Samstag, 4. Dezember 2010

Joseph Blatter muss sterben - Die Einzelkämpferin III

Nelly wusste selbst nicht, wie ihr das so schnell gelungen war. Aber Joseph Blatter saß gefesselt auf ihrem Küchenstuhl, und sie hatte die Vorhänge zugezogen. Früher hätte sie es für ausgeschlossen gehalten, ihren Rachephantasien tatsächlich nachzugehen, aber in den letzten Monaten hatte sich vieles geändert. Sie hatte sich verändert. Joseph Blatter stierte auf den Christstollen, der vor ihm stand. Nelly zerschnitt ihn in mundgerechte Stücke. Mit einem Messer, das für etwas anderes konzipiert war, dachte Joseph Blatter möglicherweise und bekam den Stollen, den Nelly ihm in den Mund schob, kaum hinunter geschluckt. Joseph Blatter war der uneheliche Sohn einer russischen Gas-Oligarchin und eines Öl-Scheichs aus Katar. Beide hatten das Kind wegen dessen komisch geformter Nase sofort gehasst. Die Oligarchin fand die kalten Knopf-Augen noch schlimmer. Der Scheich meinte, die hätte er von ihr. Weder Vater noch Mutter zogen in Betracht, den Jungen zu behalten. Die Oligarchin und der Scheich hatten schon längst ihren sexuellen Kontakt eingestellt, und der Anblick der gemeinsamen Frucht brachte in beiden lediglich den Wunsch hervor, die unheilvolle Liaison so schnell als möglich zu vergessen. Dabei störte der Junge natürlich, also einigten sich die Gas-Frau und der Öl-Mann darauf, ihn in die Schweiz abzuschieben. Dort wurden Geheimnisse seit jeher gut gehütet, und die Herkunft des Bastards musste für alle Zeiten ein Geheimnis bleiben; darüber waren die Erzeuger sich einig. In der Schweiz erhielt der Junge seinen Namen: Joseph Blatter. Nelly sah einen Greisentropfen von Josephs Nase auf den Stollen tropfen. Vielleicht war es auch eine Träne. Allmählich fing der Sepp, wie Nelly ihn in Gedanken manchmal nannte, an zu riechen. Offensichtlich konnte er sich überhaupt nicht an Nelly erinnern. Sie würde ihn nie vergessen, nicht diese Nacht, in der man sie in seinem Auftrag abgeholt hatte. Es war ihr erster Urlaub gewesen, sie hatte einen wirklich freundlichen, gutaussehenden Mann am Zürichsee kenngelernt, der sie kurz darauf zu einem Fest einlud. Nelly machte den Fehler ihres Lebens. Der freundliche, junge Mann lieferte sie ihrem Gastgeber aus: Joseph Blatter. Als sie ihm zwei Tage später entkam, war an eine Anzeige nicht zu denken. Niemand hätte ihr geglaubt. Joseph Blatter drohte am letzten Bissen Stollen zu ersticken, weil Nelly sich vor ihm auszog, um ihm ihre Narben zu zeigen. Vielleicht würden die den Sepp an seine Vorlieben erinnern. Der alte Mann stank erbärmlich. Nelly widerte seine Angst an. Hier, vor ihr, ohne seine Lakaien, ohne Möglichkeit der Einflussnahme, verlor er jegliche Selbstachtung. Er bettelte. Er winselte. Er bot ihr Geld. Er bot ihr einen Traumjob. Er beteuerte in der Lage zu sein, ihr jeden, wirklich jeden Wunsch erfüllen zu können, wenn sie ihn nur gehen ließe. Nelly wusste, dass das nicht gelogen war. Aufgrund der ihr zugespielten Daten kannte sie seine Verbindungen. Keinem seiner Opfer war es bisher gelungen, zu überleben. Es war nicht ihre persönliche Rache, um die es hier ging. Sie hatte ein Exempel zu statuieren. Nelly war sich sicher: Den Sepp würde niemand rächen. Wäre er erst einmal liqudiert, würde man ihm nirgends auf der Welt auch nur eine Träne nachweinen, schon gar nicht im Katar oder in Russland. Joseph Blatter übergab sich auf den Küchentisch. Nelly nutzte die Gelegenheit, schlitzte seine Pulschlagadern auf und ließ ihn ausbluten. So wie er es mit seinen Gespielinnen und Gegenspielern ein Leben lang getan hatte. Joseph Blatter sah zu, wie er sterben musste. „Warum?“ fragte er noch, bevor er das Bewusstsein verlor, und da wurde Nelly bewusst, dass er tatsächlich nichts begriffen hatte.

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