Samstag, 31. Dezember 2011

Hallo, Mr. Parkinson 2

Ich habe ein Stück geschrieben, das ich meinem Vater gewidmet habe – „Hallo, Mr. Parkinson“. Ein Mann hat Parkinson und wird von seiner Frau zu Hause rausgeschmissen, worauf er sich bei seinem Sohn einquartiert, zu dem er seit Jahren kein Kontakt hatte. Natürlich handelt das Stück von meinem Vater und mir. Weil alle, die das Stück gelesen haben, zu meiner Überraschung den Vater so mochten, habe ich entschieden, ihm das Stück zu Weihnachten zu schenken. Es ist immer lustig, meinem Vater zuzusehen, wie er mit dem Zittern ein Geschenk auspackt. Dann schlägt er die erste Seite auf, liest den Titel und sagt: „Was ist denn das für eine Scheiße?“ Sofort ist klar, das Geschenk war ein Fehler. Also schleiche ich mich am nächsten Morgen ins Bescherungszimmer, nehme das Stück weg, im Glauben, der Vater erinnere sich sowieso nicht mehr daran. Parkinsondemenz. Irrtum. Natürlich fragt er: „Wo ist dein Stück?“ Und ich erkläre, dass ich nur zeigen wollte, dass es ihm gewidmet ist, was natürlich total gar nicht funktioniert. Er besteht darauf, dass ich es zurück gebe, weil er sich „hineinvertiefen“ will, und mittlerweile möchte auch die Mutter lesen, und ich besaufe mich mit Rotwein, und im Halbschlaf im Bett denke ich: Du darfst ihn nicht verletzen. Wenn Du ihn verletzt, wirkt sich das auf seinen Körper aus, und dann muss die Mutter wieder ausbaden, was kein Mensch ausbaden will. Dann denke ich: Feigling! Dass ich ein Feigling bin. Immer schön den Schein bewahren. Tapfer schlafe ich ein. Am nächsten Morgen ist der Vater "völlig daneben", wie die Mutter das nennt. Er wird ohnmächtig, fällt hin, landet wieder im Bett. Sagt, dass es sich nicht gehört, nicht bei den Eltern zu wohnen. Die Mutter alles allein machen zu lassen. Die Familie gehört unter ein Dach. Dann findet er, dass der Sommer scheußlich ist, und ich sage: „Es ist Winter.“ Und er: „Ach so.“ Er findet, es ist kein Leben, wie er lebt. Ich finde, ich sollte das Stück doch verschwinden lassen, also packe ich es wieder ein und fahre ab. Einen Tag später spreche ich mit dem Vater am Telefon und er sagt: „Ich bin beklaut worden.“ Mehr sagt er nicht. Also tüte ich das Stück in einen Umschlag ein, versehe den Umschlag mit seinem Namen, seiner Anschrift, klebe Briefmarken darauf und werfe ihn in den Briefkasten. Gestern Abend spricht meine Mutter auf Anrufbeantworter, weil ich nicht dran gehe, weil ich weiß, dass sie es ist. Das Stück ist angekommen. Ich denke, ich verstehe mich darauf, die Dinge aufzubauschen. Ich könnte in die Werbung, oder die Politik, zum Beispiel. Ich bin sehr gespannt, wie ich nächstes Jahr Weihnachten verbringen werde. Frohes neues Jahr!

Donnerstag, 29. Dezember 2011

Sorgerechtsstreit

Heimatfahrt Weihnacht. Ich sitze am Gang, habe reserviert, Großraumwagen. Die Gänge sind gefüllt mit Kinderwagen und Leuten ohne Reservierung. Eine Frau quetscht sich zu mir durch. Der Platz neben mir ist frei. Ob ich reserviert habe. Keine Ahnung, was das mit dem freien Platz neben mir zu tun haben soll. Sie setzt sich, und ich befürchte, sie riecht. Nach einer Stunde klingelt ihr Telefon. Die Tochter Verena. Verena ist außer sich. Sie verliert ihren Sorgerechtsstreit um Felix. Felix ist der Sohn aus Verenas Beziehung mit Erik. Jetzt ist Verena schwanger von Henry. Die Mutter neben mir versucht ihre Tochter Verena zu beruhigen. Sie hätte nichts falsch gemacht. Der kleine Felix plappere nur nach, was der Vater Erik ihm sagt. Das könne man nicht ernst nehmen, aber es sei kein Wunder, dass der Richter das ernst nehme. Felix behauptet, es hätte wehgetan, und Erik setzt jetzt alles daran, das auszunützen, um das alleinige Sorgerecht zu bekommen. „Nein, Verena, du hast nichts falsch gemacht. Am besten, du gehst jetzt mit Henry aus der Wohnung raus. Du musst auch an dein neues Baby denken. Nehmt euch irgendwo ein Hotel und denkt nicht dran. Ich zahle das auch.“ Immer wieder sagt sie, dass Verena nichts falsch gemacht hat und der kleine Felix, Verenas Sohn, lügt. „Du hast nichts falsch gemacht, als du das Besteck an seine Hände gebunden hast, Verena, wirklich nicht.“ Verena hat Messer und Gabel an die Hände ihres Sohnes Felix gebunden. Wahrscheinlich ist Felix  4 oder 5 Jahre alt. Er sagt, ihm hat das wehgetan. Offenbar wollte Felix sich nicht an Verenas Tischsitten gewöhnen. Oder die von seinem Stiefvater Henry. Irgendetwas hat mit dem Benehmen nicht geklappt, da hat Verena dann das Besteck an die Hände ihres Sohnes gebunden, und jetzt soll Verena in ein Hotel, weil sie das Sorgerecht verloren hat und nicht daran denken soll, wegen dem Kind, das sie noch im Bauch trägt, um das sie jetzt auch fürchtet, dass sie ihr das Sorgerecht für das Ungeborene gleich auch wegnehmen, wegen dem Besteck an den Händen, was laut ihrer Mutter gar nicht schlimm ist, so Besteck an die Hände von Kindern gebunden. Nach den Gespräch rechnet die Mutter ab. Sie hat Ausdrucke ihrer Kontoauszüge vor sich und schreibt mit einem Kuli hinter jede Abbuchung den Abbucher. Außerdem hat sie DIN A 5 Karteikarten, wo alle, die von ihr Geld bekommen, aufgelistet sind, senkrecht – und waagerecht die Zahlen 1-12. Dann sind in den Spalten jeweils Punkte oder Kreuze, und jetzt malt sie neue Kreuze. So eine Karte gibt es zweimal. Ich überlege, ob man das ‚Doppelte Buchführung’ nennt. Die Mutter von Verena gibt 160 Euro im Monat für Physiotherapie aus und 124 Euro für Strom. 1073,60 werden monatlich für den Hauskredit abgebucht. Für das Weihnachtsessen wurden 80 Euro ausgegeben. Sie hat 1300 Euro verdient im Dezember und ein volles dreizehntes Monatsgehalt erhalten. Ihr Mann hat 2400 Euro verdient und ist schon in Frankfurt am Main, wo sie gerade hinfährt. Das wird kein fröhliches Weihnachten. Ich habe aber Hoffnung für Felix. Für ihn ist die Geschichte möglicherweise gut ausgegangen. 19 Euro für Besteck und Schnur.

