Samstag, 18. Dezember 2010

Mann vom Mond


Jukka ist vier Jahre alt, und ich bin der Pate. Ich hole Jukka aus der Kita ab und ziehe ihn auf seinem Schlitten hinter mir her. Jukka hat sich auf den Schlitten gelegt, auf den Rücken, und die Hände hat er über dem Bauch gefaltet. Ich frage: „Was siehst du?“ Und Jukka: „Nur Himmel.“ Das scheint ihm zu gefallen. Mir gefällt, dass er durch die Stadt schlittert und nur Himmel sieht. Es dämmert, und wir sind länger unterwegs. Ab und zu setzt sich Jukka auf, weil er Schnee schaufeln will. Dann legt er sich wieder hin, und es ist dunkel. An einer Kreuzung sehe ich die Straße hinunter, und da ist ein Leck. Eine in die Stadt geschlagene Schneise, an deren Ende auch nur Himmel ist, nur dass in diesem Himmel ein Halbmond thront. Ich bleibe stehen, weil das so aus der Welt ist. Ich bin aus der Welt und sage zu Jukka: „Guck mal, der Mond.“ Jukka staunt mit mir, bis einer, der mit seinem Fahrrad versucht, also er versucht, auf einem Fahrrad zu fahren, auf dem gleichen Weg wie wir. Wir sind ihm im Weg. Er muss runter oder ist sowieso schon runter vom Sattel, weil Tiefschnee ist auf dem Gehweg. Er starrt mich an. Jukka guckt noch den Mond. Der Mann schüttelt den Kopf und sagt: „Ja, ja, genau.“ Für einen Moment denke ich, ich kenne ihn. Er fixiert mich. Seine Mundwinkel verziehen sich. Zu einem Lächeln, denke ich verlangsamt, weil er nicht in mein Bild passt, aus dem er mich herauszerrt. Dann fragt er: „Gaga, oder was?“ Weil wir da stehen und in den Himmel gucken. Weil wir aus der Welt und aus ihrer Zeit heraus sind, für einen Moment. Das ist nicht vorgesehen. Das entschleunigt. Das stört. Ich beneide Jukka, weil er davon nichts mit bekommt.

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