Sonntag, 7. November 2010

Ministerium für Familie (Das Pjöngjang-Komplott Teil 2)


Der Sohn meiner Nachbarin heißt Piotr, ist dreizehn Jahre alt, hockt auf den Stufen im Treppenhaus und bietet mir eine Kippe an. Er kann nicht glauben, dass ich aufgehört habe, zündet sich eine an, und ich frage, wie sein Tag war, weil sein rechtes Auge zugeschwollen und violett verfärbt ist. Piotr erzählt mir von einer Frau Schröder, die angeblich für Familien zuständig ist und seine Schule besucht hat. Von Piotr wollte sie wissen, ob er wegen seinen Eltern Probleme mit den deutschen Mitschülern hat. Piotr hat nicht verstanden, was sie meint, und daraufhin hat sie seine Mitschüler gefragt, wer denn überhaupt Deutscher ist, und als Piotr sich auch gemeldet hat, hat sie gesagt, dass er sich nicht melden darf und sich dann sehr besorgt über die Verständigungsprobleme gezeigt. Dann, sagt Piotr, hat die Frau Schröder den Mädchen erklärt, dass die nicht glauben dürfen, dass Mädchen sich grundsätzlich unterwerfen, auch nicht beim Sex, weil wenn das so wäre, hätte Gott ja gewollt, dass die Fortpflanzung ein Akt der Unterwerfung wäre. Und den Jungs hat die Frau Schröder erklärt, dass sie nicht schuld daran sind, wenn sie zu Machos werden, was aber nicht heißen soll, dass es gut ist, dass sie Machos sind. Schuld ist der Lehrplan, hat die Frau Schröder gesagt, weil in den Diktaten immer nur von Ponys und Schmetterlingen die Rede ist und nie vom Fußball, was wiederum die Schuld der Lehrerinnen ist und nicht die der Jungs. Alle mussten klatschen, aber dann ging die Schulsirene los, und die Frau Schröder hat nicht begriffen, dass das keine Übung war. „Auf jeden Fall ist bei uns der Erste Weltkrieg ausgebrochen.“, sagt Piotr und zieht an seiner Zigarette. „Der Hausmeister hat im Keller einen Lungenkampfstoff freigesetzt, und sie mussten die ganze Schule evakuieren, aber ich konnte nicht einfach nach Hause; du weißt ja, Mama ist Alkoholistin; die gerät außer Kontrolle wenn nicht alles nach Plan abläuft.“ Piotr ist mit seinen Freunden in den Park gegangen, wo Piotrs bester Freund Paul von den Zellen des Feuers geschwärmt hat, und dann wollte er, dass sie auch eine Verschwörung der Zellen des Feuers gründen. Pauls Eltern sind bei den Zeugen Jehovas, aber Paul hasst diese Zeugen, behauptet Piotr, weil Paul sich sicher ist, dass er nie zu den Auserwählten gehören wird, die mit in den Himmel dürfen. Also zünden sie unter Pauls Führung den Briefkasten der Zeugen an und setzen dabei gleich noch den Hausflur mit in Brand. Piotr schüttelt den Kopf. „Ich fand das nicht in Ordnung.“, meint er, und dass er die Feuerwehr gerufen hat, während die anderen geflüchtet sind. Ich wundere mich, wie man am helllichten Tag unbehelligt ein Haus anzünden kann. Piotr findet das auch komisch; er denkt, dass es vielleicht mit dem Ersten Weltkrieg zu tun hat, weil alle mit dem beschäftigt waren. Der erklärt aber auch nicht Piotrs blaues Auge. Er lacht nur und fragt, wie denn mein Tag war und wo ich mit dem Koffer hin will. Ich kann ihm schlecht von Karl-Theodor und Pjöngjang erzählen, also zeige ich ihm das Tattoo auf meinem Oberarm. Piotr will wissen, warum ich mir die Zeichen für „Feind“ habe tätowieren lassen. Warum kann ein 13-jähriger koreanische Schriftzeichen entziffern? „Egal“, sagt Piotr und wünscht mir einen guten Flug. Ich habe ihm gegenüber nie einen Flug erwähnt. (Fortsetzung folgt)

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