Sonntag, 12. Dezember 2010

Nikotin II


Sie stelzt in einer Jogginghose und Wanderstiefeln vor ihm her, trägt eine Bomberjacke, und eine Kippe steckt in ihrem Mundwinkel. Ihr Haare sind gelb vom Nikotin. Er hat seine schwarze Cordhose über die grauen Waden hochgekrempelt. Seine Bomberjacke ist ein Zwillingsstück, aber er hat nur Turnschuhe an. Er platscht mit einem Fuß in den Matsch, um den Matsch wegzutreten und matscht sie, die neben ihm geht, von oben bis unten voll. Sie fragt: „Was bist du denn für ein Arschloch?“ Dabei fliegt ihr die Kippe nicht aus dem Maul, sondern wippt nur auf und ab. So wie er guckt, ist klar, die Frage ist rhetorisch gemeint. Rasiert hat er sich auch schon seit Tagen nicht mehr, und er hat keine Ahnung, warum sie ihn überhaupt raus in diese Suppe gescheucht hat. Und dann auch noch in diese Gegend, wo sie völlig fehl am Platz wirken, obwohl sie schon ihr ganzes Leben dort verbracht haben. Er sieht gerade Heilig Abend vor sich, wenn der Kartoffelsalat dieselbe Farbe hat, wie die hartgekochten Eier und ihre Finger. Oder Sylvester. Wenn er dann rauchend mit ihr auf dem Balkon steht, und sie immer noch diese Jogginghose an hat, während sie ins Feuerwerk starren. Dann erinnert er sich sicher wieder an die Katzen, die er früher in die Luft gesprengt hat. Und sie träumt wieder vom Vereinsheim, wo sie all die Jahre gefeiert haben. Wo sie schon seit Jahren nicht mehr hin können, weil sie das Heim geschlossen haben. Jetzt müssen sie durch den Matsch, weil die Kippen ausgehen. Der verschissene Vietnamese, der bis vor ein paar Wochen noch um die Ecke stand, ist umgezogen. Deshalb müssen sie hier unter die Leute, die von überall herkommen, weil Wochenmarkt ist. Konnte ja kein Mensch ahnen, dass der auch für die Vietnamesen ein gutes Geschäft wird. Die Security lässt sie nicht durch. Er wird nervös, aber die Kippen sind alle. Die letzte hat sie ja abgekriegt. Er fängt an, mit dem Mann von der Sicherheit zu diskutieren. Warum sie nicht aufs Gelände dürfen. Schließlich dürften sogar Vietnamesen drauf. Die Sicherheit reagiert nicht. Sie kann schon fast nicht mehr stehen, braucht jetzt dringend einen Glühwein mit Schuss, ohne den sie den Weg nach Hause bestimmt nicht schafft. Er redet sich in Rage. Der Vietnamese darf illegal seine Kippen verticken, und sie, als anständige Deutsche, dürfen nicht mal als Kunden auf den Markt. Wo sie denn hier wären. Sie rempelt ihn an, weil er jetzt den Vietnamesen verraten hat. Die Aussicht auf billige Kippen schwindet immer mehr. Die ersten Schaulustigen habe sich um sie und den Wachmann gruppiert. Ein paar besonders fröhlich Gestimmte finden es diskriminierend, dass die Bomberjacken keinen Einlass finden. Die anderen finden, dass ihr äußeres Erscheinungsbild den Gesamteindruck stört, und dass so was nichts mit Rassismus zu tun hat. Schließlich gingen hier alle ein Risiko ein, da bräuchte man nicht auch noch so einen Prekariats-Anblick um sich herum. Ihr wird langsam wirklich schlecht, wegen dem Nikotinentzug und dem Nebel und dem Geruch gebrannter Mandeln, der sich mit den Glühweinschwaden vermengt. Er hat keine Ahnung, wovon die Leute sprechen. Er hat genug von ihrem Ausflug. Weil die Schaulustigen den Sicherheitsbeauftragten ablenken, der sich erkundigt, was sie mit ‚Prekariat’ meinen, weil er sich einbildet, das hätte ihm gegolten und sich nicht sicher ist, ob es was Gutes oder Schlechtes ist, gelingt es ihm, dem Mann der Sicherheit seine Faust ins Gesicht zu rammen. Sie schreit auf. Die Menge weicht zurück. Gerade als die Security dem Kollegen zur Hilfe eilen will und dabei ihre Waffen entsichert, mischt sich der Vietnamese endlich ein. Die Schüsse hören sie erst, als sie längst außer Reichweite sind.

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