Samstag, 17. Dezember 2011

Heute - Samstag - WELTURAUFFÜHRUNG

Heute - Samstag, 17. Dezember, 15.05 Uhr - WDR 3


Das verlorene Paradies


Du heiligst keinen Ort, den nicht ein Mensch vor dir geheiligt hat. Du gibst uns die Macht über Tiere, aber über die Menschen herrschst du selbst. Und deshalb ist uns nichts heilig, und deshalb sind wir das Böse, das du in die Welt gebracht hast, das dich auf einmal langweilt, und deshalb lässt du uns allein, weil wir nicht heilig sind, weil uns nichts heilig ist, und der Tod ist alles, was dir heilig bleibt, weil du uns nur durch ihn beherrschst.
Alle Nachwelt ist in mir verflucht, und mein Gewissen versenkt mich immer tiefer in der Welt der Angst, die du uns auferlegst. Es liegt in deiner Macht dafür zu sorgen, dass mein Geschlecht nicht fortbesteht. Mein Tod ist alles, was ich dir noch zu bieten habe.

Freitag, 16. Dezember 2011

Hörspiel - Das verlorene Paradies

Morgen, 15.05 Uhr, WDR 3



Simon           Warum bedrohst du mich?
Halim           Mache ich nicht.
Simon           Alles, was ich habe. Alles, was ich bin.
...
Simon           Du hast mich umgebracht, Halim. Das ist doch dein Name – Halim. Das bedeutet milde. Und sanft. Und ruhig. Aber du kannst mich nicht in Ruhe lassen.
Halim           Meine Ruhe heißt Zerstörung, und ich bin erst ruhig, wenn ich die, für die du dein Paradies präparierst, mit ihrem Paradies zerstöre.
Simon           Ich habe keine Angst vor dir. Ich habe Angst, so lange ich denken kann. Aber ich scheiße auf die Angst. Ich bin kein Feigling. Ich habe keine Angst, kapiert?  Du machst mich nicht kaputt. Vorher bringe ich dich um.
...
Simon           Halim? ... Halim!
Halim           Ich bin hier.
Wolfsgeheul.
Halim           Wölfe.
Simon           Keine Wölfe. Mischlinge.
Halim           Das ist nicht gut. Das ist überhaupt nicht gut.
Simon           Ich scheiße auf deine Angst.

Morgengrauen. Halim versucht, Simon zum Aufbruch zu bewegen.
Simon           Ich kann nicht.
Halim           Du kannst! ... Ich trage dich. Los. Hilf mir.
Halim schultert Simon.
...
Halim bricht zusammen.
Simon           Das schaffst du nie.
Halim           Du lässt mich nicht im Stich, hörst du!
Simon           Nichts ist giftiger als der Biss eines Menschen. Wusstest du das? Du wütest längst in meinen Eingeweiden.
Halim           Komm schon. Du musst doch wissen wo wir sind. Mach die Augen auf! Simon!
Simon           Ist überall Steppe hier. Wird alles vebrannt. Der Wald. Und die Wölfe. Lynn liebt Wölfe. Ich vermisse sie. Scheiße. Warum bist du nie da?
Halim           Du musst dich doch an irgendwas erinnern.
Simon           An die Sterne vielleicht.
Halim           Es ist hellichter Tag!
Simon           Ist auch ohne Sterne zum Kotzen schön. Wo sind wir?
Halim           Simon, bitte.
Simon           Das ist alles, was du kannst. Betteln.
Halim versucht Simon wieder zu tragen.

Mittwoch, 14. Dezember 2011

Das verlorene Paradies - 3. Vorschau


Samstag, 17. Dezember, 15.05 h, WDR 3

Das verlorene Paradies

Dämmerung. Simon hat Fieber, ist erschöpft. Halim versucht Feuer zu machen.
Halim           Bist du sicher, dass du noch weißt, wo wir sind?
Simon           Keine Ahnung.
Halim           Was ist mit deinem Handy?
Simon           Kein Empfang.
Halim           Ich verstehe nicht, was mit dir ist, ich meine ...
Simon           Wie würde es dir mit einem Messer im Bein gehen?
Halim           Das war nur ein Schnitt. Die Wunde blutet doch kaum noch. ... Gib mir deine Hand.
Halim nimmt den Verband ab.
Halim           Oh Mann. Das sieht übel aus.
Simon           Du hast mich vergiftet.
Halim           Das ist nicht witzig.
Simon           Nein. Ist es nicht.
Halim           Ich weiß nicht, was ich machen soll.
Simon           Ist das dein Gott, der dir befiehlt, mir zu helfen?
Halim           Ich bin noch auf der Suche nach einem Gott.
Simon           Ich brauche deine Hilfe nicht.
Halim           Aber ich brauch deine, um uns hier rauszubringen.
Simon           Was soll diese Heilsscheiße. Ich wünsche mir deinen Tod, wann kapierst du’s endlich?
Halim           Erzähl mir was von Ewigkeit, und ich hasse den, der sie mir auferlegt. ... Wenn du krepierst, hast du gewonnen. Ich lass mich nicht für was wegsperren, das ich nicht getan hab. Du bist mein Zeuge.

