Mittwoch, 29. Dezember 2010

München in Flammen


Gestern war ich in München. Ich habe es kaum wiedererkannt. Bedient wurde ich auch nirgends. Ich wollte trotzdem eine Wohnung anmieten, aber das einzige Objekt, das mich interessierte, war das Foyer des ehemaligen französischen Konsulats. Alles war aus Marmor und rotem Plüsch und unbezahlbar, wie sich herausstellte. Zu meiner Verblüffung wurde das Objekt dann an einen vermietet, der Bürsten aus einem Koffer raus verkauft. Zum Schuhe wichsen und so. Später habe ich mich mit einem Freund getroffen, dem das offensichtlich lästig war, sich mit mir zu treffen. Das Geschäft, das ich abzuschließen gedachte, haben wir jedenfalls nicht abgeschlossen. Auffällig war, dass das Café, in dem wir uns treffen wollten, zumachte, als wir kamen. Der ganze Platz wurde geräumt. Niemanden schien das zu stören. Mein Freund verwies mich an eine Kollegin von ihm und ist dann auch verschwunden. Sämtliche Mitarbeiter der Ladengeschäfte am Platz wirkten in ihren Aufräum- und Säuberungsarbeiten sehr konzentriert. Vielleicht regelt der Terror hier die Schließzeiten, dachte ich. Dann dachte ich wieder an meinen Freund, den ich kaum eine viertel Stunde gesehen hatte, und da fiel mir auf, was hier in München allen gemein war, auch meinem Freund, der herkunftstechnisch gar nicht aus München kam: Sie alle schämten sich. Zuerst wusste ich nicht, wofür, aber die ganze Atmosphäre roch nach Schuld. Das war auch der Grund, warum alle alles sofort beflissen räumten, sobald es dunkel wurde. Sie fühlten sich schuldig. Die ganze Stadt drohte daran zu ersticken. Das Irre war, dass sie mit ihrer Schuld in Vorkasse traten, denn das, wofür sie die Schuld übernahmen, war noch gar nicht eingetreten. Ich bin nicht sicher, ob ich der Einzige war, der das bemerkte. Sie ignorierten mich. Zwar gab es da ein Gefühl von Zusammenhalt unter ihnen, aber gleichzeitig schien jedem klar zu sein: Am Ende bin ich doch allein, auch in München. Ich war ein Fremder, der zusehen musste, wo er blieb. Um mich konnten sie sich nicht auch noch kümmern. Über Nacht fand ich Unterschlupf in einer Kellerbar, weil die Hotels nach Einbruch der Dunkelheit keine unangemeldeten Gäste mehr aufnahmen, und meinen Freund anrufen, um ihn zu fragen, ob ich bei ihm übernachten könne, wollte ich nicht. In der Bar gab es kaum Licht. Es wurde auch getanzt, obwohl die Musik viel zu leise war. Das Publikum, sofern man es überhaupt erkennen konnte, war sehr jung. Plötzlich begann eine Performance, und man wurde Teil einer Aufführung, bei der sich die Lichtverhältnisse aber nicht änderten. Ich habe nicht verstanden, worum es ging. Es gab viel Bewegung und Geraune. Die Show ging höchstens zwanzig Minuten, und danach war alles wie vorher. Es hat auch niemand applaudiert. Dafür, dass alle so jung sind, wirken sie wie tot, dachte ich und wollte nur noch raus. Keine Ahnung, wie ich es zum Bahnhof geschafft habe. Jetzt, da ich endlich in einem Zug Richtung Berlin sitze, höre ich: Es war der letzte Zug, der München verlassen konnte. Ich habe eine Vorahnung, die ich mich belastet. Ich bin sicher, morgen werden die Zeitungen mit einem Bild aus München titeln und irgendwas auf diesem Bild wird in Flammen stehen.

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