Montag, 6. Dezember 2010

Bulimie im InterCity


Gestern im Zug hatte eine blonde Frau einen türkisfarbenen Rollkragenpulli an, aber der Kragen hing so runter, dass er den Hals nicht schützen konnte und stattdessen Einblick in ihr Dekolletee gab. Die Hose war schwarz und saß eng. Auf die schwarzen Stiefel waren Perlen gestickt, ihr Schaft war mit Pelz umfasst. Auf ihrem Schoß hatte die Frau einen Aktenordner, darin waren Arbeitsmaterialien zum Thema Bulimie. Darin hat die Frau geblättert und gelesen. Dann hat sie einen Deoroller aus ihrer Handtasche geholt, um damit unter ihren Achseln zu rollen. Danach kam eine Bürste. Die Borsten waren aus Draht, und oben waren kleine Gumminoppen drauf. Sie bürstete sich sehr intensiv. Überall verteilten sich ihre blonden, glänzenden Haare. Ich habe einen Ekel vor langen Haaren. Wenn auf meiner Kleidung oder zu Hause auf meinem Sofa oder auf dem Küchentisch oder im Waschbecken ein langes Haar zurückgelassen wird, bleibt mir die Luft weg, bekomme ich Kopfweh und in meinem Magen rumort es. Ich habe mich schon oft gefragt, ob ein Trauma dafür verantwortlich ist. Ich erinnere mich an Karin, eine Studienfreundin, die hatte auch lange, blonde Haare und spielte dauernd mit denen rum. Sie wickelte sie um ihre Finger und neigte dabei den Kopf leicht zur Seite, während man mit ihr sprach. Das fand ich damals schon ein klein bisschen unangenehm. Ich habe auch nicht verstanden, warum diese Frau im Zug sich mit Bulimie beschäftigte. Sie ist mal aufs Klo gegangen, wo sie ihre Aufbesserungsarbeiten ja auch hätte verrichten können. Da konnte ich sehen, dass sie groß und völlig unauffällig proportioniert war. Vor allem war offensichtlich – das konnte man an ihrem Gang, ihrer ganzen Haltung erkennen – dass sie unglaublich selbstbewusst war und sich für ausgesprochen attraktiv hielt. Das konnte man auch daraus schließen, wie sie mit ihrem Vater am Telefon sprach. Es war klar, dass sie für den Vater ihr Leben lang eine Prinzessin war. Das hatte dazu geführt, dass sie sich selbst dafür hielt. So, wie mit ihrem Vater, würde sie mit allen Männern verfahren. Man kann nicht sagen, dass es direkte Befehle waren, die sie erteilte. Aber Widerspruch wurde von ihr keinesfalls geduldet. Ich dachte, vielleicht studiert sie oder arbeitet für eine therapeutische Einrichtung. Keinesfalls wollte ich anorektisch werden und mich von ihr betreuen lassen. Ich war sicher, sie verachtet jeden, der damit zu tun hat. Sie benutzte während der Lektüre nicht mal einen Text-Marker. Zudem war sie eine Frau, die ein zwiespältiges Verhältnis zu ihrem iphone hat. Zum einen konnte sie es nicht aus den Fingern lassen und tatschte ständig darauf herum, ohne ein Ziel dabei zu verfolgen. Zum anderen kam sie mit der Funktionsvielfalt nicht zurecht. Da war ein verbissener Liebeskampf, der etwas Gewaltsam-Sexuelles ausstrahlte, im Gang. Das habe ich schon öfters beobachtet. Zum Beispiel bei Freundinnen, die sich mit mir verabreden und mich dann ignorieren, weil sie etwas mit ihrem iphone am Laufen haben. Die blonde Frau mit dem Rolli klaubte dann die beim Bürsten verlorenen Haare von sich und rieb die Finger aneinander, um sie loszuwerden. Dabei sind ein paar der Haare auf meinem Parka gelandet, und ich bekam wirklich Lust, sie zu schlagen. Dann ist sie wie gesagt aufs Klo und hat mich gebeten, auf ihre Sachen zu achten. Vorher hatte sie sich noch das Gesicht geschminkt und dabei mit ihrer Schulter meine berührt, was mir auch sehr unangenehm gewesen war. Und jetzt werde ich das Gefühl nicht los, dass ich nach ihr rieche. Obwohl ich erkältet bin. Weil sie die ganze Zeit geniest hat neben mir.

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