Dienstag, 14. Dezember 2010

Hustler an der Weihnachtsfront - (Das Pjöngjang-Komplott Teil 8)


Wochenlang war Stillstand. Als hätte der MAD die Zeit angehalten. Ich bin nicht sicher, ob er wirklich Zugriff auf mich hat. Manchmal denke ich, ich bin viel stärker, als sie ahnen. Zeit spielt keine Rolle mehr für mich. Piotr ist wieder bei seiner Mutter, die seiner Meinung nach immer noch Alkoholistin ist. Er meldet sich regelmäßig bei mir. Ich brauche nach wie vor keinen Apparat, um mich mit jemandem zu verbinden. Ich habe es nicht eilig zu klären, warum das so ist. Piotr spricht nicht über die Vorkommnisse in Frankfurt. Für Eiskunstläufer scheint er sich auch nicht mehr zu interessieren. Er bemüht sich, den Eindruck eines normalen 13-Jährigen zu erwecken, aber er weiß, dass ich ihm nicht glaube. Ich liege auf meinem Hotelbett und starre die Decke an. Gerade habe ich wieder auf Koreanisch gedacht. Das passiert mir in letzter Zeit häufiger, dass ich das Gefühl für meine Muttersprache verliere. Ich vermisse Karl-Theodor nicht. Ich kann mich kaum noch an seinen Geruch erinnern. Ich schätze, er hat einen Deal mit Stephanie ausgehandelt. Er musste sich entscheiden. Sie oder ich, und es ist ihr egal, dass ich an dieser Nordkorea-Sache für ihn arbeitete. Sie hat die Kontrolle übernommen. Aber mein Auftrag wurde nicht zurückgerufen. Irgendwann muss er wieder Kontakt aufnehmen. Ich bin gut im Warten. Sie zeigen Bilder von Stephanie bei den Truppen. Sie lässt ihn nirgendwo mehr allein hingehen. Glaubt, wenn sie sich ein schickes Karo-Hemd anzieht, kriegen die Soldaten einen Weihnachtsständer. Ich kann nicht fassen, dass er ihr gegenüber so machtlos ist. Was hat sie bei den Mohnbauern verloren? Die Moral der Truppe, davon reden sie, und natürlich erinnert uns die Frau daran, dass wir diesen Krieg aus karitativen Gründen führen. Hält sie sich für Marilyn? Will sie singen? Die Satelliten feuern Bilder in mein Hirn, die man nicht im Fernsehen sehen kann, aber mittlerweile verstehe ich mich darauf, offline zu gehen, wenn es zu viel wird. Abschalten zehrt auch an den Kräften. Ich habe einen Intensiv-Kurs Transzendentale Meditation beim Globalen Land des Weltfriedens absolviert, das hilft. Während des Kurses musste ich alles andere aus meinem Hirn fernhalten, weil ich für den Kurs ja auch online sein musste. Das war sehr schwierig und eigentlich kontraproduktiv. Aber es ist leichter, einzelne Kanäle zu schließen, als sich komplett auszuschalten. Ich verstehe einfach nicht, warum Karl-Theodor im Flugzeug eine Splitterweste trägt. Auch Stephanie verzichtet nicht darauf, obwohl ihre Brüste so überhaupt nicht zur Geltung kommen. Sie verteilt aus einer Kiste den ‚Hustler’ an die Soldaten und ‚Playgirl’ an die Soldatinnen. Stephanie kapiert nicht, dass man in einer gemischten Armee alles Live vor Ort hat. Eigentlich müsste ich jetzt ausstecken, um mich zu erholen, aber ich will mir noch Kerners Feldlager-Talk in Masar-i-Sharif angucken. Die Aufzeichnung, die sie hier ausstrahlen werden, wird mit Werbung für das neue World of Warcraft und Lebensversicherungen zersetzt werden; das ist dann wieder eine ganz andere Dimension. Es gibt keinen, der so gut gleitet und schmiert wie Kerner ohne Unterbrechung, selbst in Afghanistan nicht. Er wird den Gebrauch der Heftchen sicher vereinfachen. Außerdem ist er die perfekte Tarnung für Stephanie. Wie konnte es ihr bloß gelingen, meine Verbindung zu Karl-Theodor zu unterbrechen? Alles was ich empfange, sind seine Schamgefühle wegen ihres Auftritts. Was, wenn das Ganze nur ein Ablenkungsmanöver ist? Denn ich empfange auch keine Bilder mehr aus Korea. Kein Mensch weiß, was aus dem See-Manöver und dem 3. Weltkrieg wurde. Das totale Tabu. Ich muss meinen Auftrag notfalls auch ohne Karl-Theodor zu Ende bringen. Ich starre die Decke an. Ich warte. :Feind. Möglicherweise verändert sich mein Körper. Auch wenn man das nicht sehen kann. (Fortsetzung folgt)

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