Montag, 12. Dezember 2011

Das verlorene Paradies - 2. Vorschau

Samstag, 17. Dezember, 15.05 h, WDR 3

DAS VERLORENE PARADIES


Halim
Die Codes der Straße kotzen mich an. Die Poser und Aufschneider kotzen mich an. Ich bin durch mit Möchtegern-Gangstan. Ich bin durch mit ihren hirnlosen Fotzen. Ich war überall dabei. Bei den Stressertürken, den Nigga-Hengsten, den Arab-Prolls und den Schwuchtel-Faschos. Sie haben mich alle für einen von ihnen gehalten. Ich bin mit ihnen allen durch. Sie alle verzeihen ihren prügelnden Vätern. Weil das was mit Respekt zu tun hat. Ich scheiße auf euren Respekt. Ich scheiße auf eure Väter. Ich verzeihe niemandem. Und niemand bemerkt das. Weil ich ein Poser bin. Weil ich das Spiel beherrsche. Weil ich die Codes kenne. Ich bin durch damit. Ich bin in mir, und da ist Himmel Hölle, und Hölle ist Himmel. Aber lieber bin ich Herrscher meiner Hölle, als Diener eures Himmels.

Montag, 5. Dezember 2011

Martin Luther war Jamaikaner - Das Opferritual 16


Über mir höre ich Trommeln und einen elektrischen Bass, Flaschen, die umfallen, Gelächter, dumpfe Hip-Hop-Beats aus einer Anlage. Früher, als ich noch hier wohnte und nicht mit Handschellen an einen Heizkörper gefesselt war, bin ich manchmal hoch zu Martin Luther, meistens so gegen vier oder fünf Uhr morgens, und habe ihn gebeten, endlich Ruhe zu geben. Luther war Jamaikaner, und er lebte auf seinen dreißig Quadratmetern angeblich allein. Aber es verging kein Abend, an dem nicht mindestens zehn andere Jamaikaner, ein paar Russinnen und ein paar hessische Ragga-Groupies bei ihm abhingen, soffen, kifften und Disco machten. Manchmal musste ich einfach intervenieren, wegen den Nerven, weil ich es mit den Nerven hatte, was Martin Luther völlig cool ließ. „Komm rein.“, meinte er nur, aber ich wollte nicht rein; ich wollte schlafen. Zwischen sechs und zehn Uhr morgens endeten die Veranstaltungen meistens mit Gebrüll und Handgemenge. Luther hatte den Rest des Tages rot unterlaufene Augen, manchmal ein Veilchen, und nachmittags stand er dann vor meiner Tür, weil er Kaffee oder Brot oder sonst was wollte. Er war einen Kopf größer als ich, also mindestens ein Meter neunzig, wog aber höchstens sechzig Kilo. Trotzdem fürchtete ich mich vor ihm. Er hatte Geheimwaffen, davon war ich überzeugt. 
Ich hänge an dieser scheiß Heizung fest und über mir, das kann unmöglich Martin Luther sein. Ist über ein Jahrzehnt her. Der muss tot, oder auf Jamaika, oder mit einem der Rasta-Groupies verheiratet im Reihenhaus in Wieseck sein. Selbst wenn ich eine Büroklammer hätte, ich würde das Schloss damit nie knacken können. Das Fenster kann ich nicht öffnen, ich komme nicht an den Griff. Ich will kein Aufsehen. In so einer Situation probierst du jede Option, auch die unwahrscheinlichste. Luther. „Luther, verdammte Scheiße! Mach, dass du runter kommst! Luther! Beweg endlich deinen dreckigen Niggerarsch hierher!“ (Fortsetzung folgt)

Sonntag, 4. Dezember 2011

Hörspiel - Heute - Der Jäger ist die Beute

Heute: 18.30 h
 Deutschlandradio Kultur

Der Jäger ist die Beute

War früher Boxer. Sind in die Schule gekommen, haben auf mich gezeigt und gesagt: Du wirst Boxer. Hab dann nur Betriebssportgruppe geboxt, zweimal die Woche. Die Spartakiadeanwärter alle zehn mal die Woche. Habe ich trotzdem alle umgehauen, bis auf einen, deshalb durfte ich nicht zur Spartakiade. Mit dreizehn zwingt mich mein Opa auf die Sportschule, bestehe den Eignungstest. Nur als sie in der Psychiatrischen Anstalt die Hirnströme messen, stimmt was nicht mit den Alphawellen, halten mich für behindert, aber dann stellt sich raus, das Gerät war kaputt. Also muss ich auf die Sportschule, ins Internat. Aus uns sollen Olympiasieger werden, und jeder macht da jeden fertig. Wirst verjackt und gecheckt, oder sie hängen dich an ´nem Besenstiel übern Balkon im vierten Stock, und du sollst Klimmzüge machen. Hat mir nicht geschadet. Einer ist spurlos verschwunden, der hat Trainingspläne an seinen Onkel im Westen geschickt. Ich hab Schleimer und Streber immer gehasst, die Typen, die, die Trainer mochten. Einer von denen war stärker als ich, aber ich habe ihn fertiggemacht, bei den Meisterschaften. Meine rechte Hand war gebrochen. Habe ihn mit der linken ausgeboxt. Gab auch ´nen Kampf, da hatte ich beide Hände gebrochen. Den habe ich verloren.

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Bist so schön, liebe dein Gesicht, deinen Körper, vor allem dein Gesicht. Frage mich manchmal, wie kann ein Gesicht so schön sein. Wie kann es sein, dass ich dein Gesicht sehen darf, und dann wird mir bewusst, alle anderen dürfen das auch. Das kann ich nicht verstehen, dass du mir ein Gesicht zeigst, dass du auch allen anderen zeigst. Du weißt, du bist für mich bestimmt. Dieses Gesicht ist nur für mich. Stelle mir vor, wie es wäre, also ich frage einen Freund, und er wird es tun. Er wird dir Säure ins Gesicht schütten, weißt du. Dann kann niemand mehr in dein Gesicht sehen. Kann das ja nicht selbst tun. Kann dein Gesicht nicht zerstören, weil ich dich ja liebe.

