke abhängen, und dann hat er mit seiner Jacke auf den Weißrussen eingeschlagen, während sie den Fluchtweg die Treppe runter sind. Ralf ist jetzt nicht mehr Terrys Partner, womit Terry klar kommt, aber da sind auch interne Ermittlungen gegen Terry im Gang, weswegen er im Moment suspendiert ist, und da kommt Jana ins Spiel. Die könnte ihn jetzt eigentlich trösten, aber Terry weiß nicht, ob er das will. Jana ist vor ein paar Wochen bei der Aufnahmeprüfung für den gehobenen Polizeidienst durchgefallen. Terry hatte sich schon darauf gefreut, mit ihr zusammen arbeiten zu können. Jana hat das überhaupt nichts ausgemacht, weil sie eh keine Zukunft für sich bei der Polizei gesehen hat, denn ihre wahre Leidenschaft sind Blumengestecke. Sie arbeitet jetzt in einem Blumenladen, und in ihrer Freizeit zeichnet sie ununterbrochen Entwürfe für neue Gesteck-Kreationen. Terry meint, er weiß gar nicht mehr, ob er sie noch lieben kann, was ohne seinen Job aus ihm werden soll, und vor allem hat er keine Ahnung, wie er mit der Scham umgehen soll, die er neuerdings vor seinen Kollegen empfindet. Ich wünschte, er würde jetzt endlich seine Klappe halten und mir einfach mal seine Zunge ins Maul schieben, aber so was passiert mir natürlich nie.

Dienstag, 4. Januar 2011

Bagdad befreit

Es gibt hier neuerdings eine Verordnung, nach der jeder Künstler dreimal die Woche zur öffentlichen Selbstkritik antreten muss. Das hat was mit dem Freiheits-Verständnis befreiter Länder zu tun. Das sind Länder, die wiederum andere befreien, wie zum Beispiel den Irak. Der ist ja dank der Befreiung so demokratisch, wie die Demokratien, die ihn befreit haben. Oder eben doch nicht. Denn der Irak verzichtet auf die Selbstkritik der Künstler. Stattdessen werden Hochschulen für Musik und Theater geschlossen. Das ist eine gute Idee, weil in den Schulen wahrscheinlich doch nur indoktriniert wird. Ohne Ausbildung können sich Künstler freier entfalten und auch viel radikaler sein. Unklar ist jedoch, ob nicht-ausgebildete Künstler überhaupt Kunst machen sollten. Bei meiner gestrigen Selbstkritik auf dem Kreuzberg gab es keine Öffentlichkeit; das war schade. Ich habe mich für das Loch in meinem Hirn kritisiert, das der Blaue Zweigelt aus Alt-Wien reingefressen hat, und das immer noch nicht geschlossen werden konnte. Bei so einer Veranstaltung muss man auch mindestens zwei Mitbürger denunzieren. Weil keiner da war, der zugehört hat, habe ich das diesmal weggelassen. Aber dann stellte sich heraus, dass doch jemand da war und zwar inkognito, und der hat mich dann denunziert, um seine eigene Selbstkritik erfolgreich zu beenden. Mir ist nicht ganz klar, was jetzt passiert. Ob das irgendwelche Folgen für mich hat.

Sonntag, 2. Januar 2011

Heiliger Krieg


Es gibt ungefähr 330 Millionen indische Götter, wobei keiner genau weiß, ob die Inkarnationen schon mitgezählt wurden. In Indien weiß nie einer irgendetwas genau. Shiva, zum Beispiel, ist Gott der Zerstörung. Sein Sohn Ganesha ist Gott des Glücks; er beseitigt Hindernisse und hat einen Elefantenrüssel, weil seine göttlichen Eltern das Beobachten des Liebesspiels zweier Elefanten derart erregt hat, dass sie sich in Elefanten verwandelt und Ganesha gezeugt haben. Lakshmi ist die Göttin der Schönheit, des Reichtums und Wohlstands. Diese Frau bedeutet das Ende der Herrschaft des allmächtigen Herrn. Bisher führen wir unsere Kriege ja im Namen Gottes oder Allahs. Was, wenn nun die Hindus ihre 330 Millionen Götter aufs Schlachtfeld führen? Seit zwei Tagen trinke ich Magen-Darm-Beruhigungstee und nichts beruhigt sich.
 

Samstag, 1. Januar 2011

Alt-Wien


Guten Morgen, Deutschland. Alles angetaut. Früher wollte Herr Neumann Mahematiklehrer werden. Die Schüler mochten ihn und obwohl er schwer Akne-gezeichnet war, haben sie ihn nicht gehänselt dafür. Sie haben auch immer alle verstanden, was er ihnen erklärt hat, nur hat er seine Prüfung dann nicht bestanden. Jetzt fährt er für Bofrost aus. Tiefkühlnahrung. Alles angetaut. Guten Morgen, neues Jahr. Ich habe die Nacht mit einer Sonde im Magen verbracht. Alles froh. Alles gut. Wir tappen im Dunkeln. Normalerweise esse ich kein Bofrost. Die Eskimos haben sich totgelacht. Und dann haben sie literweise gepanschten Blauen Zweigelt im Alt-Wien gesoffen und aufgehört zu lachen. Für sie war’s das erste Mal mit so ´ner Sonde im Magen. Überhaupt hatten die noch nie ein Krankenhaus gesehen. Wir waren echt die Attraktion der Nacht. Die Pfleger, Schwestern und Ärzte hielten mich auch für einen Eskimo, nur für einen, der schon integriert ist. Uns geht’s jetzt aber allen schon viel besser. Wir haben auch schon viel mehr Mut als letztes Jahr. Wir haben sogar wahnsinnig viel Mut auf einmal, die Eskimos und ich. Ich schätze, das wird Folgen haben. Auch für die Leute von Bofrost aus dem Alt-Wien. Frohes Neujahr.