Samstag, 3. Dezember 2011

Der Jäger ist die Beute - 2. Vorschau

MORGEN - SONNTAG, 4. DEZEMEBER, 18.30  DEUTSCHLANDRADIO KULTUR

DER JÄGER IST DIE BEUTE

video

Mit: Nina Kronjäger, Jule Böwe, André Szymanski, Bruno Cathomas, Silke Buchholz, Daniel Krauss
Musik: Alexandra Holtsch
Sounddesign: Jochen Jezussek

Freitag, 2. Dezember 2011

Waffenexperten - Das Opferritual 15


„Gibst du jetzt Ruhe, Finn?“ Keine Ahnung, ob ich vergesse zu atmen, oder ob ich nicht mehr atmen kann. Wie auch immer, Jake raubt mir den Atem, und alles schwimmt in dieser Rotweinsoße. „Atme. Du musst atmen, Finn.“ Ich atme wieder. Er hält mich aber immer noch. Vielleicht halte ich mich auch an ihm fest. Meine Faust landet in seinem Magen. Ich robbe mich zur Futon-Matratze. Unterwegs fällt mir die Ceska-Pistole in die Hände. Die hatte ich ganz vergessen. Jake hält Abstand. Ich begreife nicht, was er von mir will. „Du willst mich ficken, Finn. Habe ich recht? Wenn nicht, hättest du mich längst erschießen können. Wenn nicht, hättest du mich längst erschießen müssen. Oder nicht? Ich hab ´nen Blick dafür.“ „Ach ja? Von der Straße, oder was? Von deiner Ausbildung. Gehörte zum Training. Ich sage dir was, Otto. Entschuldige. Ich sage dir was, Jake: Du willst nämlich mich ficken. Du hättest mir die Pistole längst abnehmen oder mich erwürgen können. Dir ist doch klar, dass ich von Waffen keine Ahnung habe.“ „Hast du also nicht, ja?“ „Wer weiß, Jake, wer weiß.“ „Ja, wer weiß das schon, Finn.“ Jake robbt hinter mir her, bewaffnet sich mit der letzten Flasche Rotwein. Landet neben mir auf dem Futon. Wir treiben auf offener See. Das Funkgerät ist ausgefallen. „Also, Finn, willst du nun ficken, oder was?“ Ich muss die Augen zu machen beim Trinken. „Ich würde das, was ich will, nicht unbedingt ficken nennen.“ „Okay, Finn.“ Ich finde überhaupt nichts okay. „Schätze mal, das Wertvollste an dir ist dein Schwanz.“ „Leck mich, Finn.“ Unser Rettungsboot schaukelt bedrohlich. „Wenn du niemandem davon erzählt hast, Jake, warum dann mir?“ „Du weißt warum.“ Mich hat seit Jahren niemand mehr berührt. Und so schon gar nicht. Wenn wir zusammen untergehen, dann wenigstens richtig.
Als ich aufwache, liegt Jake nicht mehr neben mir. Mein rechter Arm ist mit Handschellen an die Heizung gefesselt. Jakes Seesack ist verschwunden und die Pistole. Jake ist auch weg. (Fortsetzung folgt)

Donnerstag, 1. Dezember 2011

Braune Armee Fraktion - Das Opferritual 14


„Und? Bist du ein Arm der Tat, Jake?“ „War ich, ja. Erst ‚Kameradschaft’, dann ‚Heimatschutz’. Den habe ich mit aufgebaut. Das Geld kam vom BfV. Über 30.000 Euro. Für ein Verbindungsnetz, Infrastruktur, so was halt.“ „So was halt. Und jetzt halt nicht mehr.“ „So einfach ist es nicht, Finn.“ Ich sitze mit einem Arm der Tat in einer Wohnung, die ich zehn Jahre, nachdem ich ausgezogen bin, gekauft habe, um sie wieder genauso einzurichten wie damals. Allerdings hatte ich nie die Absicht, in dieser Wohnung auch nur eine Nacht zu verbringen. Es kam mir darauf an, die Möglichkeit zu haben. Wegen der Träume. Mehr nicht. Es gibt keine Träume mehr. Ich frage mich, warum der Arm der Tat noch immer aufrecht sitzen kann. Ich würde gern über den Arm der Tat herfallen, was eine Heldentat wäre. Oder einfach Lust. Weil ich die Kontrolle verliere. Weil eh schon alles verloren ist. Ich hatte es schon immer mehr mit Worten statt mit Taten. Jake macht die fünfte Flasche Rotwein auf, die Blüte an seinem Hals schließt sich. Ist mitten in der Nacht. Oder kurz vor Morgengrauen. Vielleicht träume ich doch. Ich träume von Jake. „Also nur, damit ich das richtig verstehe, Jake. Otto. Du bist Mr. Undercover für den Verfassungsschutz bei den Braunen, ja? Und kein Mensch vom Verfassungsschutz weiß das, außer den zwei Rekrutierungsoffizieren und dem Oberboss. Und als einer von der Braunen Armee Fraktion weißt du natürlich auch alles über deren Opferrituale. Du wusstest was da im Wald auf der Lichtung passieren würde. Und du wusstest, dass sie meinen Freund Attila exekutieren wollten. Ich meine, da war ein Otto-Freund in seinem Laden. Die Nappafresse. Und du hast nichts gemacht. Und der auch nicht. Der Scheiß-Verfassungsschutz guckt einfach zu, wenn die Braune Armee Fraktion auf Hinrichtungstour ist, richtig? Warum? Warum, Jake? Warum hat dich sowohl die Nappafresse, als auch diese Polizistin, diese Michèle, neulich ‚Otto’ gerufen, wenn kein Mensch weiß, dass du Otto bist? Weißt du, wer Attila war? Das war mein Freund, kapiert? Weißt du, was das ist, ein Freund?“ Mir gehen die Worte aus, also stürze ich mich auf ihn, aber er ist stärker, hockt über mir, drückt meine Hände über den Kopf auf den Boden. Keine Ahnung, ob das Tränen sind. „Ich konnte nichts machen, Finn. Ich bin aufgeflogen beim BfV. Weißt du was das heißt? Hast du eine Ahnung, was für Leute beim BfV arbeiten? Glaubst du, die Braunen haben ihre V-Leute nicht in Stellung gebracht? Die sorgen dafür, dass ich ... ich muss ... .“ „Was?“ „Nichts.“ Er lässt mich los. Ich will ihn schlagen. Er wehrt die Schläge ab, also versuche ich es mit einer Umklammerung, mit Ringen. Wir rollen über den Teppich, aber das hat nicht wirklich etwas mit Ringen zu tun. „Bist du mein Freund, Finn? Bist du?“ Ich kann mich nicht mehr rühren. „Sag schon, Finn? Ist doch komisch, oder? Du liest mich auf, nimmst mich mit in dein Haus, und ausgerechnet in dem Kaff findet ein Opferritual statt. Und du willst mich die ganze Zeit nicht loswerden, im Gegenteil. Und dann fährst du ausgerechnet nach Kassel, wo mich die Nappafresse, wie du sie nennst, ausgerechnet in Attilas Laden sieht, wo sie Attila ... Tut mir leid, um deinen Freund, Finn! War er wirklich dein Freund? Weil, ich kann mir das einfach nicht vorstellen, dass das alles nur Zufall sein soll. Also wer bist du, Finn? Wer? Wer hat dich auf mich angesetzt?“ Wie auch ich glaubt Jake nicht an Zufälle. Er liegt auf mir, sein Unterarm presst gegen meinen Kehlkopf, und ich bekomme keine Luft mehr. (Fortsetzung folgt)

Mittwoch, 30. November 2011

Fromms Truppen - Das Opferritual 13

„Ich bin ein Informant, Finn. V-Mann. Vertrauensmann. Bundesverfassungsschutz. Alles klar? Legst du die Pistole jetzt weg? Finn?“ Mir war nicht klar, dass ich die Pistole noch immer auf Otto richte. Oder Jake. „Bundesverfassungsschutz also, ja?“ „BfV, ja.“ „Klingt wichtig. Also so eine Verfassung ist echt schützenswert. Ich frage mich nur, ob unsere Verfassung bei einem wie dir gut aufgehoben ist. Und da sie ständig umgeschrieben wird, weißt du am Ende gar nicht mehr, was du da eigentlich schützt.“ Die Ceska, Modell 83, gleitet aus meiner Hand und landet neben der dritten Flasche Rotwein, die jetzt auch leer ist. Jake öffnet eine neue, gießt mir nach, gießt sich nach, und draußen auf der Grünbergerstraße verstummt der vierspurige Verkehr, in den Fenstern gegenüber werden die Lichter gelöscht. Kein Mond, der hier sein Aschelicht durchs Fenster streut. Unsere Adventskerze ist beinah runter gebrannt, aber Jake hat mehrere gekauft. Denkt er, wir sitzen am 4. Advent noch immer zusammen hier? „ Also schützt du die Verfassung jetzt gerade vor mir, oder was? Was ist dein Auftrag? Sag schon.“ „Mein Auftrag war, mir ein Parteibuch der NPD zu besorgen.“ „Der ...“ „Der Nationalsozialistischen Partei Deutschlands, Finn. Ja.“ So besoffen kann man gar nicht sein. Ich rase durch meinen Kopf, auf der Suche nach einem Delikt, das ich an irgendwelchen Rechten verübt habe, für das ich jetzt zur Verantwortung gezogen werde, aber leider fällt mir nichts ein. Ich habe nie irgendwas gemacht; dafür sollte ich mich schämen. Keine Ahnung, ob ich mich schäme. Ich bin noch nicht betrunken genug. „Du siehst nicht wie ein Nazi aus. Ich meine, du hast eine riesige Hippieblume auf deinen Hals tätowiert. Wie kann irgendwer glauben, dass du ein Nazi bist.“ „In welchem Jahrhundert lebst du, Finn?“ „Ja, klar. Deine Ottos vom BfV, die sind ja auf dich gekommen. Die mussten ja irgendwie auf dich kommen. Die haben gewusst, dass du ´ne Chance bei denen hast. Weil du einer von denen bist. Also bist du ´n Nazi. Ein Nazi-Bulle. Bringst du mich jetzt um, Arschloch?“ „Du hast die Pistole, Finn.“ „Ich habe die Pistole, Otto.“ Otto lässt sich davon nicht beeindrucken: „Ich war sechzehn, als sie mich rekrutiert haben. Mit sechzehn kannst du Parteimitglied werden. Bist du einmal drin, musst du beweisen, dass du’s wert bist, drin zu bleiben. Oder du machst dann so was wie ‚Heimatschutz’, oder ‚Blood and Honour’ oder so was. Das sind die Arme der Tat. Die Arme der Gewalt. Da ist besser, dass man dich nicht in die Partei zurückverfolgen kann. Weil die Partei offiziell keine Schutztruppen mobilisieren darf.“ „Wer hat dich mit sechzehn rekrutiert? Die Nazis?“ „Hörst du mir zu, Finn? Fromm und seine beiden Mittelsmänner. BfV. Geht das nicht in deinen Schädel rein?“ „Nein! Die rekrutieren doch keine Minderjährigen!“ „Die haben mir ´ne Stelle besorgt, Azubi im Schwarzen Bären, Hotelfach. Und ein Zimmer in einem christlichen Wohnheim. Dann bin ich in den richtigen Sportverein. Ist überall die Partei drin. Die brauchen so junge Leute, die sie aufbauen können. Ist Fromms Masche. Ihnen die Leute unterzumischen, die jung genug sind. Ist ja auch Jugendschutz, weil ich nur da war, um am Ende die Jugend zu schützen. So reden die vom BfV es dir ein. Und weil niemand was von dir weiß, weil du für die eigentlich gar nicht existiert, kann ihnen auch niemand was. So denken sie sich das. Darf nur nicht auffliegen. Darf eben keiner auffliegen.“ „Was soll der Scheiß mit Hotel, Wohnheim, Sportverein? Ich dachte du solltest auf die Straße.“ „Ja. Und?“ „Ja, und was, Jake? Mit sechzehn war doch irgendwer für dich verantwortlich, Eltern, Jugendamt, was weiß ich wer.“ „Wie gesagt, ich hatte keine Wahl.“ „Bullshit. Die hatten was gegen dich in der Hand. Was?“ „Lass gut sein, Finn.“ (Fortsetzung folgt)

Dienstag, 29. November 2011

Deckname Otto - Das Opferritual 12


„Sie haben mich auf der Straße rekrutiert. Ich habe mich da rumgetrieben. Also auf der Straße, ich war irgendwie auffällig, okay? Genauer geht’s nicht.“ „Doch.“ „Die suchen nach Leuten, von denen sie glauben, die haben nichts. Also nichts, das sie bindet. Die gar nichts mehr haben. Ich sah so aus für die, okay? Jedenfalls sprechen mich zwei von ihnen an und fragen, ob ich nicht von der Straße weg will. Die meinten, ich könne für sie arbeiten, das wäre doch ein Anfang. Da hätten wir beide was von. Und natürlich wollten sie nicht, dass ich weg von der Straße komme. Für die war es wichtig, dass ich mich da auskenne. „Was soll dauernd diese Scheiße mit der Straße? Was heißt das denn?“ Jake trinkt Rotwein wie Limonade. Ich auch. „Finn, ich rede, du hörst zu. Mehr ist nicht drin.“ Wir gucken beide auf die Ceska-Pistole, die neben mir liegt. „Die brauchten einen, der sie mit Informationen versorgt. Einen, der sich überall Zugang verschaffen kann. Jemanden, der sich in bestimmten Kreisen etabliert und sich da Vertrauen verdient. Die Beiden haben ... sie waren sehr überzeugend. Und sie waren die Einzigen, die ich von dem Verein zu sehen bekommen habe. “Welcher Verein?“ „Finn ...“ „Tschuldigung.“ „Das Ganze war offiziell, aber dann eben doch nicht. Niemand durfte von mir wissen. Also gab es die zwei Kontaktmänner und den Oberboss, und das war’s. Mir war klar, dass das ein Haufen Scheiße war, aber ich hatte keine Wahl. Ich hatte keine Wahl.“ Ich sage nichts. Ohne die Betäubung durch den Rotwein würde ich Amok laufen. „Das ist nicht einfach für mich, Finn. Ich habe noch nie darüber gesprochen.“ „Ich habe Zeit.“ „ Und ich weiß nicht, ob ich dir trauen kann.“ „Nicht mein Problem.“ „Manchmal ist es besser, nichts zu wissen.“ „Manchmal, ja. Diesmal nicht.“ Auf Jakes T-Shirt ist eine Frau, die sich von einem Mann fotografieren lässt, wobei sie nur glücklich aussieht, weil sie für das Bild posiert. Jake beugt sich über die Kerze, verschränkt die Arme vor der Brust, schaukelt zurück, und vielleicht hat er recht; vielleicht will ich nicht mehr wissen. Vielleicht schmeiße ich ihn raus und vergesse, dass ich ihm je begegnet bin. Im Vergessen bin ich gut. Nur dass ich Jake, oder Otto, oder wer immer er ist, nicht vergessen will. „Sie haben mich Otto getauft. War mein Deckname. Ist so üblich bei Vertrauensleuten.“ „ Du bist ´n Bulle!“ „Bin ich nicht.“ „Du bist ein Bulle, der zuguckt, wie man Türken abschießt.“ „Finn ... .“ „Was?“ „Leg die Pistole weg. Bitte.“ (Fortsetzung folgt)

Montag, 28. November 2011

Elefantenklo - Das Opferritual 11


Wir parken beim alten Friedhof. Bin schön länger nicht mehr hier gewesen. Immer wenn ich komme, habe ich ein mulmiges Gefühl im Magen. Wir laufen ein paar Schritte die Grünberger runter. Gießen. Ich habe die Wohnung gekauft, in der ich hier früher gelebt habe. 15 Jahre nachdem ich die Stadt mit einem Elefantenklo als Wahrzeichen verlassen hatte, träumte ich noch immer von der Wohnung, also bin ich zurück und habe sie gekauft. Bin seitdem kaum drin gewesen. ‚Save one for Gießen’ – das Motto der englischen Bomber im zweiten Krieg. Auf dem Heimflug noch eine für Gießen. Ich glaube nicht, dass ich abgedrückt hätte. Nicht in dieser Situation, in meinem scheiß Tor-des-Monats Auto, auf einem Parkplatz hinter dem Deutschen Hof. Jake wusste das. Ich halte ihm die Ceska an den Kopf, gebe ihm zwei Minuten um sich zu erklären, um zu klären, welcher Teil von ihm Otto und welcher Jake ist, und ihm ist klar, dass ich nicht abdrücke. Aber er respektiert meine Wut. Hat sich auf die Unterlippe gebissen und gebettelt. Hat gesagt, dass er's mir erklärt, sobald wir unbeschadet aus Kassel raus sind. Ich bin total beschädigt aus dieser Stadt raus, da hat Jake-Otto noch überhaupt nicht gelebt. Aber ich nehme ihm seine Angst ab. Und er mir meine. Habe die Ceska trotzdem in der Hand behalten. Habe ihm nur die Mündung nicht länger gegen die Schläfe gedrückt. Wäre aufgefallen im Verkehr. Seine Hände haben gezittert. Ich habe gegen Tränen angekämpft. Habe ihm die Richtung vorgegeben, und dann konnte ich nicht mehr sprechen und war froh, dass er auch nichts gesagt hat, trotz meiner Wut. Jetzt halte ich diese Scheißzeitung in der Hand, und vorne ist ein Bild von meinem Freund Attila drauf, auf dem er aussieht wie ein Verbrecher. Und darunter ein Kreuz, weil er tot ist. Weil er in meinem Rücken erschossen wurde. Wir wissen, dass es nicht sein Tsonga war. Wir wissen, es waren die Fahrradboys. Und die Nappafresse hat auch was damit zu tun, da bin ich sicher, und Jake-Otto kann sich sicher sein, dass ich die Ceska so lange nicht mehr aus der Hand lege, bis er mir erklärt hat, was. Dass ich doch noch abdrücke, wenn er es vergeigt.
Ich halte den Atem an, als ich die Wohnung betrete, denke: Du brichst ein – was, wenn einer da ist? Kann mich einfach nicht daran gewöhnen, dass die Träume aufgehört haben. Dass die Wohnung wieder mir gehört. Es gibt ein großes Zimmer, in der Küche kann nur einer stehen, im Bad ist kein Fenster. Jake-Otto meint, wir brauchen eine Kerze. Ich denke: für Attila. Frage mich, was ihn das angeht. „Ist der erste Advent, Finn.“ Wir besorgen einen Adventskranz, Kekse und ´ne Kiste Wein. „Leg los, Otto.“ Wir sitzen auf dem Boden vor dem Kranz mit der Kerze. Jake-Otto pult an seinen Fingernägeln rum, kann mich nicht angucken. Die Ceska liegt neben mir. Ich mache eine Flasche Roten auf, und dann erzählt er’s mir. (Fortsetzung folgt)

Samstag, 26. November 2011

Döner-Mord - Das Opferritual 10

WIR GEBEN DEN OPFERN EIN GESICHT
(Attila G., 25.11.2011)
Wir trauern: 
Dr. Angela Merkel, Dr. Hans-Peter Friedrich, Holger Apfel, Peter Gauweiler, Guido Westerwelle, Deutsche Bank, Klaus Wowereit, Renate Künast, Klaus Ernst, Bild, Jörg Ziercke

(Fortsetzung folgt)

Freitag, 25. November 2011

Deutscher Hof - Das Opferritual 9

Attila schiebt mich in sein Hinterzimmer, schließt die Tür. „Woher kennst du ihn, Finn?“ „Jake? Habe ihn an einer Raststätte aufgegabelt. Wieso?“ Attila grinst. „Immer noch die alten Rituale, ja?“ Er denkt, es gibt Dinge, an die zu erinnern sich lohnt. „Er ist okay, glaube ich.“ Früher hielt sich Attila für meinen großen Bruder. Und plötzlich waren wir seelenverwandt, meinte er. Sprach ausschließlich darüber, wie er sich fühlte, seelisch und physisch, und schon ein einfaches Jucken bedrohte sein Leben. Er kannte jeden Arzt der Stadt, und ich war der einzige, der das abgekriegt hat, weil Attila vor allen anderen dicke Eier demonstrieren musste. Obwohl er keiner von den Türken mit O-Beinen war, die so laufen, als hätten sie sich in die Hose geschissen. Aber sie laufen so, weil sie einen Glauben machen wollen, dass ihre Eier so dick sind, dass sie zwischen ihren Oberschenkeln kaum Platz haben. Ich frage Attila nicht nach seinem Tsonga, weil die viertel Stunde, die ich ihn mag, bevor er mir dann auf die Eier geht, längst vorbei ist. „Willst du schon los? Ich koche was für euch heute Abend.“ „Danke, aber wir müssen weiter, Attila.“ Im Laden steht Jake bei der Nappafresse. Kommt auf mich zu, als hätte ich ihn ertappt. „Wir müssen hier raus, Finn.“ „Ja, schon klar. Ich bin gerade dabei, mich zu verabschieden.“ „Sofort!“ Jake packt mich am Arm, zieht mich zur Tür, dann ruft er: „He, Attila! An deiner Stelle würde ich den Laden schließen und mich für ´ne Weile unsichtbar machen.“ Die Nappafresse springt auf: „Bist du irre, Otto?“ Wir sind schon fast draußen. Zwei Typen auf Fahrrädern halten vor dem Laden. Jake hat sein Basecap plötzlich so tief ins Gesicht geschoben, dass er nichts mehr sehen kann. Nicht mehr gesehen werden kann. Ich sehe noch, wie die Fahrradtypen in Attilas Shop rein gehen. Der eine hat eine Plastiktüte in der Hand, so als würde er etwas halten, das von der Plastiktüte verhüllt wird. Ich habe keine Ahnung, warum ich mich beeilen soll, reiße mich von Jake los, und dann – dann bin ich plötzlich in einem Raum ohne Atmosphäre. Stell dir vor, du hörst nichts mehr. Egal, wo du bist – im Wald, auf der Straße, in einem Puff, in deiner Küche, im Stadion – da ist einfach kein Raum mehr zu hören. Aber es stimmt nicht. Du hörst etwas. Ein einzelnes Geräusch. Alles fixiert sich auf diesen einen Sound, um den herum kein Raum mehr existiert. Um den herum die absolute Stille herrscht. Und dann verhallt das Einzige, das du hören konntest, allmählich. Und dann denkst du einen Moment lang, du bist taub, weil da nichts ist, gar nichts mehr. Du hast keine Ahnung, wie lange dieser Moment andauert, denn es gibt keine Zeit dafür. Schon öffnet sich der Raum wieder. Erst kaum merklich, dann immer weiter, bis alles wieder so ist, wie es vorher war – der Wald, die Straße, der Puff, die Küche, das Stadion. Und dann versuchst du dich zu erinnern. Was war das, das du gehört hast, als da sonst nichts war? Und du weißt, es war ein Schuss. Auch wenn du vielleicht nie zuvor einen Schuss gehört hast, bist du dir doch sicher, dass du ihn jetzt gehört hast. Und auch wenn es nur ein Ploppen war, weil der Schall gedämpft wurde, dann erkennst du dieses Ploppen als genau das, was es war: ein Schuss. Jake schubst mich in den Deutschen Hof rein, pflanzt mich in einen der modrigen Plastiksessel, wirft seine Jacke auf meinen Schoß, will unsere Sachen aus dem Zimmer holen. Ich fühle sie auf meinem Schoß. Ich gehe mit Jake über den verwaisten Parkplatz zum Auto. Er setzt sich hinters Steuer. Ich sitze neben ihm. Er will den Motor starten. Ich halte ihm die Ceska an den Kopf. „Okay, Otto. Du hast zwei Minuten.“ (Fortsetzung folgt)

Donnerstag, 24. November 2011

Die Mitte der Gesellschaft - Das Opferritual 8


Jake fragt nach meinem Zuhause. Ich zeige ihm lieber, wo ich herkomme. Das Haus der Eltern habe ich verkauft, die Schwester ausgezahlt, sie zurück über die Berge zu ihrem Alpen-Lover geschickt. Ich quartiere uns im Deutschen Hof ein. Könnte auch eine Fernfahrerkneipe aus den 50-igern sein, im Grenzbereich von Zentrum und Nuttenperipherie. Kassel. Heimatstadt. Im Fernseher, bei der Fettel an der Rezeption, sagt ein blasser Blonder mit Nickelbrille: „Der Rechtsextremismus ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Da gibt es auch kein Zurück mehr.“ Dann sieht man Kinder auf Rutschen und Hüpfburgen, am Wurstgrill und im Wasser – ein Fest der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands. Weder Fahne, noch Uniform, noch Parteiembleme feiern mit. Inkognito inmitten der Gesellschaft. Wir sehen Bilder von Menschen aus Bad Kösen, die müssen aus den 70-igern – oder 80-igern stammen, sind aber von heute. Jake ist noch blasser als sonst, versteht nicht, warum wir hier sind. „Heimat“, sage ich. ‚Alles verloren’, sage ich nicht. Dass für mich alles vorbei ist. Dass das vielleicht auch was mit Heimat zu tun hat, nur dass die privat ist, niemanden etwas angeht. Aber das ist Vergangenheit, weil sie nicht mehr existiert, die Vergangenheit, die Heimat. Nur sich selbst wird man nicht los. Er kann nirgends mehr hin, sagt er. Ich kann überall hin. Diese Stadt hat mich irgendwann ausgespuckt, jetzt liegt sie einfach auf dem Weg, egal, wo der uns hinführt. Irgendwas braut sich zusammen. Ich bin schon mittendrin. Ich werde nicht ausweichen. Jake behauptet, das kleine Tattoo an seinem Handgelenk sei ein Herz. An wen er dabei denkt, wenn er sich mit einer in Tinte getauchten Zirkelspitze die Haut markiert, sagt er nicht. Wir treffen Attila, einen Türken aus Südanatolien, meine letzte Verbindung zum Herzen Nordhessens. Seine Familie hat ihn aus der Heimat vertrieben, als er sich zu seiner Homosexualität bekannte. Seitdem kann er nicht zurück, ist enterbt, entehrt. Seitdem hat er Stressekzeme in den Leisten. Aber Attila ist ein Bulle, ein Vieh von Mann, dem keiner was kann. War Türsteher, hat sein Abitur an der Abendschule gemacht, danach saß er in einem Plexiglaskasten in einer Spielothek, verteilte Kleingeld und Keile, wenn sie ausflippten vor den irrlichternden Suchtkästen. Wir sprechen nicht oft. Der Schmerz hat Attila zerfressen. Hat ihn kaputt gemacht, dass ihn die eigene Familie nicht will. Jetzt betreibt er ein Internetcafé  ganz in der Nähe vom Deutschen Hof. Lässt die Afrikaner, die hier auf Abschiebung warten, telefonieren und sauber machen. Attila hat ein bisschen Speck angesetzt, ist aber immer noch so stark wie früher. Jake begegnet ihm kühl. Habe ihn noch nie so nervös erlebt. Attila beäugt ihn skeptisch, wirkt abweisend. Sein Laden ist in einem guten Zustand, keine Ahnung, ob ihn das glücklich macht. Seitdem wir bei ihm sind, telefoniert ein Typ in brauner Nappalederjacke zwischen zwei Trennwänden. Wie im Knast, denke ich. Er hat eine Pickelfresse, wirft dauernd Blicke, flüstert. Jake kippt sich einen Flachmann Brandy in den Kaffee, den Attila uns serviert. Der Schwarze, der den Boden fegt, kommt aus Mozambique. Schätze, er ist Attilas Lover, was beide natürlich nie zugeben würden. Irgendwas läuft zwischen der Pickelfresse und Jake. Vielleicht haben sie uns doch verfolgt. Vielleicht ist Jake doch nicht Jake, sondern Otto, und Otto ist der – keine Ahnung, wer Otto ist. Was in diesem Land eigentlich los ist. (Fortsetzung folgt)

Mittwoch, 23. November 2011

Heimatschutz – Das Opferritual 7

Jake fragt mich nach Heimatschutz, und da ist seine Blume am Hals, lila und orange und grün, und am linken Handgelenk ein bisher unbeachtetes, kleines Tattoo: ein rundliches Dreieck. So was macht man sich im Knast oder beim Voodoo in Afrika. Für mich ist Heimatschutz die Bundeswehr, dachte ich, dass die uns schützt, egal wo sie das tut. Oder irgendwelche kommunalen Ökofetischisten. So was kann man sich auch unter Heimatschutz vorstellen. Aber zuerst musst du wissen, was dir Heimat überhaupt bedeutet. Dazu bin ich schon in der Schule befragt worden, während eines Klassenausflugs in die Rhön, da war ich vielleicht zwölf. Ein Kamerateam des regionalen Fernsehens war dabei, hat jeden befragt: „Was bedeutet Heimat für dich?“ Und später sitze ich mit den Eltern vorm Fernseher, und da sehen wir mich und hören mich sagen: „Heimat ist da, wo man zu Hause ist. Und für manche sind das die Berge, und für andere ist das woanders.“ Meine Mutter findet das toll, dass ich im Fernseher so schlaue Sachen sage. Der Vater nicht, weil er nie etwas toll findet. Beim Abendbrot sticht er mit der Gabel in meinen Arm, weil ich den Arm nicht gehoben habe beim Essen, und das ist auch Heimat: der Vater und seine Gabel in meinem Arm. Aber davon erzähle ich Jake nichts. „Wir müssen hier weg, Finn.“ Meint er die Heimat? Meint er, dass und hier der Schutz fehlt? Ist er überhaupt von hier? Wer nennt sein Kind hier Jake? Sein Vater könnte Soldat sein, und seine Mutter war eine von denen, die zu dem Amis in die Kasernen sind, als die Amis hier noch in den Kasernen waren. Ich kannte mal eine Türkin, die ist bis nach Rheinland-Pfalz gereist, um GI-Partys zu besuchen, was nichts anderes hieß, als mit GIs zu saufen und zu ficken. „Vielleicht willst du zurück nach Hause, Finn.“ Wo wollte ich hin, als ich mit meinem neuen Tor-des-Monats-Gewinner-Auto von zu Hause los bin? „Wo wohnst du, Finn?“ Ich dachte, wir stellen keine Fragen. Habe ich schon geantwortet, oder starre ich ihn auch weiterhin einfach nur an? Möglicherweise hat er mich hypnotisiert. Auch eine Art Heimatschutz. Der Bastard eines US-amerikanischen Infanteristen bringt dich nach Hause, damit du in deinen deutschen Wäldern nicht länger von japanischen Wurfsternen verfolgt werden kannst. „Finn?“ „Was?“ „Wo wohnst du?“ Warum bin ich seit Tagen mit einem unterwegs, der mit einer Ceska-Pistole unterm Kopfkissen schläft? Ich dachte, das hätte ich hinter mir. Heimatschutz. Es wird Zeit, dass ich in Erfahrung bringe, was sich in Jakes Seesack befindet. „Und du, Jake?“ Er sieht mich an, und so lange er mich so ansieht, wird das nie was. Wegen ihm verliere ich meine Immunität. „Ich kann nirgends mehr hin.“, sagt er und zieht sich an. Vielleicht ist es ja Heimatschutz, wenn ich ihn beschütze. Vielleicht ist das sein Trick. Schleicht sich bei mir ein, spielt mal den Beschützer, mal den Schutzlosen, und am Ende wache ich mit einem Loch im Kopf auf, er ist weg, und niemand glaubt mir, dass er jemals da war. Ich lasse Jake den Wagen aus der Tiefgarage holen, zahle die Hotelrechnung. Wenn er sich verdünnisiert, weiß ich wenigstens, woran ich bin. Vor dem Hotel steht ein Polizeiwagen. Hinter dem Polizeiwagen steht mein Auto. Vor dem Polizeiwagen steht Jake mit einer Polizistin. Er redet auf sie ein, oder sie auf ihn. Als er mich sieht, sehe ich Angst. Im Polizeiwagen sitzt ein Polizist, der Döner isst. „Vergiss es, Michèle!“ Jake. Die Polizistin ist entgeistert. Ihre linke Hand tätschelt einen Schlagstock. „Steig ein, Finn!“ Ich steige ein. Jake kommt. „Otto!“, ruft Michèle Jake hinterher. Jake klemmt sich hinters Steuer. Oder Otto? (Fortsetzung folgt)